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„Die Bibliothek machen Menschen aus“ oder: „Wie plant man die Bibliothek der Zukunft“. Ein Gespräch mit Natalia Gromow

23/08/2019
by Monika Schmeich...
Sprache: DE
Document available also in: PL FR

Welche Funktion erfüllt eine moderne Bibliothek? Was ist für ihre Nutzer wichtig? Wie lassen sich ein funktioneller Raum, ein attraktives Angebot und eine reiche Büchersammlung kombinieren? Darüber und über andere wichtige Bereiche des zeitgenössischen Bibliothekswesens habe ich mit Natalia Gromow, einer leidenschaftlichen Bibliothekarin und Leiterin der Miejska Biblioteka Publiczna (Öffentlichen Stadtbibliothek) in Gdynia, gesprochen.

  

 

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Monika Schmeichel-Zarzeczna: Du hast eine sehr konkrete Vision der Funktionsweise der Bibliothek in Gdynia, welcher eine Diagnose vorausgegangen ist. Könntest du uns näher bringen, wie die Strategie erarbeitet worden ist, die du aktuell umsetzt?
Natalia Gromow: Als ich die Ausschreibung für den Posten der Leiterin der Öffentlichen Stadtbibliothek in Gdynia gewonnen habe, habe ich um einen Audit der Einrichtung gebeten. Ich habe mich mit der Bitte an die Biblioteka Wojewódzka (Woiwodschaftsbibliothek) in Gdańsk gewandt, die die sachliche Aufsicht über solche Einrichtungen in der Woiwodschaft führt. Der Audit ergab Bereiche im Funktionieren der Bibliothek und ihrer Filialen, die verbessert beziehungsweise optimiert werden sollten. Da wir über die Auditergebnisse und die erforderliche Unterstützung des Oberbürgermeisters verfügten, beschlossen wir, eine Strategie zu erarbeiten. Ich sage bewusst „wir“, da dieses Dokument eine Teamleistung darstellt. Am Beginn der Arbeit ersten Teil veranstaltete ich Workshops für Bibliothekare, die sich an dem Projekt beteiligen wollten. Die Workshops trugen sehr zur Entwicklung bei, machten viel Spaß und integrierten das Team. Wir alle haben gelernt, die User Experience-Methode in der Arbeit einzusetzen. Wir haben an mehreren Treffen mit Menschen teilgenommen, die uns dabei geholfen haben, uns auf den Veränderungsprozess vorzubereiten, Diagnosen zu erstellen und nach Entwicklungsbereichen zu suchen. Gleichzeitig wurde die Bibliothek von Miejski Service Design, einen Startup-Unternehmen aus Gdynia, analysiert. Auf diese Weise wurden Stadtaktivisten in die Studie einbezogen. Es war ein faszinierender Prozess. Alle seine Bestandteile führten zu einer Strategie, die stark auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Leser und Einwohner von Gdynia ausgerichtet ist. Den zweiten Teil des Dokuments habe ich bereits selbst erarbeitet, da er die für mich sehr wichtigen Themen der Entwicklung der Bibliothek selbst und ihrer Mitarbeiter enthält. Nach Abschluss der Arbeiten ist die Strategie vom Stadtrat verabschiedet worden und seitdem versuchen wir, sie umzusetzen.
   
MSZ: Eure Strategie ist im Jahr 2017 verabschiedet worden. Hat sie sich seitdem in irgendeiner Weise verändert? Hat sie sich weiterentwickelt? Schafft ihr es alle ursprünglichen Ziele umzusetzen?
NG: Die Strategie der Bibliothek in Gdynia verfügt nicht über die für solche Dokumente typische Tabelle mit Maßnahmen, die innerhalb bestimmter Zeiträume umzusetzen sind. Natürlich werden dort eine bestimmte Mission, Vision und die Ziele bei der Entwicklung der Institution festgesetzt. Außerdem erstellen wir jedes Jahr einen Plan auf der Grundlage der Strategieannahmen und setzen eben diesen Plan um. Gleichzeitig überwachen wir stets, was wir erreicht haben und was nicht. Wir sind auch offen für neue Herausforderungen. Wenn wir zum Beispiel die Möglichkeit haben, ein Objekt anzupassen, das nicht in der Strategie vorgesehen gewesen ist, dann nutzen wir sie natürlich.
Einen Bestandteil der Strategie bildet die Optimierung des Bibliothekfilialnetzes in Gdynia. Das Audit ergab, dass die Strategie veraltet ist. Wir haben eine hohe Filialdichte in der Innenstadt. Es mangelt jedoch an Bibliotheken in den entstandenen Ortsteilen. Die vorherigen Studien ermöglichen es uns, das Netzwerk in die richtige Richtung zu entwickeln.
   
