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Bildung in Zeiten von ...COVID-19

Seit Wochen ist ein Thema in aller Munde. Was auch immer man über das Coronavirus denkt: Fakt ist, dass täglich auf der ganzen Welt Konferenzen, Schulungen und Workshops abgesagt werden. Weniger Treffen, weniger Reisen, weniger persönliche Kontakte und infolgedessen auch weniger Lernen.

Originalsprache: Polnisch


Seit Wochen ist ein Thema in aller Munde. Was auch immer man über das Coronavirus denkt: Fakt ist, dass täglich auf der ganzen Welt Konferenzen, Schulungen und Workshops abgesagt werden. Weniger Treffen, weniger Reisen, weniger persönliche Kontakte und infolgedessen auch weniger Lernen.

In dieser Situation kommt uns eines in den Sinn: Fernunterricht, d. h. verschiedene Arten von Webinaren, Online-Kursen und -Workshops. In den letzten Jahren wurden hier Verbesserungen erzielt und diese Angebote erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, sind aber nach wie vor virtuelle Lernformen, die im Schatten ihrer jeweiligen Pendants mit persönlichem Kontakt stehen. Nun hat das E-Learning zum ersten Mal die Chance, ein Zeichen zu setzen. Denn wir fragen jetzt nicht mehr, ob Online-Unterricht besser ist als herkömmliche Unterrichtsmethoden. Wir denken nicht einmal darüber nach, ob die beiden Methoden sich unterscheiden. Viele von uns haben nämlich momentan, zumindest in der nächsten Zeit, keine andere Möglichkeit. Und als Pädagog*innen müssen wir diese Zeit irgendwie füllen, um überleben zu können. 

In vielen Gegenden war es zunächst nicht ganz so schlimm, dass zahlreiche Universitäten, Ausbildungszentren und Konferenzzentren geschlossen sind – doch schon das Beispiel Italiens zeigte, das kann sich schnell ändern und hat es schlussendlich auch. Überlegen wir also, was geschähe, wenn wir ab morgen nicht nur zur Überbrückung gezwungen wären, zu unterrichten bzw. zu lernen, ohne unser eigenes Zuhause zu verlassen und ohne persönlichen Kontakt zu anderen Menschen zu haben.

Theoretisch stehen uns viele Tools zur Verfügung, da das Thema Fernunterricht nicht neu ist. Abgesehen von seinen Ewigkeiten zurückliegenden Anfängen hat das Internet uns wirklich effektive Lösungen verschafft. 

   

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Unterrichtskurse

Mit Fernunterricht ist hauptsächlich synchroner Unterricht gemeint. In diesem Fall kann der Kontakt mit der Lehrkraft schwer durch etwas Anderes ersetzt werden. Also erkunden wir zunächst einmal Webinar-Plattformen. Sie ermöglichen das gemeinsame Arbeiten an Unterrichtsmaterialien, Echtzeit-Kommunikation mithilfe von Audio-, Video- und sonstiger Interaktion wie Quizzen, die als Übungen oder zum Überprüfen der Fortschritte der Gruppe genutzt werden können. Die Arbeit in kleinen Gruppen mit wenigen Personen ermöglicht sogar mehr Freiheit bei der wechselseitigen Kommunikation, weshalb ein solcher Unterricht nicht wie ein Vortrag gestaltet werden muss. In einem gut konzipierten Webinar funktioniert sogar der Lernzyklus nach Kolb.

Es sind unzählige Lösungen auf dem Markt. Sie alle lassen sich relativ leicht in nur wenigen Minuten umsetzen. Für kleine Gruppen betragen die Kosten für eine solche Lösung in Form von Software as a Service nur wenige Euro im Monat. Dabei muss nichts installiert werden und man greift einfach über einen Webbrowser auf die jeweilige Plattform zu. Normalerweise vermeiden viele Menschen solche Kosten. Wenn allerdings Online-Workshops zur wichtigsten Unterrichtsmethode werden, ist eine solche Ausgabe eher symbolischer Art. Die Tagesmiete für einen Schulungsraum ist durchschnittlich fünf- bis achtmal so hoch wie die Kosten für einen Zugang zu einer Webinar-Plattform in einem Monat. 

