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Express-Digitalisierung in Zeiten von Corona? - Interview mit Dr. Tessa Debus vom Wochenschau Verlag

Aktuelle Kontaktbeschränkungen fordern eine radikale Umstellung auf Digital. Im Interview mit EPALE Deutschland spricht die Verlegerin Dr. Tessa Debus über die Digitalisierung des Wochenschau Verlags.

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Aktuelle Kontaktbeschränkungen fordern eine radikale Umstellung auf Digital. Im Interview mit EPALE Deutschland spricht die Verlegerin Dr. Tessa Debus über die Digitalisierung des Wochenschau Verlags.

   


EPALE Deutschland:

Frau Dr. Debus, der Wochenschau Verlag hat, wie das Handelsblatt berichtete und wir auch schon auf EPALE Deutschland verkündet haben, gerade eine Art Express-Digitalisierung durchgeführt. Welchen Umfang hatte diese Umstellung und welche Angebote sind nun digital erhältlich?

Dr. Tessa Debus:

Aufgrund der Corona-Krise mussten wir handeln und für das Homeschooling unser Flaggschiff, die WOCHENSCHAU (das ist Unterrichtsmaterial zum direkten Einsatz im Politik und Wirtschaftsunterricht) digitalisieren. Der logische erste Schritt ist, das Material einfach digital zur Verfügung zu stellen. Mit Print kommt man in derzeitigen Unterrichtssituationen nicht weiter. Allerdings muss ich auch einschränkend sagen, dass wir uns ein „echtes“ digitales Produkt noch anders vorstellen. Logisch, in einer Woche kann man nicht alles umsetzen, was wir im Prozess gerade dabei sind zu entwickeln.

Im Anschluss an die Wochenschau sind dann die Universitäten mit Anfragen gefolgt: Als bekannt wurde, dass das Sommersemester ggf. nur digital stattfinden soll, da sind die Universitätsbibliotheken ausgeflippt. Auf einmal geht es auch um die Digitalisierung der Backlist. Das heisst, viele Titel, die zur Ausstattung in der Politischen Bildungs-Bibliothek gehören und bereits in vielen Bibliotheken vorhanden waren, wurden nun neu angefragt. Da arbeiten wir gerade noch nach.

    

EPALE Deutschland:

Der Wochenschau Verlag plante schon länger, Teile seines Angebots zu digitalisieren, allerdings erst zum Ende des Jahres. War aufgrund der bereits erfolgten Planung die aktuelle Umstellung vergleichsweise „schnell“ für Sie umsetzbar? Welche Herausforderung hat die aktuelle Situation mit sich gebracht?

Dr. Tessa Debus:

Zum Teil sind wir ja schon länger digital. Endkunden und Bibliotheken erhalten einen großen Teil unserer Titel digital. Insofern zeichnet diese Corona-Digitalisierung nicht so sehr das Wie, als das Was aus: Wir stellen konsequent alles digital - von der Praxis bis zur Theorie. Vorher haben wir immer abgeschätzt: Hat das Buch eine Chance im digitalen Markt? Braucht das Buch eher der Endkunde oder die Institution Universität? Digitalisieren wir komplette Reihen? Was gerade passiert, ist die konsequente Digitalisierung. Das verändert den Verlag. Aber unsere Redaktion hat super gearbeitet: Wir haben ein lang geplantes Video – „Wie arbeite ich mit der WOCHENSCHAU?“ - gemacht. So können die Schüler*innen direkt sehen, wie Sie mit dem Material arbeiten. Außerdem gibt es einen Homeschooling-Reflektionsbogen. Auch hier haben wir uns gefragt: Was brauchen die Schüler*innen, wenn sie alleine zu Hause vor dem Material sitzen?.

    

EPALE Deutschland:

In diesem Sinne war die aktuelle Corona-bedingte Lage Beschleuniger für die Express-Digitalisierung des Wochenschau Verlags. Wie sieht aber die langfristige Digitalisierungsstrategie des Wochenschau Verlags aus? Wie geht es weiter wenn sich die aktuelle Lage wieder entspannt?

Dr. Tessa Debus:

Wir wollen insbesondere im Feld Unterrichtsmaterial mit unseren Kunden im agilen Team an der Entwicklung einer digitalen WOCHENSCHAU arbeiten. Das heisst, welche Tools braucht man im digitalen Produkt wirklich? Brauche ich zum Beispiel gesprochenen Text, um Leseschwache in den Unterricht besser integrieren zu können. Was bringt uns der Film, wenn er reines Wissen transportiert, ohne die Kontroversität des Themas darzulegen? Wie kann ich differenzieren durch digitale Medien? Wie verändert digitales Unterrichten auch die Didaktik? Das ist die spannende Frage! Gibt es einen Mehrwert für unser Fach und wie sieht der aus?

