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EPALE - E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

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EPALE-Interviews: Laurentiu Bunescu – Fundația EOS

06/05/2020
von EPALE Österreich
Sprache: DE
Document available also in: EN HR RO EL FR ES HU

EPALE interview Laurentiu

Laurentiu Bunescu, Rumäne und Europäer, lebt und arbeitet in Rumänien (Schiltal und Timisoara) und in Belgien (Brüssel). Der studierte Ökonom und Betriebswirt stellte sein gesamtes Berufsleben in den Dienst von NGOs.
Er selbst betrachtet sich als Autodidakt, dem Bildung und digitale Technologien ein leidenschaftliches Anliegen sind. Deshalb widmete er seine Karriere dem Ziel, beides zusammenzuführen.
Seit 2005 arbeitet er an verschiedenen lokalen, regionalen und europäischen Initiativen, die rumänischen und europäischen Bürgern den Zugang zu Technologie eröffnen und ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Digitalkompetenz zu entwickeln.


Wie begann alles?

Ich wurde im Schiltal, dem ehemals größten Kohleabbaugebiet Rumäniens, geboren. Die Schließung der Bergwerke Ende der 1990er-Jahre und Anfang der 2000-er Jahre hinterließ tiefe wirtschaftliche und gesellschaftliche Spuren in der Region. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hatte Rumänien mit strukturellen Problemen wie Korruption und Armut zu kämpfen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, und obwohl das Land 2007 in die EU eintrat, hat es noch einen langen Weg vor sich. Das Schiltal wurde zu einer der ärmsten Regionen eines der ärmsten Länder Europas.
 
Ich habe viele soziale Verwerfungen und wirtschaftliche Härten erlebt. Dazu kommt, dass das Schiltal ziemlich abgeschieden ist. Als ich also im Jahr 2000 die Technologie und das Internet entdeckte, begann ich, Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Damals arbeitete ich für eine lokale NGO, in deren Auftrag ich Websites für die Stadtverwaltungen und zur Förderung des touristischen Potenzials der Gegend entwickelte. 2005 eröffnete ich mit Hilfe der Stiftung EOS – Educating for an Open Society – eines der ersten Telezentren Rumäniens. Ziel dieser neuen Einrichtung war es, ehemalige Bergleute zu unterstützen, indem sie ihnen die Macht des Internets vor Augen führte und ihnen grundlegende digitale Fertigkeiten vermittelte.
 
Die positiven Auswirkungen, die diese Aktivitäten auf die Leben dieser Menschen hatten, motivierten mich, in Rumänien ein landesweites Netzwerk von Telezentren aufzubauen. So entstanden zwischen 2005 und 2008 über 50 Telezentren im ganzen Land. 2008 arbeitete ich an der Gründung einer europäischen Bewegung zur Förderung digitaler Fähigkeiten mit und zwei Jahre später wurde ich der erste Angestellte eines neu gebildeten Netzwerks namens Telecentre-Europe. Das Netzwerk wuchs exponentiell und benannte sich 2017 auf ALL DIGITAL um. Im selben Jahr zog ich nach Brüssel, um CEO des Netzwerks zu werden, eine Funktion, die ich die nächsten drei Jahre beibehielt.
ALL DIGITAL unterstützte über 3.000.000 europäische Bürger in über 30 europäischen Ländern durch die Arbeit seiner Mitglieder und durch verschiedene Projekte. Die Organisation spielt weiterhin eine Schlüsselrolle, wenn es um politische Maßnahmen in den Bereichen digitale Inklusion und Bildung geht.
 
Heute lebe und arbeite ich wieder in Timisoara, wo ich die Stiftung EOS – Educating for an Open Society unterstütze, eine Organisation, die unablässig bemüht ist, die digitale Inklusion und Bildung in Rumänien zu fördern.
Welche Auswirkungen hat die digitale Transformation auf das Lernangebot für Erwachsene aus benachteiligten Verhältnissen und Personen mit geringer digitaler Kompetenz?
In meinem Fall war die digitale Transformation, wie bereits oben erwähnt, eine sehr positive Erfahrung, die meine Lebensqualität verbessert hat. Durch sie eröffnete sich mir eine Fülle neuer Lernmöglichkeiten sowohl im privaten als auch im beruflichen Leben.
 
Auf der Grundlage dieser Erkenntnis und meiner bisherigen Lernerfahrungen möchte ich andere darin unterstützen, ähnliche Erfahrungen zu machen. Aber wird es uns gelingen, in dieser digitalen Transformation die Nase vorn zu behalten und von ihr zu profitieren, während wir unterwegs lernen? Meiner Meinung nach bringt die digitale Transformation viele Herausforderungen für die Erwachsenenbildung mit sich. Die beiden wichtigsten sind vielleicht:
 
