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Bildungsaktivistin kämpft mit familieneigener NGO gegen Diskriminierung

Weil Sie mit dem Minderheitenschutz in Ihrem Heimatland unzufrieden war, gründete die Slowakin Andrea Kutlikova, Erwachsenenbildungs-Absolventin, gemeinsam mit ihrer Familie Kalab, eine NGO für gesellschaftliche Bildung. Zwei Jahre später gewinnt ihr gemeinschaftlicher Lernraum in Bratislava durch seine vorgelebten Werte die Herzen der Menschen. 

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Originalsprache: Englisch


Kaleb NGO.

Weil Sie mit dem Minderheitenschutz in Ihrem Heimatland unzufrieden war, gründete die Slowakin Andrea Kutlikova, Absolventin eines Studiums der Erwachsenenbildung, gemeinsam mit ihrer Familie Kalab, eine NGO für gesellschaftliche Bildung. Mit den vorgelebten Werten gewinnt dieser gemeinschaftliche Lernraum in Bratislava die Menschen für sich.

Noch nach Ende der offiziellen Debatte füllten angeregte Konversationen den Raum. Kaffeetassen wurden aufgefüllt und Bier nachbestellt. Der kleine Saal, kaum größer als ein komfortables Wohnzimmer, war für die abendliche Zusammenkunft in Kerzenlicht gehüllt worden.

Andrea Kutlikova ließ zufrieden ihren Blick über den Raum schweifen. Im Laufe des Abends waren eine Reihe heikler Gesprächsthemen aufgegriffen worden. Minderheitenschutz, Gleichberechtigung, Diskriminierung von Roma, Geflüchtete—allesamt Zunder für hitzige Diskussionen in Andreas slowakischer Heimat. Als Gastgeberin und Mitbegründerin dieses Begegnungsraums in Bratislava hätte Andrea selbst die Konsequenzen jeglicher aus dem Ruder gelaufener Diskussion tragen müssen. Als Andrea an der Bar stand kam ein Mann in seinen Fünfzigern auf sie zu.

Er eröffnete das Gespräch, indem er ihr sagte, er sei Mitglied der Ľudová strana Naše Slovensko. Andrea erkannte den Namen der rechtsextremen Organisation sofort.

„Für einen Moment war ich geschockt“, gibt Andrea zu- Das, was als nächstes passierte, überraschte sie vielleicht sogar noch mehr.

Der Mann bedankte sich bei Andrea. Er sagte, er schätze die Art und Weise, wie Andrea und ihr Team die Diskussion aufgebaut hätten. Unterschiedliche Meinungen seien zugelassen und respektvoll behandelt worden. Er habe sich als Teil der Debatte gefühlt statt davon ausgeschlossen.

„Der Mann kam noch ein weiteres Mal zu Kalab, diesmal zusammen mit einigen Jugendlichen aus dem Schulwohnheim, in dem er arbeitet. Er hat diese jungen Leute sogar zu unserem Inklusionsworkshop mitgebracht!“ erklärt Andrea.

„Da habe ich zum ersten Mal gedacht, dass unsere sanfte Herangehensweise hier bei Kalab wirklich funktionieren könnte.“

Eine Familienangelegenheit

Kaleb Family.

Das Herz der Familien-NGO Kalab: (v.l.n.r.) Zuzana, Stani, Vlado und Andrea.

Kalab ist eine NGO, die 2016 von der in Bratislava beheimateten Andrea Kutlikova (27), ihrem Freund Stani, ihrer Schwester Zuzana und ihrem Schwager Vlado gegründet wurde. Das Ziel der Organisation ist es, einen Ort in der slowakischen Gesellschaft zu schaffen, an dem ausgeklammerte oder gar tabuisierte Themen rund um Minderheiten und deren Schutz diskutiert werden. Für die Bewohner*innen der slowakischen Hauptstadt ist Kalab tatsächlich ein realer Raum—ein kleines Zentrum für nicht-formales Lernen mitten in der Altstadt von Bratislava.

