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Blog

Finanzielle Grundbildung – eine kontroverse Begriffs- und Gegenstandsreflexion

26/04/2016
von Christian BERNH...
Sprache: DE

Das Schwerpunktthema im Mai auf EPALE nennt sich financial literacy education, zu Deutsch finanzielle Grundbildung. Der Titel legt nah, dass drei Dinge hier eine Rolle spielen 1. besondere, angeblich benachteiligte Zielgruppen, was das Attribut „Grund“ suggeriert, 2. Bildung, 3.Finanzen. Bei allen drei Dingen lassen sich mit etwas Nachdenken sehr praktische und bedenkenswerte Probleme aufzeigen.


 

Finanzielle Grund?-Bildung

Ich finde das überraschend. Diese Wort Grundbildung, das aktuell ja in vieler Munde mal mit weiterer Konnotation als politische Grundbildung gedeutet wird, mal mit engerer Konnotation für Alphabetisierung steht, drückt aus, dass eine gewisse angeblich benachteiligte Zielgruppe ein Defizit aufweist. Und dass sie dieses durch Lernen beheben soll. Bestenfalls werden dieser Zielgruppe durch staatlich geförderte Programme auch Lerngelegenheiten zur Verfügung gestellt, um diese Lernleistung zu schultern. Dies geschieht vorbildlich im Fall des aktuellen DIE-Projekts, das eng mit der Schuldnerberatung zusammenarbeitet oder geschah im damaligen Programm des Bundesministeriums für Verbraucherschutz „Altervorsorge macht Schule“. Alles schön und gut und durchaus berechtigt. Aber mal ehrlich: Ich weiß nicht, ob in Zeiten, in denen der Leitzins in der Eurozone auf 0% gedrückt wurde und infolgedessen die liebsten Geldanlagen der Deutschen wie Lebensversicherungen oder Sparbücher keine Rendite mehr abwerfen, eigentlich von finanzieller Grundbildung die Rede sein muss. Auch Fernseh- oder Radiosender, die sich eher einem konservativen Bildungsbürgertum verschreiben (wie zum Beispiel der Deutschlandfunk oder Die Zeit) berichten ja über die Möglichkeiten, sein sauer Erspartes und hart Erarbeitetes in Sicherheit zu bringen. Und tatsächlich: Viele stehen wie der Ochs vorm Berg und sind einfach handlungsunfähig. Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht mehr wissen, was und wie sie ihre Altersvorsorge sichern sollen, nachdem in der Lehmann-Pleite viele Banken erfolgreich das Ersparte der Anleger verzockt haben. Aber vielleicht ist die benachteiligte Zielgruppe ja größer als wir dachten und alle, die darüber überhaupt nachdenken, haben ein Defizit. Dies unterstreicht übrigens der im Englischen übliche Begriff Financial Literacy sehr schön. Wir haben eine große Zahl finanzieller Analphabetinnen und Analphabeten.

Finanzielle Grund - Bildung? – Reflexivität

Die genannten Bildungsprojekte sind klug und berechtigt. Sie leisten einen Beitrag, der Menschen hilft, ein Leben im Kleinen zu gestalten und genauer Entscheidungen zu treffen. Scott Lash hat dies in „Reflexive Modernisierung“ (zusammen mit Anthony Giddens und Ulrich Beck) Selbstreflexivität genannt, also das Nachdenken über das eigene Handeln, wie dies in die aktuellen Strukturen der Welt passt und ob es seine Zwecke erfüllt. Reflexivität – also stehenbleiben, zurückblicken, ob man alles richtig macht, nach vorne schauen, ob es denn auch gut so weiter gehen kann – ist ein zentrales Moment, das Lernen laut John Dewey zu Bildung in Selbstbestimmung macht.

