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Der Prozess und Verfolgung dessen, was die Zukunft bringt... Kunsttherapie im Gefängnis. Interview mit Urszula Trzeciakowska

31/10/2018
von Monika Schmeich...
Sprache: DE
Document available also in: PL FR

Originalsprache: Polnisch

Jedes Jahr profitieren mehrere tausend Häftlinge von verschiedenen Formen der Bildung, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Gefängnisses. Ziel des Bildungszugangs ist es, Gefangenen bei der Wiedereingliederung zu helfen und sie auf eine schwierige Rückkehr ins Leben in Freiheit vorzubereiten. Neben den Möglichkeiten des lebenslangen Lernens haben die Verurteilten die Möglichkeit, an einer Vielzahl von therapeutischen und sensibilisierenden Workshops teilzunehmen. Eine dieser Entwicklungsformen bilden Kunsttherapiekurse - d.h. Kurse, bei denen Kunst zur Therapie dient. Die Kunsttherapeutin Urszula Trzeciakowska erzählt uns, warum es sich lohnt, den Insassen solche Aktivitäten anzubieten, wie diese vorzubereiten und durchzuführen sind, sowie über das Szenario, das Bibliothekare bald im Rahmen des DIDEL-Projekts, nutzen können.

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Monika Schmeichel-Zarzeczna: Wie kam es dazu, dass du im Gefängnis angefangen hast, Kunsttherapiekurse zu führen?

Urszula Trzeciakowska: Ich bin ausgebildete Kunsttherapeutin. Die ersten Workshops stellten meine Praktika da, die ich zur Verteidigung meines Diploms brauchte. Das Projekt setzte ich im Duett mit der Co-Trainerin Agata Bucharowska-Włodarczyk um. Wir suchten nach Gruppen von Erwachsenen, mit denen wir zusammenarbeiten könnten. Wir wurden über die Stiftung Dom Kultury (Kulturhaus), die verschiedene Aktivitäten in der Haftanstalt Grochów durchführt, und über eine Gruppe aus dieser Haftanstalt informiert, die bereits Kurse in Anspruch nahmen und offen für Gespräche mit uns waren. Wir organisierten ein Kennenlerngespräch, bei dem wir uns vorstellen und erzählen konnten, was Kunsttherapie eigentlich ist. Dabei konnten wir auch direkt fragen konnten, ob die Personen interessiert sind. Die Gruppe äußerte ihre Bereitschaft und so begannen unsere Aktivitäten.

MSZ: Habt ihr mit einer Frauengruppe zusammenarbeitet?

UT: Ja, es handelte sich um eine Gruppe von Frauen.

MSZ: Habt ihr eine bestimmte Art der Kunsttherapie vorgeschlagen, die beispielsweise auf Tanz, visueller Kunst oder Bibliotherapie basiert?

UT: Wir haben versucht, die Klassen nicht auf ein bestimmtes Feld zu beschränken. Das Centrum Łowicka (Zentrum Łowicka), in dem wir studiert haben, ermöglicht es, verschiedene Techniken zu erlernen, beginnend bei Tanz über bildende Kunst, Theater, Bibliotherapie bis hin zur Musiktherapie. Alle diese Methoden lernen die Studenten und Studentinnen durch Erfahrung kennen. Zuerst haben wir keine Techniken definiert, sondern den Teilnehmern nur erzählt, was wir nutzen können. Dann haben wir sie gefragt, was sie am meisten anspricht. Die durchgeführten Übungen folgten aus dem Prozess, der in der Abteilung stattfand. Wir haben das Programm modifiziert und dabei alles berücksichtigt, was in den vorherigen Klassen passiert ist, was wir beobachtet haben.

MSZ: Gefängnisinsassen haben Zugang zu Bildung. Sie haben die Möglichkeit jede Ausbildung vom Grundschulniveau bis zum Sekundarstufenniveau nachzuholen. Manche studieren sogar. Wozu brauchen die Insassen also Kunst? Wie werden sie durch Malen/Formen besser und wie wirkt sich das auf ihre Rückkehr in die Gemeinschaft aus?

