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EPALE - E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

Blog

EPALE-Interview mit Muhammad Kasem, Gründer des Facebook-Portals „Austria in Arabic“

30/11/2016
von EPALE Österreich
Sprache: DE
Document available also in: SV EN BG

Herr Kasem, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Facebook-Plattform zu gründen?

Ich musste wie viele mein Heimatland Syrien verlassen. Als ich in Österreich ankam, war ich ganz allein in einem Land, wo ich keinen kannte, die Sprache nicht beherrschte und keine Ahnung vom System hatte. Als ich einmal eine Frage an meine Mitbewohner/innen stellte, die vor mir in Österreich angekommen waren, bekam ich sehr unterschiedliche Antworten und stellte fest, dass keiner das System versteht und es viele falsche Informationen und Gerüchte gibt. Ich fragte nach, wer für solche Fragen zuständig ist, ging direkt zur zuständigen Behörde und bekam eine ganz andere Auskunft als zuvor. Ich hatte den Vorteil, dass ich Englisch konnte.

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Muhammad Kasem (c) OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

 

Wie jeder weiß, dürfen Asylwerber/innen während des Asylverfahrens nicht arbeiten, es war also auch für mich unmöglich. Ich brauche aber immer eine Beschäftigung und beschloss, anderen Flüchtlingen zu helfen.

Ich habe viele Mitbewohner/innen im Flüchtlingsheim begleitet als Dolmetscher zu Behörden, Ärzten usw. Damals konnte ich nur Englisch und einmal habe ich jemanden begleitet, der einen Termin beim Roten Kreuz hatte, um einen Antrag auf  Familienzusammenführung zu stellen. Und hier kam mir die Idee, dass ich mich freiwillig als Dolmetscher beim Roten Kreuz melde.

Nach ein paar Terminen hatte ich alle Informationen zum Thema „Familienzusammenführung“ gesammelt und gepostet, damit ich mehr Leute erreichen und anderen Leuten helfen kann, über meinen Kreis hinaus.

Ich hatte viele Herausforderungen, als ich vor zweieinhalb Jahren nach Österreich gekommen bin. Jeden Tag musste ich eine neue Lösungen finden. Dann dachte ich: „OK, ich habe diese Probleme gelöst, aber es gibt noch viele andere, die mit diesen Problemen jeden Tag konfrontiert sind.“

Deshalb gründete ich vor zwei Jahren das Facebook-Portal "Austria in Arabic" (النمسا Austria), das arabisch sprechenden Flüchtlingen hilfreiche Informationen für alltägliche Probleme bietet. 35.000 Followers hat die Seite. Am Anfang musste ich viele Themen in Deutsch lesen und versuchen zu verstehen und dann, um sicher zu sein, nochmals in Englisch lesen und dann ins Arabisch übersetzen, das hat mir sehr geholfen, die Sprache schnell zu lernen.

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Muhammad Kasem - Facebook-Portal Austria in Arabic

Quelle: www.facebook.com/Austriainarabic/?pnref=lhc

Meine Lieblingswebsite war „HELP.gv.at“ und über manche Themen habe ich aus eigener Erfahrung geschrieben.

Irgendwann konnte ich die vielen Anfragen nicht mehr bewältigen. Mittlerweile habe ich in Tirol, wo ich mit meiner Familie lebe, die Beratung von Flüchtlingen zu meinem Brotberuf gemacht.

Was kann man auf Ihrer Plattform finden?

Die Plattform erklärt zum Beispiel, wie man schneller Deutsch lernen kann. Ich habe ein ganzes Archiv erstellt, wie Flüchtlinge schon vor dem Asylbescheid einen Deutschkurs bekommen können, wie sie Wohnungen und hilfreiche Organisationen finden, kostenlose Deutschkurse. Weiters Hinweise zu „Wo gibt‘s was?“, ÖBB und Sparschiene, Flohmarkt, Studienmöglichkeiten, Staatsbürgerschaft, Asylverfahren, die Verwaltung Österreichs, die Bundesländer, politische Situation, Familienzusammenführung, Lehre und Berufe, Anerkennung, Integrationstipps usw. Die Plattform informiert, an wen man sich wenden sollte, wenn man eine bestimmte Frage hat oder, wenn wir, die Betreiber der Plattform, nicht weiterhelfen können, und wie man Abläufe einfach besser bewältigen kann. Es geht auch um unsere Perspektive: Wir sehen eher, was Flüchtlinge wollen. Wir reden mit den Menschen  auf gleicher Augenhöhe.

Sie haben nun über 35.000 Follower, wie bewältigen Sie das?

Als ich die Facebook Seite gegründet habe, ist sie so schnell gewachsen, dass ich das nicht mehr allein machen konnte. Ich bekam täglich viele Anfragen und Nachrichten. Ich brauchte also Hilfe. Ich habe gefragt, ob jemand mitmachen will, und dann hat mir Sobhi Aksh eine Nachricht geschickt, dass er gern dabei sein möchte.

