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Bildung für die Demokratie und für Werte, wovon ist hier die Rede?

Bildung für die Demokratie ist ein immer wiederkehrendes Thema auf vielen Seminaren und Konferenzen. David LOPEZ hat zwei europäische Verbände befragt.

[Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Französisch veröffentlicht. Er wurde von EPALE Frankreich übersetzt].

 

Bildung für die Demokratie ist ein immer wiederkehrendes Thema auf vielen Seminaren und Konferenzen, insbesondere nach der „Pariser Erklärung“ der Bildungsminister der Europäischen Union[1], die als Reaktion auf die Angriffe auf die demokratischen Grundlagen Europas erfolgte. Um eine Bestandsaufnahme der Situation zu machen, habe ich zwei europäische Verbände befragt: Solidar und die Plattform für lebenslanges Lernen. Lucie SUSOVA von Solidar (LS) und Brikena XHOMAQI von der Plattform für lebenslanges Lernen (BX) waren bereit, meine Fragen zu beantworten.

 

 

 

  1. Glauben Sie, dass es spezifische Methoden für die Erziehung zur Demokratie gibt?

LS: Mehr als bloß spezifische Methoden müssen Räume bereitgestellt werden, die implizit die Bürgererziehung fördern. Und es sollte dabei nicht nur die formale Bildung berücksichtigt werden. Freiwilligenarbeit, nicht-formaler Ausbildung, Informations- oder Protestkampagnen, Debatten und Foren sind ebenfalls Bildungsräume, und es ist notwendig, besonders Gruppen in sozialen oder wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu unterstützen.

BX: Die Orte, an denen wir etwas über unsere Gesellschaft, unsere Institutionen und unsere demokratischen Werte lernen, sind wichtig. Dies ist das, was wir „Bildungsumgebungen“ nennen. Es ist entscheidend, die Tatsache zu verstehen und zu integrieren, dass nicht alle Bildungsumgebungen die gleichen Ziele verfolgen. Alle Bildungsräume sollten jedoch das Endziel beinhalten, zur Schaffung einer harmonischen Gesellschaft beizutragen. Die formale Bildung hat noch einen langen Weg vor sich, aber sie bietet sicherlich einzigartige Bedingungen für das Erlernen von Gemeinsinn und Staatsbürgerkunde. Informelle oder nicht-formale Umgebungen lassen sich besser an die Grundbedürfnisse der Lernenden anpassen.

LS: Ein zentraler Punkt ist die Notwendigkeit, breite Partnerschaften mit allen wichtigen Akteuren zu schaffen. Es ist gleichzeitig ein ganzheitlicher Bildungsansatz, der den Lernenden in den Mittelpunkt des Lernprozesses stellt.

BX: Dem kann ich nur zustimmen. Die Überwindung der Kluft zwischen den Sektoren kann das Lernkapital für Bürgerkunde stärken. Wir sollten auch die Familie nicht vergessen, die schließlich die erste  „Bildungsumgebung“ ist, in der Demokratie erlebt werden kann. Schulungen für Familien können nützlich sein. Ich glaube auch, dass wir in einem System mit mehreren Organisationsebenen leben. Jede von ihnen hat mehr oder weniger identifizierbare Ziele. Die lokale Ebene verfügt oft über weniger Finanzierung und beschäftigt sich weniger mit Demokratieerziehung als Institutionen auf nationaler oder europäischer Ebene. Natürlich sind Programme und Lehrpläne auf europäischer und nationaler Ebene wichtig. Aber die tägliche Praxis findet oft auf lokaler Ebene statt, die dem Alltag am nächsten ist. Sowohl auf der formalen als auch auf der nicht-formalen/informellen Ebene.

  1. Welche Kompetenzen können im Bildungsbereich für Demokratie und Bürgerschaft erworben werden?

LS: Zunächst einmal geht es darum, sich mit den Werten zu befassen, die das persönliche Engagement in der Gesellschaft stärken. Dazu gehören insbesondere die Achtung der Menschenrechte, die Unterstützung der Gleichberechtigung von Minderheiten, die Gleichberechtigung der Geschlechter. Diese Errungenschaften sind Voraussetzungen für die Integration in eine multikulturelle Gesellschaft.

