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EPALE-Interview: Thorsten Kreissig (TeeKay): Kunst als Denkanstoß für gesellschaftlichen Wandel

Kunst und Kreativität, also ein anderer als ein rein zweckdienlicher Zugang auf Welten, ist entscheidend, um die Probleme von heute lösen zu können.

Im Rahmen des EPALE Themenschwerpunkts Kunst und Kultur haben wir mit dem vielseitigen Künstler Thorsten Kreissig, der auch unter dem Namen TeeKay bekannt ist, gesprochen. Im Interview gibt Teekay tolle Einblicke in seine künstlerische Arbeit. Dabei spricht er über seine aktuellen Projekte zum Thema KI und Klimawandel. Er zeigt auf welche soziale Triebkraft die Kunst für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat und wie durch Kultur und Kunst das Lebenslange Lernen gefördert wird.

Das Interview ist sowohl im Videoformat als auch in der schriftlichen Version verfügbar.

 

Du bist Regisseur, Choreograph und kreativer Kopf hinter zahlreichen Events und Projekten. Würdest du uns zum Einstieg ein bisschen über deine aktuellen Projekte und deine Arbeit erzählen?

Sehr gerne und vielen Dank für die Einladung. Ich komme aus dem Theaterbereich, habe lange auch nur innerhalb des Theaters gearbeitet, dann nochmal Psychologie studiert und nach diesem Studium ganz viele Projekte gemacht, die auf Beteiligung setzen. 

Ich bin ein großer Freund von Interaktion zwischen Menschen, und das ist eigentlich der große Vorteil von Theater. Dann haben Theaterprojekte in den letzten zwei Jahren die ganz, ganz große Challenge gehabt, dass Corona dazwischenkam. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich meine gewohnten Pfade verlassen musste und der Fokus sich bei mir dann stark auf digitale Kooperationsprojekte verlagerte. Ich habe dann aus der Not eine Tugend gemacht und so einen großen, zusätzlichen Abenteuergeist entwickelt, der zu vielen, sehr spannenden, ungewöhnlichen neuen Kunstwegen bei mir geführt hat.

Du sprichst über die neuen Entwicklungen und wie du nun anders reagieren musstest. Viele deiner Projekte beschäftigen sich auch mit Künstlicher Intelligenz (KI). Hat das auch mit den neuen Pfaden zu tun? Bist du so auch ein bisschen stärker in diesen Bereich eingestiegen? 

Das Thema KI ist eines der vielen Themen, die bei mir in den letzten drei Jahren dazugekommen sind. Ich habe Glück, denn nach meinem KI-Kurs in Italien gab es eine Ausschreibung der Universität in Luxemburg, die in Vorbereitung für die europäische Kulturhauptstadt, die 2022 im Süden von Luxemburg in Esch stattfinden wird, Kooperationspartner gesucht hat. Die Universität und deren KI-Department haben Künstler*innen angefragt, die sich gerne mit dem Thema beschäftigen würden. Aus diesen Online Kursen ist ein sehr spannendes Team entstanden, das gemeinsam Kunstprojekte mit KI umsetzt. 

Eines der Projekte, das wir machen, ist Singularity 42. Wir untersuchen dabei das menschliche Verständnis von Intelligenz und von Interaktion mit der Umwelt.

Ich setze in diesem Rahmen noch ein weiteres Projekt um. Das ist DEUS -XMACHINA. Das geht auf den heiklen Bereich der Vorstellung ein, dass künstliche Intelligenz irgendwann der menschlichen Intelligenz überlegen sein wird. Wir werden für DEUS einen Chatbot entwickeln, der auf einem sehr hohen philosophischen und theologischen Niveau mit den Menschen einen Dialog über Glaubensfragen führen kann.

Du greifst in deinen Projekten auch weitere gesellschaftlich relevante Themen auf. Inwiefern siehst du Kunst als soziale Triebkraft in unserer Gesellschaft und welche Rolle hat die Kunst deiner Meinung nach?

