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Lifelong Guidance in der digitalen Gesellschaft

Im Rahmen der Euroguidance Fachtagung 2017 in Wien sprach Gerhard Krötzl vom österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung über die Bedeutung der "digitalen Gesellschaft" für Theorie und Praxis der Bildungs- und Berufsberatung.

Wenn wir darüber nachdenken, welche Implikationen sich aus der zunehmenden Realität einer “digitalen Gesellschaft” für Theorie und Praxis der Bildungs- und Berufsberatung, also speziell unserer Konzepte zu “Lifelong Guidance” ergeben, sollten wir zunächst einmal auf die anerkannte internationale Definition von „Lifelong Guidance“ zurückgreifen. Demnach subsumieren wir unter “Lifelong Guidance” alle Aktivitäten, die dazu dienen, Menschen jeden Alters zu unterstützen und dazu zu befähigen, ihr weiteres Leben betreffende Entscheidungen im Bereich (Aus-)Bildung, Beruf und Lebensgestaltung treffen und auch umsetzen zu können (siehe z.B. EU Council Resolutions 2004 und 2008). Dabei handelt es sich insbesondere um Information, Beratung, Orientierungsunterstützung sowie zum Teil auch Betreuung und soziale Arbeit. Welche Formen brauchen wir also hier vor dem Hintergrund der „digitalen Gesellschaft“?

Wenn wir uns die Funktionen von und Diskurse zu „Lifelong Guidance“ in den letzten 15 Jahren vor Augen führen, können wir zunächst festhalten, dass es sich bei „Lifelong Guidance“ sowohl um ein individuelles, als auch gesellschaftliches Gut handelt, das im Zusammenhang mit drei Politikbereichen gesehen werden kann:

  1. Unterstützung der Erfordernisse des Arbeitsmarktes
  2. Hebung des Bildungsniveaus in der Gesellschaft
  3. Förderung des sozialen Zusammenhalts der Gesellschaft

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass dies in einer – wie es Ronald Sultana ausdrückt – zunehmend „flüssigen“ Welt geschieht, einer instabiler gewordenen Welt, in der die den Wohlfahrtsstaat kennzeichnenden Gesellschaftsverträge zwischen den Regierenden und Bürger/innen so nicht mehr funktionieren; dass also Bürger/innen nicht mehr davon ausgehen können, dass für sie rundum gesorgt ist im Hinblick auf gute Bildung, Beruf und Einkommen, und dass diese Veränderung sicherlich auch mit Globalisierung und diese zunehmend weitertreibende Digitalisierung zu tun hat, sehen wir, dass die drei kürzlich von Sultana (2017) formulierten Konzepte von Lifelong Guidance sich hier wie folgt zuordnen lassen:

  • Der „Soziale-Effizienz-Ansatz“ mit der Bezugswissenschaft Ökonomie zielt darauf ab, Menschen auf Basis ihrer Interessen und Fähigkeiten einer möglichst gut passenden Beschäftigung zuzuführen. Dies war das bis in die Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts weitgehend allein vorherrschende klassische Konzept von Bildungs- und Berufsberatung. Es kann auch als „Experten- und Expertinnenmodell“ angesehen werden, bei dem das durch die Beratenden vorzunehmende „Matching“ von persönlichen Eigenschaften und Anforderungsprofilen im Mittelpunkt steht. Diese sind damit speziell auch „experts in content“ (siehe dazu auch den Beitrag von Kettunen, Jana (2017) in dieser Publikation, Seiten 6 ff).
  • Der „Entwicklungsorientierte Ansatz“ stellt gemäß dem humanistischen Gedankengut die Förderung der Entfaltung der einzelnen Person in den Mittelpunkt. Als Bezugswissenschaften sind hier vor allem Psychologie und Pädagogik zu nennen. Dieser auch als „Befähigungsmodell“ bezeichnete Ansatz steht für den oft zitierten Paradigmenwechsel von Guidance (siehe z.B. Krötzl 2014). Der Fokus liegt hier auf der Förderung von „Career Management Skills“, also einem Kompetenzerwerb, der Menschen dazu befähigen soll, allein und selbstbestimmt ihren Weg zu machen und zur Selbstentfaltung zu kommen. Die Beratenden könnten hier auch als „experts in process“ (vgl. Kettunen 2017) bezeichnet werden.
  • Die gegenwärtige, durch die digitale Gesellschaft wesentlich mitgeformte gesellschaftliche Realität einer „flüssigen“ Welt erfordert es möglicherweise, Lifelong Guidance zunehmend auch von einem „Emanzipatorischen Ansatz“ aus zu sehen: Zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts und der sozialen Teilhabe ist es oft notwendig, Bürger/innen zu bestärken sich zusammenzuschließen und zu vernetzen, um den Sozialraum, in dem sie leben, gemeinsam zu verändern. Die Beratenden selbst werden so zu „experts in managing the social space“ (vgl. Kettunen, 2017). Als Bezugswissenschaft kann hier die Soziologie herangezogen werden.

Es wird deutlich, dass diese Dreiteilung der Ansätze zu „Lifelong Guidance“ wohl auch als historische Entwicklung zu sehen ist. Wenn wir also daher davon ausgehen, dass der emanzipatorische Ansatz in unserer digitalen Gesellschaft eine neue Hintergrundfolie für unsere Unterstützungsleistungen sein kann und sollte, müssen wir überlegen, welche Konsequenzen dies z.B. auch in Bezug auf die programmatischen Ziele unserer „Nationalen Lifelong Guidance Strategie“ (BMUKK 2007) hat.