Warum greifen Sie also jetzt, wo Sie all dies wissen, nicht zur Kreditkarte, vor allem, wenn Vieles zu einem symbolischen Preis zu haben ist? Nun ja, Online-Lernplattformen sind keine Massenkonsumgüter. Sie sehen auch nicht mehr wie anspruchsvolle Technologien aus, da Live-Übertragungen im Internet heutzutage niemanden mehr beeindrucken. Sie sind so allgegenwärtig und normal wie das E-Mail-Schreiben. Diese Lösungen sind weder exklusiv noch prestigeträchtig, weshalb die Abonnementgebühren erschwinglich sein müssen. Die Gebühren waren ohnehin nie besonders hoch. Die vernünftigen Preise kommen zustande, weil den Entwicklern und Betreibern für entsprechend viel genutzte Angebote ebenfalls keine hohen Kosten entstehen. Die meisten Abläufe sind einfach und automatisiert und daher kostengünstig. Dies ist auch sinnvoll, solange man keine zu hohen Erwartungen an den jeweiligen Dienst stellt. Theoretisch kann man zum Preis eines guten Buches eine unbeschränkte Anzahl an Webinaren pro Monat anbieten (allerdings normalerweise nicht mehrere gleichzeitig). Sollte sich jedoch herausstellen, dass die tatsächliche Anzahl an Online-Unterrichtsstunden pro Monat zweistellig ist, was bei den durchschnittlichen Pädagog*innen und nicht nur der ausgewählten Avantgarde der Online-Lehrkräfte, die dies um jeden Preis tun, der Fall sein wird, kann sich das Geschäftsmodell schnell ändern. 

Konferenzen

Die Herausforderung wird größer, wenn in einem virtuellen Raum nicht nur rund ein Dutzend, sondern mehrere hundert Menschen untergebracht werden sollen. Dann steigt der Preis proportional zur Kapazitätsgrenze des Raums, was eine typische Lösung bei den meisten Abonnements ist. Dennoch sollte die Organisation einer Online-Veranstaltung für 500-1000 Personen nicht mehr kosten als die Miete für einen Schulungsraum für 15 Teilnehmer*innen. Hier sieht man wieder, wie niedrig die realen Kosten für virtuelle Aktivitäten sind. Außerdem muss man in diesem Fall weder Schulungsmaterialien ausdrucken noch sich Gedanken über die Verfügbarkeit von Parkplätzen, Empfangspersonal oder die Form einer Kaffeepause oder gar das Catering machen. Und dies sind zweifellos mit die wichtigsten Elemente jeder Schulung. 

Bei großen Gruppen kann allerdings nicht alles synchron erfolgen. Dies gilt nicht nur für Konferenzen, sondern auch für Schulungen mit hoher Teilnehmerzahl. Hunderte Teilnehmer*innen benötigen Folgedienstleistungen, ganz zu schweigen von entsprechender Datenverwaltung, Verfolgung der Lernfortschritte und vielen weiteren Fragen.

Seit mehreren Jahren haben viele beliebte Online-Kurs-Plattformen viele Aspekte so weit wie möglich vereinfacht. Nach Ansicht vieler sind sie dabei zu weit gegangen, weil in die Konzeption oft keine Expert*innen für Erwachsenenbildung einbezogen wurden bzw. deren Stimmen zugunsten „geschäftlicher Bedürfnisse“ außer Acht gelassen wurden. Worin besteht also das Problem bei Udemy [PL] und anderen Plattformen? Sie bieten ständig neue Kurse an, von denen die meisten von nicht professionellen Pädagog*innen durchgeführt werden. Als Erstes wurde alles weggelassen, was die Erstellung eines Online-Kurses schwierig macht. Fragen zur Methodik wurden auf eine Checkliste begrenzt und die Zusammenfassung des Kurses auf wenige Kästchen, die die Verfasser*innen zusammen mit der Kursbeschreibung ausfüllen müssen. Die Benotung wurde im Wesentlichen auf automatisch ausgestellte Zertifikate reduziert. 

