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[Die lebenslange berufliche Orientierung anstreben?] Unterstützung bei der Entscheidungsfindung in unsicheren Zeiten

12/07/2019
by André Chauvet
Sprache: DE
Document available also in: FR EN

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Unterstützung bei der Entscheidungsfindung in unsicheren Zeiten

Vermutlich kann man sich recht schnell darauf einigen, dass der Mensch vor der Herausforderung steht, ein Leben lang fundierte Entscheidungen zu treffen. Dies betrifft sowohl die Wahl der Ausbildung als auch den beruflichen Werdegang, die beide von gut durchdachten Entscheidungen, durch die Umstände bedingte Entscheidungen und das Ergreifen von Chancen beeinflusst sein können. Eine spätere Untersuchung dieser Entscheidungen fördert nur selten eine strategische Kohärenz, eine strukturierte Rationalität zu Tage. Häufiger ist das Unvorhergesehene. Die Geistes- und Sozialwissenschaften gründen auf dem Konzept der Stabilität und der Berechenbarkeit... und sind nun etwas ratlos. Sie müssen ihr Analyseprogramm neu betrachten. … Sie müssen lernen zu denken was es bedeutet, mit dem Ungewissen zu leben…Entscheiden kann nicht länger darin bestehen, die optimalste Anordnung von Mittel und Zweck zu finden“, sagt der Soziologe Marc-Henry Soulet in der Einleitung zu dem Sammelband „Action et incertitude. Les épreuves de l’incertain“.

Unvorhersehbarkeit und freie Wahl

In einer Gesellschaft der stetigen Beschleunigung und der Unvorhersehbarkeit überlegte Entscheidungen zur beruflichen Entwicklung zu treffen bedeutet, eine Vielzahl von Parametern berücksichtigen zu müssen, von denen einige steuerbar und objektiv sind, während andere durch ihr eher willkürliches und kontextbezogenes Wesen nicht ins Kalkül gezogen werden können. Die Wahl einer beruflichen Orientierung kommt somit einer Wette gleich, bei der uns in Bezug auf die zugrunde liegenden Daten gesagt wird, dass diese flüchtig, variabel und von geringer Aussagekraft sind. Wenn man davon ausgeht, dass die Ungewissheit eine Prognose willkürlich werden lässt, kann ein probabilistischer Ansatz aufschlussreicher sein. Anstatt die „richtige“ berufliche Orientierung anzustreben („richtig“ für wen?), sollte die Reflexion über das Risiko im Mittelpunkt stehen. Es besteht mit Sicherheit eine Korrelation zwischen Wahlfreiheit und der Fähigkeit, das Les- und Steuerbare von dem kaum Vorhersehbaren zu unterscheiden, indem Strategien der Kehrtwende oder Alternativen integriert werden. Dies setzt aber auch die Annahme voraus, dass es eine vollkommene Wahlfreiheit nicht gibt. Dies zu bekräftigen stellt eine ausgezeichnete Möglichkeit dar, die institutionelle Verantwortung für der Folgen von Entscheidungen auf den Einzelnen abzuwälzen. Es findet eine Übertragung der Verantwortung statt: Die Institution stellt die Ressourcen zur Verfügung – der Einzelne ist dafür zuständig, diese bestmöglich zu nutzen. Die Realität ist facettenreicher. Unser freier Wille existiert und äußert sich in einer Reihe von Kleinstentscheidungen, deren Folgen wir oft nicht überschauen können: Entweder weil wir sie nicht sehen oder weil sie nicht absehbar sind. Das Konzept der Gleichbehandlung hingegen muss sich mit der Art und Weise befassen, wie der Einzelne die ihm zur Verfügung gestellten und ihm innewohnenden Ressourcen umsetzen kann, um sich auf ein Ziel zuzubewegen, das er als sinnvoll empfindet und ihm wichtig ist. Dieser Ansatz mag bescheidener sein, ist aber zweifellos realistischer und kann es auf jeden Fall möglich machen, eine Wahrnehmung des „fähigen“ Individuums, das sich von verschiedenen Determinismen emanzipieren kann, und eine öffentliche Politik, die das Augenmerk darauf legt, dem Einzelnen die Ausübung seiner Rechte sowie die Befreiung von Einschränkungen zu ermöglichen, die von Unvorhersehbarkeit und Komplexität noch amplifiziert werden, in Einklang zu bringen. Genau an diesem Punkt können Beratung und Unterstützung ansetzen und diese unterstützende Funktion übernehmen.

Berufliche Orientierung in unsicheren Zeiten: Das Risiko

In Anbetracht der Tatsache, dass ein Lebenslauf auch daraus entsteht, Dinge miteinander in Einklang bringen zu müssen, stellt sich die Frage der richtigen und falschen Entscheidungen anders. Und die Unterstützung der Menschen bei ihren Entscheidungen erscheint in einem anderen Licht. Da unsere Entscheidungen auch von der Vorstellung beeinflusst werden, die wir uns von Branchen oder Berufen machen, besteht stets das Risiko, den Einzelnen dazu zu bringen, das Bekannte zu wählen. Wenn das Risiko als Arbeitsobjekt bei der Entscheidungsunterstützung betrachten wird, können mehrere Ansätze den Fachleuten bei der Konzipierung ihres Beitrags helfen:

- Der erste ist eine Reflexion, die nicht mehr allein den Inhalt der in Betracht gezogenen Lösungen, sondern die Möglichkeiten betrifft, die diese Entscheidungen kurz- und mittelfristig eröffnen. Die Hypothesen nicht mehr nur aus der Perspektive ihrer sichtbaren Anreize oder Indikatoren, sondern auch aus der ihres Potentials zu betrachten, in der weiteren Entwicklung als Stütze zu dienen. Also ein Kriterium des strategischen Nutzens: Was nützt es mir, mich dafür zu entscheiden?

