Direkt zum Inhalt
Blog
Blog

Interview mit Divina Frau-Meigs, Soziologin und neue EPALE-Expertin zum Schlüsselthema Medienkompetenz der Bürger im Jahr 2021

Divina Frau-Meigs, Mediensoziologin, spricht über die aktuellen Herausforderungen der Medienerziehung für Bürger in Bezug auf ihre EPALE-Mission

[Übersetzung : EPALE Frankreich]

 

Wie sind Sie zur Mediensoziologie gekommen?

Divina Frau-Meigs: Angefangen hat mein Interesse an Kultur und Sprache mit der Soziolinguistik: Ich vergleiche gerne und entdecke gern regionale Besonderheiten. Deshalb habe ich mich den europäischen Projekten zugewandt. Außerdem habe ich seit den 1980er und 1990er Jahren an allen Debatten über kulturelle Vielfalt teilgenommen - zum Beispiel habe ich meine NRO bei der UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt vertreten. Danach wandte ich mich dem Studium der Medien zu, mit einem sehr breiten Ansatz, der sich zunächst auf das Publikum konzentrierte.

Wie haben sich die Themenbereiche in der Mediensoziologie in den letzten Jahren entwickelt?

Divina Frau-Meigs: Mit der Entwicklung der Medien hat sich auch mein Beruf weiterentwickelt. In den letzten Jahren haben eine Reihe von Anwendungen und Plattformen die Art und Weise verändert und de Begriff Publikum wurde zum Beispiel durch Ausdrücke wie Community oder  Echoraum ersetzt. Die Soziologie, die sich ursprünglich für Massenmedien interessierte, untersucht jetzt ein hochgradig fragmentiertes Objekt und dessen individualisierte Nutzungsformen. Es ist komplizierter zu betrachten und zu verfolgen.

Ich bin Spezialistin für Risiko-Inhalte und -Verhaltensweisen: Anfangs habe ich mich auf Medienpanik, Gewalt, Pornografie und ein wenig auf Werbung konzentriert. Heute geht es in erster Linie um die Risiken von Fehlinformationen und um die Qualität von Informationen. Das sind echte Gefahren für die Demokratie. Außerdem arbeite ich mit französischen und europäischen Kollegen an Themen wie Radikalisierung und Hassreden. Ein weiteres Thema, das an Bedeutung gewinnt, ist Privatsphäre und Datenschutz durch Individuen und Staaten - über die DSGVO -, aber es gibt auch positive Aspekte, die mit der Konstruktion von Online-Einfluss und der Inszenierung des Selbst zu tun haben.

Sie sind sehr an Medienerziehung interessiert. Aus welchem Blickwinkel?

Divina Frau-Meigs: Ich bin nicht nur Mediensoziologin, sondern auch Bildungsexpertin, ausgebildet an der Stanford University. Zuallererst verwende ich die Ergebnisse meiner Forschung im Dienste einer aktiven pädagogischen Praxis. Ich habe viel zur Entwicklung des Konzepts der Medien- und Informationskompetenz beigetragen und mich für die Weiterentwicklung des Konzepts der „Informationskompetenz“ in Verbindung mit dem Konzept der „Kommunikationskompetenz“ eingesetzt. Es ist eine sehr französische Wissenschaft, die die Medien nicht von der Botschaft trennt. Ich habe viel dazu beigetragen, dieses Feld zu strukturieren, das sich am Anfang noch in den Kinderschuhen befand. Ich habe aufgezeigt, dass es sich auch um einen öffentlichen politischen Raum handelt, und mit meinem Verband „Savoir*Devenir“ habe ich mich für die europäische Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste in ihrer aktuellen Fassung von 2018 eingesetzt. Diese Richtlinie definiert Medienkompetenz und legt den Staaten Verpflichtungen in diesem Bereich auf. Medienerziehung kann überall, innerhalb und außerhalb der Schule, erfolgen.

Gibt es neue Herausforderungen im Bereich der Medienpädagogik?

Divina Frau-Meigs: Ein Thema, das immer präsenter wird, ist das des Klimanotstands. Der Anteil des digitalen Sektors am Schadstoffausstoß beträgt 4 % und ist nicht zu vernachlässigen. Es läuft viel Greenwashing, eine Beschönigung der Toxizität digitaler Technologien durch Darstellungen, die den Eindruck erwecken, dass große Unternehmen sich für den Klimaschutz einsetzen, während sie sich in Wirklichkeit nur einen Status quo halten wollen, der ihnen nutzt. Dieser Umstand besteht zusätzlich zu Klima-Fake-News und Klimaskeptizismus. Aber digitale Technologien lassen sich auf positive Art und Weise umwandeln, um die Mentalität zu verändern und die Umweltverschmutzung zu reduzieren (weniger Reisen, weniger Papier...).

Welche neuen Kompetenzen sind für die Medienkompetenz erforderlich?