Jetzt beim Homeschooling stellen wir uns in der Redaktion die Frage: Wie sehen denn die gemeinsamen Lehrmethoden aus? Die finden ja mit dem vorrangig linear geführten Unterricht derzeit nicht statt. Sicherlich repräsentiert Homeschooling nicht den digitalen Unterricht, von dem wir alle immer gesprochen haben, denn im digitalen Unterricht unter normalen Bedingungen gibt es dennoch das Plenum und die Lehrperson. Aber interessant ist, wie so ein Format wie padlet oder auch Zeitleisten als gemeinsames Produkt zu einem positiven Lernprozess beitragen können.

   

EPALE Deutschland:

Sie bieten sowohl Magazine als auch ein umfassendes Literatursortiment für verschiedene Themenbereiche an, darunter auch Einiges, was interessant für die Erwachsenenbildung ist. Inwieweit ergänzen Zeitschriften / Magazine und Bücher sich? Inwieweit birgt dies Herausforderungen für Ihre langfristige Digitalisierungsstrategie?

Dr. Tessa Debus:

Die Zeitschriften haben Ihre Zielgruppe. Sie fangen den Leser auf, der in seinem Arbeitsalltag mehr wissen will zum Fachdiskurs in seinem Arbeitsbereich (zum Beispiel beim Journal politische Bildung oder bei Politikum). Das Buch widmet sich einem Thema: Hier unterscheiden wir auch zwischen monographischen Sach- und Fachbüchern und praktischen Trainings, wie zum Beispiel einer unserer Bestseller „Interaktive Trainingsmethoden“. Gerade bei Titeln, wie dem letzteren fällt natürlich auf, dass diese sehr auf die Begegnung ausgelegt sind, die derzeit nicht stattfinden kann. Seminare fallen aus. Wie sich hier das Produkt weiterentwickeln muss, wenn wir zum Beispiel aus Corona rauskommen und merken, es gibt weniger Bildungsanbieter für Seminare, muss man erst noch sehen.

Klar ist, dass sich die unterschiedlichen Produkte auch in den Märkten spiegeln. as heisst, wenn sich die Erwachsenenbildung zunehmend digitalisiert, dann muss das Produkt hier mitgehen. Schließlich liegt der Sinn jeder guten Fachliteratur im Nutzen für die Leser*innen.

    

EPALE Deutschland:

Aktuell versuchen alle, so auch die Bildungsbranche, den Betrieb – soweit möglich – mithilfe einer digitalen Präsenz und eines digitalen Angebots aufrecht zu erhalten. Wie verstehen Sie die Rolle von Bildungsverlagen in Zeiten der Digitalisierung? Sollte oder muss das gesamte Angebot von Bildungsverlagen in Zukunft digital werden? Oder gibt es aus Ihrer Sicht Bereiche, die digital nicht funktionieren oder weniger gut funktionieren?

Dr. Tessa Debus:

Meine ganz persönliche Einschätzung ist, dass wenn eine Entwicklung erst mal da ist, man nicht mehr dahinter zurückkann. Das ist historisch so und wird sich auch bei Corona zeigen: Wenn die Nutzer jetzt mit Tools des digitalen Lernens arbeiten und sich daran gewöhnt haben (auch wenn sie ggf. vorher Digital-Muffel waren), so werden Sie in der Nach-Corona-Zeit nicht mehr zurückwollen. Der Digitalpakt wird für viele Schulen real. Arbeiten sie jetzt in der Schulcloud, warum sollten sie dies nach Corona einfach wieder einstellen?

Meiner Meinung nach gilt dies auch für Bildungseinrichtungen außerhalb der Schule: Haben diese jetzt angefangen, Webinare zu entwickeln, Podcasts zu veranstalten o.ä., wird man diese Entwicklung nicht wieder zurück- oder gar einstellen. Allerdings wird man genauer prüfen müssen, welche Lernformen für welche Inhalte am effektivsten sind. So wird es künftig zum Beispiel im Sinne des Blended Learning intelligente Mischformen von Präsenzzeiten und digitalem Lernen geben.

Auch die Verlage werden darauf reagieren müssen. Das Problem an dieser Beschleunigung liegt darin, sich die technische Entwicklung unter diesen derzeit zudem noch erschwerten ökonomischen Bedingungen leisten zu können. Da werden einige auf der Strecke bleiben: Kurzum, die beschleunigte Digitalisierung wird die Konzentrationsprozesse der Verlagswelt und womöglich der Bildungsanbieter noch beschleunigen. Entscheidend für die Qualität wird aber andererseits sein: Wie gut kennt man seine Kund*innen, wie nah ist man an ihnen dran. Hat man einen guten Kundenstamm, kann es dennoch gelingen.