„Kalab ist unsere Familien-NGO und das spiegelt dieser kleine Raum wirklich wider. Es herrscht eine sehr vertraute Atmosphäre; der Raum ist kaum größer als das Wohnzimmer einer Großmutter. 25 Leute kriegen wir locker untergebracht, mit extra Stühlen sind es 50“, lächelt Andrea. 

Eine sanfte Methode zur Vorurteilsbekämpfung

Die extra Stühle werden häufig benötigt. Bei Kalab finden jede Woche um die fünf Veranstaltungen statt, von Kursen im Bierbrauen über Autor*innenlesungen bis hin zu Tanzkursen und Theaterabenden. Bildung durch Kunst ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von Kalab, da hier Künstler*innen, darunter auch Kunststudent*innen, ein Ausstellungsort geboten wird. Kalab arbeitet mit anderen lokalen NGOs zusammen daran, Veranstaltungen zu organisieren und ihre Räumlichkeiten für diese anzubieten.

„Wer diese Veranstaltungen besucht, kommt dann automatisch in Kontakt mit den Werten, die wir vertreten, wie Gleichberechtigung und Antidiskriminierung“, erklärt Andrea.

Kalab geht nicht predigend, sondern entspannt an die Bürgerbildung heran. Andrea und ihre Familie richten einen Ort ein, an dem offener Dialog und Respekt greifbar wichtig sind—genau darin besteht die sanfte Herangehensweise, von der Andrea so oft spricht.

Kalab NGO.

„Vorurteile gegen, zum Beispiel, Roma sind tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Das ist also kein Thema, in das wir uns einfach kopflos stürzen können. Oft eröffnen wir das allgemeine Thema Diskriminierung mit dem Beispiel der slowakischen Minderheit in Ungarn, Serbien und Rumänien. So können wir zeigen, dass wir und unsere Landsleute unweit von Zuhause selbst als Minderheit gelten.

Das ebnet uns bei Kalab den Weg, um schließlich den Dialog mit den Besucher*innen auf Roma, Geflüchtete, Geschlechtergleichstellung und sogar LGBT-Menschen zu lenken“.

Die Minderheitenpolitik der Slowakei beschreibt Andrea als reaktionär. Selbst aus den obersten Rängen der Regierung kommt politische Rhetorik, die Roma und Geflüchtete zu Sündenböcken für gesellschaftliche Missstände macht.

„Und das in einem Land, das im letzten Jahr insgesamt vier Geflüchtete aufgenommen hat! Ich kannte im Grunde jeden von Ihnen“, ruft Andrea aus.

Darüber hinaus wächst auch in der Slowakei eine Opposition gegen die zivilgesellschaftlichen Initiativen des Großinvestors George Soros, der selbst eher mit dem Nachbarland Ungarn assoziiert wird.

Kurzhaarige müssen hungern

Kalab setzt auch auf direktere Bildungsstrategien. Die NGO organisiert Schulungen, die Lehrer*innen helfen, mit Themen wie Minderheitenschutz, Volksverhetzung und Fake News im Unterricht umzugehen. Andrea und ihre Kolleg*innen laden auch Gruppen von Schulkindern zu spielerischen Diskussionen ein.

Einmal empfing Andrea eine Gruppe von Schüler*innen mit dem Ziel, beim Spielen von Brettspielen über die Roma-Minderheit zu sprechen. Die Gruppe war für Andreas Thema nicht sonderlich aufnahmebereit; Witze und Gerede über rassistische Roma-Klischees erfüllten den Raum. Dann gab es Mittagessen. Andrea belud die Teller einiger Schüler*innen mit Essen während sie andere leer ausgehen ließ. Als sich die Kinder beschwerten, erklärte sie ihnen, dass sie nur denjenigen Essen gegeben hatte, die langhaarig waren.

„Für viele der Kinder war das die erste wirklich spürbare Diskriminierungserfahrung“, erklärt Andrea.

