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Geschichten als Schlüssel zur Zielgruppe?

Welches Potential hat Storytelling in Bezug auf die Motivation der Lernenden in der Erwachsenenbildung, konkret z.B. in der Grundbildung?

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Ein gemeinsamer Beitrag mit Christian Soyk


Storytelling

Es war einmal … Geschichtenerzählen ist eine der ältesten Formen der Bildung. Ob vor Tausenden von Jahren am Lagerfeuer oder heute, es war und ist immer eine Art der Weitergabe von kulturellen Überzeugungen, Traditionen und Geschichte, ein Weg, um Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnisse an andere weiterzugeben. Einer guten Geschichte zuzuhören, fühlt sich allerdings nicht an wie „Lernen“. Eine gut erzählte Geschichte fasziniert mich, nimmt mich mit, überrascht mich, macht mich neugierig und lässt mich mitfühlen. Eine gut erzählte Geschichte lässt mich eintauchen in eine eigene Welt, eine bekannte oder eine ganz fremde, eine vergangene, gegenwärtige oder zukünftige, und sie lässt mich miterleben, wie es dem Erzähler, der Erzählerin oder einer anderen Hauptfigur ergangen ist. Eine gut erzählte Geschichte hat damit – und jetzt kommen wir zurück zum Lernen –  ein besonderes Potential, Menschen zu erreichen, abzuholen und im besten Falle zum (Weiter)Lernen zu motivieren. Das ist eine der Grundannahmen, auf der das im November 2020 gestartete Erasmus+ Projekt „StoryComp - Kompetenzen im Storytelling für Erwachsenenbildner:innen in der Grundbildung und in der politischen Bildung“ aufbaut.

 

Das Potential des Storytelling in der Erwachsenenbildung nutzen

Die Projektpartnerschaft, bestehend aus Expert:innen aus sieben europäischen Ländern, hat es sich zum Ziel gesetzt, einen umfassenden, aufeinander aufbauenden Blended-Learning-Ansatz zu entwickeln, um Storytelling als Methode in zwei Bereichen der Erwachsenenbildung systematisch nutzen zu können und im besten Falle zu etablieren: in der Grundbildung und in der politischen Bildung. Sie greift damit Erfahrungen des früheren transnationalen Projekts "Sheherazade: 1001 Geschichten für Erwachsenenbildung" (2011-2013, Grundtvig-Programm) auf, wo geschlussfolgert wurde, dass "Geschichtenerzählen sehr geeignet ist, die Schwelle zur Bildung zu senken und innovative und attraktive Wege zum Erwerb von Schlüsselkompetenzen zu schaffen: Alphabetisierung, Fremdsprachen, kulturelles Bewusstsein sowie soziale und staatsbürgerliche Kompetenzen." (Sheherazade Handbuch, S. 25)

StoryComp möchte das Potential von Geschichten, das Potential von Storytelling nutzen für solche Bereiche der Erwachsenenbildung, in denen Lernende auf einer niedrigschwelligen, eher emotionalen als rationalen Ebene erreicht werden sollen, wie eben in der Grundbildung und der politischen Bildung. Auch wenn diese beiden Bildungsbereiche inhaltlich sehr unterschiedlich sind, haben sie noch mehr gemeinsam als die Suche nach alternativen Zugängen zu ihren Zielgruppen: Für beide Bereiche besteht auch ein erheblicher Fortbildungsbedarf auf Seiten der Lehrkräfte, um niedrigschwellige, non-formale Ansätze umzusetzen. Für die Grundbildung in Deutschland ist dies z. B. sehr deutlich im Positionspapier zur Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung formuliert.

Doch zurück zur Zielgruppe, den erwachsenen Lernenden, und zur Gestaltung motivierender Lernangebote. In seinem Studientext „Lernmotivation und Bildungsbeteiligung“ setzt sich Horst Sieber, emeritierter Professor für Erwachsenenbildung, mit verschiedensten theoretischen Ansätzen und Konzepten zur Lernmotivation Erwachsener auseinander und stellt den Stand der Lernmotivationsforschung vor.

 

Nachhaltige, motivierte Lernprozesse

In einer Zwischenbilanz dieser Diskussion arbeitet Siebert zehn Merkmale nachhaltiger, motivierter Lernprozesse heraus (ebd., S. 90f.):

  1. Anschlussfähigkeit – als die Möglichkeit, neue Inhalte an Erfahrungen und Vorkenntnisse „ankoppeln“ zu können
  2. Neuigkeit – meint die subjektive Neuigkeit und Unbekanntheit von Inhalten
  3. Relevanz - die Frage, wie „brauchbar, lebensdienlich“ neue Inhalte sind. „Damit ist nicht nur eine berufliche oder alltagspraktische Verwertbarkeit gemeint, sondern auch ein psychodynamisches Identifikationspotenzial, ein Angebot zur Erweiterung des Lebens- und Weltgefühls.“
  4. Emotionalität – als Emotionsmuster, die mit einem (Lern)Setting verbunden sind
  5. Situiertheit – gemeint als „in konkrete Handlungssituationen integriertes Lernen“
  6. Körperlichkeit – mit Verweis auf Damasios „somatische Marker“, auf Körpersignale, die uns zu verstehen geben, dass uns etwas „gut tut“
  7. Vernetzung – auf neuronaler Ebene: die Verknüpfung von Neuem mit Bekanntem, neue Einordnung von Bekanntem, Verbindung kognitiver und emotionaler Ebenen
  8. Ästhetisierung – eine Ansprache vielfältiger Wahrnehmungskanäle, ein „Lernen mit allen Sinnen“ und darüber hinaus der Entwurf neuer Selbst- und Weltbilder
  9. Perturbation – als eine Art Störung, Irritation des Gehirns, ein Abweichen von dem Erwarteten und Gewohnten
  10. Koevolution – begrifflich übernommen aus der Evolutionstheorie ist die soziale „Ko-Konstruktion“ von Wirklichkeit gemeint, das Lernen von und miteinander, die gemeinsamen (Lern)Fortschritte in einer Gruppe

