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Wie können wir erwachsene Lernende dazu bestärken, ihre Selbsteinschätzung in den Lernprozesses zu integrieren?

Wie können wir als ErwachsenenbildnerInnen erwachsenen Lernenden helfen, sich ihrer bereits vorhandenen Kompetenzen bewusst zu werden?

Im Informationszentrum der Tempusstiftung haben wir die Möglichkeit, uns mit Menschen auszutauschen, die sich weiterführend darüber informieren möchten, wie sie mithilfe der Europass Tools (Sprachenpass, Lebenslauf, Europass-Mobilitätszertifikat) ihre Kompetenzen präsentieren können. Im Rahmen der von ErwachsenenbildnerInnen durchgeführten Trainings und Aktivitäten des Euroguidance-Zentrums in Serbien stellt sich dabei die Frage, wie die Einschätzung der von erwachsenen Lernenden hinzugewonnenen Kompetenzen am besten gelingt. Des Weiteren gilt es zu ermitteln, welche Beratungsangebote ihnen helfen könnten, sich ihrer bereits vorhandenen Kompetenzen bewusst zu werden. Wir haben eine Reihe von Empfehlungen zusammengestellt, die ErwachsenenbildnerInnen im Alltag bei der Bestrebung nach effektivem Monitoring von Kompetenzentwicklung unterstützen sollen, unter Berücksichtigung der Perspektiven von erwachsenen Lernenden, sowie ihrer Fähigkeit, eigene Kompetenzen zu evaluieren.

Sich auf das Ziel einigen: Was will ich lernen?

Ein maßgeblicher Schritt bei der Entwicklung von Trainings umfasst die Aufstellung von Zielen und angestrebten Ergebnissen: Welcher Zugewinn wird Lernenden dadurch gewährt? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen können sie dabei entwickeln? Während die Antworten auf diese Fragen für ErwachsenenbildnerInnen meist klar sind, haben die Lernenden selbst meist kein klares Ziel vor Augen. Um sicherzustellen, dass ErwachsenenbildnerInnen und Lernende auf ein und dasselbe Lernziel hinarbeiten, ist es hilfreich, wenn sich beide Seiten im Vorfeld auf das eigentliche (Lern-) Ziel und die dahin führenden Etappen einigen. Dabei haben AusbilderInnen die Aufgabe, die Zielsetzungen des Trainings zu erläutern und die Zusammenhänge zwischen den Trainingsinhalten und den Zielsetzungen zu verdeutlichen. Dies sollte auf eine für die Lernenden leicht verständliche und einfach zugängliche Art und Weise vorgenommen werden. Die Lernenden haben die Aufgabe, falls notwendig, um Klarstellung zu bitten, sowie ihre Erwartungen und persönlichen Ziele hinsichtlich des Präsentierten im Rahmen der Didaktik auszudrücken. Beispielsweise sollten Lernende deutlich kommunizieren, wenn der Stundenplan für sie ungünstig ist oder der Umfang der Hausaufgaben ihre Möglichkeiten übersteigt.

Es besteht auch die Möglichkeit, die Ergebnisse der Zielvereinbarung schriftlich darzulegen — einige ErwachsenenbildnerInnen ziehen eine beidseitig unterzeichnete Vereinbarung vor. Die Möglichkeiten sind dabei vielfältig: die Umsetzung kann individuell oder in Gruppenarbeit, vor oder zu Beginn des Trainings oder als Einstufungstest erfolgen. Ein Beispiel eines solchen Prozesses ist die Gestaltung (in)formeller Lernverträge, welche später bei der Erstellung des Europass-Mobilitätszertifikats zu Hilfe gezogen werden können. Eine klare Zielsetzung ermöglicht es, sowohl ErwachsenenbildnerInnen als auch Lernenden einen Bezugspunkt für die Entwicklungsbewertung zu erhalten, sowie eine klare Arbeitsteilung zu haben. Zusätzlich ist es einfacher, die Erfahrungen zusammenzufassen und die Identifizierung des Lernerfolgs am Ende des Trainings wird dank der im Vertrag vereinbarten Punkte erleichtert.