Einige mögliche Implikationen seien hier angeführt:

Programmatische Ziele LLG-Strategie (2006)Mögliche Implikationenin der digitalen Gesellschaft

1. Implementierung von „Career Management Skills“ in allen Curricula

2. Fokus auf Prozessorientierung und Begleitung

3. Professionalisierung der Beraterinnen und Berater, Trainer und Trainerinnen

4. Qualitätssicherung und Evaluation von Angeboten, Prozessen und Strukturen

5. Zugang verbreitern – Angebote für neue Zielgruppen schaffen

Recherche und Bewertung von Informationen vermitteln

Zeit für Entscheidungsprozesse geben – keine vorschnellen, technokratischen Lösungen

Digitale Kompetenzen von Beratern und Beraterinnen sicherstellen

Qualität und Inhalt über Form stellen: Internettools kritisch betrachten, objektive Informationen bereitstellen

Zugang zu Beratungsunterstützungen erleichtern, zielgruppengerechte Angebote schaffen

Tabelle 1: Gegenüberstellung: Ziele der LLG Strategie und mögliche Implikationen in der digitalen Gesellschaft

In einer flüssigen, durch zunehmende Digitalisierung gekennzeichneten, Gesellschaft steht umso mehr eine kompetenzorientierte Beratung und Unterstützung – vor allem auch im emanzipatorischen Sinn – im Mittelpunkt. Einige Gedanken, was dazu wichtig sein könnte:

  • Das Konzept der „Career Management Skills“ sollte um die Unterstützung der Entwicklung von Kritikfähigkeiten und allgemein emanzipatorischen Kompetenzen erweitert werden.
  • Vorsicht vor Auslagerung eigener Wissensbestände in die „Cloud“. Die eigenen Kompetenzen sind der stabil bleibende Orientierungsrahmen in einer „fluiden“ Welt. Die Kontrolle über das „Selbst“ muss sichergestellt werden: Daher Wissen in sich selbst generieren und nicht nur auf äußere, digitale Quellen vertrauen.
  • Der Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit speziell bei Beratung und Orientierung Zeit und Tiefe entgegensetzen.

Passend dazu sei hier als Abschluss ein Zitat von Konrad Paul Liessmann (2017) angeführt:

„Wenn die These des Philosophen Günther Anders stimmt, dass unsere Sitten und Normen von der Logik der Geräte geprägt werden, die wir benutzen, dann entscheiden diese Fingerfertigkeiten und Gesten, mit denen wir moderne Kommunikationsgeräte benutzen, auch über die Art unserer Kommunikation selbst: antippen und wegwischen; anschauen und wegwischen; lesen und wegwischen; anhören und wegwischen. Flüchtiger kommunizierte noch kein Zeitalter als das unsere.“

Der Artikel basiert auf einem Key Note Vortrag im Rahmen der Euroguidance Fachtagung 2017 in Wien.

Zur Publikation Guidance 4.0 - Neue Tools und Skills in der Beratung.


Literatur

  • BMUKK - Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (2007): Erstellung einer nationalen Strategie für Lifelong Guidance. In: Österreichischer Bericht 2007 über die Umsetzung des EU-Arbeitsprogramms „Allgemeine und berufliche Bildung 2010“. BMUKK, Wien.
  • EU Bildungsministerrat (2004): Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten über den Ausbau der Politiken, Systeme und Praktiken auf dem Gebiet der lebensbegleitenden Beratung in Europa (9286/04).
  • EU Bildungsministerrat (2008): Entschließung des Rates vom 21. November 2008 und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten zu einer besseren Integration lebensumspannender Beratung in die Strategien für lebenslanges Lernen (2008/C 319/02).
  • Kettunen, J. (2017): Euroguidance Fachtagung 2017: Developments in the use of ICT in Lifelong Guidance, Wien 
  • Krötzl, G. (2014): Vom ExpertenInnenmodell zum Befähigungsmodell - Ein Paradigmenwechsel in der Bildungs- und Berufsberatung. In: Kanelutti-Chilas, E., Melter, I. & Stifter, W.: Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung III. Bertelsmann, Bielefeld.
  • Liessmann, K.P. (2017): Bildung als Provokation. Paul Zsolnay Verlag, Wien.
  • Sultana, R. (2017): Laufbahnberatung und der Gesellschaftsvertrag in einer flüchtigen Welt. In: Hammerer, M., Kanelutti-Chilas, E., Krötzl, G. & Melter, I.: Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung IV. Bertelsmann, Bielefeld.

Autor

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Gerhard Krötzl ist Schulpsychologe, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe und Leiter der Abteilung I/8 (Schulpsychologie-Bildungsberatung, Gesundheitsförderung) im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Von 2007 bis 2015 war er österreichischer Regierungsvertreter im European Lifelong Guidance Policy Network (ELGPN) und ist seit 2001 Leiter der nationalen Steuerungsgruppe für Lifelong Guidance. Vor der Tätigkeit im Bildungsministerium war er von 1983 bis 1993 Schulpsychologe beim Landesschulrat für Niederösterreich.

E-Mail:            gerhard.kroetzl@bmbwf.gv.at

Websites:        www.schulpsychologie.at; www.ibobb.at; www.lifelongguidance.at

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