chevron-down chevron-left chevron-right chevron-up home circle comment double-caret-left double-caret-right like like2 twitter epale-arrow-up text-bubble cloud stop caret-down caret-up caret-left caret-right file-text

EPALE

E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

 
 

Blog

„Das finde ich doch alles im Internet!“ Selbstanleitung und Medienkompetenz als Herausforderung für die Bildungs- und Berufsberatung (Teil 1)

04/04/2018
von Wolfgang Bliem
Sprache: DE
Document available also in: EN

Dass die Digitalisierung heute längst alle Lebensbereiche durchdringt, dem kann sich auch die Bildungs- und Berufsberatung nicht entziehen. Durch den praktisch flächendeckenden Zugang zum Internet stehen den Beratungskundinnen und -kunden beispielsweise immer mehr Möglichkeiten zur Verfügung sich Informationen selbst zu beschaffen oder sie nutzen verschiedenste Anwendungen, um sich selbst im Orientierungsprozess anzuleiten. Nicht selten führt diese Vielfalt an Möglichkeiten zu Verunsicherung und Überforderung, weil die Kompetenzen zur Beurteilung der Informationen, zur Interpretation der Ergebnisse oder zur Anwendung der Tools zu wenig ausgeprägt sind. Daraus ergeben sich für die Bildungs- und Berufsberatung sowohl Chancen für die Erschließung neuer bzw. Sicherung bestehender Zielgruppen als auch Herausforderungen in der Gestaltung geeigneter Beratungsangebote und in der Entwicklung der erforderlichen Kompetenzen der Berater/innen.

Alles Digital?!

Das Thema Digitalisierung ist nicht nur in den Medien allgegenwärtig, es beeinflusst und verändert tatsächlich unser Leben und Arbeiten – und das nicht erst seit gestern. Es vergeht kaum ein Tag an dem nicht in Zeitungen, Dokumentationen, Diskussionen, Blogs oder Foren über die Risiken und Bedrohungen (oft) oder (seltener) die Chancen und Möglichkeiten durch Roboter, Computer und Algorithmen für die Zukunft der menschlichen Arbeit berichtet und diskutiert wird.

Gleichzeitig nutzen die meisten von uns ganz selbstverständlich täglich verschiedenste digitale Anwendungen; mitunter auch relativ unkritisch und exzessiv. Um sich diese Durchdringung persönlich etwas bewusster zu machen, kann es hilfreich sein, konkret zu überlegen, wie digitalisiert man selbst schon ist: Wie wickle ich meine Bankgeschäfte/Zahlungen ab? Wie buche ich meine Urlaube? Wie kommuniziere ich mit Freunden, in der Familie oder mit Behörden? Wo und wie kaufe ich ein? Wie steuere ich meine Haustechnik? Wie gestalte ich meine Freizeit (Medienkonsum, Gaming)? Welche Assistenzsysteme verwende ich in meinem Fahrzeug? usw. Die Liste lässt sich fast beliebig fortsetzen.

Das alles sind auch keine völlig neuen Trends, sondern Entwicklungen, die sich Schritt für Schritt seit vielen Jahren vollziehen. Der häufig unterstellte revolutionäre Charakter der Digitalisierung entspricht somit viel eher einer Evolution. Was sich zunehmend verändert ist einerseits die Geschwindigkeit und andererseits die Sichtbarkeit dieser evolutionären Entwicklung. Durch Fortschritte etwa bei Speichertechnologien und Übertragungsgeschwindigkeiten werden manche Hürden, die die Digitalisierung bisher gebremst haben, mehr und mehr abgebaut. 3D-Druck, autonomes Fahren, Virtualisierung und Augmented Reality sind beispielsweise Technologien die uns faszinieren, gleichzeitig aber auch die Konsequenzen für unsere Lebens- und Arbeitswelt, Arbeitsplätze und Tätigkeitsbereiche und für den damit zusammenhängenden Qualifikationsbedarf stärker sichtbar machen, als etwa die schleichende Automatisierung in der Vergangenheit.

…und in der Bildungs- und Berufsberatung?

