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Blog

Ich habe das Recht zu schreiben!

23/04/2018
von Mahira Spiteri
Sprache: DE
Document available also in: EN FR MT

 

Ich habe das Recht zu schreiben.

Aber haben Sie die richtige Mentalität dafür?

Ich habe alles, was ich will. Ich habe Kinder. Geld. Mein eigenes Geschäft. Aber ich kann nicht lesen. Ich kann nicht schreiben. Ich habe es vor so vielen versteckt. Es gibt nichts, was ich mehr in meinem Leben will, als lesen und schreiben zu können! Ich will es für mich selbst. Ich brauche es, um meinen Kindern helfen zu können. Es würde mir bei der Arbeit und in persönlichen Beziehungen helfen. Aber wer kann verstehen, wie ich mich fühle? Ich glaube nicht, dass mir ein Lehrer wirklich helfen kann, weil er mich nicht verstehen kann.

 

Bens Worte haben mich sprachlos gemacht*. Es war eine zufällige Begegnung bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung.

Aber ich konnte nicht aufhören zu denken. Ich kann schreiben. Ben hat das Recht zu schreiben.

Wir alle haben das Recht zu schreiben.

 

Auf der Suche nach sozialer Gerechtigkeit durch Bildung fördert der Capability Approach (Fähigkeitenansatz) die Alphabetisierung als starke Quelle von Handlungskompetenz, Autonomie und sozioökonomischer Mobilität (Nussbaum, 2000; Sen, 2003). Analphabetismus wird dagegen als Unsicherheit, Benachteiligung und Ungleichheit angesehen (Maddox, 2008). Globale Alphabetisierungsstatistiken für Erwachsene sind eine traurige Erinnerung an die soziale Ungleichheit und mangelnde Nutzung von Fähigkeiten. Im weitesten Sinne ist Alphabetisierung innerhalb des Fähigkeitsansatzes ein soziales Recht für jedes Wesen und ein Schlüsselfaktor des Wohlbefindens (Maddox, 2008).

Laut Hartas (2014) hängen „[f]unctionings“ (Fähigkeiten) mit den unterschiedlichen Lebensbedingungen der Menschen zusammen. Gebildete Eltern können zum Beispiel besser in der Lage sein, zu Hause Lernunterstützung anzubieten und Lernbedingungen zu schaffen, die für die schulische Leistung von Kindern förderlich sind (vgl. S. 166). Fähigkeiten können sich auch auf die sozialen Zwänge beziehen, denen die Eltern zur Unterstützung der Ausbildung ihrer Kinder unterliegen (Hartas, 2014). Capabilities (Verwirklichungschancen) hingegen beziehen sich auf die Fähigkeit der Eltern, diese Einschränkungen zu überwinden. In dieser Hinsicht kann Analphabetismus zu einem Teufelskreis werden, wenn wir den Familien nicht die richtige Unterstützung bieten, um ihre Zwänge zu überwinden.

 

Ein trauriger Zyklus, bei dem sowohl die Jugendlichen als auch die Erwachsenen scheitern.

Und das können wir verbessern.

Aber wie können wir das in Ordnung bringen?

 

Sie können der Erwachsenenbildner sein, der den Unterschied macht.

Sie können diesen Zyklus stoppen.

Sie können Ben das Recht geben, zu schreiben.

Sie können allen Bens, denen Sie begegnen, diesen starken sozialen Anspruch und Schlüssel zum Wohlbefinden geben.

Aber haben Sie die richtige Einstellung?

 

Top 3 Tipps für die richtige Einstellung, um die Lese- und Schreibfähigkeiten von erwachsenen Lernenden zu stärken:

1.       Behandeln Sie sie wie erwachsene Lernende, aber vergessen Sie nicht, dass sie   wie jeder andere Lernende Angst haben können.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schultag? Was machen Eltern mit ihren Kindern am ersten Tag? Ermutigen sie sie mit tröstenden Worten? Wir müssen auch anerkennen, dass die Erfahrung eines erwachsenen Lernenden mit dem Lesenlernen genauso beängstigend sein kann, wie der erste Schultag eines Fünfjährigen. Sie müssen gefördert werden. Sie könnten der verändernde Faktor sein. Befolgen Sie jeden Schritt, aber bemühen Sie sich, erwachsene Ressourcen zu nutzen.

2.       Stellen Sie keine Vermutungen auf, sondern lernen Sie sie kennen!

Bringen Sie in Erfahrung, warum sie lesen und schreiben lernen wollen. Was hat sie bisher davon abgehalten? Stellen Sie keine Vermutungen auf. Lernen Sie ihre Geschichten und Sie werden den Schlüssel zu ihrem Lernen finden. Es braucht Mut, um anzufangen. Seien wir ehrlich. Würden Sie das gleiche Spiel weiterspielen, wenn Sie ständig verlieren? Ich nicht. Vielleicht haben sie zuvor nicht die richtige Unterstützung gehabt, um weiterzumachen. Sie können diese Unterstützung sein. Lernen Sie sie kennen. Entdecken Sie, was ihre innere Motivation zum Lernen ist. Wenn Sie sie gut kennen, können Sie einen großen Unterschied in ihrer Lernreise machen.