UT: Es ist wirklich ein weites Feld. Vor allem ist Kunsttherapie nicht nur als Kontakt mit der Kunst verstehen. Es geht nicht nur um die Kommunikation mit der Kunst im Sinne von fertigten Werken, sondern auch um die Schaffung eigener Kreationen. Darüber hinaus basiert der gesamte kunsttherapeutische Prozess nicht darauf, dass jemand eine bessere oder schlechtere Arbeit leistet, sondern auf der Teilnahme am Schaffensprozess selbst. Es ist gerade das Engagement, was zu Erfahrungen, Gedankengängen und all dem führt, was man im Kopf hat, was man verbal vielleicht nicht offen legen möchte oder kann. Im Gefängnis wird man von niemandem mehr hören, als er nicht selbst erzählen möchte. Natürlich ermutigen wir dazu, Gedanken und Beobachtungen zu teilen, jedoch wird niemand dazu gezwungen. Wenn jemand nicht an irgendeiner Übung teilnehmen will, dann kann er ruhig abseits sitzen. Auch das ist in Ordnung. Um auf die Frage zurückzukommen, was die Kunsttherapie den Häftlingen gibt und wie sie auf den Prozess der Resozialisierung übertragen wird, sollte so ist zu bedenken, dass jede Aktivität eine Gelegenheit darstellt, sich sowohl mit anderen und mit sich selbst zu treffen. Dies geschieht jedoch unter „Nicht-Gefängnis-Bedingungen“, ohne Wärter. Der vorbereitete Raum ist sicher und intim, soweit dies in einer Strafanstalt möglich ist. Die Workshops vermitteln auch, wie man in einer Gruppe funktioniert und wie man gegenseitiges Vertrauen aufbaut. Natürlich ist dies in der Gefängnisrealität sehr schwierig. Vertrauen ist nichts, worüber oft gesprochen wird. Offen und freundlich im Gefängnisraum zu sein, setzt einen Insassen Risiken aus. Deshalb sind die Kurse so konzipiert, um die Kommunikation zu verbessern und um dabei zu helfen, Emotionen abzubauen. Alles hängt davon ab, was die Gruppe anstrebt. Sehr oft bildeten unsere Treffen mit den Insassen die Möglichkeit, Stress aus der letzten Zeit zu entladen, eigene Emotionen und Geschichten zu verarbeiten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in der Kunsttherapie nicht nur der endgültige Effekt, d.h. in diesem Fall die Auswirkungen auf eine erfolgreiche Resozialisierung, sondern auch der gesamte Prozess, an dem diese Menschen teilnehmen können, zählt.

MSZ: Können wir also sagen, dass die Kunsttherapie, die einerseits den kreativen Prozess in den Häftlingen aktiviert und andererseits die Arbeit mit schwierigen Emotionen oder gar Traumata ermöglicht, zur sogenannten Autoresozialisierung beitragen kann?

UT: Ja. Hier ist der Kontakt mit der Kunst und die Möglichkeit der Gestaltung eine Art Katalysator. Es geht nicht unbedingt darum, die Teilnehmer darauf hinzuweisen, ein Künstler zu sein, sondern darum, die Kreativität als Werkzeug für Veränderungen zu nutzen.

MSZ: Welche Entwicklungsphasen eines Kunsttherapieprogramms für Gefangene gibt es? Wie läuft die Vorbereitung auf diese Unterrichtsart ab?

UT: Man muss sicherlich eine Strafanstalt finden, die zusammenarbeiten will. Gibt es keine Hilfe seitens des Apparates des Justizvollzugsdienstes, dann gestaltet sich dies als schwierig und grenzt an ein Wunder. Man kommt nicht einfach so in ein Gefängnis. Man braucht jemanden im Inneren, um alles zu organisieren. Den nächsten Schritt bildet ein Treffen mit der Gruppe. Während dessen Dauer können die Teilnehmer/Teilnehmerinnen etwas über sich selbst sagen. Wir können auch viel lernen, uns Namen merken. Das Ziel des Treffens ist es, Menschen kennenzulernen und die Beziehungen zwischen ihnen zu erkennen. Mit diesem Wissen ist es möglich, die Arbeit fortzusetzen und weitere Workshops entsprechend der Spezifik der Gruppe zu gestalten. Ich selbst arbeite nicht nach einem fertigen Szenario und rate auch niemanden, Workshops nach einem Szenario zu planen, das von A bis Z umgesetzt wird. Denn darum geht es bei der Kunsttherapie nicht. Diese besteht im dem Sichtreibenlassen, in dem Prozess und der Verfolgung dessen, was die Zukunft bringt.