Wenn wir uns jetzt wieder die Situation einer gut erzählten Geschichte vor Augen holen, lässt sich feststellen, dass viele dieser Merkmale zutreffen. Geschichten bieten Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungen und vermitteln gleichzeitig neue Aspekte, Sichtweisen, Inhalte. Wir können uns aus Geschichten etwas „herausholen“ und fühlen uns in der Situation, in der erzählt wird, körperlich wohl – mit all der Spannung und Entspannung, die gutes Erzählen erzeugen kann. Geschichten lassen Bilder in unserer Vorstellung entstehen und sie ergänzen, erweitern, kontrastieren die Bilder, die wir von uns selbst, von den Menschen um uns und von der Welt haben. Gut erzählte Geschichten überraschen uns möglicherweise auch. In jedem Fall ist eine Geschichte etwas Gemeinsames – mindestens zwischen der erzählenden und der zuhörenden Person, oft aber in einer Gruppe.

Siebert konstatiert im Hinblick auf die Merkmale nachhaltiger, motivierter Lernprozesse: „Vereinfacht gesagt: Je mehr diese Merkmale vorhanden sind, desto intensiver ist die Motivation und desto nachhaltiger die Lernaktivität.“ (ebd., S.90) Vor diesem Hintergrund haben gut erzählte Geschichten tatsächlich ein hohes Potential.

 

StoryComp: ein Blended-Learning-Ansatz zur Kompetenzentwicklung im Storytelling für Erwachsenenbildner:innen

Doch Storytelling will gelernt sein - und kann gelernt werden. Das zeigt der Erfolg des Projekts "Sinbad" (http://storytelling-online.eu), das als "Best Practice" von der EU ausgezeichnet wurde und in dem ein Blended-Learning-Kurs zur Weiterbildung im freien Geschichtenerzählen für Personen, die in der frühkindlichen Bildung tätig sind, entwickelt und getestet wurde. Die Erfahrungen aus diesem Projekt fließen genauso in das aktuelle Projekt StoryComp ein wie die aus dem oben genannten Projekt „Sheherazade“ – in der aktuellen Projektpartnerschaft arbeiten Einrichtungen aus beiden Vorgängerprojekten mit. Was ist konkret von StoryComp zu erwarten?

Project StoryComp

Im Rahmen dieses Projekts werden die folgenden drei Produkte entwickelt, die aufeinander aufbauen und ineinandergreifen:

  1. Der methodische Rahmen

.. als Grundlage für das StoryComp-Konzept, das darauf abzielt, selbstgesteuerte Trainingsmöglichkeiten für Erwachsenenbildner:innen für Storytelling anzubieten als kreative Methode zur Förderung des Kompetenzerwerbs bei erwachsenen Lernenden in der Grundbildung und in der politischen Bildung.

  1. Die Online-Plattform

... als "Herzstück" des Projekts und Voraussetzung dafür, dass sich Erwachsenenbildner:innen mit dem dort kostenfrei verfügbaren Online-Kurs die Methode des Geschichtenerzählens grundlegend aneignen können und über die notwendigen Ressourcen für ihre Umsetzung und Anwendung in der Praxis verfügen. Dazu gehören z.B. eine sortierte europäische Sammlung geeigneter Geschichten, Video-Tutorials zu Techniken und Methoden sowie Anleitungen für Storytelling-Workshops. Die Plattform wird auch die Möglichkeit einer virtuellen Storytelling-Gemeinschaft bieten, in der sich Erwachsenenbildner:innen mit anderen vernetzen, Erfahrungen austauschen und diskutieren können.

  1. Eine Anleitung für Storytelling-Workshops mit Erwachsenenbildner:innen

... als praxisorientierter, modular aufgebauter und damit direkt und flexibel einsetzbarer Leitfaden mit dem Ziel, Erwachsenenbildner:innen zu motivieren und anzuleiten, ihre Storytelling-Fähigkeiten gemeinsam mit Kolleg:innen in Workshops zu trainieren, zu vertiefen und zu verbessern.

Alle Produkte des Projekts werden als offene Bildungsressourcen auf der StoryComp-Plattform verfügbar, frei nutzbar und zur eigenen Verwendung anpassbar sein. Mit den ersten Ergebnissen – der Veröffentlichung des methodischen Rahmens – ist bereits im Herbst 2021 zu rechnen. Das Projektteam hält Sie natürlich hier auf dem Laufenden und wird zudem eine Geschichte über das Projekt erzählen: Die Partner werden ihre Erfahrungen und Erkenntnisse während der Projektlaufzeit nicht einfach in klassischer Form evaluieren, sondern in einer mehrteiligen Geschichte zusammentragen, die – so hoffen wir – zum Miterleben, Mitdenken und Mitlernen anregt.

Und wenn sie nicht gestorben sind ...


Logo StoryComp

Das Projekt StoryComp wird von Erasmus+ unter der Projektnummer 2020-1-DE02-KA204-007574 gefördert. Die VHS Leipzig (Deutschland) koordiniert das Projekt, als Partner arbeiten Die Wiener Volkshochschulen (Österreich), PLATO (Niederlande), CVO VOLT (Belgien), Fabula Storytelling (Schweden), Pistes Solidaires (Frankreich), LU Jesenice (Slowenien) und Wisamar Bildungsgesellschaft gGmbH (Deutschland) mit. Weitere Informationen & Kontakt über  www.wisamar.de/storycomp/

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