Ich habe ihn am Anfang getestet und nicht zum Admin der Seite gemacht, weil ich sicher sein wollte, dass keine falsche Information dargestellt wird.

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Muhammad Kasem (c) OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger
     

Ich habe gehofft, dass sich mehrere Freiwillige finden, zumindest eine Person pro Bundesland, damit wir laufend alle neuen Infos von allen Bundesländern darstellen können. Bis jetzt sind es aber nicht mehr Administratoren geworden, da auch hier die Frage der Qualität der Information sehr wichtig ist.

Ich lebe in Tirol, Sobhi Aksh lebt in Wien. Wir haben ein Jahr miteinander gearbeitet, ohne dass wir einander getroffen haben. Das Brainstorming haben wir übers Telefon gemacht. Wir machen auch Videos zu unterschiedlichen Themen, denn mit Videos kann man besser erklären als schriftlich.

Sobhi hat Info-Videos beigesteuert und war in mehreren Veranstaltungen, die in Wien stattgefunden haben, als Vertreter der Seite.

Wir haben teilgenommen an der „Willkommenskultur“ in Wien im Herbst 2015 und haben ein Video gedreht, das 3 Millionen Leuten erreicht hat.

 

 

Die Beratung von Flüchtlingen ist mittlerweile auch Ihr Brotberuf….

Da ich viele Flüchtlinge zu Behörden begleitet habe und im sozialen Bereich sehr engagiert bin, habe ich viele Leute kennengelernt, mein Gesicht wurde bekannt und durch meine Fähigkeiten und Kontakte habe ich gleich nach Erhalt des Aufenthaltstitels einen Job gefunden und dann noch einen zweiten Job.

Bei meiner Arbeit im Zentrum für Migranten in Tirol (ZeMiT, bietet soziale und arbeitsmarktpolitische, mehrsprachige Beratung) habe ich täglich Erfahrungen mit Klient/innen. Und ich kenne beide Seiten. Über die Arbeit mit den einheimischen Kolleginnen und Kollegen weiß ich, was die Leute hier denken. Außerdem arbeite ich noch für den „Tiroler Sozialen Dienst“, wir sind eine Tochter des Landes Tirol und zuständig für die Grundversorgung, dort arbeite ich in der Abteilung für Klienten-Management und wegen dieser beiden Jobs habe ich für "Austria in Arabic" kaum mehr Zeit.

Bei ZeMiT kümmere ich mich um den Bereich Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Manche Flüchtlinge sind gut ausgebildet, haben zum Beispiel schon als Arzt gearbeitet. Sie haben aber keine Ahnung, wie sie das in Österreich machen können, das Thema Anerkennung ist sehr kompliziert. Ein Anwalt aus Syrien zum Beispiel kann seinen Beruf hier nicht einfach so ausüben. Er hat andere Gesetze gelernt. Daher braucht er eine Perspektive: Entweder ein neues Studium, was nicht einfach ist, oder eine Arbeit in einem anderen Bereich. Ich selbst bin auch ein Beispiel, ich habe ein Masterstudium in Betriebswirtschaft abgeschlossen und jetzt arbeite ich als Berater!

Wie ist die Resonanz auf die Beiträge Ihrer Plattform?

Unsere erste Reportage war das Traiskirchen-Video. Es hat schon mehr als 50.000 Aufrufe, auch das Interview mit der jetzigen Staatssekretärin Muna Duzdar auf Arabisch haben sehr viele gesehen, da ging es um „Asyl auf Zeit“.

Wir haben auch Interviews mit Anhängern der FPÖ gemacht und sie gefragt, warum sie gegen Flüchtlinge sind. Die Antworten waren sehr unterschiedlich.

Was ist das Anliegen der Personen, die Ihre Plattform nützen?

Fast jeder Flüchtling ist traumatisiert und kann sich noch nicht in diese Gesellschaft integrieren. Es gibt eine Lücke zwischen ihm und der Gesellschaft und er kann diese Lücke noch nicht ausfüllen. Wir arbeiten daran, diese Lücke auszufüllen.

Wir versuchen als Brücke zu funktionieren zwischen den beiden Seiten, ich schreibe auf Facebook, was die Einheimischen von den Flüchtlingen erwarten und wenn ich zu einer Veranstaltung eingeladen wurde, habe ich die Flüchtlinge gefragt, was ich als Botschaft übermitteln soll und dann gebe ich das wieder, was Flüchtlinge sagen wollen. So war ich beispielsweise auch beim europäischen Mediengipfel in Lech im Dezember 2015 als Referent.

Es gibt schon viele gute Initiativen, aber aus unterschiedlichen Gründen erreichen sie leider ihre Zielgruppe nicht. Unser Ziel ist es, dass die Flüchtlinge über diese Initiativen Bescheid wissen.

