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Nur Mutig oder auch klug? MILLA will digitale Weiterbildungswende für Deutschland

In Berlin ist etwas in Bewegung gekommen: Politiker haben erkannt, dass Erwachsenen- und Weiterbildung unter dem Vorzeichen der Digitalisierung anders werden müssen und dass es dafür eines neuen staatlichen Impulses bedarf. Eine bis drei Milliarden Euro soll den Bund dieser Impuls kosten, den sie in der CDU-Bundestagsfraktion MILLA nennen. Wie aus MILLA etwas Gutes werden könnte, skizziert Peter Brandt.

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In Berlin ist etwas in Bewegung gekommen: Politiker haben erkannt, dass Erwachsenen- und Weiterbildung unter dem Vorzeichen der Digitalisierung anders werden müssen und dass es dafür eines neuen staatlichen Impulses bedarf. Eine bis drei Milliarden Euro soll den Bund dieser Impuls kosten, den sie in der CDU-Bundestagsfraktion MILLA nennen. Wie aus MILLA etwas Gutes werden könnte, skizziert Peter Brandt.

Die Abkürzung MILLA steht für „Modulares Interaktives Lebensbegleitendes Lernen für Alle“ und damit für ein Konzept, das die Digitalisierung des Lernens Erwachsener revolutionieren möchte. Im Hintergrund der Überlegungen steht die Beobachtung eines gigantischen Mismatchs zwischen dem Arbeitskräftebedarf und dem vorhandenen Angebot. Nicht nur der schon häufig beschworene Fachkräftemangel ist hier gemeint, nein, es geht vielmehr um die durch die Digitalisierung entstehende, noch größere Lücke zwischen vorhandenen und benötigten Kompetenzen. Zur Stimulierung einer Weiterbildungswende soll ein „Netflix der Weiterbildung“ entwickelt und der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden, mit der Männer und Frauen abends auf dem Sofa Kompetenzen erwerben, digital, unterhaltsam, in kleinen Portionen („Nuggets“), ihre Arbeitsfähigkeit v.a. in der Digitalindustrie stärkend. Das staatlich ermöglichte Microlearning soll die breite Mitte der Gesellschaft erreichen, nicht etwa besonders benachteiligte Adressatengruppen, wie sie sonst oft im Fokus staatlicher Weiterbildungsförderung stehen. Interaktiv soll MILLA sein, indem es auf kluge Algorithmen setzt, die ein personalisiertes Angebot ausspielen. Und auch die Summen sind beeindruckend, mit denen hantiert wird: zwischen einer und drei Milliarden Euro jährlich sind im Gespräch, das wäre ein zusätzlicher Batzen in etwa der Höhe, die der Bund bis jetzt für Weiterbildung jährlich aufwendet.

Idee vs. Realität

Die erworbenen Kompetenzen sollen – so das Konzept weiter – nachweisbar gemacht werden und als neue Währung auf dem Arbeitsmarkt funktionieren. Eine staatlich befugte Stelle soll Relevanzpunkte für Bildungsangebote vergeben, über die die öffentliche Finanzierung für Anbieter erfolgt. Wie diese Relevanz genau bestimmt werden soll, ist noch nicht klar, die Bedarfe des Arbeitsmarktes werden dabei eine bedeutende, aber nicht die alleinige Rolle spielen. Alles in allem ist das ein hoch ambitioniertes Vorhaben, das verschiedene Langzeit-Desiderata der Weiterbildungsdiskussion anzugehen verspricht: staatliche Verantwortungsübernahme für moderne digitale Infrastrukturen, modulares selbstgesteuertes Lernen, Kompetenzerfassung, Stärkung freier Bildungsmaterialien. Wenn nur die Realität nicht wäre!

Erstens ist MILLA bisher nur eine Idee der CDU-Bundestagsfraktion, die noch Eingang in die Regierungspolitik finden muss. Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD sieht eine Nationale Weiterbildungsstrategie vor, für die derzeit Konzepte erarbeitet werden – ob sich MILLA letztlich bis hier hinein durchsetzen kann, hängt von der Qualität dieser Konzepte ab. Im Laufe des Frühjahrs 2019 sollte sich das klären.

Zweitens scheint das Konzept z.T. nicht zu halten, was es verspricht. Zu dieser Einschätzung gelangte der Autor bei einem Expertenaustausch im Deutschen Bundestag, zu dem die Arbeitsgruppe um den MILLA-Kopf Thomas Heilmann Ende Januar geladen hatte. Die Rolle der Kammern und Verbände für die Fragen einer sinnvollen Zertifikatsstruktur wird seitens der Bundestagsabgeordneten unterschätzt; für ein tieferes Verständnis von Lernergebnis bezogener Kompetenzmodellierung und der Komplexität ihrer Messung fehlt ihnen noch das Fach- und Feldwissen.