Eine Kultur der reflektierenden Analyse und Selbsteinschätzung während des Trainings ermöglichen

Die Auseinandersetzung mit den Erwartungen und Zielen zu Beginn des Trainings gehört zu den allerersten Schritten zur Etablierung einer Kultur der reflektierenden Analyse und Selbsteinschätzung während des Trainings. Es sollte ebenfalls bedacht werden, dass Lernende mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebenserfahrungen das Training beginnen. Möglicherweise hatten sie noch nie die Möglichkeit zu lernen, wie man selbstreflexiv auf eigene Erfahrungen zurückschauen kann und warum das notwendig ist. Es ist essentiell, die Bedeutung der reflektierenden Analyse während des Lern- und Arbeitsprozesses zu unterstreichen und Aktivitäten einzubauen, die es Lernenden ermöglichen, sich unterschiedliche Methoden der Selbsteinschätzung anzueignen. Eine häufig verwendete Methode ist die Führung eines Lerntagebuchs, in dem die Lernenden Notizen machen können hinsichtlich ihrer Aufgaben, ihrer Gefühle und Gedanken, der Zusammenhänge zwischen jetzigen Aufgaben und vergangenen Erlebnissen und welche Rückschlüsse aus der Lernerfahrung gezogen werden können und wie diese in Zukunft genutzt werden können. Das Führen eines Lerntagebuchs ist eine umfangreiche Aufgabe, welche in manchen Fällen mehr Zeit in Anspruch nehmen könnte, als die Lernenden tatsächlich zur Verfügung haben. Die dafür verwendeten Elemente der selbstreflektierenden Analyse können anregend wirken auf die Durchführung anderer Trainingsaufgaben, z.B. bei bestimmten Praxisübungen. Verschiedene Einschätzungstechniken, Feedback für Lernende, Sprach- und Digitalkompetenzbewertungstools wie das Europass tool for assessment of language and digital skills und das Reflektieren von Zielsetzungen und Erwartungen zeigen Lernenden unterschiedliche Formen der Evaluation und helfen ihnen, diese in das allgemeine Trainingskonzept einzuordnen. Die Etablierung einer Kultur der Selbsteinschätzung ermöglicht es zusätzlich, den Vorgang der Bewertung an sich aus einer anderen Perspektive darzustellen — nicht als finalen, bestimmenden und stressigen Moment, sondern als wichtigen Bestandteil des Lernprozesses.

Potentielle Störungsfaktoren bei der Selbsteinschätzung von Lernenden identifizieren 

Als ErwachsenenbildnerInnen fällt es uns oft auf, dass Lernende bei der Selbsteinschätzung zu (un)kritisch sein können. Zusätzlich können verschiedene Überzeugungen der Lernenden sich negativ auf den Lernprozess und den damit einhergehenden Einschätzungsprozess auswirken. Beispiele hierfür sind: die Angst einen Fehler zu machen oder auch die Angst vor der Reaktion der Mitlernenden. Oft glauben Lernende, die Einschätzung der eigenen Leistung sei nicht ihre Aufgabe — es soll stattdessen ein anderer evaluieren, ob sie etwas gelernt haben oder nicht. Das Schaffen einer Atmosphäre der Kooperation und der reflektierenden Analyse kann helfen, einigen dieser Herausforderungen zu begegnen, ohne alle Lernenden einzeln anzusprechen. So kann unter anderem vermittelt werden, dass von allen Teilnehmenden erwartet wird, dass sie eine aktive Rolle spielen. Spezifisches und deutliches Feedback während des gesamten Trainingsverlaufes kann Lernende dazu motivieren, ihre eigenen Überzeugungen bezüglich ihrer Fähigkeiten und Erfolge neu zu bewerten. Allerdings ist es trotzdem manchmal notwendig, direkte Kritik zu äußern und auf von Lernenden begangene Fehler hinzuweisen. Dabei sollten Techniken der nicht-direktiven Kommunikation und des aktiven Zuhörens verwendet werden wie: „Sie scheinen zu glauben, dass Sie nicht genug wissen, obwohl Sie in den Prüfungen eine ausgezeichnete Leistung erbracht haben.“

Wir sind überzeugt, dass ErwachsenenbildnerInnen die meisten dieser Empfehlungen wahrscheinlich bereits bekannt sind. Wir hoffen daher, dass dieser Blogbeitrag eher als Erinnerung und Inspirationsquelle für den Einsatz verschiedener Techniken und Tools und die Erstellung von Einschätzungsaktivitäten im Trainingsverlauf dienen kann. Die Erfahrungen von ErwachsenenbildnerInnen aus ganz Europa bezüglich der Einschätzung von Kompetenzen bei Erwachsenen sind enthalten in der Zusammenfassung des Themenschwerpunktes von EPALE im Juni, zusammengestellt vom Themenkoordinator Markus Palmen. Wir laden Sie herzlich dazu ein, Ihre Erfahrungen und Beispiele positiver Bildungspraxis in den Kommentaren zu teilen.

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