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Lehrkompetenzen bilanzieren: Anerkennung statt Eignungsdiagnostik

27/06/2019
von Christian Spoden
Sprache: DE

Lesedauer circa 4 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!

Relevante Kompetenzen der Lehrenden

Die Debatte um Professionalisierung und Professionalitätsentwicklung ist in der Weiterbildung seit geraumer Zeit in vollem Gange. Wissenschaftliche Arbeiten aus der allgemeinen Lehrerbildung haben Blaupausen für Kompetenzstandards für Lehrende, Dozentinnen und Dozenten sowie Trainerinnen und Trainer in der Weiterbildung geliefert. Die Relevanz der benannten Kompetenzen ist für Lehrende in der Erwachsenenbildung aufgrund ihrer alltäglichen Lehrpraxis intuitiv einsichtig; die Kompetenzen sind tatsächlich auch im engen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis herausgearbeitet worden.

Zu diesen Kompetenzen zählen: Berufspraktisches Wissen und Können wie beispielsweise Didaktik und Methodik, Lerninhalte und -ziele, Lehr-Lernmethoden, der Umgang mit Diversität und die Orientierung an den Teilnehmenden. Darüber hinaus beinhaltet das Kompetenzspektrum auch das Wissen über curriculare und institutionelle Rahmenbedingungen der Weiterbildungseinrichtungen sowie fach- und feldspezifische Ziele der jeweiligen Weiterbildungsfelder, in denen Lehrende tätig sind. Ebenso sind pädagogische Haltungen, Überzeugungen und Werte sowie die entsprechende Identifikation mit dem eigenen Beruf und der Rolle als Lehrende oder Lehrender essentielle Bestandteile des Kompetenzspektrums. Motivation und Engagement, aber auch die Fähigkeit zur Reflexion des eigenen Lehrhandelns und der Umgang mit Feedback und Kritik sind relevant. Last but not least kommt natürlich fachspezifisches inhaltliches und didaktisches Wissen hinzu, das aber aufgrund der Vielfalt an Themen der Weiterbildung in den pädagogischen Kompetenzmodellen häufig nicht ausdifferenziert wird.

Erfassung von Kompetenzen

Bei der Definition eines Kompetenzspektrums, sprich des notwendigen Wissens und Könnens sowie der professionellen Werte und Überzeugungen, bleibt die Wissenschaft aber nicht stehen. Auch die Erfassung dieser Kompetenzen über Tests oder vergleichbare Verfahren wird angestrebt. Denn natürlich hängt der Erfolg der Lernenden neben den fachlichen auch von den pädagogischen Kompetenzen der Lehrenden ab (wofür die empirische Bildungsforschung auch viele Belege geliefert hat).

Aufbauend auf einem wissenschaftlich basierten Kompetenzmodell wurde am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e. V. im Projekt GRETA ein Instrument zur Kompetenzbilanzierung entwickelt (PortfolioPlus), mit dem Lehrende ihre Kompetenzen von qualifizierten Gutachterinnen und Gutachtern einschätzen lassen können. Hierzu wurden Indikatoren erstellt, die die oben genannten, inhaltlich recht heterogenen Kompetenzen differenziert abbilden. Am Ende steht ein grafisch und schriftlich aufbereitetes Kompetenzprofil, das einen gezielten Beitrag zur individuellen Professionalitätsentwicklung der Lehrenden leisten kann, indem Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten transparent dargestellt werden.  

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Zusammenstellung Produkte

Eignungsdiagnostik oder Anerkennung?

Keine Frage – ein entsprechendes Verfahren ist noch kein messgenaues Testinstrument, wie es in der Forschung zunehmend eingesetzt wird, und sicher auch kein Instrument zur Berufseignungsdiagnostik. Hier würden hochstandardisierte psychologische Tests besser passen, deren Einsatz aber das entsprechende testdiagnostische Hintergrundwissen zur Interpretation der Ergebnisse voraussetzt. Wer ein durchstandardisiertes Testinstrument erwartet, der wird enttäuscht sein (oder auch erfreut – jedenfalls werden die Eindrücke erwartungswidrig ausfallen). Man wird keine langen Tabellen mit schwerlich interpretierbaren Prozenträngen und T-Werten umfänglicher Eich- oder Normstichproben finden, anhand derer man Kompetenzen mit den standardisierten Fähigkeitsmaßen von Vergleichslehrkräften kontrastieren könnte. Die Ergebnisse liefern keine geeignete Messgrundlage für komplexe statistische Analysen, um Einflussfaktoren auf die Kompetenzausprägungen der Lehrenden zu extrahieren oder deren Wirknutzen in Lehr-Lernsettings auf relevante Outcomes der Lerner zu schätzen. Und ja, so etwas ist nützlich für die wissenschaftliche Forschung, kommt aber an seine Grenzen in der Praxis der Lehrenden in der Weiterbildung. Der Nutzen von GRETA liegt eben abseits solcher hochstandardisierter Tests.

Tatsächlich geht die Konzeption eines Verfahrens wie GRETA an mancher Stelle über hochstandardisierte Tests hinaus. Die entwickelten Indikatoren bilden auch Erfahrungen, pädagogische Überzeugungen und Reflexionsmechanismen ab und dies in einer praktikablen, ohne testdiagnostische Fachkenntnisse auswertbaren Form. Damit ermöglicht das Verfahren Einschätzungen über die Handlungskompetenz von Lehrenden in der Erwachsenenbildung in wissenschaftlich begründeten, inhaltlich breit angelegten Kompetenzbereichen. Das schließt an die Praxis an und macht das Verfahren für Lehrende aus allen Bereichen der Weiterbildung attraktiv. Diese profitieren schließlich von der Anerkennung ihrer ganz überwiegend informell, also über ‚learning by doing‘ erworbenen Lehrkompetenzen mit Hilfe des PortfolioPlus.

In dieser Hinsicht sind GRETA und ähnlich konzipierte Verfahren nützlich für Lehrende: zur Selbstreflexion, zur Identifikation spezifischer Stärken und Schwächen und darauf aufbauender beruflicher Weiterentwicklung. Aber auch für Einrichtungen der Erwachsenenbildung zeigen sich Vorteile: als Beobachtungsbogen bei der Rekrutierung oder bei Hospitationen von Lehrenden oder als Vorlage für Train-the-Trainer-Fortbildungen und für Personalentwicklungsgespräche.

Zusammengefasst leistet eine entsprechende Kompetenzbilanzierung einen relevanten Beitrag zur Professionalisierung der Lehrenden und der Einrichtungen über die Dokumentation eines wissenschaftlich gut begründeten Kerns relevanter, inhaltlich breit angelegter Lehrkompetenzen.

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Über die Autoren:

Dr. Christian Spoden ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und zuständig für die Methodenberatung am Deutschen Institut für Erwachsenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e. V.

Marlis Schneider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung „Lehren, Lernen, Beraten“ am Deutschen Institut für Erwachsenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e. V.


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