Die Formate der Bildungs- und Berufsberatung sind einem zunehmenden Wandel unterworfen. Immer mehr Menschen nutzen das Internet und soziale Medien, um Berufs- und (Aus-) Bildungsmöglichkeiten zu erkunden. Über soziale Netze, Jobportale, Diskussionsforen oder andere Onlineservices fragen sie Gleichaltrige, Menschen mit mehr Erfahrung oder Expertinnen und Experten aus der Bildungs- und Berufsberatung um Rat. Die traditionelle Einzelberatung in Beratungseinrichtungen wird zunehmend durch Selbstanleitung ergänzt und erweitert.

Die Abbildung veranschaulicht an einer Reihe von allgemeinen Schlagwörtern die große Vielfalt digitaler Anwendungen und Möglichkeiten, die in der Bildungs- und Berufsberatung eine Rolle spielen können – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

/en/file/abb26wolfgangbliemjpgabb_26_wolfgang_bliem.jpg

 

Um sich im Netz erfolgreich zu bewegen und zu orientieren, benötigen sowohl Rat- und Informationssuchende als auch Berater/innen entsprechende Kompetenzen zur Nutzung solcher Medien und zur sinnvollen und effizienten Selbstanleitung. Bildungs- und Berufsberater/innen sollten außerdem in der Lage sein, den Ratsuchenden mit Tipps und Anleitungen zur Seite zu stehen. Dazu gehört aktuelles Know-how über Tools und Anwendungen ebenso wie die Medienkompetenz, mit diesen effizient umzugehen (z. B. intelligente Suchstrategien, Auswahl und Beurteilung der Informationen und Informationsquellen, geeignetes Kommunikationsverhalten). Moderne Medienkompetenz und Anleitung zur Selbstanleitung werden damit wichtige Bestandteile im Beratungsprozess.

Bei der Auswahl und Gestaltung geeigneter Kommunikations- und Informationstools gilt es das Nutzungsverhalten der Kundinnen und Kunden zu kennen. Die Statistik Austria veröffentlicht regelmäßig im Rahmen der Europäischen Erhebung über den IKT-Einsatz in Haushalten Daten zur Verbreitung und Nutzung des Internets in Österreich. Diese Daten bestätigen nicht nur, dass 2017 nahezu 100% der jungen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren fast täglich das Internet nutzten, sondern immerhin auch rund 70% der 55 bis 64-Jährigen. Mehr noch lässt sich zeigen, dass 2015 immerhin rund 35% der Nutzer/innen das Internet auch zur Recherche von Informationen über Ausbildungs-, Weiterbildungs- oder Kursangeboten genutzt haben und über 15% zur Jobsuche oder zum Senden von Bewerbungsunterlagen. Die Nutzung sozialer Netzwerke liegt vergleichsweise bei rund 55%.[1]

Dieses Onlineverhalten gilt es in der Bildungs- und Berufsberatung zu kennen und zu analysieren, um die Online-User/innen gezielt ansprechen und unterstützen und geeignete Angebote entwickeln zu können. Es geht aber auch darum, die Kompetenzen, die sich durch die Verwendung digitaler Tools entwickeln (Stichwort Gaming), für die Bildungs- und Berufsberatung nutzbar zu machen.

Zum 2. Teil des Artikels.

Der Artikel basiert auf einem Workshop der Euroguidance Fachtagung 2017 in Wien.

Zur Publikation Guidance 4.0 - Neue Tools und Skills in der Beratung.

Abbildung: (c) Wolfgang Bliem


Autor

Wolfgang Bliem ist seit 2004 am ibw – Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft in den Bereichen Berufsinformation und Qualifikationsforschung tätig. Er ist seit 2015 Lehrbeauftragter und hält Vorträge am bifeb (Bundesinstitut für Erwachsenenbildung) u.a. im Lehrgang für Bildungs- und Berufsberatung. Er übt diverse Lehr- und Vortragstätigkeiten für Pädagogische Hochschulen und an der Donau-Universität Krems im Masterlehrgang Bildungs- und Berufsberatung aus. Er hat Wirtschaftspädagogik an der WU Wien studiert und war 6 Jahre Revisionsassistent bei der Unitas-Solidaris Wirtschaftstreuhand GmbH.

E-Mail: bliem@ibw.at

Website: www.ibw.at, www.bic.at


[1]     Zahlen: Statistik Austria (2015 und 2017): Europäische Erhebung über den IKT-Einsatz in Haushalten. www.statistik.at

Share on Facebook Share on Twitter Epale SoundCloud Share on LinkedIn