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…einfach am Ball bleiben

14/08/2020
von Falko Blumenthal
Sprache: DE
Document available also in: EN

Lesezeit ca. 10 Minuten - Lesen, Liken, Kommentieren!


Portrait von Sofia Smuda

Liebe Sofia Smuda, guten Tag. Danke dass Du dir Zeit nimmst für uns. Zum Einstieg und um uns zu verorten bitte ich dich, uns ein Bild zu malen: Was machen die Menschen, die bei euch auf dem Gelände und im Unternehmen MAN Truck & Bus arbeiten?
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Hallo, schön, dass wir heute zusammengekommen sind. Ich bin Betriebsrätin bei der MAN Truck & BUS SE mit Standort München. Was machen wir bei MAN? Wir sind ein internationales Unternehmen mit Standorten auf der ganzen Welt. Wir produzieren und vertreiben LKW, Busse, Komponenten aber auch unser neuestes Produkt, den Van. Speziell in München haben wir sowohl Produktion als auch Angestellte, momentan circa 10.000 Mitarbeiter am Standort. Wir produzieren bei uns in München die schwere LKW-Reihe, wir machen Achsen und Verteilergetriebe. Wir haben aber auch sehr viel Verwaltung: Bei uns liegt der zentrale Einkauf der SE, das Engineering, der Vertrieb, die IT, die Finanzabteilung, die Strategieabteilung. Jeder einzelne von uns hat auf seine Weise mit Digitalisierung und Industrie 4.0 zu tun und ist davon auch betroffen.

Als Mitglied der IG Metall und als Betriebsrätin engagierst Du dich für den Bereich der Bildung. Da ist jetzt eigentlich die Aufmerksamkeit, die Mitbestimmung in der Corona-Krise und die Bildung in der Migrationsgesellschaft, in der Transformationsdiskussion erhält, doch eine Genugtuung für dich.

Ich bin auch Leiterin des Weiterbildungsausschusses des Betriebsrats. Für mich war das Thema Bildung immer schon entscheidend und spannend. Auch aus eigener Erfahrung. Ich selber habe meine Ausbildung bei der MAN gemacht und mich dann über ein Abendstudium weitergebildet. Das war damals noch schwieriger als heute, einen Vollzeitjob und die Abendschule unter einen Hut zu kriegen. Auch so hat mich das Thema Weiterbildung immer beschäftigt, interne wie externe Weiterbildung. Es ist einfach wichtig, sich permanent weiter zu bilden und einfach am Ball zu bleiben. „Genugtuung“ ist da vielleicht ein bisschen das falsche Wort, das hätte ja vielleicht schon ein bisschen was mit „Schadenfreude“ zu tun. Das ist es so jetzt nicht. Aber es freut mich natürlich ungemein, dass das Thema jetzt so im Fokus steht und aufgegriffen wird. Jetzt müssen wir eben schauen, dass wir diesen Schwung mitnehmen und damit die Weichen für die Zukunft stellen.

Stichwort „am Ball bleiben“: Welche Bedeutung haben bei euch die non-formal und informell erworbenen Kompetenzen? Wie wichtig ist das Lernen bei der MAN und vielleicht auch in der IG Metall im Betrieb jenseits von Berufsschule oder Hochschule?

Weiterbildung ist, wie wir jetzt immer wieder betonen, von zentraler Bedeutung. Und wird auch immer wichtiger. Aber als Firma zu erwarten, dass die Mitarbeiter das ausschließlich aus Eigeninitiative tun, find ich ziemlich naiv. Dieser Schuss würde nach hinten los gehen. Wenn man als Firma vor allem für junge Menschen interessant sein will und gleichzeitig auch auf die Expertise der Älteren nicht verzichten möchte, sind interne Qualifikations- und Weiterbildungsmöglichkeiten von zentraler Bedeutung. Ich muss mir also als Firma überlegen: Was brauche ich? Wo möchte ich hin? Welche Qualifikationen sind dabei vonnöten? Und: Wie schaffe ich es, meine Belegschaft auf diesem Weg mitzunehmen? Wie schaffe ich es, ihnen diese Kompetenzen zu vermitteln? Wir gehen bei der MAN diesen Weg: Wir haben eine MAN Academy, die gemeinsam mit dem Betriebsrat und den Fachabteilungen den Qualifikationsbedarf ermittelt, entsprechende Schulungen entwickelt und anbietet. Jeder Mitarbeiter hat für seine Tätigkeit ein Kompetenzprofil. In diesem ist hinterlegt, was er für seine tägliche Arbeit an Fähigkeiten braucht. Dieses Profil wird regelmäßig überarbeitet und angepasst. Hinter jeder Kompetenz, die ein Mitarbeiter braucht, sind dann Schulungen hinterlegt, die der Mitarbeiter gezielt buchen kann. In diese Schulungen klinken wir uns auch als Betriebsrat ein: Jeder hat seinen Bereich, für den er verantwortlich ist. Um den Menschen zu helfen und optimal unterstützen zu können, müssen wir auch verstehen, was ihre Aufgaben sind. Auch, wo es Probleme gibt und was beispielsweise moderne Technologien und IT-Systeme betrifft, müssen wir als Betriebsräte am Puls der Zeit bleiben.