Wenn die Lehrkräfte mehr wollen, können sie sich für eine anspruchsvollere Lösung entscheiden, die viele für sehr intuitiv und nutzerfreundlich halten. Und hier kommt die Königin der Lernplattformen – Moodle – ins Spiel. Sie ist kostenlos und bietet gut konzipierte Funktionen an, die das gesamte Spektrum an Unterrichts- und Bewertungsprozessen widerspiegeln. Hier raten viele Nutzer*innen jedoch, dass man, statt anfangs neue Funktionen hinzuzufügen, lieber erst viele Standardfunktionen ausschalten sollte. Pädagog*innen, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen, werden nach der ersten Begegnung mit Moodle oft zunächst abgeschreckt, da sie befürchten, einen Doktortitel in Informatik zu benötigen, um die Plattform nutzen zu können. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass ein „Weniger ist mehr“ hier perfekt funktioniert. 

Noten und Zertifikate

Bei Schulungsveranstaltungen erhält man oft eine Art Anwesenheitsbescheinigung oder ein Zeugnis. Erst durch die Menge dieser Bescheinigungen merken wir, wie viele es davon gibt. Ich persönlich finde es schwierig, die Frage zu beantworten, ob nach meinem Unterricht Bescheinigungen ausgestellt werden. Meistens sage ich dann, dass ich, selbst wenn ich das wollte, keine entsprechende Einrichtung bin. Das Problem hierbei ist allerdings schwerwiegender – wie kann man den Teilnehmer*innen aussagekräftige Dokumente ausstellen, die ihre jeweiligen Leistungen bestätigen?

Genau hier kommen Lösungen wie Accredible ins Spiel, die eine gewisse Kontrolle bzw. Überprüfung der Leistungen ermöglichen. Selbst heute ist eine solche Bestätigung der Teilnahme an einem Kurs viel mehr wert als eine einfache pdf-Datei, weil die entsprechenden Funktionen eine gewisse Fälschungssicherheit bieten (was auf dem amerikanischen Online-Kurs-Markt ein echtes Problem darstellt). Die Zukunft gehört also der Blockchain-Technologie, bei der – einfach ausgedrückt – Daten zu allem für jedermann verfügbar sind und nicht mehr auf einem Server liegen, zu dem die jeweiligen Prüfer*innen keinen Zugang haben. Man wird also leicht prüfen können, ob ein Dokument echt ist oder nicht, und infolgedessen werden entsprechende Zeugnisse echte Bedeutung erlangen, selbst als offizielle Bescheinigung von Qualifikationen. Auch wenn es für viele „blasphemisch“ anmuten mag: Wer weiß, ob die aktuelle Situation diesen Prozess nicht beschleunigt? 

Technologie ist nicht alles

Ein großer Teil dieses Artikels ist der Technologie gewidmet, die allerdings in praktischer Hinsicht nur zweitrangig ist. Was normalerweise schief geht und uns davon abhält, Lösungen für Fernunterricht auszuprobieren und umzusetzen, ist die fehlende Erfahrung damit und die nicht vorhandenen Kenntnisse der einschlägigen Unterrichtsmethoden. 

