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Blog

„Das finde ich doch alles im Internet!“ Selbstanleitung und Medienkompetenz als Herausforderung für die Bildungs- und Berufsberatung (Teil 2)

04/04/2018
von Wolfgang Bliem
Sprache: DE
Document available also in: EN

Herausforderungen und mögliche Entwicklungen in der Bildungs- und Berufsberatung

Während die fortschreitende Digitalisierung gut an den vielfältigen Internet-Tools und Anwendungen festzumachen ist, die der Bildungs- und Berufsberatung schon seit vielen Jahren zur Verfügung stehen (Berufsinfoseiten, Förderdatenbanken, Weiterbildungsdatenbanken usw.), gehen ihre Auswirkungen auf die Beratung heute tatsächlich wesentlich weiter. Beispielsweise können die Möglichkeiten der selbstständigen Informationsrecherche rasch zur Überforderung in der Vielfalt und Unübersichtlichkeit der Informationen führen. Die vermeintliche Eigendiagnostik über Onlinetests, lässt mitunter mehr Fragen offen, als sie beantwortet kann. Das Erfordernis Bewerbungen und Lebensläufe online zu gestalten, wirft die Frage auf, wie ich als Bewerber/in meine Einzigartigkeit in standardisierten Formularen zum Ausdruck bringe. Und dann ist da noch das oft implizite Versprechen rascher, unkomplizierter Antworten auf Fragen, die Nutzer/innen mangels Orientierung und Auseinandersetzung mit sich selbst häufig gar nicht erst stellen können.

Das sind nur einige Entwicklungen, die die Bildungs- und Berufsberatung vor dem Hintergrund der Selbstanleitung und Medienkompetenz vor Veränderungen und neue Herausforderungen stellt. In Abbildung 27 werden mögliche Entwicklungen und Herausforderungen zu vier Dimensionen zusammengefasst, die nachfolgend kurz beschrieben werden:

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Dimension: Veränderung der Kundinnen- und Kundenstruktur

Durch den immer leichteren Zugang zu Informationen über (Aus-) Bildung und Beruf und das steigende Angebot an Orientierungstools und Onlinetests, steigen auch die Möglichkeiten sich mittels Selbstanleitung mit der eigenen Bildungs- und Berufslaufbahn zu beschäftigen. Gleichzeitig erschwert die Vielfalt, Komplexität und Unübersichtlichkeit der bereitgestellten Informationen die Auseinandersetzung mit den eigenen Erwartungen, Interessen, Neigungen, Eignungen und Berufsvorstellungen. In diesem Spannungsfeld kann sich für die Bildungs- und Berufsberatung eine weitere Ausdifferenzierung der Zielgruppen ergeben, die neben der Orientierung beispielsweise an Alter, Geschlecht, Qualifikationsniveau, möglichen Benachteiligungen auch den Grad der Vorinformiertheit stärker in Betracht ziehen muss.

Zur Kategorisierung der Ratsuchenden nach dem Kriterium der Informiertheit[1] hat der Autor im Workshop unter anderem folgende „Typen“ an Kundinnen und Kunden zur Diskussion gestellt[2]:

  1. Der/die mündige Konsument/in“: gut vorinformiert, kommt er/sie mit klaren Vorstellungen und hohen Ansprüchen in die Beratung und sucht vor allem Bestätigung für die eigentlich bereits getroffene Entscheidung.
  2. Der/die Verunsicherte“: ebenfalls gut vorinformiert hat diese Kundin/dieser Kunde aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten eher vage Vorstellungen, stellt aber hohe Ansprüche und sucht vor allem nach Entscheidungshilfen.
  3. Der/die Überforderte“: fühlt sich aufgrund der Unübersichtlichkeit der Informationen überfordert, informiert sich daher selbst eher schlecht und hat keine oder nur vage Vorstellungen. Diese Kundin/dieser Kunde stellt aber ebenfalls hohe Ansprüche und sucht vorrangig Orientierung.

Darüber hinaus sind zahlreiche weitere Typen identifizierbar, wie z. B. der/die Unentschlossene, Online-Verweigerer/in, Uninformierte, Gleichgültige oder Unerreichbare. Die Abgrenzung zwischen den Typen wird in der Realität oft nicht eindeutig und eher fließend sein. Die Konsequenzen einer solchen Typisierung liegen sowohl in der Planung und Gestaltung von Beratungsangeboten[3] als auch in den Anforderungen an die Kompetenzen der Berater/innen. Ähnlich wie etwa im Fachhandel die Anforderungen an das Produkt Know-how der Fachberater/innen durch gut vorinformierte Kundinnen und Kunden steigt, könnten die Anforderungen an die Bildungs- und Berufsberater/innen weiter steigen, wenn sich – wie zu erwarten – der Trend zur Selbstanleitung verstärkt.