Selbstreflexivität alleine aber tut das, was Brid Connolly in ihrem Blogbeitrag auf EPALE die Platzierung des Problems bei den Individuen nennt. Selbstreflexivität reicht also vielleicht nicht aus und ist nur ein Teil der Wahrheit. Daher unterscheidet Lash Selbstreflexivität von einer zweiten Art der Reflexivität: Die strukturelle Reflexivität hat diejenigen gesellschaftlichen und politischen Strukturen zum Gegenstand, die Probleme bedingen; strukturelle Reflexivität platziert das Problem in der Struktur und nicht bei den Individuen. Sie würde überspitzt formuliert sagen, das Problem, dass Menschen sich verschulden, liegt nicht in der Fähigkeit von Menschen nicht mit einer Kreditkarte umgehen zu können, sondern daran, dass Banken Menschen Kreditkarten geben und ihnen so vielleicht Kredit einräumen, obwohl sie nicht kreditwürdig sind. Es liegt daran, dass die AGBs von Handybetreibern oder Versicherungsunternehmen inzwischen so komplex und vor allem so umfassend (formuliert worden) sind, dass sie sowieso keiner mehr versteht oder liest. Genauso könnte man Leuten die Schuld geben, die mit zweifelhaften Geschäftspraktiken, ahnungslose Menschen in den Ruin treiben. Strukturelle Reflexivität würde fragen, welche gesellschaftliche Bedingung macht es denn nötig, dass ich mich selbstreflexiv durch Lernen anpasse. Und sie würde fragen: Wie kann man diese Bedingungen einfangen und beheben statt sich diesen selbst anzupassen?

Finanzielle? Grundbildung - strukturelle und Selbstreflexivität als politische Bildung!

Bezogen auf finanzielle Grundbildung würde dies bedeuten, die Frage zu stellen, warum soll ich denn auf einmal vorsorgen? Welche Rentenreform wäre nötig und möglich, um Altersvorsorge zu ermöglichen? Warum soll ich auf einmal privat vorsorgen und Aktien kaufen, nachdem es doch Player am Finanzmarkt waren, die doch so viele Menschen, um ihr Erspartes gebracht haben und die Krise, die wir alle seit Jahren (übrigens durch von außen vorgegebenes Anpassungslernen) bewältigen müssen, doch erst ausgelöst haben? Was haben die vielen Finanzexperten eigentlich gelernt seitdem?

Hier beginnt politische Bildung, das Erkennen von Strukturen und auf Basis dessen reflexives Handeln. Reflexives Handeln, das sich nicht einfach anpasst, sondern sich bewusst im nicht nur, aber auch politisch verantworten Dilemma verortet. Reflexives Handeln, das sich vielleicht auch fragt, was kann ich gegen die Strukturen tun, die mir oder anderen das Leben schwer machen, statt mich selbst zu optimieren, oder von anderen zu verlangen, dass sie es tun.

Was bedeutet das für finanzielle Grundbildung? Folgt man Scott Lash, gilt es nicht nur, über sein eigenes Leben und die Einpassung in Strukturen zu lernen, sondern auch Strukturen und deren Anforderungen infrage zu stellen. Wie gesagt, die angesprochenen Programme sind wichtig und richtig, denn sie adressieren, diejenigen, die die abverlangte Lernleistung am wenigsten schultern können, und sie stellen denjenigen, die sie am meisten brauchen, eine Hilfestellung zur Verfügung. Allerdings platzieren sie das Problem beim Lernenden, der wie deutlich wurde, nicht immer alleine Schuld an seiner Misere hat. Und leider ist es kurzfristig der effektivere Weg, die Individuen zu schulen statt sich in Kapitalismuskritik zu üben! Ebenso wenig liegt das Problem nur in der Struktur, sondern auch in der Person, die nicht weiß mit ihr umzugehen. In gewissen Momenten gilt es aber auch mal die Schwächen des Systems aufzudecken und kritisch zu fragen, ob denn eigentlich Lernen die langfristig klügste Lösung darstellt.

Bietet eigentlich die Schuldenberatungsstelle auch Vorträge über das globale Finanzsystem an? Oder ATTAC auch Schuldnerberatung? Vielleicht wären das zwei Zukunftsmodelle!

Quelle:

Giddens, A., Beck, U. & Lash, S. (1996): Reflexive Modernisierung eine Kontroverse. Frankfurt am Main.

Dewey, J. (1916/94): Demokratie und Erziehung. Weinheim.

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