MSZ: Du hast gesagt, dass es nicht einfach ist, in ein Gefängnis zu kommen. Auf welche anderen Schwierigkeiten stößt eine Person, die die Arbeit mit einem Häftling beginnt?

UT: Die Bedingungen, unter denen wir arbeiten werden, können sehr unterschiedlich sein. Es ist wichtig, dass das erste Treffen an dem Ort stattfindet, an dem der Unterricht stattfindet. Dies ermöglicht es uns, den Raum zu beurteilen, der uns zur Verfügung steht und was man überhaupt hineintragen darf. All dies ermöglicht es darüber nachzudenken, welcher Unterricht durchzuführen ist. Man muss sich auch daran gewöhnen, dass dies eine Realität ist, in der praktisch nichts von uns abhängt. Man kann sich nicht selbstständig auf dem Gefängnisgelände bewegen. Es muss stets jemanden geben, der auf uns zukommt und uns führt. Es kann beispielweise vorkommen, dass es zu Unruhen im Block kommt und eine solche Person fehlt. Dann muss man warten. Man muss bedenken, dass es sich um eine Realität handelt, auf die wir nur sehr wenig Einfluss haben. Es bleibt einem, sich in Geduld zu üben und sich dem zu unterwerfen.

MSZ: Sind solche Handlungen in Gefängnissen üblich, oder handelt es sich hierbei um eher zufällige Situationen?

UT: Um ehrlich zu sein, weiß ich dies nicht genau, aber angesichts des Bewusstseins und der Herangehensweise an Kunsttherapie in Polen denke ich, dass dies immer noch die Ausnahme ist. Aber ich betone, dass ich es nicht überprüft habe. Ich vermute, dass einige der in Gefängnissen organisierten Aktivitäten Merkmale von Kunsttherapie aufweisen.

MSZ: Du hast dich kürzlich dem internationalen Projekt "Daily innovators and daily educators in the libraries" angeschlossen, das von der Fundacja Rozwoju Społeczeństwa Informacyjnego (Stiftung zur Förderung der Informationsgesellschaft) im Rahmen des Programms Erasmus+ verwaltet wird. Du hast an einem Kunsttherapie-Szenario für Insassen gearbeitet, das Bibliothekare nutzen können. Kannst du mehr dazu sagen?

UT: Ja, es handelt sich um ein Szenario für Bibliothekare, die mit Gefangenen arbeiten möchten. Dies ist ein Vorschlag, wie man die ersten Diagnosekurse organisiert, wie man Motive und Themen erforscht, die für die Gruppe von Interesse sind. Dies soll den betroffenen Personen dabei helfen, die Handlung zu starten. Dieser Workshop ist von Bibliothekaren getestet worden, die ich in Warschau getroffen habe. Ich habe versucht, mich nicht so sehr in die Insassen hineinzufühlen, sondern vielmehr in die Teilnehmer des Kunsttherapieprozesses.

MSZ: Glaubst du, dass ein Bibliothekar, der kein Kunsttherapeut ist, im Stande sein wird, Workshops nach diesem Szenario durchzuführen? Muss er sich alleine fortbilden?

UT: Natürlich wäre es gut, wenn er sich fortbildet, da ihm dies Handlungsfreiheit und Selbstvertrauen verleiht. Dabei muss man bedenken, dass sie eine schwierige Gruppe sind. Während der Testworkshops haben die Bibliothekare gefragt, ob sie in der Lage sein werden, dies zu bewältigen, ohne therapeutische Qualifikationen zu besitzen. Meine Antwort ist folgende: Kunsttherapeuten sind keine Therapeuten. Unabhängig von der Berufsbezeichnung führt ein Kunsttherapeut keine Therapie im psychologischen Sinne. Es geht darum, Raum zu schaffen, wichtige Themen abzusprechen und einige der auftretenden Themen zu zähmen. Bei schwerwiegenden Problemen kann der Workshopleiter versuchen, professionelle Hilfe zu organisieren und die Bedürftigen an die entsprechenden Spezialisten zu verweisen. Kunsttherapeuten, die keine zusätzliche psychotherapeutische Ausbildung aufweisen, sollten bedenken, dass die keine Kurse als Psychotherapeuten führen. Die Bibliothekare können jedoch bei der Arbeit mit Gefangenen erfolgreich kunsttherapeutische Werkzeuge einsetzen.