„Ich glaube, sie haben an dem Tag etwas verstanden. Und am Ende haben auch die Kurzhaarigen etwas zu essen bekommen!“

Förderungsknappheit als Segen

Im Moment sind Kalabs Finanzen gesichert. Andrea und das Team schafften es bereits ziemlich früh, das Interesse vieler NGOs und Organisationen zu wecken. Dazu gehört auch Google Academy, die nun regelmäßig die Räumlichkeiten für ihre eigenen Events mieten und damit eine regelmäßige Einnahmequelle für Kalab bilden. Neuerdings erhalten sie auch zusätzliche Unterstützung durch einen Kulturfond, die es Kalab ermöglicht, kleine Entschädigungen an Vortragende und andere Content Producer zu zahlen. Bis vor kurzem war die Lage allerdings deutlich prekärer. Es waren weder Projektgelder noch längerfristige Förderverträge in Aussicht und die Gründer*innen mussten die Miete aus eigener Tasche bezahlen. Für Andrea war dies Glück im Unglück.

„Die Tatsache, dass wir längste Zeit bei Kalab nicht auf Projektgelder zählen konnten, hat unserer Glaubwürdigkeit gut getan. Dadurch war klar, dass wir keine gekauften Interessen hatten und dass Kalab für uns nicht einfach nur eine Geldquelle war.“

Andrea und ihre Familie betreiben Kalab immer noch ehrenamtlich neben ihren Vollzeitjobs.

Inspiriert durch Erasmus

Kalab Organisation.

Kalab gibt es mittlerweile seit über zweieinhalb Jahren. Andreas Leidenschaft für Aktivismus wurde 2015 bei ihrem Erasmus-Praktikum in Finnland geweckt. Nach ihrer Heimkehr hinterließ die öffentliche Rhetorik gegenüber Minderheiten ein ungutes Gefühl bei Andrea. Schließlich hatte sie jetzt einen direkten europäischen Vergleich.

„Ich fühlte mich irgendwie zum Handeln verpflichtet. Hinzu kam noch, dass meine Schwester und ihr Mann bereits seit einiger Zeit über einen Schulungsraum zum Thema Toleranz nachdachten. Mein Freund, der Künstler ist, hat seine Ideen und kunst-basierten Methoden mit eingebracht. Dann haben wir herausgefunden, dass dieser Raum zur Miete leer stand! Uns war klar, dass es nie einen optimalen Zeitpunkt gibt, so etwas zu machen. Warum also nicht einfach loslegen!“

Schnell nahm das Quartett also die Pinsel in die Hand und renovierte den Raum, aus dem dann Kalab wurde.

Jetzt, mehr als zwei Jahre später, schaut Andrea mit einer Mischung aus Stolz und Leidenschaft auf ihre Arbeit zurück.

„Ich hätte nie erwartet, dass Kalab so eine große Rolle in meinem Leben spielen würde. Wenn ich hinter dem Tresen stehe, eine Veranstaltung gleich beginnt und ich die Menschen sehe—seien es Jugendliche oder ältere Leute aus meiner Nachbarschaft—dann fühle ich mich gesegnet. Klar, mein Freund und ich streiten uns jetzt schon öfter, weil wir nun zusammen arbeiten, aber wenigstens machen wir was Sinnvolles!“

Die Arbeit ist auch von einem Gefühl der Dringlichkeit gekennzeichnet, das dem Mut zum Handeln gegenübersteht. Andrea beobachtet eine Steigerung der Intoleranz und der Popularität rechtsextremer Parteien in der Slowakei.

„Ich denke, wir wollen nicht unbedingt die Meinungen der Leute ändern, sondern eher Hass aus unseren Diskussionen vertreiben. Meinungsunterschiede sind in Ordnung, Hass nicht. Wenn man über etwas lernt, dann wird man dafür sensibler und das führt letztendlich zu weniger Hass in Diskussionen und der Gesellschaft allgemein.“

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Foto: Kalab NGO


Markus Palmen ist Journalist, Autor, Produzent audiovisueller Medien und Freiberufler. Seit August 2017 ist er EPALE-Themenkoordinator für Politik. Er war acht Jahre lang geschäftsführender und Chefredakteur des European Lifelong Learning Magazine.

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