Auch das Weiterbildungsangebot für Betriebsräte der IG Metall ist dabei für uns ganz wichtig. Wie wirkt sich Weiterbildung auf unsere Kollegen und auf das Entgelt aus? Wo können wir da ansetzen? Wie können wir die Mitarbeiter vor Überlastung schützen? Weiterbildung braucht Zeit, sie kann nicht on top zur täglichen Arbeit eingefordert werden. Was sind auch Schulungen, die für den Arbeitgeber vielleicht nicht so interessant, aber trotzdem unabdingbar sind? Da wäre zum Beispiel der Arbeits- und Gesundheitsschutz! Seien wir mal ehrlich, da liegt nicht der Fokus drauf. Aber es muss halt auf jeden Fall gemacht werden. In all diesen Punkten unterstützt uns die IG Metall mit ihrem Schulungsangebot optimal und steht uns sogar bei Einzelfragen durch die geschulten Kolleginnen und Kollegen zur Seite.

Auch das große Netzwerk einer Gewerkschaft ist da von Vorteil. Durch die vielen organisierten Betriebe kann man da auf Wissen und Ideen zurückgreifen. Viele Probleme sind ja nicht neu und wurden vielleicht schon woanders gut geregelt. Auf diesen Erfahrungsschatz in der IG Metall können wir zurückgreifen. Das ist eine enorme Erleichterung – und auch Bereicherung – für uns.

Danke für den Bogen, den du uns hier spannst. Hast du einen oder zwei Punkte, an denen du aktuell konkret ansetzt und die wir hier in der Bildungsrepublik und im europäischen Netzwerk der Erwachsenenbildung EPALE mitnehmen sollen?

IG Metall-Uhr von impresepossibili.it, CC BY NC 4.0

Das Thema Transformation beziehungsweise Industrie 4.0 betrifft uns als MAN, speziell als Nutzfahrzeughersteller, ganz besonders. Ich kann dir jetzt seitenweise Projekte erzählen, die wir angestoßen haben oder die wir gerade dabei sind, zu implementieren. Aber ein Punkt, der mir tatsächlich persönlich am Herzen liegt und auf den ich auch ein bisschen stolz bin, ist die Qualifikation unserer Teilzeitkräfte. Selbstverständlich haben wir bereits geregelt, dass jeder Mitarbeiter, egal ob Teilzeit oder Vollzeit, den gleichen Anspruch auf Weiterbildung hat. In der Praxis aber ist das oft sehr schwierig! Bisher werden die meisten Weiterbildungsangebote in Vollzeit angeboten. Meistens sind es Ganztagesschulungen, was es einer Halbtageskraft extrem schwierig macht auch daran teilzunehmen. Da habe ich mich mit der MAN Academy zusammengesetzt und wir haben damit angefangen, einzelne Schulungen herauszupicken um sie als Teilzeitschulungen anzubieten. Beispielsweise kann eine Schulung an vier halben Tagen statt an zwei ganzen Tagen stattfinden. Das haben wir jetzt angestoßen und es wird sehr gut angenommen. Das werden wir auch erweitern. Das wird nicht für jede Schulungsmaßnahme möglich sein, aber bereits einen Teil so anbieten zu können, finden wir toll. Um die Akzeptanz hier zu erhöhen, bieten wir diese Teilzeitschulungen auch für Vollzeitkräfte an. Auch für sie kann es von Vorteil sein, wenn sie sehr in ihrem Tagesgeschäft eingebunden sind können sie hier an Weiterbildung teilnehmen ohne am Abend nacharbeiten zu müssen oder ihre Arbeit auf andere abwälzen zu müssen.

Eine weitere Sache, woran wir gerade auch massiv arbeiten, ist das Thema Online-Schulungen. Da hat uns Corona tatsächlich „geholfen“, weil die Reaktionen auf die Pandemie die Digitalisierung und die ganze Infrastruktur nochmal enorm voran gebracht hat. Auch die Akzeptanz hat sich stark gesteigert. Diese Schulungen müssen nicht zwangsläufig im Büro gemacht werden. Wir haben gute Vereinbarungen zu Home Office und Flex Work, das ermöglicht dann auch das Lernen von zu Hause aus. Das ist auch wiederum gut für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gerade bei Online-Schulungen kann man sich die Zeiten relativ frei einteilen. Das Einzige, wo wir hier als Betriebsrat sehr aufpassen müssen, ist, dass diese Schulungen eben nicht on top zum Job gemacht werden sondern als Arbeitszeit gelten. Viele Chefs erwarten, dass Du deinen Job machst und dann abends noch in die Schulung setzt. Das geht nicht. Da spielt das Arbeitsschutzgesetz mit rein, der Schutz der Beschäftigten. Da arbeiten wir gerade dran! Das ist ein bisschen schwierig, weil man es so schlecht greifen kann. Ich weiß ja nicht, was der Kollege in seiner Freizeit oder am Abend so macht. Aber da müssen wir schauen, dass wir gute Regelungen bekommen.