BX: Ohne ins Detail gehen zu wollen: Die Plattform für lebenslanges Lernen unterstützt die Arbeit der UNESCO und insbesondere das Programm zur Bildung für eine globale Bürgerschaft, dessen konkrete Umsetzung die  Incheon-Erklärung „Bildung 2030“ ist. Einer der zentralen Punkte ist es, in den formalen Systemen das Konzept des lebenslangen Lernens und die Gesamtheit an transversalen und sozialen Kompetenzen, die erworben werden können, stärker zu nutzen. [2] (Siehe BILDUNG 2030 in den Referenzen)

LS: Wichtig sind alle Kompetenzen, die für eine Annäherung an politische und soziale Fragen sorgen. Kritisches Denken fördert auch demokratische Prozesse. Für die Erziehung zur Demokratie ist alles unverzichtbar, was dazu beiträgt, kulturelle Identitäten im Rahmen eines interkulturellen Dialogs zu stärken, sowie sich die Fähigkeiten anzueignen, Konflikte abzuwehren und Friedenserziehung zu lernen.

BX: Es ist viel gesagt und geschrieben worden. Es besteht kein Zweifel, dass die finnische Präsidentschaft der Europäischen Union, die im Juli 2019 beginnt, diese Aspekte unterstützen wird.

 

  1. Wie sieht aus Sicht der zivilgesellschaftlichen Organisationen die Vision zum dringenden Bedarf an Bildung für Demokratie, Staatsbürgerschaft und Solidarität aus?

LS: Zunächst einmal sind wir der Ansicht, dass die Finanzierung und Unterstützung von Projekten und Aktivitäten zur Stärkung der aktiven Bürgerschaft mit Blick auf die Herausforderungen zu gering sind. Eine stärkere öffentliche und private Finanzierung würde dazu beitragen, Lücken zu schließen und eine stärkere Integration gefährdeter Gruppen zu fördern. In Anbetracht der spezifischen Bildungsarbeit für Migrant*innen müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten die Kriminalisierung von Solidarität beenden und eine vertiefte und tägliche Arbeit mit Migrant*innen ermöglichen, da sonst das Risiko besteht, dass in einigen Jahren neue Schwierigkeiten auftreten.

BX: Während die Bildungssysteme den Lernenden Lernräume und Werkzeuge zur Verfügung stellen müssen, damit sie sowohl lernen UND Demokratie praktizieren können, müssen Lehrer*innen und Pädagog*innen dabei unterstützt und gestärkt werden. Die Berufsausbildung von Lehrer*innen und Erzieher*innen ist unerlässlich. Dafür und zur Ermöglichung der unverzichtbaren Mobilität der Fachkräfte werden Mittel benötigt.

LS: In der Tat stellen die Unzulänglichkeiten bei der beruflichen Erstausbildung und Weiterbildung von Lehrer*innen und Erzieher*innen, die wir seit langem anprangern, ein ernsthaftes Hindernis für die Erziehung zur Demokratie dar. Plattformen für den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Fachleuten aus verschiedenen Bildungsbereichen sollten ebenfalls gestärkt werden.

BX: Ja, wir haben festgestellt, dass die organisierte Zivilgesellschaft der wichtigste „Lieferant“ von staatsbürgerlicher Bildung in Europa ist. Horizontale und vertikale (thematische und territoriale) Partnerschaften sind von entscheidender Bedeutung, da an diesen Orten demokratische Bedürfnisse und Instrumente geschaffen und erprobt werden. Man muss bedenken, dass Demokratie nicht nur bei Wahlen, sondern bei allen Handlungen des Lebens ausgeübt wird.

 

VORLÄUFIGE SCHLUSSFOLGERUNGEN.

Am Ende des Gesprächs fragte ich beide, ob sie noch etwas hinzuzufügen hätten. Beide einigten sich auf eine gemeinsame globale Aussage.

„Die Grundwerte von Solidarität, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit sind wesentliche Meilensteine beim Aufbaus integrativer Bildungsgesellschaften. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, sich als freie und gleichberechtigte Individuen innerhalb gemeinsamer sozialer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zu beteiligen und zusammenzuarbeiten. Die zu erwerbenden Kompetenzen sind bekannt und werden im Rahmen der Instrumente für integrative nicht-formale und formale Bildung identifiziert. Die Systeme müssen jetzt offener sein für den Austausch, für die gemeinsame Teilnahme, für eine ganzheitlichere Vision, kurz für lebenslanges Lernen.

Konkrete Informationen werden regelmäßig auf den Websites dieser beiden Organisationen bereitgestellt.

www.lllplatform.eu

 

 

 David LOPEZ ist thematischer Koordinator "Volksbildung" EPALE Frankreich. 

 

 

 


[1][1] Die am 17. März 2015 von den europäischen Bildungsministern verabschiedete Erklärung von Paris markierte die Verpflichtung der Mitgliedstaaten, gemeinsame Werte zu fördern, kritisches Denken und Medienkompetenz, integrative Bildung und interkulturellen Dialog zu stärken.

[2] https://fr.unesco.org/themes/ecm

 

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