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Digitale Inklusion – statt offline einsam: Zeitschrift ELM über Medienkompetenz für ältere Menschen

Digitale Fähigkeiten gelten als Schlüsselkompetenz, um in modernen Gesellschaften zu bestehen. Aber gerade ältere Menschen haben da Defizite: In Deutschland sind laut Eurostat neun Millionen der Über-60-Jährigen Offliner. Besonders betroffen: Ärmere und sozial benachteiligte Frauen. Das europäische Online-Magazine European Lifelong Learning Magazine ELM hat sich in seiner neuen Ausgabe „Adult Education and Mature Learners“ besonders diesem Thema gewidmet.

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ELM Magazine
In der Werbung, da sieht man den strahlenden Großvater, der sich per Skype mit seinen Enkeln unterhält. Glückliche Gesichter, die zeigen: Auch wenn im Land eine Virus-Epidemie tobt: We stay connected, wir können uns sehen und miteinander sprechen, Technik sei Dank!

   

Kontakt mit der Oma per Facetime?

Aber halt: So einfach ist das nicht. Die neue Chefredakteurin der Onlinezeitschrift ELM (European Lifelong Learning Magazine), Heini Huhtinen, hat es in einem Selbstversuch erlebt. Sie wollte mit ihrer Oma, die die finnische Regierung wie alle älteren Menschen in Quarantäne geschickt hat, per Facetime reden. Ein Smartphone hat ihre Großmutter – aber nicht die Fähigkeiten, mit der entsprechenden App umzugehen. Digitale Kompetenzen bei Älteren sind sogar im fortschrittlichen Finnland nicht selbstverständlich.

Die neue Ausgabe von ELM, die sich mit „Adult Education and Mature Learners“ beschäftigt, richtet ihren Apell genau zum richtigen Zeitpunkt: Gerade ältere Menschen brauchen Bildung, um nicht abgehängt zu werden, um Kompetenzen und Wissen zu erwerben, um sich wohl zu fühlen und soziale Kontakte zu pflegen und auszubauen. Der Erwerb von digitalen Kompetenzen spielt dabei eine zentrale Rolle.

   

Glauben Ältere an Facebook-Fakes?

Letztes Jahr hat sich eine Nachricht fast wie ein Virus über die Welt verbreitete: Ältere Menschen glauben häufige an Fake News und haben darum die Wahl von Trump und Bolsonaro ermöglicht. Ein Anlass für ELM, genauer nachzuschauen: Warum ist das so, woher kommen diese Erkenntnisse? Die besagte Untersuchung aus dem Jahr 2019 stammt von Andrew Guess, Jonathan Nagler and Joshua Tucker (Less than you think: Prevalence and predictors of fake news dissemination on Facebook). Päivi Rasi ist Professor von der Universität Lappland, der sich mit Medienkompentenz Älterer im europäischen Kontext beschäftigt. Seine Einschätzung: Diese eine Aussage wurde medial so selektiv aufgegriffen und popularisiert, dass sie kaum mit den Ergebnissen der Studie übereinstimmt. Dort lässt sich nur ermitteln, dass der Glaube an Fake News bei Älteren zwar höher ist als bei andern, aber insgesamt gering.

Wahrscheinlich stimmt eher das Gegenteil, so Päivi Rasi, denn ältere Menschen nutzen die sozialen Medien deutlich weniger häufig als Jüngere. Eine wichtige Rolle spielt die sozioökonomische Situation der Älteren. Ärmere Menschen in benachteiligten Regionen nutzen das Internet und Soziale Medien kaum. Er empfiehlt, dass die jüngere Generation ihren Großmüttern und -vätern dabei hilft, den Umgang mit Facebook und Co. zu erlernen.

    

Grassroot-Lernen mit Rollator-Apps

Dies gilt auch für Deutschland, das in der Ausgabe von ELM mit einem Artikel über Beispiele vertreten ist, wie ältere Menschen mit Grassroot-Angeboten den Umgang mit Computer und Internet lernen, und zwar kreativ und mit viel Spaß. Digitale Komplexität ist für viele ein großes Hindernis: Viele verstehen einfach kein einziges Wort, wenn plötzlich Fehlermeldung aufpoppen, wenn „das System“ zum Update sofort heruntergefahren werden soll oder der Virenscanner unvermutet potenziell schädliche Elemente isolieren will. Durch behutsame und niederschwellige Bildungsarbeit, etwa durch die Nutzung von Apps für die Kartierung der Barrierefreiheit der direkten Umgebung (wo kann ich mit meinem Rollator hin?) können ältere Menschen an diese fremde Welt herangeführt werden.

     

Gerontechnologie: Kampf gegen digitale Exklusion

In Portugal macht man sich ebenfalls Sorgen, dass die ältere Generation vom digitalen Zug abgekoppelt wird. In der aktuellen Ausgabe von ELM wird mit Celiana Azevedo eine Forscherin vorgestellt, die sich auf „Gerontechnologie“ spezialisiert hat, eine Disziplin, die Gerontologie und Technologie kombiniert.  Azevedo berichtet, dass die Gruppe mit den meisten neuen Internetnutzern zwar ältere Menschen ist, die Zahlen jedoch immer noch niedrig sind.  2019 nutzten nur 34 Prozent der 65- bis 74-Jährigen das Internet. Dies spiegelt eine tiefe digitale Kluft zwischen ihnen und den Jüngeren wider. Darüber hinaus sind portugiesische ältere Menschen im Vergleich zu älteren Menschen in anderen EU-Ländern benachteiligt. Laut Eurostat nutzten 27 Prozent der EU-Bürger im Alter von 65 bis 74 Jahren das Internet, um mit Behörden zu interagieren, während dieser Prozentsatz in Portugal nur 14 beträgt.  Die Folgen sind auf vielen Ebenen erheblich, so Azevedo. Digitale Inklusion führt dazu, dass sich diejenigen, die das Internet nutzen und IKT-Kenntnissen haben, sich in der Regel unabhängiger fühlen, da sie beispielsweise online für ihre Finanzen sorgen können,  Kontakte zu Familie und Freunden online gepflegt und besseren Zugang zu öffentlichen, digitalen Dienstleistungen haben.

Weitere Themen dieser Ausgabe des Onlinemagazins sind Freiwilligenarbeit für Senioren, Bildungsarbeit mit Älteren in Flüchtlingscamps und alternative Lernmethoden. ELM erscheint vierteljährlich auf Englisch und ist kostenlos (https://elmmagazine.eu). Das Magazin wird von der finnischen Stiftung für lebenslanges Lernen herausgegeben und u.a. vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, der Akademie Klausenhof und der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland redaktionell und finanziell unterstützt.

   

   

   

   

   


Über den Autor: Dr. Michael Sommer ist Diplom-Journalist und war fünf Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter für Journalistik und Pädagogik. Seit 1993 ist er für die Akademie Klausenhof und die Katholische Erwachsenenbildung Deutschland (KEB) als Journalist, Pressereferent, verantw. Redakteur der Zeitschrift „Erwachsenenbildung“, in der medienpädagogischen Bildungsarbeit und in europäischen Projekten tätig. Er ist des Weiteren EPALE Botschafter.


Lesen Sie weitere Beiträge von Michael Sommer:

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