MSZ: Musstest du irgendwelche Filialen schließen?
NG: Während der bisher durchgeführten Reorganisation habe ich noch keine schließen müssen. Ich habe jedoch drei Bibliotheken die Gdyńska Biblioteka Akademicka (Akademische Bibliothek Gdynia), die Czytelnia Naukowa (Wissenschaftliche Bibliothek) und die Wypożyczalnia Naukowa (Wissenschaftliche Leihbücherei) zur Biblioteka Wiedzy (Wissensbibliothek) zusammengelegt. Ich weiß jedoch, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem ich wenigstens eine Filiale schließen muss, weil sie sich in einem Objekt befindet, der für diesen Zweck ungeeignet ist.
   
MSZ: Du öffnest neue Bibliotheken, jede von ihnen ist anders. Woher hast du deine Inspirationen und Lösungsideen?
NG: Beim Planen einer Bibliothek müssen wir wissen, was dort untergebracht werden soll und vor allem, wer sie nutzen wird.
Die erste von Grund auf neu konzipierte Bibliothek war die Biblioteka z Pasją (Bibliothek mit Leidenschaft). Wir haben sie komplett unter Anwendung der Service Design-Methode entworfen. Wir haben verschiedene Lösungen getestet, die für junge Menschen geeignet sein könnten. Wir haben nämlich gewusst, dass es an Bibliotheken mangelt, die für diese Altersgruppe gedacht wären. Wir haben junge Menschen eingeladen, sich während der Konferenz „Richtung-Image“ mit den Entwürfen vertraut zu machen und uns ihre Meinung mitzuteilen.
Im Falle der Biblioteka Śródmieście (Bibliothek in der Innenstadt) hatten wir die Vision, dass es ein Ort für erwachsene Nutzer im Alter von 25-44 Jahren sein würde, d. h. die Gruppe, die uns am häufigsten besucht. Natürlich kann sie jeder benutzen, jedoch haben wir ein besonderes Augenmerk auf Erleichterungen für diese Gruppen gesetzt. Diese Menschen suchen uns vor allem deswegen auf, weil sie Bücher ausleihen oder in Ruhe arbeiten wollen. Es kommt jedoch vor, dass sie auch Kinder mitbringen. Wir sind daher zu dem Schluss gekommen, dass die Bibliothek über einen Ort verfügen muss, wo sich ein Kind mit sich selbst beschäftigen kann und somit seinen Betreuer die Zeit zu geben, welche er braucht. So entstand die sog. BASE, ein Raum, den Erwachsene nicht betreten dürfen und den der kleine Nutzer durch ein Loch in der Wand erreicht. Dieser Ort ist komplett gepolstert, um Sicherheit zu gewährleisten. Im Inneren befinden sich Seile und gepolsterte Hocker, die an Module aus dem beliebten Minecraft-Spiel erinnern. Das Kind kann sich dort hinhocken und sich austoben, während sein Elternteil in der Zwischenzeit ein Buch oder eine Zeitung lesen oder sich dem Studium widmen kann. In dieser Bibliothek haben wir auf PCs verzichtet und stellen stattdessen vor Ort Laptops zur Verfügung. Ihr Raum ist so konzipiert, dass man sich mit dem Laptop überall hinsetzen kann. Was man noch beachten musste war die Tatsache, dass junge Menschen Smartphones oder Tabletts mitbringen. Ich habe jedoch festgestellt, dass überall dort, wo es eine Steckdose gibt, auch ein USB-Anschluss zum Aufladen dieser Geräte vorhanden sein sollte. Die Leser nutzen dies sehr gern. Ich habe zwar anfangs vergessen, Kabel zu kaufen, jedoch ist es schnell gelungen, deren Bestand zu ergänzen. In der Planungsphase sollte man jedoch auch so etwas bedenken.
   