Dimension: Entwicklung von Beratungsangeboten

Die Kommunikation zwischen Berater/in und Kundinnen und Kunden wird auf unterschiedliche Weise digital erweitert und unterstützt. Im Sinne eines „blended counseling“ wechseln persönliche Kontakte mit Selbstanleitungsphasen ab. Mit diesen Möglichkeiten steigen unter Umständen aber auch die Ansprüche an die Erreichbarkeit und an die Sichtbarkeit der Beratungsangebote und -anbieter/innen. Die Erwartung zeit- und ortsunabhängiger, anonymer und mobiler Beratungsangebote richtet den Fokus stark auf Online-Beratung und andere Formen des E-Counseling. Damit kann dem Bestreben Rechnung getragen werden, niederschwelligen und breiteren Zugang zu Beratungsangeboten zu schaffen. Umgekehrt darf diese Entwicklung aber nicht dazu führen, dass durch eine Ausweitung digitale Angebote Personengruppen aufgrund fehlender technischer Voraussetzungen oder digitaler Kompetenzen von der Nutzung ausgeschlossen und damit bereits bestehende Benachteiligungen sogar noch verstärkt werden.

Die Anleitung zur Selbstanleitung einschließlich Angeboten zur Schulung der Medienkompetenz, die Interpretation automatisierter Testergebnisse, die Unterstützung im digitalisierten Bewerbungsprozess oder neue Möglichkeit zur virtuellen und interaktiven Erforschung von Tätigkeitsbereichen und Aus- und Weiterbildungsangeboten, können das Leistungsspektrum der Bildungs- und Berufsberatung erweitern und zum integrierten Bestandteil von Beratungsprozessen werden. Im Idealfall kann der Beratungsprozess an Intensität gewinnen, weil durch den leichten Zugang zu Informationen beispielsweise die Recherche zum Teil aus der Beratung in die Selbstanleitung verlagert werden kann. Die Beratung kann sich in diesem Fall voll auf die Interaktion mit der Kundin/dem Kunden konzentrieren und damit noch an Tiefe gewinnen.  

Dimension: Know-how der Berater/innen

Die Anforderungen an das Know-how der Berater/innen im Kontext der Selbstanleitung und Medienkompetenz umfassen sowohl kompetente IT-Anwenderkenntnisse einschließlich der Thematiken Informations- und Wissensmanagement, Datensicherheit/Datenschutz und Privacy, als auch umfassendes Know-how über die Tools und Anwendungen, die für die Beratung zur Verfügung stehen. Zu wissen, was die verschiedenen Tools können, welche Voraussetzungen damit verbunden sind, wo die Grenzen der Anwendbarkeit liegen, gehört dazu ebenso, wie die Erfahrung, welche Anwendungen für welche Zielgruppe in welcher Situation und zu welchem Zweck (Information und Recherche, Kommunikation, Beratung, Testung, Arbeitstool, Vernetzung …) besonders geeignet sind.

Eine Konsequenz daraus ist der Anspruch, dass sich Berater/innen auch aktiv mit Social Media Anwendungen und Messengerdiensten (facebook, Twitter, Snapchat, WhatsApp etc.), e-Portfolios und Karrierenetzwerken (LinkedIn, Xing usw.) auseinandersetzen, diese selbst nutzen oder zumindest zu Testzwecken Accounts führen. Auch wenn sie die Tools nicht für den eigenen Gebrauch nutzen wollen, sollten Berater/innen die Möglichkeiten dieser Anwendungen kennen und ausprobieren, um Ratsuchende darüber informieren und darin anleiten zu können.

Dimension: Medienkompetenz als spezieller Teil des Berater/innen Know-hows

Im Bereich der Medienkompetenz lassen sich unter anderem Aspekte der Informationsrecherche (intelligente Suchstrategien, Verwendung von Expertensystemen und Netzwerken etc.), der Beurteilung z. B. hinsichtlich Aktualität, Qualität, Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit, Überprüfbarkeit der Informationen und Anwendungen und der Nutzung unter Berücksichtigung von Urheber- und Nutzungsrechten, Persönlichkeitsrechten und Datenschutz zusammenfassen.

Zum 3. Teil des Artikels.

Zur Publikation Guidance 4.0 - Neue Tools und Skills in der Beratung.


Autor

Wolfgang Bliem ist seit 2004 am ibw – Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft in den Bereichen Berufsinformation und Qualifikationsforschung tätig. Er ist seit 2015 Lehrbeauftragter und hält Vorträge am bifeb (Bundesinstitut für Erwachsenenbildung) u.a. im Lehrgang für Bildungs- und Berufsberatung. Er übt diverse Lehr- und Vortragstätigkeiten für Pädagogische Hochschulen und an der Donau-Universität Krems im Masterlehrgang Bildungs- und Berufsberatung aus. Er hat Wirtschaftspädagogik an der WU Wien studiert und war 6 Jahre Revisionsassistent bei der Unitas-Solidaris Wirtschaftstreuhand GmbH.

E-Mail: bliem@ibw.at

Website:  www.ibw.at, www.bic.at


[1]     Informiertheit schließt hier vereinfacht nicht nur das Wissen über die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeit ein, sondern in einem umfassenden Sinn auch die erfolgte Auseinandersetzung mit der eigenen Person, den Erwartungen, Interessen, Fähigkeiten, Potenzialen usw.

[2]     Diese Typisierung folgt keinem empirischen Forschungsansatz, sondern resultiert aus einem Abwägen beobachtbaren Entwicklungen und Veränderungen in der Gesellschaft, durchaus auch losgelöst von der Bildungs- und Berufsberatung.

[3]     einschließlich der Beratungsansätze und Methodenwahl sowie Identifizierung und erforderlichenfalls Entwicklung und Bereitstellung weiterer zielgruppenspezifischer Unterstützungstools

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