Nachdem ich früher im Theater sehr viel „Top Down Kunst“ gemacht hatte, die mit wenig Interaktion stattfand, habe ich 2007 begonnen, viele Projekte für den öffentlichen Raum zu entwickeln. Die Idee, dass Kultur eine Identität für eine Stadt erzeugen kann, ist etwas ganz Spannendes. Das setze ich gerade im kleinen Rahmen in einer Stadt in Ostwestfalen-Lippe um. Da wurde bis in die 50er Jahre des 20 Jahrhunderts über mehrere Jahrzehnte immer ein Bürgerstück als Historienspektakel aufgeführt. Jetzt geht es darum, dass wir wieder an diese Aufführungstradition andocken, aber dass wir nicht eine einfache Historisierung abliefern, sondern dass wir das dann auch aktualisieren. Wir machen das nicht mit einem großen Bühnenaufbau, sondern wir machen kleine Interventionen in die Stadt hinein. 

Wenn es in einer Stadt gelingt, in einem sowieso schon bestehenden sozialen Netzwerk alle beteiligten Gruppen an einem Kunstprojekt zu beteiligen, das gleichzeitig auch die Identität einer Region aufgreift, dann kommen da ganz tolle Prozesse ins Laufen. 

Theaterstücke, an denen viele Bürger*innen beteiligt sind bieten eine der besten Plattformen, um auch den gesellschaftlichen Dialog auf anderen Ebenen zu befördern. Da sind dann wirklich alle dran beteiligt, vor allem wenn das Stück auch gemeinschaftlich geschrieben wird. 

Wie würdest du generell sagen, dass ein ganzheitlicher Blick auf Kreativität und Kunst das Lebenslange Lernen fördert? 

Kunst und Kreativität, also ein anderer als ein rein zweckdienlicher Zugang auf Welten, auf Ideen, auf Projekte ist ganz, ganz entscheidend, um die Probleme, die wir heutzutage haben, lösen zu können. Es gibt das Konzept der 4 K: Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit und das Kritische Denken. Die 4K gehören eigentlich zum großen Bildungskanon der letzten 20 Jahre und werden in Schulen teilweise schon sehr gut umgesetzt. Das ist aber auch ganz wichtig im Bereich Erwachsenenbildung: Erwachsene, die mit einem alten Schulsystem aufgewachsen sind, haben oft größere Schwierigkeiten umzuschwenken. 

Bei der Kreativität geht es dabei jetzt nicht nur um das Bekannte „Oh Ich habe ein Bild gemalt“, „Oh, ich habe ein Gedicht geschrieben“, „Oh, ich habe eine Melodie erfunden“. Kreativität ist da noch viel grundsätzlicher die Möglichkeit, sich Einzelteile eines Problems oder eine Herausforderung anzuschauen und eine Lösung zu finden, die eben nicht nach Kochbuch läuft. Dass man „Out of the Box“-Thinking wagt, dass man erstmal nicht den Routineweg nimmt. Routine birgt die große Gefahr, dass sie oft nicht mehr adäquat zur Situation ist. Wir leben in einer Welt, die so viel Veränderung mitbringt und wir müssen uns als Individuen, als Kleingruppen, als Familien, als Schulen, als Universitäten ständig anpassen - und natürlich auch als gesamte Gesellschaft. 

Du greifst in deinen Projekten auch das Thema Klimawandel auf. Wie machst du das? Gibt es dazu aktuell auch Projekte, die du durchführst? 

Eines der Projekte, das sich jetzt durch meinen Lehrauftrag an der Musikhochschule Mannheim ergeben hat, ist Koloraturen fürs Klima. Auch Theater müssen anfangen, sich zu überlegen wie nachhaltig Theaterproduktionen sind. Es gibt ganz wenig Opern oder Musicals, die sich mit dem Thema Klimawandel beschäftigen. 

Wir fangen jetzt damit an uns zu fragen, wie wir altes Repertoire nehmen und in einen klimarelevanten Bezug setzen können. Damit Aufführungen nicht als Fluchtmöglichkeit dienen im Stile eines „Wir gucken uns da etwas an, das ist die schöne heile Welt und da sehen wir die Oper noch so, wie wir sie vor 30-40 Jahren gewohnt waren“. Sondern dass wir alles, was wir an Kulturprodukten haben auch unter dem Aspekt des Klimawandels beleuchten. 

Diese möglichen Widerhaken bei Geschichten und Stücken - dass die uns nicht nur einlullen, uns nicht eine falsche und trügerische heile Welt vorgespielt wird, sondern dass Kunst immer auch eine Herausforderung und ein Denkanstoß sein sollte - das ist für mich eigentlich immer wichtig gewesen. 