MSZ: Hast du einen Architekten, mit dem du zusammenarbeitest?
NG: Was den Architekten betrifft, so führen wir, wie auch in anderen Institutionen, öffentliche Ausschreibungen durch oder veranstalten einen Wettbewerb. In dieser Phase verfügen wir über die Voraussetzungen und einen Funktionsplan der Bibliothek. Als nächstes wählen wir das Angebot aus, das die größtmögliche Chance der Umsetzung unserer Vision bietet. In der Praxis sieht es so aus, dass wir uns in jeder Phase mit den Architekten auseinandersetzen, da sie oft etwas vorschlagen, das zwar großartig aussieht, jedoch komplett unpraktisch ist. Bisher haben wir mit drei Büros zusammengearbeitet, die für uns Entwürfe der Bibliothek im Dom Sąsiedzki (Nachbarschaftshaus), der Bibliothek mit Leidenschaft, der Wissensbibliothek und der neuesten Bibliothek in der Innenstadt erstellt haben. Ein Architekt hat immer seine eigene Vision. Wenn jedoch ein Entwurf umgesetzt werden soll, achte ich jedoch immer darauf, dass dieser praktisch ist. Ich möchte eine Situation vermeiden, in der wir eine schöne Bibliothek haben, die jedoch völlig unpraktisch ist. Beim Entwerfen der Bibliothek in der Innenstadt haben wir auch Workshops veranstaltet, zu denen wir sowohl aktive Leser als auch neue potenzielle Nutzer eingeladen haben. Zu diesem Treffen sind Architekten mit einer Vision angereist, die unsere Vorgaben berücksichtigt. Jedoch haben gerade die Einwohner von Gdynia angeführt, was sich bewähren wird und was unpraktisch ist. Die Architekten haben sich an diese Hinweise angepasst. Man muss Funktionalität mit Design verbinden. Natürlich gibt es Missgeschicke. Wir können nicht alles vorhersehen, aber mit jedem Projekt haben wir mehr Erfahrung. Wir lernen ständig, worauf es sich zu achten lohnt. Beispielsweise war uns bei der Bibliothek mit Leidenschaft an mobilen Möbeln gelegen. Diese wurden entworfen, hergestellt und präsentieren sich wunderschön. Sie sind jedoch nicht so mobil. Ich musste einen Gabelstapler kaufen, um sie befördern zu können.
   
MSZ: Welches Bildungsangebot können in deiner Bibliothek erwachsene Nutzer in Anspruch nehmen?
NG: Aus den von uns betriebenen Studien folgt, dass erwachsene Personen Bildungsangebote nicht wahrnehmen wollen. Sie haben nicht die Zeit dafür. Erwachsene wollen Zugang zu einer attraktiven Büchersammlung haben. Sie leihen sehr gerne Brettspiele aus oder nutzen sie vor Ort. Sie nehmen gern an Treffen mit bekannten Autoren teil, die die Form eines guten, gelegentlichen kulturellen Ereignisses haben. Eltern kommen zu Unterrichtseinheiten, an denen sie zusammen mit ihren Kindern teilnehmen können. Immer öfter sind insbesondere Frauen daran interessiert, ihre Freizeit in der Bibliothek als Nachbarschaftsgruppen zu organisieren. Wir geben ihnen Raum und die Damen initiieren verschiedene Aktivitäten im Zusammenhang mit deren Interessen. Deshalb gestalten wir den Platz in der Bibliothek so, dass sich die Menschen dort treffen und tun können, was sie interessiert. Natürlich versuchen wir, ein Angebot vorzubereiten, welches sie ebenso anspricht wie es bei Senioren, Kindern und Jugendlichen der Fall ist, die sich sehr gerne an unseren Initiativen beteiligen. Eine Gruppe von erwachsenen Werktätigen verlangt jedoch von uns Bücher und andere Sachen, die sie sich ausleihen können, wie Spiele, E-Books oder Hörbücher.
   
MSZ: In letzter Zeit wird öfters die Meinung vertreten, dass eine Bibliothek aufhört eine Bibliothek zu sein und zu einem Kulturhaus wird. Wie du bemerkt hast, ist das Angebot, insbesondere für Kinder, Jugendliche und Senioren, sehr vielfältig und hat viele Empfänger. Aus deinen Erfahrungen folgt jedoch, dass man nicht fürchten muss, dass die eigentliche Funktion der Bibliothek in den Hintergrund tritt. Die erwachsenen Leser lassen dies einfach nicht zu.
NG: Ich glaube, dass die Bibliothek ihre ursprüngliche Funktion nicht verliert, weil die Menschen sie besuchen, um sich dort zu treffen, etwas Cooles zu unternehmen, Platz für sich selbst zu haben, aber vor allem um Bücher auszuleihen. Dies belegen auch die Statistiken. Ich persönlich denke, dass wir uns abrackern können, ein geniales Angebot aufweisen können, wunderbare Events veranstalten können und doch keine Besucher haben werden, wenn auf den Bücherregalen keine Neuigkeiten vorhanden sind. Unterrichtseinheiten können auch in einem Siedlungsclub stattfinden. Deshalb lege ich großen Wert auf die Entwicklung der Buchkollektion.
   