Allein im formalen Bildungssystem gibt es rund 100 Millionen Pädagog*innen und Dozent*innen. Addiert man dann noch alle dazu, die in anderen Bereichen unterrichten, zeigt sich, dass wir es mit einem riesigen Markt zu tun haben. Und all diesen Menschen muss kontinuierlich beigebracht werden, wie man unterrichtet. Vor ein paar Jahren haben viele Universitäten ihre eigenen Online-Kurse gestartet und die Zusammenarbeit mit Plattformen wie Coursera und edX begonnen. Sie haben also quasi den Weg bereitet. Leider habe ich den Eindruck, dass diesem Beispiel nur wenige folgen werden. In unserem Teil Europas waren die größte Motivation für das Anbieten von akademischen Online-Kursen wahrscheinlich die dafür vorgesehenen europäischen Zuschüsse. Die großartigen Anstrengungen, die bei der Projektentwicklung unternommen wurden, kann man mit bloßem Auge erkennen – beispielsweise die Online-Kurse in Polen, die eine winzige Anzahl an Projekten widerspiegeln. Jetzt mag sich wiederum zeigen, dass es keine andere Lösung gibt und die Lehrkräfte nun lernen müssen, wie man in der Realität unterrichtet, wenn die Hochschulgelände geschlossen sind. 

Was wir tun können

Man kann die Welt nicht in einer Woche oder in einem Monat ändern, aber es lohnt sich, jetzt Schritte einzuleiten oder zumindest darüber nachzudenken. Dafür empfehle ich Folgendes:

  • Entwickeln Sie einen Plan B und erlernen Sie neue Technologien jetzt, probieren Sie mehrere Anwendungen und Plattformen aus, die kostenlos getestet werden können. EPALE stellt auch zahlreiche Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, die bei Erasmus+- und Leonardo-da-Vinci-Projekten entstanden sind, einschließlich Fernlernmethoden und Lehrwerke.
  • Bauen Sie technologische Elemente in Ihren Unterricht ein, damit die Lernenden sich stärker daran gewöhnen. Wenn Sie gelegentlich Webinare anbieten, werden Sie nicht nur lernen, wie das geht, sondern auch Ihren Schüler*innen beibringen, wie man sie nutzt. Es lohnt sich auch, eine einfache Version eines Online-Kurses auszuarbeiten und Sie auf Ihrem Blog, Ihrer Website oder sogar bei Udemy zu veröffentlichen. So können Sie selbst ausprobieren, wie es sich im Internet unterrichtet.
  • Im herkömmlichen Unterricht sollten Sie darauf achten, wie es Ihnen und allen anderen im Raum geht. Es hört sich trivial an, aber stellen Sie sich vor, sie müssen jemanden, dessen Zustand darauf hindeutet, dass er krank ist, bitten, den Unterricht zu verlassen. Es geht nicht nur um die Gefahr von COVID-19, sondern um die Grundprinzipien des Miteinanders. Viele von uns denken noch immer, dass es ein heldenhaftes Opfer darstellt, krank zur Arbeit zu gehen. Immer wieder habe ich von Lehrkräften gehört, dass sie es „zum Unterricht geschafft“ haben, obwohl sie mit hohem Fieber aufgewacht sind. 

Abschließend wünsche ich uns allen Gesundheit, Verstand und dass wir nicht in Panik verfallen. Bitte kommentieren Sie diesen Artikel und berichten Sie von Ihren Erfahrungen darüber, wie man in Zeiten der Pandemie unterrichten kann!


Über den Autor: Piotr Maczuga befasst sich seit über zehn Jahren mit der Nutzung neuer Technologien in der Erwachsenenbildung. Er entwickelt neue Technologien, die modernes Marketing und Unterricht kombinieren, und setzt diese in Unternehmen um. Er ist Mitautor von Lehrwerken zu Webinaren, Webcasts, Knowledge Pills etc. Darüber hinaus ist er Methodiker, Verfasser von Schulungen zur Multimedia-Nutzung im Unterricht und in Unternehmen und hat einschlägige Publikationen veröffentlicht. Er leitet das Digital Knowledge Lab – ein Studio für die Produktion von Multimedia-Unterrichtsinhalten in Polen, das mit dem Digital Knowledge Village zusammenarbeitet. Seine berufliche Mission ist die Beseitigung technologischer Barrieren, die diejenigen behindern, deren Ziel es ist, Andere so zu unterrichten, dass die Entstehung einer Gesellschaft unterstützt wird, die die verfügbaren Tools bewusst und effizient nutzt.


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