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Kann die nicht-formale Bildung die Zukunft des lebenslangen Lernens sein?

Wie kann die Erwachsenenbildung helfen, den Weg aus der Pandemie demokratisch und für alle zugänglich zu gestalten?

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Dieser Artikel wurde zuerst in der Themenausgabe „Redefining Resilience“ des ELM Magazin erschienen. Die Originalsprache ist Englisch.

 

Feature von Sara Pasio vom 16.11.2021.


 

Auf dem Weg aus der Pandemie muss die Erwachsenenbildung Möglichkeiten finden, um diesen Übergang auf demokratische und für alle Menschen zugängliche Weise zu gestalten. Bei einer resilienten Erwachsenenbildung wird niemand zurückgelassen.

 

Keine vom Tisch fallenden Stifte, kein fröhliches Geschnatter und keine Hände, die in die Luft schnellen, um sich zu melden. In den letzten zwei Jahren waren die Titelseiten und Fernsehnachrichten voll von leeren Klassenzimmern.

Wenn die Anpassung der Bildungsstandards an die Pandemie eine Herausforderung war, versucht sich das System der Erwachsenenbildung jetzt am Übergang zum hybriden Lernen.

„Dies ist allerdings schwieriger als gedacht“, meint Dr. Christine Bertram, Projektkoordinatorin für die E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa (EPALE) in Deutschland.

„Durch die Pandemie ist uns klar geworden, wie ungleich diese Umgebung sein kann – von der digitalen Kluft, die die digitale Fortführung des Unterrichts in einigen Ländern fast unmöglich gemacht hat, über benachteiligte Schülerinnen und Schüler, die oft nicht dieselben Zugangsmöglichkeiten zu Bildung haben“, ergänzt Gina Ebner, Generalsekretärin des Europäischen Verbands für Erwachsenenbildung EAEA.

Am besten lässt sich auf diese Krise reagieren, wenn man sich der menschlichen Seite zuwendet.

Auch wenn das Szenario von Ort zu Ort verschieden ist, hat sich klar gezeigt, dass ältere Lernende, die sich zum ersten Mal für einen Kurs angemeldet haben, und wenig qualifizierte Erwachsene wie bestimmte Migrant*innen und Schulabbrecher besonders zu leiden hatten.

Die Finanzkrise, die sich in Europa abzeichnet, hat zu einem Anstieg der Steuern und Kosten geführt, sodass sozial und wirtschaftlich benachteiligten Menschen der Zugang zu Bildung erschwert wurde. Einer aktuellen EAEA-Studie zufolge hat die pandemiebedingte Finanzkrise in Deutschland für die Teilnehmenden in Erwachsenenbildungszentren zu einer Erhöhung der Steuern um 20 % geführt.

Nicht-formales Lernen nach wie vor marginal

Negative Auswirkungen gab es auch für die Lehrkräfte in der Erwachsenenbildung.

„Wer schon vor der Pandemie in prekären Verhältnissen lebte, hatte es nun noch viel schwerer. Dies betraf viele selbstständige Lehrkräfte und Beschäftigte mit Nullstunden-Verträgen in Deutschland, die ihre Tätigkeit aufgeben mussten und denen vom Staat nicht immer geholfen werden konnte“, erläutert Dr. Bertram.


Christine Bertram

  • Projektkoordinatorin bei EPALE Deutschland
  • Promovierte an der University of Stirling in Sozialwissenschaften und verfügt über mehr als zehn Jahre Berufserfahrung in der sozialpolitischen Forschung zu Themen wie Bildungssystemen, Arbeit statt Sozialhilfe und Berufsausbildung

 

„Die Gegebenheiten haben sich geändert“, so Dr. Bertram, „sodass Resilienz nun bedeutet, diesen Wandel auszuhandeln, ohne Menschen zurückzulassen.“

Doch wie soll das gelingen, wenn sich die Prioritäten der Regierungen im Wesentlichen um die Gesundheits- und Wirtschaftskrise drehen? Laut Gina Ebner ist die Antwort so einfach wie kompliziert.

„Wir müssen über das lebenslange Lernen als System nachdenken, das mit vielen anderen Bereichen in Zusammenhang steht. Die nicht-formale Bildung kann dabei eine großartige Lösung darstellen, vor allem da sie denjenigen Möglichkeiten bietet, die zu einem früheren Zeitpunkt in ihrem Leben vielleicht keinen angemessenen Zugang zu Bildung hatten“, erläutert Ebner.

Lernprojekte, die nicht den herkömmlichen Wegen folgen, finden außerhalb von Klassenzimmern oder Schulen und eher in Gemeinschaftseinrichtungen wie Sportvereinen, Bibliotheken oder Schwimmbädern statt, in denen sich viele Menschen wohler fühlen.

„Meiner Meinung nach spielt die Erwachsenenbildung in unserer Gesellschaft eine entscheidende Rolle, was den Menschen allerdings nicht klar ist.“

Die Idee besteht darin, dass man durch die Mitwirkung an einer bestimmten Aktivität nützliche Kenntnisse erwerben oder sogar schwierige Fähigkeiten – wie beispielsweise das Kochen – erlernen kann, um Brüche und Proportionen zu verstehen.