  • Digitale Kompetenz. Das Bildungsangebot für Erwachsene ist heute wahrscheinlich stärker denn je mit der Ditigalkompetenz der Lernenden verbunden. Wir haben Zugang zu Bildungs-Apps, zu Geräten und zu vollständig oder teilweise internetgestützten Kursen, die das Lernen nicht nur unterstützen, sondern es durch eingebaute Gaming-Elemente auch unterhaltsamer machen. Aber nicht alle von uns können von diesen Neuerungen profitieren. 43%[1] der Europäer im Alter von 16 bis 74 Jahren verfügen nicht einmal über grundlegende digitale Kompetenzen. Das bedeutet, dass fast die Hälfte der europäischen Bevölkerung die Lernchancen, die sich durch die digitale Transformation eröffnen, nicht nutzen kann.
  • Lebenslanges Lernen. In einer digitalen Gesellschaft, die auf Daten und Informationen aufbaut, müssen sich alle Absolventen der formalen Bildungseinrichtungen eine Haltung des lebenslangen Lernens zueigen machen. Diese digitale Transformation krempelt den Arbeitsmarkt völlig um, und die Technologie entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit. Deshalb reicht das, was wir in der Schule und auf der Universität lernen, in den meisten Fällen nicht mehr für eine lebenslange Berufslaufbahn aus. Die meisten Erwachsenen müssen laufend weiterlernen, um auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Umschulung und Höherqualifizierung sind von entscheidender Bedeutung. Die Möglichkeiten dazu sollten all jenen zugänglich gemacht werden, die Gefahr laufen, ausgeschlossen zu werden: Personen, die sich weder in Ausbildung, Beschäftigung oder Weiterbildung befinden (NEETs), Arbeitslosen, Menschen mit niedrigem Bildungsstand, in Armut lebenden Menschen, Minderheiten usw.
Abschließend ist festzuhalten, dass die digitale Transformation mit vielen Vorteilen verbunden ist, zum Beispiel mit verbesserten Lernchancen. Aber sie bringt auch Bedrohungen und Hindernisse mit sich, vor allem für Menschen aus benachteiligten Verhältnissen. Wenn wir uns inmitten all dieser Vorteile und Bedrohungen erfolgreich behaupten wollen, müssen wir alle eine Mischung aus grundlegenden Digitalfähigkeiten, kritischem Denken und Lernkompetenzen entwickeln.    
 

EPALE interview Laurentiu


Wie sieht die Zukunft der sektor- und länderübergreifenden Kooperation in Bezug auf das lebenslange Lernen aus?

Ich habe sowohl für All Digital als auch für LifeLong Learning Plattform gearbeitet. Beides sind zwei große europäische Netzwerke, die sich das Ziel gesetzt haben, die Digitalkompetenz und das lebenslange Lernen zu fördern. Diese beiden Organisationen sind auf europäischer Ebene sehr einflussreich, wenn es um transnationale Kooperation und sektorübergreifende Zusammenarbeit geht. Ich empfehle allen, ihre Initiativen und Positionspapiere dahingehend zu überprüfen, ob lebenslanges Lernens und Digitalkompetenz dort einen entsprechenden Stellenwert einnehmen. Das ist wichtig in einer Zeit, in der wir uns nicht nur von der digitalen Transformation herausgefordert sehen, sondern auch von der Coronavirus-Pandemie.
 
Das Erasmus+ Programm der EU bietet Partnerschaften im Bereich der Erwachsenenbildung laufend hervorragende Chancen und Möglichkeiten. Gleich ob es um Lerninnovation, um den Austausch bewährter Verfahren oder um den Aufbau von Kapazitäten geht, spielt Erasmus+ eine wichtige Rolle für die Verbindung und Unterstützung von Akteuren im Bereich der Erwachsenenbildung.    
Im Zuge meiner Arbeit für die Stiftung EOS in Rumänien stellte ich fest, dass Digitalbildung und lebenslanges Lernen weder bei der Regierung noch in der Zivilgesellschaft einen ausreichend hohen Stellenwert haben. Eine unserer Aufgaben besteht darin, mit öffentlichen Institutionen, Politikern und Wirtschaftstreibenden zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass die entsprechende Politik zur Förderung dieser Bereiche vollständig verstanden und umgesetzt wird. Deshalb haben wir die Romanian Coalition for Digital Education  gegründet, eine Initiative, die den Akteuren eine gemeinsame und lautere Stimme verleiht.
 

Wird die Coronavirus-Pandemie Ihrer Meinung nach langfristige Auswirkungen nach sich ziehen?

Die Coronavirus-Pandemie wird erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft und auf die Gesellschaft im Allgemeinen haben. Was die Erwachsenenbildung anbelangt, waren die Chanchen für Umschulung und Höherqualifizierung noch nie so gut wie heute. Viele von uns, die in Selbstquarantäne leben, haben jetzt Zeit, um sich stärker auf die Dinge zu konzentrieren, denen ihre wahre Leidenschaft gilt und nach Wegen Ausschau zu halten, sich Neues zu erschließen. Nur eine große Krise kann zu realen dauerhaften Veränderungen führen. Was die Bereiche Bildung und Lernen anbelangt, werden die Konturen dieser Veränderungen bereits sichtbar. Jetzt treten endlich die Lernenden ins Rampenlicht. Sie entscheiden selbst, worauf sie sich konzentrieren wollen und wie viel Zeit sie für einzelne Themengebiete aufwenden möchten.
 
Technologie und Internet können dazu einen Beitrag leisten, aber sie können nicht die ganze Arbeit übernehmen. Ich glaube, dass wir jetzt alle langsam erkennen, wie wichtig diese grundlegenden digitalen Fähigkeiten für unser tägliches Leben, unser Studium und unsere Arbeit sind. Viele Organisationen, darunter EOS, ALL DIGITAL und die LifeLong Learning Plattform, unterstützen die Erwachsenenbildung, um sicherzustellen, dass Erwachsenenbildner/innen und Lernende von positiven Online-Lernerfahrungen profitieren. Doch diese Organisationen benötigen Unterstützung und müssen mit Regierungen, EU-Institutionen und Wirtschaft zusammenarbeiten. So wird es gelingen, die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der Pandemie zu finden und die Dynamik zur Entwicklung einer besseren, stärker personalisierten digitalen Bildung und einer Mentalität des lebenslangen Lernens aufrechtzuerhalten.     

 

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