Wir erreichen mehr Leute, weil wir genau wissen, was die Flüchtlinge brauchen und wir reden mit ihnen auf gleicher Augenhöhe. So habe ich habe eine Facebook gegründet und nicht eine Website, weil ich weiß, dass die meisten von ihnen ein Mobiltelefon besitzen und keinen Computer.

Welches Thema steht bei Ihnen derzeit im Vordergrund?

Ich arbeite jetzt an einem Projekt, das dazu beitragen soll, dass sich Österreicher und geflüchtete Menschen aus dem arabischen Raum besser kennenlernen, was das Verhalten in Alltagssituationen und bestimmte gesellschaftliche Aspekte betrifft (z.B. Grüßen, Duzen oder Siezen, Termine ausmachen, Gastfreundschaft, Humor, etc.).

Missverständnisse, die aus kulturellen Unterschieden und andersartigen Denk- und Handlungsmustern erwachsen, sind oft Grund für gegenseitige Ablehnung und für Missgunst gegenüber den sogenannten "Ausländern".

In humoristisch anregender Weise werden in kurzen Videoclips Situationen skizziert, die unterschiedliche Aspekte des Umgangs und der Kommunikation im Alltag ansprechen.

Die Idee zu diesem Projekt entstand im Rahmen der Erfahrungen, die ich sowohl persönlich als syrischer Flüchtling, als auch danach in meiner Arbeit gemacht habe.

Durch die Videoclips werden folgende Ziele verfolgt:

  • Beide Kulturkreise erfahren, wie die jeweils "Anderen" im Allgemeinen und üblicherweise denken und handeln.
  • Den Flüchtlingen vermitteln, wie sie sich hier verhalten können und sollen, ohne dass diese Informationen diskriminierend, als Befehl oder als eine autoritäre Struktur erlebt werden.
  • Den Österreicher/innen die Möglichkeit geben, neue Kulturen kennenzulernen.
  • Es wird mehr Verständnis für den jeweils „Anderen“ erzeugt, denn was für mich selbstverständlich ist, ist für den anderen vielleicht nicht so.

Viele geflüchtete Menschen haben den Wunsch, sich in die Gesellschaft, die sie aufgenommen hat, einzubringen, etwas zurückzugeben, mitzugestalten. Dazu braucht es die Fähigkeit, gut zu kommunizieren. Als Flüchtling habe ich selbst erfahren müssen, dass es dazu mehr braucht als nur Sprachkenntnisse: Gesellschaftliche Konventionen und übliche Umgangsformen stehen nirgends geschrieben, - ich habe die Kenntnis darüber erst in vielen selbst durchlebten Situationen langsam erwerben müssen. Ich musste zum Beispiel lernen, dass man sich in Österreich - anders als bei uns in Syrien - beim Grüßen in die Augen schaut, wie wichtig Pünktlichkeit ist, Tabuthemen (Was darf ich fragen? Was gilt als impertinent? Was hier als privat gilt, gilt bei uns in Syrien teilweise nicht als privat, was bei uns als privat angesehen wird, ist in Syrien vielleicht nicht privat … usw.)

In Österreich ist Pünktlichkeit ein wichtiger Wert. In Syrien ist es kein großes Thema, wenn jemand einmal 15 Minuten später kommt. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber es gibt tausend andere. Die Einheimischen erwarten, dass man sich in so kurzer Zeit integriert, aber keiner zeigt den Leuten, wie man es machen soll. Das will ich übernehmen.

Dieses Projektteam besteht nun aus zwei ehemaligen Flüchtlingen und vier Tirolern und Tirolerinnen. Ich hoffe, dass wir noch Freiwillige dazu bekommen, die beim Projekt mitmachen wollen oder finanzielle Unterstützung, damit wir dieses Projekt umsetzen können.


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Muhammad Kasem (c) OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

 

 

 

 

Muhammad Kasem ist Betriebswirt (MBA), stammt aus Syrien und ist seit 2 Jahren in Österreich. Er arbeitet als Berater bei ZeMiT, AST - Anlaufstelle für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen für Tirol und Vorarlberg. Die von ihm gegründete Facebook Seite “Austria in Arabic” bietet den über 35.000 Followern auf Arabisch integrationsrelevante Informationen zu Österreich.

Kontakt: muhammad.kasem@zemit.at

Facebook: النمسا Austria


Das Interview mit Muhammad Kasem führte Eva Baloch-Kaloianov von EPALE Österreich.

Fotos: (c) OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Den Veranstaltungsrückblick zur Konferenz "Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration", welche am 24.11.2016 in Wien stattgefunden hat, finden Sie auf der Seite der Nationalagentur Erasmus+ Bildung: bildung.erasmusplus.at

Zur Publikation "Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration".

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