    

EPALE Deutschland:

Der Wochenschau Verlag hat zahlreiche Angebote, die für die Erwachsenenbildung relevant sind. Welche Rolle hat der Wochenschau Verlag Ihrer Meinung nach grundsätzlich in der Erwachsenenbildung?

Dr. Tessa Debus:

Die Relevanz bezieht sich insbesondere auf die politisch-historische Erwachsenenbildung. Diese ist ein Teil der Erwachsenenbildung, die wir immer verfolgt haben. Nehmen Sie unsere Reihe zu den Positionen der politischen Bildung. Zu der außerschulischen Erwachsenenbildung wird demnächst ein Nachfolgewerk entstehen – das gibt es nur einmal. Viele, die in der politischen Erwachsenenbildung arbeiten, sind Quereinsteiger. Sie brauchen einen Wegweiser, um sich fachlich einzuarbeiten. Hier sind wir mit unseren Publikationen der ideale Anlaufpunkt. Gleichwohl gibt es Felder, wie zum Beispiel Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus, die wir stetig bearbeiten. Die Werke richten sich an Leser*innen, die beruflich Orientierung brauchen und vor allem Unterstützung. Der Verlag ist ein bindendes Glied zwischen Theorie und Praxis – und das eben nicht nur als geflügeltes Wort. Es gibt in Deutschland einige Lehrstühle für Erwachsenenbildung, aber nur einen, der explizit politische Erwachsenenbildung im Titel trägt. Dieses Desiderat fangen wir auf. Insofern ist der Verlag für die Erwachsenenbildung und hier für eine kritische politische Erwachsenenbildung nicht wegzudenken. Der Wochenschau Verlag gibt der politischen Erwachsenbildung eine Stimme – nicht zuletzt durch das Periodikum Journal für politische Bildung.

    

EPALE Deutschland:

Folgefrage: Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich daraus für den Wochenschau Verlag?

Dr. Tessa Debus:

Als ich angefangen habe im Verlag, habe ich mich gefragt, ob wir wirklich rund um den Topos „Politische Bildung“ so viele unterschiedliche Kundengruppen bedienen sollten. Wir haben das nicht getan, und es bewährt sich: Es gibt keinen anderen Verlag, der sich an so viele unterschiedliche Kundengruppen richtet, dabei aber eine Marke entwickelt hat. Politische Bildung ist eine Nische, die leider in den letzten Jahren durch Populismus und Rechtsruck wieder an Fahrt aufgenommen hat. Aber wer seine Nische gut kennt und ausfüllt, der hat auch eine Chance. Die Herausforderung besteht allerdings mehr denn je darin, die Fäden zusammenzuhalten. Denn ein Wissenschaftsverlag zu sein, ist vollkommen anders als ein Schulbuchverlag zu sein: die Produktionsprozesse, Marketing(zeiten) etc. unterscheiden sich enorm. Das eine tun, und das andere nicht lassen – das ist eine Herausforderung.

   

EPALE Deutschland:

Vielleicht abschließend: Was sind Ihre Top-Tipps, die Sie Organisationen für eine Express-Digitalisierung mit auf den Weg geben würden?

Dr. Tessa Debus:

Als Organisation würde ich mich fragen, was vermissen meine Nutzer, Besucher, Leser jetzt am meisten. Wie kann ich das in eine digitale Welt reinholen. Klassisch: Was kann ich am besten und wie geht das digital? Podcast, Webinar, Blog? Das MET in New York zeigt uns gerade eindrücklich, wie es als Museum digital präsent ist. Mein primärer Tipp: Wenige Topics aber viel digitalen Traffic erzeugen – und intern in den Organisationen rate ich, Teams zu bilden, die sich ergebnisorientiert Ziele setzen. Wir haben zum Beispiel sogar jetzt mit einem Influencer Kontakt, der schon ein Wochenschau-Video gemacht hat. Das hätten wir selbst nicht erwartet, aber so schnell kann es gehen.

   

EPALE Deutschland:

Vielen Dank, Frau Dr. Debus.


Über Dr. Tessa Debus:

Portrait Dr. Tessa Debus_Wochenschau Verlag
Tessa Debus ist Verlegerin des WOCHENSCHAU Verlages. Sie ist promovierte Politikwissenschaftlerin und studierte in Göttingen und Aix-en-Provence zudem Deutsche Philologie und Medienwissenschaften. Nach beruflichen Stationen in Hamburg und New York führt sie seit 2009 den Verlag in dritter Generation weiter.

  

Sie ist im Vorstand des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland und seit 2019 Vorsitzende der Forschungsgruppe Modellprojekte, die die progressive Entwicklung schulpädagogischer Themen verfolgt. Als Mitherausgeberin zahlreicher Reihen und Zeitschriften des Verlages steuert sie maßgeblich die Themen des Fachverlages mit.


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