3.       Lassen Sie sie nicht aufgeben, aber geben Sie vor allem selbst nicht auf!

Lassen Sie sie nicht aufgeben. Sie mögen vielleicht nicht zum Unterricht erscheinen. Dies bedeutet nicht, dass er ihnen egal ist. Manchmal bedeutet es: Ich habe Angst. Ich habe Angst, wieder zu versagen. Ich will nicht aufgeben, aber wird mich jemand verurteilen? Zeigen Sie ihnen, dass Sie sich um sie sorgen. Lassen Sie sie wissen, dass es nicht nur für sie wichtig ist, dass sie lesen und schreiben lernen. Sondern, dass es auch wichtig für Sie ist. Sie sind Teil des Systems. Das System, das das in Ordnung bringen muss. Sie sind die Person, die sie nicht ihr Recht aufgeben lässt, sondern ihnen beim Schreiben hilft.

 

Aber wie können wir es diesmal richtig machen?

Die Antwort ist einfach: Es gibt keine einzige beste Methode.

 

Einige Strategien zu identifizieren kann es jedoch relevanter machen, den Lernenden  zum Erfolg zu verhelfen. Sie können damit beginnen, die richtige Mentalität zu haben und Ergebnisse mit sinnvollen andragogischen Praktiken zu kombinieren. Bloom's Taxonomie kann Ihnen helfen, Lernergebnisse zu klassifizieren und die Lernenden beim zu unterstützen, indem Sie eine Orientierungshilfe bereitstellen (Scaffolding). Knowles (2014) Prinzipien der Andragogik können auf diese Weise auf Blooms Taxonomie übertragen werden:

  • Beteiligung und Feedback = Erinnern & Erklären
  • Bezogen auf die eigenen Erfahrungen = Anwendung
  • Relevant für ihr aktuelles Leben oder ihre Ziele = Analyse & Synthese
  • Problemlösung = Bewerten & Erstellen

 

Erinnern Sie sich:

Lernen ist ein kontinuierlicher Kreislauf.

Wir alle haben das Recht zu schreiben.

Haben Sie die richtige Mentalität, um eine aktive Rolle im Zyklus zu übernehmen?

 

 

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(eLearning Industry, 2018)

 

 

Pamela Spiteri ist die Bildungsbeauftragte für die Prävention des vorzeitigen Schulabbruchs in der ESL-Einheit (Early School Leaving) in Malta. Zurzeit absolviert sie ein PhD-Programm in Bildung und sozialer Gerechtigkeit an der Lancaster University und hat zuvor einen Master in Bildung an der Sheffield University erworben: Lehren, Lernen und Forschen. Pamela ist außerdem Gastdozentin am Institut für Bildung in den Bereichen Pädagogik, Andragogik und soziale Gerechtigkeit. Außerdem unterstützt sie Lehramtsstudenten als Tutorin während ihrer Lehrtätigkeit sowohl am Institut für Pädagogik als auch an der Universität von Malta.

 

Referenzen:

eLearning Industry. (2018). The Adult Learning Theory - Andragogy - of Malcolm Knowles - eLearning Industry. [online] Available at: https://elearningindustry.com/the-adult-learning-theory-andragogy-of-mal... [Accessed 22 Mar. 2018].

Hartas, D. (2014). Family Policy and the Capability Approach to Parents’ and Children’s Well-Being. In: Parenting, Family Policy and Children’s Well-Being in an Unequal Society. Palgrave Macmillan, London, pp. 166-187.

Knowles, M.S., Holton III, E.F. and Swanson, R.A., 2014. The adult learner: The definitive classic in adult education and human resource development. Routledge.

Krathwohl, D.R., 2002. A revision of Bloom's taxonomy: An overview. Theory into practice, 41(4), pp.212-218.

Maddox, B. (2008). What good is literacy? Insights and implications of the capabilities approach. Journal of Human Development, 9(2), pp. 185-206.

Nussbaum, M.C. (2000). Woman and Human Development: The Capabilities Approach. Cambridge University Press, Cambridge.

Sen, A. (2003). ‘Reflections on literacy’. In: C. Robinson, ed., Literacy as freedom. UNESCO, Paris, pp. 21-30.

 

 

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1 - 2 von 2 anzeigen
  • Bild des Benutzers Cath Harcula
    Interesting references to Hartas D (2014).  Family Learning programmes have been shown to engage parents with low levels of literacy as they are motivated to ensure that their children achieve.
  • Bild des Benutzers Pamela Spiteri
    Thanks for your feedback Cath Harcula. I tend to agree and find that Hartas has discussed this quite well in her work.