- Der zweite besteht darin, Unentschlossenheit zu einem pädagogischen Objekt zu machen. In diesem Bereich fanden in Quebec bereits in den 90er Jahren studentische Workshops zum Thema Unentschlossenheit statt, die es allen Beteiligten ermöglichten, über ihr Verhältnis zu Risiko und Entscheidung nachzudenken. Sich mit den eigenen Glaubenssätzen zu befassen, ist ein sehr guter Weg, um sich von ihnen zu befreien. Noch dazu kann diese Reflexion zugleich kollektiv und spielerisch geführt werden. Auf diesem Weg kommt durch kollektive Dissonanz Bewegung in zutiefst persönliche Prozesse, die sich schnell im Kreis drehen können. Dadurch wird es möglich, eine wichtige Frage zu beantworten: „Was macht es mir schwer, mich zu entscheiden?“ 

- Der dritte hat mit der Fähigkeit zur Risikobewertung zu tun und setzt voraus, dass sowohl objektive als auch prospektive Daten, aber auch stärker subjektive Parameter analysiert werden müssen (z.B. wie schwer die Ansicht anderer in meiner Entscheidung wiegt). Viele Instrumente (insbesondere Fragebögen) gibt es bereits seit Jahrzehnten und sie sind im Hinblick auf ihr Potenzial interessant, Abstand zur Entscheidung gewinnen zu lassen. Dadurch wird es möglich, folgende Fragen zu beantworten: „Was hat bei mir Vorrang? Welche Kriterien kann ich verhandeln? Was sind die akzeptablen Risiken?“ 

Allgemeiner betrachtet, verweisen diese Ansätze jedoch auf zwei entscheidende Faktoren in den Entscheidungsprozessen, die mit bekannten kognitiven Verzerrungen verbunden sind. Erstens neigen wir dazu, uns im Bereich des Bekannten zu bewegen, was aber die Möglichkeiten einschränkt.Wie kann man sich für etwas entscheiden, das man nicht kennt? Und wie entscheidet man sich für etwas, das noch nicht existiert? Es setzt voraus, dass aktiv an der Öffnung für Neues, der Entwicklung von Neugier gearbeitet wird, die besonders im Kontext von Life Designing-Programmen gefördert werden. Gleichzeitig muss aber auch die Angst vor dem Scheitern angegangen werden, die tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Diese Angst kann sogar Gegenstand einer pädagogischen Arbeit sein. In diesem Sinne steht die Befassung mit dem Unternehmen im Bereich der beruflichen Orientierung nicht für die Rückkehr von adäquationistischen Ansätzen. Das Unternehmen ist ein Ort, an dem die Fragen der Offenheit und des Risikos zum Alltag gehören: Unwägbarkeiten, Innovationen, mangelnde Vorhersagbarkeit der Kundenreaktionen, plötzliches Auftreten von Wettbewerbern... all diese Elemente prägen den Alltag von Unternehmen und erfordern unentwegt eine schnelle Anpassungen, ohne die Kontinuität der Werte und Ziele aufs Spiel zu setzen. Der Vergleich mag seine Grenzen haben, macht aber doch die Notwendigkeit von mehrschichtigen Ansätzen deutlich, die eine Reflexion über die Absichten, den Geschmack und die Talente des Einzelnen mit einer Beobachtung von gebotenen Chancen, der Überwachung von neu entstehenden Sektoren verbindet. Dies würde bedeuten, die Berufsberatung aus einer präventiven, experientiellen und pädagogischen Perspektive anzugehen und ihr nicht eine notwendigerweise restriktive Rationalisierung zugrunde zu legen. Natürlich sollen alle die Fähigkeit erhalten, bewusste Entscheidungen zu treffen, aber indem Perspektiven eröffnet und entdeckt werden. Unvorhersehbarkeit hat etwas Beunruhigendes, kann aber auch in höchstem Maße anregend sein, denn nichts ist in Stein gemeißelt.

„Doch kann dieses Andernorts der Ort sein, an den Sie gerne gegangen wären, es aber nicht wussten“, schrieb feinsinnig Gelatt (1998), der zahlreiche und erstaunliche Arbeiten über positive Ungewissheiten und schöpferische Entscheidungsfindung angeregt hat. Vielleicht ein guter Augenblick, diese erstmals oder erneut zu lesen? Es geht um soziale Gerechtigkeit.

 

 

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 André CHAUVET ist Berater und Ausbilder im Bereich der beruflichen Weiterentwicklung und der Begleitung von Lernprogrammen. Für EPALE Frankreich ist er Themenkoordinator des Bereichs berufliche Übergänge.

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  • Bild des Benutzers Jean Vanderspelden
    Merci André pour cet article tout en nuance, sur notre capacité évolutive, individuelle et collective, à gérer plutôt positivement, tout au long de nos vies, le risque et l'opportunité, les risques et les opportunités, en vue de lui donner du sens, via nos activités, dont le travail.

    A coté des huit compétences européennes, dont "Apprendre à apprendre", je propose d'ajouter une neuvième qui pourrait tourner autour "Apprendre à devenir" pour optimiser nos décisions et nos indécisions et qualifier nos explorations et l'exploitation raisonnées de l'inconnu... démultiplié avec l'essor du territoire numérique accessible au plus grand nombre.