Das Bild zeigt ein Chart mit einer Kursentwicklung.
Drittens lassen die Abgeordneten derzeit keine Gelegenheit aus, etablierte strategische Akteure des Weiterbildungsbereichs zu verprellen. Denn MILLA macht der organisierten Erwachsenen- und Weiterbildung implizit den Vorwurf, für die Misere der deutschen Weiterbildung verantwortlich und für einen – dem disruptiven Charakter der Digitalisierung angemessen schnellen – Wandel zu langsam und schwerfällig zu sein. MILLA bringt sich damit in unnötige und fahrlässige Abgrenzung zur Expertise des Feldes (vgl. meinen Beitrag auf wb-web).

Wie kann MILLA halten, was es verspricht?

Ist MILLA damit eine zum Scheitern verurteilte Kopfgeburt? Als jemand, der es noch nicht oft erlebt hat, dass man auf Bundesebene mehrere Milliarden Euro in den Händen wiegt, um sie sinnvoll in das Lernen und die Bildung Erwachsener zu investieren, mag ich MILLA noch nicht abschreiben. Zu wertvoll erscheint mir das Ziel, mit staatlicher Unterstützung die Entstehung eines gebührenfreien und relevanten Weiterbildungsangebots zu steuern und auf modularer digitaler Grundlage Nachweissysteme zu entwickeln, die kompetenzorientiert und marktrelevant wären. Folgende vier Punkte erscheinen mir kritische Erfolgsfaktoren für MILLA zu sein:

  1. MILLA sollte Anschlüsse suchen zu bestehenden Portalen und Infrastrukturen, insbesondere zum Deutschen Bildungsserver mit seinem InfoWeb Weiterbildung (IWWB), das schon jetzt eine leistungsfähige Metasuche über aktuell 89 Weiterbildungsdatenbanken und mehr als drei Millionen Kurse ermöglicht. Dieser Kern der Kurssuche ließe sich sinnvoll um weitere, v.a. online zugängliche Angebote erweitern. Zugleich sollte mit dieser Erweiterungsinitiative die Idee eines Verweissystems für verteilt gespeicherte Open Educational Resources verbunden werden, die in der Machbarkeitsstudie des Deutschen Bildungsservers als zielführend beschrieben worden ist (Stichwort Referatorium).
  2. MILLA könnte versuchen, für einzelne nicht regulierte Berufe eine moderne Kompetenzvalidierung zu etablieren. (Für die regulierten Berufe würde eine solche Initiative unkalkulierbare Machtspiele mit den Kammern verursachen – eine Perspektive, die die MILLA-Arbeitsgruppe zurecht fürchtet.) In (noch) nicht formalisierten Berufe (z.B. im IT-Sektor) könnten Badges, Nano-Degrees oder wie immer man online erworbene Zertifikate nennen mag, nützliche Währungen auf dem Arbeitsmarkt werden. Wenn schon so viel Geld im Spiel ist, sollte MILLA wirklich Outputfaktoren (z.B. Lernergebnisse) messen und nicht bloß Teilnahmebelege. Letztere können in einem persönlichen Weiterbildungsportfolio ausgewiesen werden, sie allein machen dieses aber nicht überzeugend.
  3. MILLA müsste schnell sein und dennoch langsam genug, damit Stakeholder aus dem Feld auf den Zug aufspringen können. Lösbar wäre dies über eine Mitmachstruktur, zu der alle geladen sind, die einen Vorschlag machen wollen, wie MILLA gut werden könnte. Anbieten würde sich z.B. ein Barcamp.
  4. Schließlich sollte MILLA, wenn es die Relevanz von gelisteten Angeboten bestimmen will, neben Arbeitsmarktbedarfen auch gesellschaftliche oder gemeinwohlorientierte Kriterien berücksichtigen. Das würde helfen, die Online-Weiterbildung der breiten Bevölkerung nicht als kurzfristige und technokratische Anpassungsleistung zu konzipieren, sondern als mittel- bis langfristige Stärkung der Gesellschaft. Freilich hat die Bundesebene hier zu berücksichtigen, dass sie aufgrund des Föderalismus ihre Kompetenzen zunächst im Bereich der beruflichen Weiterbildung hat. Aber es wäre ordnungspolitisch vertretbar, wenn eine aus Bundesinitiative hervorgegangene Infrastruktur Angebote der länderseitig geförderten allgemeinen und politischen Erwachsenenbildung einbezöge – das gelingt bei IWWB ja auch bereits.

MILLA ist – das muss gerade auch für Leserinnen und Leser außerhalb Deutschlands festgehalten werden – das erste wirklich mutige Entwicklungskonzept für die Weiterbildung zwischen Flensburg und Füssen, das seit Jahren vorgeschlagen wurde. In den nächsten Monaten kann sich zeigen, ob MILLA nicht nur mutig, sondern auch klug ist.

Dr. Peter Brandt ist Abteilungsleiter "Wissenstransfer" beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung - Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V.  (DIE) in Bonn.


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