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Informelles Lernen - deutschsprachiges Schwerpunktthema auf EPALE

Erinnern Sie sich an den Kauf ihres ersten Mobiltelefons? Sie haben den Umgang damit gelernt, ohne jemals einen Kurs besucht zu haben. Sie haben rumprobiert, Freunde gefragt, die Anleitung gelesen oder Ähnliches und so auf sehr bewusste Weise ihren eigenen Lernweg gestaltet. Dabei stand Lernen nicht unbedingt im Vordergrund, sondern eigentlich wollten Sie einfach nur telefonieren und wahrscheinlich noch ein paar andere Funktionen des Telefons nutzen.

Genau so lernen Menschen jeden Tag recht viel an vielen Orten: Im Verein beim Fußballtraining, zu Hause, in der Bibliothek, bei der Recherche im Internet  oder – ein quantitativ enorm wichtiges Lernfeld – am Arbeitsplatz. Laut der bekannten Studie von Livingstone (1999) passieren bis zu 90% der Lernleistungen außerhalb von formalisierten Arrangements in Bildungsorganisationen. Andere Studien belegen 70%. Fest steht: Der Anteil informellen Lernens ist groß!

Informelles Lernen: ein bildungspolitischer Hype mit vielerlei Anlässen

Die internationale Bildungspolitik hat das informelle Lernen vor Langem entdeckt: Während einige sehr stark mit Bezug auf Chancengleichheit argumentierten, erhält informelles Lernen in anderen Kontexten eher eine volkswirtschaftliche Konnotation von unausgeschöpften Wissenspotenzialen. Wieder andere argumentierten, dass informelles Lernen viel besser sei als formalisiertes Lernen, weil es ja aus der Lebenswelt der Lernenden heraus entstehe. Zudem vermittle es kein Wissen, sondern ermögliche direkten Kompetenzerwerb.

Mit diesem bildungspolitischen Hype der Wunderwaffe informelles Lernen, mussten sich  Formate der kursförmig organisierten Weiterbildung neu legitimieren.

Informelles Lernen und formales Lernen: Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch

Die Wunderwaffe relativierte sich schnell: Die Betonung informellen Lernens und dessen Potenziale liegen nicht in einem Entweder-Oder, sondern in der Kombination von formellen und informellen Lernen liegen. Denn: Informelles Lernen löst nicht das Problem der Chancengleichheit, weil die informellen Lernchancen ebenso ungleich verteilt sind wie die formellen. Informelles Lernen ist auch kein besseres Lernen als anderes Lernen, denn informelles Lernen stellt hohe Anforderungen an die Lernenden: Sie müssen ihre Lernergebnisse selbst reflektieren und unter Umständen auch selbst steuern - Fähigkeiten, die eher in Bezug auf Bildung privilegierten Menschen eigen sind.

Kombination, aber wie? Chancen für gute erwachsenenpädagogische Qualität

Daher: Informelles Lernen gilt es in der formalisierten Erwachsenenbildung wertzuschätzen, und das wird auf viele Arten und Weisen getan. Sei es mit den vielen Instrumenten zur Validierung, Selbsteinschätzung und Anerkennung bisheriger Lernergebnisse und Kompetenzen, sei es die Kooperation von Weiterbildungseinrichtungen mit informellen Lernorten wie Museen und Vereinen. Dies ermöglicht die Reflexion der Lernergebnisse und deren Nutzung für den eigenen, weiteren Lernprozess.

Darüber hinaus setzt informelles Lernen auch eine lernanregende Erfahrungswelt voraus, mit der Lernende umgehen können. Hier gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Erwachsenenbildung, wie dies die betriebliche Weiterbildung schon seit langem vormacht. Diese hat sehr früh angefangen, mit Projektarbeit Mitarbeiter sehr intensiven Lernumwelten auszusetzen und diese systematisch für die Weiterentwicklung ihrer Mitarbeiter zu nutzen. Aber auch Museen oder Bibliotheken verfügen schon lange über ein pädagogisches Konzept, mit dem sie informelles Lernen gestalten.

Als Kombination von formellen und informellen Lernen lässt sich auch die Herausforderung beschreiben, die Lebenswelten von Lernenden einzubeziehen. Hier geht es um die Wertschätzung von Vorerfahrung und dessen produktive Verwertung für das Kursgeschehen. Auch dies ist eine Form der Kombination von formellen und informellen Lernen und wirft die Frage auf, welcher Inhalt wo, in welchen Kontext, für das Kursgeschehen relevant gelernt wurde und wie darauf aufgebaut werden kann.

Informelles Lernen – Schwerpunktthema auf EPALE

In Anschluss an das Thema digitales Lernen in der Erwachsenenbildung wirkt das Thema informelles Lernen einerseits als Weiterführung, denn auch digitales Lernen kann eine Form des informellen Lernens sein. Andererseits ermöglicht es eine Weitung. Im Zentrum stehen in den kommenden Wochen auf den deutschen Seiten von EPALE: die Frage nach dem „Aber wie?“ Was sind die Konsequenzen der Betonung informellen Lernens für Organisationen der Erwachsenen- und Weiterbildung und die Politik? Wie lässt sich die Kombination beider Lernformen positiv für Weiterbildung nutzen?

Wie beziehen Sie informelles Lernen in Ihrer Organisation ein? Welche Instrumente kennen Sie, um dies zu tun? An welchen Herausforderungen arbeiten Sie? Diskutieren Sie mit!

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