„Sie birgt ein großes Potenzial, weil sie dazu beiträgt, kritisches Denken und ein Bürgerbewusstsein zu entwickeln“, erläutert Ebner.

Bei diesen Projekten geht es darum, was Einzelne wirklich lernen müssen – von digitalen bis sozialen Kompetenzen –, aber auch darum, ein Bewusstsein für Gesundheit zu schaffen und die enge Bindung der Projekte an die Gemeinschaft, sodass soziale Inklusion gefördert wird.


Gina Ebner

  • Generalsekretärin des Europäischen Verbands für Erwachsenenbildung (EAEA)
  • Arbeitete als Sprachlehrerin in der Erwachsenenbildung und als pädagogische Leiterin eines Ausbildungsinstituts in Österreich
  • War auch Präsidentin der Plattform für lebenslanges Lernen

„Das wirkliche Problem besteht darin, dass sich das nicht-formale Lernen in Europa nach wie vor am Rande des Bildungssektors bewegt, da die meisten Projekte verständlicherweise arbeitsorientiert durchgeführt werden, weil sie darauf ausgerichtet sind, den Teilnehmenden bei der Arbeitsplatzsuche zu helfen und die notwendigen Qualifikationsnachweise für den beruflichen Lebensweg zu erlangen“, so Bertram.

Möglichkeiten für das Engagement in der Community schaffen

Werden in der Erwachsenenbildung also künftig nur Kurse für Menschen angeboten, die in jungen Jahren die Schule abgebrochen haben und für ihren nächsten Arbeitsplatz einen Abschluss vorweisen müssen?

Larissa Jõgi, Professorin an der Universität Tallinn und Mitglied der European Society for Research on the Education of Adults (ESREA), ist da anderer Ansicht.

„Meiner Meinung nach spielt die Erwachsenenbildung in unserer Gesellschaft eine entscheidende Rolle, was den Menschen allerdings nicht klar ist.“ Eine der besorgniserregendsten Folgen der Covid-19-Pandemie ist die Spaltung unserer Gemeinschaften, da die Menschen in ihrem eigenen Zuhause bleiben mussten und das Gefühl der Isolation immer größer wurde“, so Professorin Jõgi.

Ihrer Ansicht nach können Bildungsanbieter dieses Problem lösen, indem sie Lernenden Möglichkeiten bieten, sich zu treffen und sich in Gemeinschaftsprojekten zu engagieren. „Die Landschaft des lebenslangen Lernens hat sich in den letzten zwei Jahren definitiv verändert. Die politische Führung muss allerdings den Wert unserer Arbeit anerkennen und Erwachsenenbildnerinnen und -bildner an die Spitze der gesellschaftlichen Veränderungen stellen.“

Dafür ist die Unterstützung der lokalen und nationalen Behörden unerlässlich, was unseren drei Expertinnen zufolge allerdings nicht ausreicht.

„Es ist nicht nur eine Sache der finanziellen Mittel, die natürlich immer hilfreich sind. Die Erwachsenenbildung braucht Anerkennung seitens der Politik, denn nur wenn dort unser Potenzial gesehen wird, können Projekte unterstützt werden, bei denen Erwachsene nicht nur Informationen erlangen, sondern auch Kompetenzen erwerben und sich der Gemeinschaft als Ganzes stärker zugehörig fühlen“, erläutert Jõgi.


Larissa Jõgi

  • Außerordentliche Professorin an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tallinn
  • Akademische Koordinatorin der beiden Masterprogramme zur Erwachsenenbildung bzw. des internationalen ERASMUS-MUNDUS-Masterprogramms Adult Education for Social Changes.
  • Mitglied der European Society for Research on the Education of Adults (ESREA) und Mitbegründerin des ESREA Network on Adult Educators, Trainers and their Professional Development

Was die Anbieter von Erwachsenenbildung in Europa am dringendsten brauchen, sind Investitionen in eine Digitalisierung, die zugänglicher und für alle Menschen gleich ist.

„Wie wir während des Lockdowns gesehen haben, ist die digitale Kluft zwischen Menschen verschiedener Alters- und gesellschaftlicher Gruppen wesentlich größer geworden. Daher können wir nur hoffen, ein demokratischeres System aufzubauen, wenn wir benachteiligten Gruppen Zugang zu technologischen Geräten geben“, so Ebner.

Und wenn staatliche Unterstützung zwar wesentlich ist, aber nicht ausreicht, könnte unseren Expertinnen zufolge die Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen und Organisationen die Lösung darstellen, um Kurse und Unterrichtsstunden anzubieten, in denen nicht nur Wissen und Informationen vermittelt werden, sondern auch Kompetenzen, Sachkenntnis und Know-how.

„Flexibilität ist das A und O für die Zukunft im Allgemeinen und für das lebenslange Lernen im Besonderen“, meint Jõgi. „Am besten lässt sich auf diese Krise reagieren, wenn man sich der menschlichen Seite zuwendet. Lehrkräfte müssen kreativ und hilfsbereit sein, um das Selbstvertrauen ihrer Schützlinge zu stärken.“

„Genau das bedeutet Resilienz heute in der Erwachsenenbildung in meinen Augen. Das richtige Gleichgewicht zwischen traditionellem und nicht-formalem Lernen zu finden, könnte unsere Geheimwaffe sein“, stellt Jõgi abschließend fest.

 

 

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