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Geld mit gutem Gewissen

Profit ist nicht genug – die EU-Kommission will nachhaltige Geldanlagen stärken. Auch Privatleute sollen nun grün investieren. Aber wie? Welche Rolle könnte hier die Erwachsenenbildung spielen?

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Geld mit gutem Gewissen (© Scandinavian Stockphoto)

   

Was sind die größten globalen Risiken in den kommenden zehn Jahren? Die Rangliste wird angeführt durch extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen und Dürren. Auf Rang zwei befindet sich das Versagen im Kampf gegen den Klimawandel, gefolgt von dem Verlust der Artenvielfalt sowie von Menschen ausgelösten Umweltkatastrophen. Diese Rangliste des „Global Risk Reports“ entstammt dem diesjährigen Bericht des Weltwirtschaftsforums (WEF). Nach Einschätzung der Autoren wird der Klimawandel Gesellschaft und Wirtschaft härter und früher treffen als bisher von vielen Akteuren erwartet.

Alles grün, oder?

Unsere fragile Welt (@ Maren Lohrer)
Die EU hat sich beim Pariser Klimaschutzabkommen verpflichtet, weniger Treibhausgase zu emittieren. Nach Schätzungen der Kommission müssten europaweit jedes Jahr rund 180 Milliarden Euro in Klimaschutzstrategien investiert werden, damit der Kohlendioxidausstoß bis 2030 um 40 Prozent sinkt. Dieses Ziel kann nur mit dem Finanzsektor erreicht werden. Das Kapital muss in richtige Bahnen gelenkt werden. In Unternehmen und Anlagen, die den Klimawandel stoppen, anstatt ihn weiter anzuheizen.

Große Investoren haben bereits reagiert. Versicherer wie Allianz und AXA oder der norwegische Staatsfonds wollen nicht mehr in Unternehmen investieren, die Kohle fördern. Sie ziehen sich aus nicht-nachhaltigen Anlagen zurück (sogenanntes Divestment). Ganze Kapitalverwaltungsgesellschaften wie die BayernInvest richten sich nachhaltig aus. Auch viele Stiftungen investieren ihr Vermögen bereits nachhaltig, ergänzen also die üblichen Kriterien der Rentabilität, Liquidität und Sicherheit um ökologische, soziale und ethische Aspekte.

Private Anleger bislang zurückhaltend

Aber wie sieht es mit privaten Anlegern aus? Mit Menschen, die für ihre Altersvorsorge direkt Aktien und Fonds erworben haben? Investieren mit grünem Gewissen liegt zwar zunehmend im Trend, ergibt eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Zurich Versicherung. Doch bei allem Bekenntnis zur Nachhaltigkeit gibt es ein Problem: Es lässt sich nicht allgemeingültig beantworten, welchen Kriterien eine nachhaltige Anlage konkret genügen muss. „Nicht überall, wo Nachhaltigkeit draufsteht, ist auch das Gleiche drin“, so das Fazit einer Studie des NKI - Instituts für nachhaltige Kapitalanlagen.

Kein Wunder, dass sich private Anleger bei eigenen Investments immer noch zurückhalten, da sie sich zu schlecht informiert fühlen, wie die NKI-Studie zudem ergab. Hilfe von einer unabhängigen Stelle wünschen sich knapp ein Viertel der Deutschen.

EU-Gütesiegel geplant

Die EU-Kommission hat bereits einen Aktionsplan für Finanzdienstleistungen vorgestellt, der folgende Kernpunkte beinhaltet:

- ein einheitliches Klassifikationssystem für das nachhaltige Finanzwesen

- die Schaffung eines EU-Kennzeichens für „grüne“ Finanzprodukte auf der Basis dieses Klassifikationssystems

- die Pflicht von Vermögensverwaltern und institutionellen Anlegern, das Kriterium der Nachhaltigkeit beim Investitieren zu berücksichtigen

- die Auflage für Versicherungsunternehmen und Wertpapierfirmen, ihre Kunden deren Nachhaltigkeitswünschen entsprechend zu beraten

- eine größere Transparenz der Unternehmensbilanzen.

Die Kommission wird die einzelnen Punkte zeitnah konkretisieren, ab März 2021 müssen Finanzmarktteilnehmer dann über Nachhaltigkeitsrisiken berichten. Bis 2050 soll Europa der erste klimaneutrale Kontinent sein. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vergleicht diese Vision, diesen „Green New Deal“, mit dem damaligen Mondlandeprogramm der USA.

Viele kleine Schritte

Private Anleger sind beim Klimaschutz ebenso wichtig wie Großinvestoren. Sie brauchen unabhängige und neutrale Informationen. Welche Rolle könnte hier die Erwachsenenbildung spielen?

Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auch in der Bildungspolitik an Bedeutung. Galina Burdukova ist für das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) der Frage nachgegangen, wie die Volkshochschulen den Diskurs zum Thema Nachhaltigkeit rezipieren und diesen in Form von Programmen und Angeboten auslegen. Für ihre Studie „Nachhaltigkeit als Thema in den Programmen und Angeboten der Volkshochschulen im Zeitverlauf“ hat sie das Volkshochschulprogrammarchiv des DIE ausgewertet und über die Ergebnisse schon auf EPALE berichtet.

Für die Erwachsen- und Weiterbildung gebe es keinen Orientierungsrahmen für Nachhaltigkeit, doch setze sich der Deutsche Volkshochschulverband (DVV) aktiv für die Umsetzung des Konzepts „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) ein. Der DVV berate auch die Volkshochschulen hierzu.

Nachhaltigkeit in der Erwachsenenbildung

SDG Ziel 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
Burdukova fragt, wie die Realität in der Erwachsenenbildung in Bezug auf Nachhaltigkeit tatsächlich aussehe. Welche Themen werden in Programmen und Angeboten wie aufgegriffen?

Zu den Dimensionen der Nachhaltigkeit gehört neben Umwelt und Sozialem die Wirtschaft, nur hierauf wird im Folgenden näher eingegangen (siehe auch: 8. UN-Nachhaltigkeitsziel „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“). Burdukova konnte für die Jahre 1989 bis 2014 folgende Themen im Volkshochschulprogrammarchiv identifizieren:

Thema-Nr.

Thema

Anzahl der Angebote

1

Wirtschaft und Nachhaltigkeit (allgemein)

19

2

Nachhaltiges Investieren

16

3

Fairer Handel

12

4

Grenzen des Wirtschaftswachstums

6

5

Wirtschaft und Arbeit

5

6

Unternehmen, nachhaltige Produktion, Produktionsketten

4

Insgesamt

62

Wirtschaftliche Dimension. Erstellt von Galina Burdukova (Quelle: DIE-Programmarchiv), Studie S. 52.

  

Die Frage nach dem Verständnis sowie den Kriterien von nachhaltiger Wirtschaft und Grenzen des Wirtschaftswachstums stünden im Mittelpunkt der Angebote. Das Thema werde in Bezug auf die ganzheitliche Wirtschaft (Themen 1, 4), oder auf Unternehmen und nachhaltige Produktionsmuster (Thema 6), oder auf die Arbeitsbedingungen und fairen Handel (teilweise Themen 3, 5) angeboten.

Als Leitmotiv macht Burdukova die Balance zwischen Umwelt und Sozialem und die Suche nach Kompromissen aus.

Die Inhalte würden im Hinblick auf die nationale und internationale Ebene bzw. übergreifend (Themen 1, 4, 6 und teilweise 3, 5) oder im Hinblick auf die Lebenswelt der Adressaten und Adressatinnen (Thema 2 und teilweise 3, 5) konzipiert. Die Angebote würden ähnlich wie die Angebote aus der politischen Dimension in Modi der Aufklärung oder des Diskutierens umgesetzt.

Das Thema des wirtschaftlichen Wachstums trete dabei häufig auf. „Die Angebote zur ‚nachhaltigen Geldanlage’ sind auf der lebensweltlichen Ebene angesiedelt und fungieren im Modus der Aufklärung und des Beratens. Es geht hier um die Frage nach der Geldinvestition im Hinblick auf Nachhaltigkeitsaspekte. Ethische Aspekte (‚mit gutem Gewissen’) kommen dabei häufig zum Ausdruck“, so Burdukova.

Ökologische Verbraucherbildung

Fazit: Die Volkshochschulen können bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie eine aktive Rolle spielen, denn sie können den Menschen die Thematik nahebringen und zudem bürgerliches Engagement fördern. „Es wurde festgestellt, dass das Verständnis von Nachhaltigkeit in der Erwachsenenbildung stark ökologisch geprägt ist und dass es andererseits sehr facettenreich ist“, so Burdukova.

Es wäre sicher überlegenswert, diese Tradition für Nachhaltigkeitsthemen in der VHS in Richtung finanzieller Verbraucherbildung auszubauen. So könnte Raum für anbieterunabhängige, neutrale Kursinhalte geschaffen werden, in denen das Verständnis für grüne Geldanlage vertieft werden kann. Schließlich braucht es viele, die mithandeln, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen.

   

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Über die Autorin:

Maren Lohrer erstellt Verbrauchernews in Leichter Sprache für „Wortbrücke e.V.“. Sie hat einen M.A. in Germanistik und Politikwissenschaften der Universität zu Köln und ist zertifizierte Mediatorin (INA at FU Berlin). Sie ist zudem Botschafterin für EPALE Deutschland.


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Bild: Scandinavian Stockphoto/Syda Productions | Maren Lohrer | United Nations

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