MSZ: Führt die Modernisierung von Bibliotheken und deren Auslegung für bestimmte Benutzergruppen wirklich zu einer Zunahme der Leserzahlen?
NG: Statistiken zeigen, dass wir mehr Nutzer und Ausleihen als vor ein oder zwei Jahren haben. Wir kaufen sehr viele neue Bücher. Wir führen eine strenge Selektion der Büchersammlung durch. Alte und beschädigte Bücher werden aussortiert. Wir achten auch auf das Exponieren der Bücher. Wir versuchen, sie so zu arrangieren, wie dies z. B. in Empik-Buchgeschäften der Fall ist. Bereits deren Anordnung soll zum Ausleihen anregen. Das ist auch sehr wichtig. Wichtig ist auch die Tatsache, dass es uns gelungen ist, den Weg des Buches von der Bestellung bis zum Regal zu verkürzen. Wir haben auf die zentralen Einkäufe verzichtet. Jede Filiale trifft ihre eigene Auswahl. Es geht darum, sicherzustellen, dass der Titel, der den Leser erreicht, wirklich neu ist und nicht mit einer Verzögerung von mehreren Wochen kommt. Dies ist Teil des gesamten Veränderungsprozesses. Der Raum ist sehr wichtig, die Büchersammlung ist wichtig, aber auch die Einstellung der Mitarbeiter.
   
MSZ: Wie sollte deiner Meinung nach eine moderne Bibliothek aussehen?
NG: Zuerst einmal sollte die Bibliothek für Menschen sein. Für alle, die sie besuchen. Auch solche, die in ihr arbeiten. Gleichzeitig sollte sie einen Raum geben, den die Menschen nach ihren Vorstellungen gestalten können. Das Angebot muss an die Nutzer angepasst werden. Wenn wir es auf diese Weise angehen, sind wir auch in der Lage, bis zu einem gewissen Grad Bedürfnisse zu schaffen und immer mehr Menschen anzuziehen.

  


Natalia Gromow – Absolventin der Geschichte an der Universität Danzig und des Postdiplomstudiums Kulturmarketing (an der Universität Warschau) und der Innovativen Public-Relations-Praktiken (an der Universität Danzig). Seit 2016 ist sie Leiterin der Öffentlichen Stadtbibliothek in Gdynia.  Davor arbeitete sie in der Woiwodschaftsbibliothek und der Öffentlichen Stadtbibliothek in Gdańsk als Leiterin der Marketing- und PR-Abteilung und Pressesprecherin. Sie ist Ideengeberin und Verantwortliche für die Einführung  der Charta für die Kultur, Initiatorin der Polenweiten (Nicht)Tagung für Bibliotheksmitarbeiter/-innen Richtung-Image, des Bibliothekar-Austauschprogramms Praxis für Praktiker und vieler anderer Marketingkampagnen zur Förderung des Lesend und der Bibliotheksnutzung. Sie ist auch Mitbegründerin des Vereins LABiB.


Monika Schmeichel-Zarzeczna – Kunsthistorikerin, Kulturanimatorin, Bibliothekarin, Grafikerin und Ausstellungskuratorin. Sie studierte Kunstgeschichte an der Katholischen Johannes Paul II.-Universität in Lublin. Sie absolvierte die Akademie der Kulturleader des Zentrums für Kultur und Kunst Wrocław und die Akademie der Animateure des Vereins „Klanza“. Derzeit arbeitet er in der H. Łopaciński-Stadtbibliothek Lublin, wo er Workshops und Treffen für verschiedene Altersgruppen durchführt. Leiterin der Filiale Nr. 38 der Öffentlichen Stadtbibliothek in Lublin. Seit 9 Jahren arbeitet sie mit dem Zentrum für Theaterpraktiken „Gardzienice“ zusammen. Mitglied der Polenübergreifenden Bibliothekarnetzwerks LABiB. EPALE-Botschafterin.


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