Dann arbeiten wir jetzt auch an Konzepten zur Qualifizierungsförderung. Da hat auch die Bundesregierung etwas aufgesetzt, da sind wir jetzt aber noch am Anfang. Da möchte ich heute noch nicht viel weiter spekulieren, aber auch das ist für uns ein sehr wichtiges und auch ein sehr interessantes Thema.

Da gibt es viel zu mitnehmen. Welchen Gedanken, welches To Do, möchtest Du uns noch spezifisch mit auf den Weg geben, wenn wir im Themenfeld Anerkennungskultur – für Bildung in der Digitalisierung aber auch in der Tradition der IG Metall als wichtige Kraft der Migrationsgesellschaft – weitergehen?

Foto des Infotisch des Projekts ANERKANNT im DGB Bildungswerk BUND

Für mich ist es ganz wichtig, dass es eben nicht nur zählt, welchen Abschluss man hat oder welche Qualifikation auf einem deutschen oder ausländischen Papier stehen. Viele Fertigkeiten und Fähigkeiten erwirbt man nebenbei: Durch das tägliche doing, durch Kollegen, die einen einarbeiten, durch interne Kurse, die man besucht. Auch wenn dabei nicht gleich ein Bachelor oder Master rauskommt. Wenn einem Mitarbeiter die Gelegenheit und Möglichkeit gegeben wird, sich weiterzubilden, ist das unglaublich motivierend. Das trägt auch zur Identifikation mit dem Unternehmen und zur Bindung an das Unternehmen bei. Motivierte Mitarbeiter, die sich mit dem Unternehmen identifizieren ist doch genau das, was wir brauchen. Das sind auch die Mitarbeiter, die im Unternehmen bleiben und nicht beim nächstbesten Angebot gleich weiterziehen. Die Unternehmen und Chefs sollten mehr darauf achten, was ein Mitarbeiter tatsächlich kann, als auf das, was auf einem Blatt Papier steht. Es kommt aber auch nicht immer nur auf fachliche Kompetenzen an, sondern auch auf soziale. Inwieweit ist mein Mitarbeiter bereit, sich weiter zu bilden? Auch Kollegialität ist ein ganz wichtiges Thema. Halte ich alles Wissen bei mir oder gebe ich es weiter? Wir leben in einer Zeit der Überflutung an Informationen! Da kann niemand mehr alleine alles wissen. Darum ist der Austausch untereinander um so wichtiger. Dabei ist noch zu beachten, soziale Kompetenz ist nur bedingt erlernbar. Fachlich kann ich relativ viel „draufschulen“, wenn ich Excel oder Word noch nicht kann- Aber die soziale Kompetenz ist ab einem gewissen Alter ausgeprägt und daran lässt sich nicht mehr viel ändern. Das sollten die Chefs schon bei Einstellungen dringend beachten.

Weiterbildung ist ein wichtiges Thema. Firmen dürfen hier nicht am falschen Ende sparen oder das auf die gesundheitlichen und finanziellen Kosten der Mitarbeiter machen. Die IG Metall hat das bereits erkannt und unterstützt uns im Betriebsrat da ganz maßgeblich. Dadurch können wir die Mitarbeiter und auch die Firma kompetent beraten und begleiten. Ich hoffe auch, dass die Bundesregierung sich der Bedeutung dieser Thematik bewusst ist und Firmen hier noch mehr unterstützt, die auf die Aus- und Weiterbildung setzen. Die, die sich nicht nur Kompetenzen von außen einkaufen wollen.

Herzlichen Dank für diese Einblicke! Ich freu mich über die Erweiterung unseres Blickwinkels durch deine Materie und deine Arbeit. Ich freue mich auf ein nächstes Mal.

Freu ich mich auch sehr! Danke schön.

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Über die Interviewpartner:

Cover der Handreichung ANERKENNUNG: Non-formal und informell erworbene KompetenzenSofia Smuda, 44, ist Mutter von 2 Kindern und seit 25 Jahren bei MAN. Nach über 15 Jahren im Vertrieb stieg sie 2012 als Referentin des Betriebsrates ein, seit 2013 ist Sofia Smuda gewähltes Betriebsratsmitglied, Bereichsbetriebsrätin im Sales sowie Leiterin des Weiterbildungsausschusses und Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses. Seit 2019 ist sie freigestellte Betriebsrätin in der IG Metall.

 

Falko Blumenthal, 35, ist Bildungsreferent im Projekt ANERKANNT des DGB Bildungswerk BUND. Aktuell im Projekt erschienen ist die Methodensammlung & Handreichung zu non-formal und informell erworbenen Kompetenzen. Da Projekt wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

 

 

 

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