Je älter ich werde, desto mehr schaue ich mir das eigene Werk und das eigene Tun unter diesem Aspekt an und versuche eben diesen Haken, diesen Widerstand, diese Reibungsfläche auch in meinen Bildungsprojekten umzusetzen. 

Früher fand Kunst für mich an einem Ort statt und Bildung war woanders. Jetzt hat das inzwischen immer mehr Überlappungen, weil es eigentlich alles damit zu tun hat mit, wie wir es Menschen ermöglichen, sich zu verändern:  Wie ermutigen wir Menschen dazu zu lernen, mehr Kapazitäten zu entwickeln und mit anderen zu kooperieren. Und dann sind wir wieder bei diesen 4 K: Wir kommunizieren, wir denken kritisch nach, wir kooperieren mit anderen und wir machen das auf möglichst kreative Art und Weise, so dass wir Probleme gelöst bekommen.

Dieser Overlap von Bildung und Kultur ist in der Tat etwas, das mich immer mehr begeistert und fasziniert und wo ich eigentlich dann immer stärker versuche, etwas aus einer Welt in die andere Welt hinein zu tragen. 

Dann noch zum Abschluss die Frage:  Was wünscht du dir denn für den Kunst- und Kulturbereich für die Zukunft?

Das ist natürlich eine ganz, ganz spannende Frage. Gerade der Theaterbereich ist ja jetzt durch Corona die letzten zwei Jahre ganz weit ins Hintertreffen gekommen. Ich würde mir wünschen, dass Kultur viel stärker als wesentlicher Bestandteil menschlichen Zusammenlebens betrachtet wird, dass über Kulturgutscheine und Bildungsgutscheine Menschen, die nicht die finanziellen Möglichkeiten haben ins Theater zu gehen, die Möglichkeiten bekommen, neue Perspektiven kennenzulernen. Dass sie den Zauber eines Theaters, die wunderbare Welt eines Museums erleben und dass das einfach als Teil unserer Bürgerrechte verstanden wird. 

Und ich finde es immer ganz wichtig, dass wir keinerlei gesellschaftliche Gruppen ausschließen und dass Kultur eben auf allen, auch scheinbar einfachen, Ebenen stattfindet.

Eine spannende Kooperationsmöglichkeit läuft interessanterweise über Sportvereine. Sportvereine docken an ganz viele Bevölkerungsgruppen an, die auf den ersten Blick als „kulturfern“ wahrgenommen werden. Sport bietet unglaubliche Möglichkeiten, dort auch Kultur mit einzubauen. Ich habe in meinem Leben auch schon oft mit Landessportbünden aus verschiedenen Bundesländern gearbeitet. 

Ich glaube, es würde für sehr viel mehr sozialen Zusammenhalt sorgen, wenn von der Politik Gelder viel stärker in Kulturprojekte einfließen würden. Und wenn in den Institutionen der „Hochkultur“ das Bewusstsein noch stärker wird, dass es nicht reicht im Kulturtempel zu sitzen und darauf zu warten, dass die Leute dort hinkommen, sondern, dass man die Menschen an ganz vielen Orten abholen kann und muss.

Es gibt so viele Möglichkeiten, Kooperationsprojekten durchzuführen: zwischen verschiedenen Institutionen, zwischen Sportvereinen und Museen, zwischen Schulen und Museen zwischen Universitäten und der Europäischen Kulturhauptstadt, wie es jetzt gerade in Luxemburg passiert.

Es ist so viel Verzahnung möglich und je niedrigschwelliger diese Verzahnung und diese Begegnungen und in je mehr Sprachen sie möglich sind, desto toleranter, offener, vielfältiger und glücklicher wird unsere Gesellschaft sein. 

Eine offene und transparente Gesellschaft ist natürlich auch viel schneller bereit, eines der größten Probleme, dem wir uns im Moment ausgesetzt sehen, nämlich den Klimawandel, auf ganz vielen Ebenen lösungsorientiert anzugehen. 

Wir leben gerade in sehr aufregenden Zeiten, und je mehr wir über unseren eigenen Tellerrand hinausgucken und mit anderen zusammenarbeiten, desto mehr Lebensqualität werden wir jetzt und auch in Zukunft haben. 


Weitere Informationen zu TeeKay und seinen Projekten finden Sie unter: https://kreissig.net/

Interview TeeKay

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