Divina Frau-Meigs: Ich habe gerade den Abschlussbericht eines von Savoir*Devenir ausgeführten Erasmus-Projekts namens YouCheck! abgegeben, das auf neue Medien und Informationsbedürfnisse hinweist (finanziert von DG-Connect). Dabei handelt es sich überwiegend um  ‚Visual Literacy‘ (Bildkompetenz). In der digitalen Welt erfolgt der Zugang jetzt primär über Bilder und nicht mehr über Text, und es ist notwendig, die Mechanismen der Datenverwaltung und der Algorithmen zu verstehen, die der Empfehlung von Bildern zugrunde liegen. Ich versuche, ein kleines Repertoire an Kompetenzen in diesem Bereich aufzubauen: Verstehen, wie man ein Bild verfälschen kann, Erkennen der Filter, die Bilder verfälschen, Kenntnisse zu den verschiedenen Arten der Bildkomprimierung, Rückwärtssuche zu Bildern...

Neben diesem Projekt führe ich auch ein weiteres Erasmus+ Projekt zum Thema Faktenüberprüfung mit einem Dutzend Akteuren aus acht Ländern durch. Wir versuchen herauszufinden, ob es in jedem dieser Länder an den Hochschulen Lernangebote zu den Themen Desinformation und Faktenüberprüfung gibt, was heute eine Notwendigkeit zu sein scheint. Dies impliziert zuerst die Bestandsaufnahme des Vorhandenen und dann, in einer zweiten Phase, die Erstellung eines umfassenden Schulungsangebots, das von Staaten und Ausbildungseinrichtungen umgesetzt werden könnte.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe bei EPALE?

Divina Frau-Meigs: Ich war angenehm überrascht, als ich von EPALE angesprochen wurde, ich kannte schon deren Äquivalent für den Sekundarbereich eTwinning. Ich freue mich, dass EPALE existiert und sich eine Community mit geteilten Praktiken entwickelt. Darauf aufbauend wird sich diese Gemeinschaft weiterentwickeln, aber sie muss mit Forschungsergebnissen gefüttert werden.

Medien-, Informations- und Digitalkompetenz sind bei EPALE derzeit nicht sehr präsent. Ich werde versuchen, diese Bereiche zu beleuchten, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Gefahren, sondern auch auf eine positivere Art und Weise, nämlich auf die Chancen, die sich insbesondere durch Online-Präsenz ergeben. Ich möchte die Begriffe Evaluation, Selbstdiagnose und Übertragbarkeit bestimmter Werkzeuge entwickeln. Wir werden natürlich von dem ausgehen, was vorhanden ist, denn die vergleichende Forschung zeigt, dass in diesem Bereich in Europa eine große Vielfalt herrscht.

***

Finden Sie Divina Frau-Meigs' Blogs auf EPALE :

Bannière éducation aux médias

Login (2)

Sie möchten eine andere Sprache?

Dieses Dokument ist auch in anderen Sprachen erhältlich. Bitte wählen Sie unten eine aus.

Want to write a blog post ?

Don't hesitate to do so! Click the link below and start posting a new article!

Neueste Diskussionen

EPALE 2021 Schwerpunktthemen. Fangen wir an!

Das vor uns liegende Jahr wird wahrscheinlich wieder sehr intensiv, und daher laden wir Sie ein, es mit Ihren Beiträgen und Ihrer Expertise zu bereichern. Beginnen Sie doch einfach, indem Sie an unserer Online-Diskussion teilnehmen. The Online-Diskussion findet am Dienstag, dem 09. März 2021 zwischen 10.00 und 16.00 Uhr statt. The schriftliche Diskussion wird mit einem vorgeschalteten Livestream eröffnet, der die Themenschwerpunkte für 2021 vorstellt. Die Hosts sind Gina Ebner und Aleksandra Kozyra von EAEA im Namen der EPALE Redaktion. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Vermittlung von Grundkompetenzen

Grundkompetenzen sind transversal. Sie sind nicht nur relevant für die Bildungspolitik,  sondern auch für Beschäftigungs-, Gesundheits-, Sozial- und Umweltpolitiken. Der Aufbau schlüssiger Politikmaßnahmen, die Menschen mit Grundbildungsbedürfnissen unterstützen, ist notwenig, um die Gesellschaft resilienter und inklusiver zu gestalten. Nehmen Sie an der Online-Diskussion teil, die am 16. und 17. September jeweils zwischen 10.00 und 16.00 Uhr auf dieser Seite stattfindet. Die Diskussion wird von den EPALE Thematischen Koordinatoren für Grundkompetenzen, EBSN, moderiert. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Die Zukunft der Erwachsenenbildung

Am Mittwoch, dem 8. Juli 2020, lädt EPALE von 10.00 - 16.00 Uhr zu einer Online Diskussion zur Zukunft der Erwachsenenbildung ein. Wir wollen über die Zukunft des Bildungssektors Erwachsenenbildung sowie die neuen Chancen und Herausforderungen diskutieren. Gina Ebner, EPALE-Expertin und Generalsekretärin der EAEA, moderiert die Diskussion.

Zusätzlich