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Blog

Einblicke in die Pragmatische Analysegruppe, eine Technik zur Analyse von Vorgehensweisen

16/04/2019
by Camille POIRAUD
Sprache: DE
Document available also in: FR EN CS

[Übersetzung / Französisch - Deutsch : EPALE France

Autorin : Carine MARGERIE-LEMAY]

Als Leiterin des Bereichs Ausbildungssysteme in einer Einrichtung für Erwachsenenbildung begann ich im Oktober 2018 zur Weiterbildung den Master SIFA (Strategie und Technik der Erwachsenenbildung) an der Universität Tours. EPALE ermöglicht es mir nun, von einer überraschenden und bereichernden Ausbildungserfahrung zu berichten, die ich im 9. Semester mit der Wahl des Moduls GAEP (Analysegruppe Berufserfahrung) gemacht habe.

Noël Denoyel, Dozent an der Universität Tours, führte unserer zwölfköpfige Gruppe in die von ihm entwickelte und Groupe d’Analyse Pragmatique (Pragmatische Analysegruppe) genannte Technik ein. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Technik der Analysegruppe für berufliche Vorgehensweisen mit der Technik des Théâtre Forum, geschaffen und entwickelt von Augusto Boal, kombiniert.

Die Arbeit begann in Zweiergruppen, und zunächst erzählten wir unserem Partner von einem beruflichen Erlebnis, das ein Problem für uns war. Dies wird als anfängliche Selbstkonfrontation bezeichnet. Die überkreuzte Selbstkonfrontation findet statt, wenn der ursprünglich Zuhörende während der Präsentation vor dem Rest der Gruppe von dieser Situation berichtet, als hätte er sie selbst erlebt.

Während der Phase der Befragung durch die anderen Mitglieder der Gruppe wird es möglich, die Situation zu klären, um sie besser zu verstehen.

Die Gruppe wählt dann gemeinsam vier der vorgestellten Situationen aus, um sie in einer ersten Phase in Untergruppen von drei Personen zu untersuchen und drei Szenarien vorzubereiten, die das Erlebnis nachzeichnen. Die zweite Phase des Prozesses findet mit allen Teilnehmenden statt. Die Szenen werden von den drei Akteuren gespielt, darunter auch derjenige, der die Situation wirklich erlebt hat. Der Rest der Gruppe ist Zuschauer. Danach werden die Szenen nach den Vorschlägen der Zuschauer so lange wiederholt, bis ein günstiger Ausgang für die anfängliche Problemsituation gefunden ist. Die Person, die die Geschichte erlebt hat, kann als Zuschauer ansehen, wie ihre eigene Geschichte von jemand anderem gespielt wird, der eine andere Handlungs- und Ausdrucksweisen vorschlägt, um den ursprünglichen Ablauf zu verändern.

Die Technik der Pragmatischen Analysegruppe hat über die Analyse des Erlebten hinaus zur Entwicklung individueller und kollektiver Fähigkeiten geführt:

Hinterfragungsfähigkeit (Jacques, 2000)

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Um die dargelegten Situationen besser zu verstehen, haben wir mit einem Konzept der Fragestellung experimentiert, aus dem wir lernten, drei Arten von Fragen zu unterscheiden:

„Fragen erster Ordnung“, die helfen, den Standpunkt des Erzählers besser zu verstehen
„Fragen zweiter Ordnung“, die eine Klärung des Gesagten ermöglichen
„Fragen dritter Ordnung“, deren Zweck es ist, über das Gesagte zu diskutieren

Da nur Fragen erster Ordnung erlaubt waren, mussten wir zuvor mit uns selbst abklären, welche Art von Frage wir stellen wollten. Laut Noël Denoyel (2015) „zeigt die Fähigkeit der Hinterfragung [...] ihre Wirkung, wenn man selbst befragt wird, und macht es möglich, sich auf den Inhalt zu konzentrieren, offen zu sein für Beratung, zu seinen Worten zu stehen und eine erklärende Haltung einzunehmen. Es ist eine echte Lernerfahrung.“

 

Entscheidungsfähigkeit

Die Pragmatische Analysegruppe beinhaltet eine interpretations- und urteilsfreie Phase der Situationsanalyse, deren Ziel es ist, die Erfahrung umzuwandeln und gemeinsam ethische Strategien zur Lösung einer Situation zu finden, die ein Problem darstellt. Laut Noël Denoyel (2015) „beschreibt Aristoteles die Bedeutung der Fähigkeit, während des Handelns Entscheidungen zu treffen und zeigt, dass erst die Berücksichtigung der kritischen Intelligenz des Einzelnen in unseren Überlegungen die Einzigartigkeit des Handelns bewirkt.“

 

Theatralische Fähigkeit

Im Théâtre Forum erwecken die Spieler/Schauspieler im Zusammenhang mit einer problematischen Ausgangssituation Figuren und eine Situation zum Leben. Anschließend spielen sie vorgeschlagene Antworten, wobei der Raum so gestaltet wird, dass er am ehesten der ursprünglichen Situation entspricht, bis mit dem Erreichen des günstigsten Ausgangs für alle Beteiligten das Ziel erreicht ist.

 

Kollektive Fähigkeit

Praxisanalysegruppen entwickeln unabhängig von der verwendeten Technik effektiv das Lernen durch den Austausch über Berufspraktiken – sei es mit Personen, die andere Funktionen ausüben, mit Kollegen in anderen Einrichtungen oder mit Mitarbeitenden. Laut Guy Le Boterf (2000) besteht die kollektive Fähigkeit aus „[…] der Fähigkeit zur Entwicklung gemeinsamer Darstellungen, der Fähigkeit zu kommunizieren, der Fähigkeit zur Zusammenarbeit und der Fähigkeit, gemeinsam aus der Erfahrung zu lernen [...]“. Durch die kollektive Arbeit kann ein Raum der gemeinsamen Auslegung von Arbeitssituationen, der Interkomprehension geschaffen werden. Der GAEP-Workshop ließ einen Raum entstehen, in dem Erfahrung kollektiv durchdacht werden kann. Durch ihn erkannten wir, wie vielfältig Sicht-, Ausdrucks- und Interpretationsweisen sein können.

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Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der kollektiven Aktivität

Die Analyse der Situation durch den Einzelnen, der Austausch über diese Analysen, die Beratung über die vorgeschlagenen Aktionen erfolgen in der Interaktion. Jeder Vorschlag bewirkt eine Wendung der Situation und bringt die Gruppe Schritt für Schritt einer Lösung näher, die für alle Beteiligten der Geschichte funktioniert. Es geht darum, die kollektive Aktivität aufrechtzuerhalten, bis die Gruppe eine Strategie für das Erreichen eines positiven Ergebnisses gefunden hat, das die Ethik der einzelnen Beteiligten berücksichtigt.

 

Die aus der Pragmatischen Analysegruppe gezogen Erfahrung war sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene sehr markant.

Eine Vertiefung dieser Technik bietet Noël Denoyel (in französischer Sprache) in der Fachzeitschrift Education Permanente Nr.163/2005-2 als Ergänzung seines Artikels „L’alternance structurée comme un dialogue-Pour une alternance dialogique“.

 

Carine MARGERIE-LEMAY

EPALE-Botschafterin, Master SIFA, Universität Tours

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