Urszula Trzeciakowska - Kulturanthropologin der Kultur, Absolventin des IEIAK (Instituts für Ethnologie und Kulturanthropologie) der Uniwersytet Warszawski (Universität Warschau). Sie führte Forschungen in Ghana, in London in polnischen Grenzgebieten in solchen Bereichen wie: zeitgenössische Kunst (Ghana), kongolesische Emigration (London) und muslimische Einwanderer (Polen). Absolventin des Kurses Kunsttherapie - Kultur gegen Ausgrenzung an der Akademia Umiejętności Społecznych (Akademie für soziale Kompetenzen) im Zentrum ŁOWICKA in Warschau.

Mein Interesse für Kunsttherapie entwickelte sich aus der Neugier über die Möglichkeiten, die sie Gesellschaftseinheiten in Hinblick auf den Erwerb und die Entwicklung von Kommunikationsfähigkeiten und in Hinblick auf den Relationsaufbau bietet. Ich bin Anthropologin und Reisende. Die Anthropologie erlaubt es mir, mich von der Welt zu distanzieren. Reisen erlauben es mir wiederum, mich ihr zu nähern. Ereignisse und die Menschen, die ich während meiner Reisen treffe, stellen für mich eine außerordentliche Quelle der Freude und Inspiration dar.

Monika Schmeichel-Zarzeczna – Kunsthistorikerin, Kulturanimateurin, Bibliothekarin, Grafikerin und Ausstellungskuratorin. Derzeit arbeitet sie in der Miejska Biblioteka Publicznej im. H. Łopacińskiego (Städtische Öffentliche H.-Łopaciński-Bibliothek in Lublin). Sie führt dort Workshops und Treffen für verschiedene Altersgruppen. Mitglied des Ogólnopolska Sieć Bibliotekarzy (Allgemeinpolnischen Bibliothekarnetzwerks) LABiB. EPALE-Botschafterin.

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  • Bild des Benutzers Weronika Biecka
    Świetny wywiad i doskonały pomysł. Myślę, że arteterapia powinna być w większym stopniu wykorzystywana w polskim więziennictwie, nie tylko incydentalnie. Arteterapia w procesie resocjalizacji daje skazanym możliwość wyciszenia się oraz innego spojrzenia na siebie i otaczający świat za pomocą sztuki. Metoda ta pomaga rozwiązywać konflikty, rozwija umiejętności interpersonalne, redukuje stres, podnosi samoocenę i samoświadomość, co w resocjalizacji jest bardzo istotne.
  • Bild des Benutzers Weronika Biecka
    Świetny wywiad i doskonały pomysł. Myślę, że arteterapia powinna być w większym stopniu wykorzystywana w polskim więziennictwie, nie tylko incydentalnie. Arteterapia w procesie resocjalizacji daje skazanym możliwość wyciszenia się oraz innego spojrzenia na siebie i otaczający świat za pomocą sztuki. Metoda ta pomaga rozwiązywać konflikty, rozwija umiejętności interpersonalne, redukuje stres, podnosi samoocenę i samoświadomość, co w resocjalizacji jest bardzo istotne. 
  • Bild des Benutzers Weronika Biecka
    Świetny wywiad i doskonały pomysł. Myślę, że arteterapia powinna być w większym stopniu wykorzystywana w polskim więziennictwie, nie tylko incydentalnie. Arteterapia w procesie resocjalizacji daje skazanym możliwość wyciszenia się oraz innego spojrzenia na siebie i otaczający świat za pomocą sztuki. Metoda ta pomaga rozwiązywać konflikty, rozwija umiejętności interpersonalne, redukuje stres, podnosi samoocenę i samoświadomość, co w resocjalizacji jest bardzo istotne. 
  • Bild des Benutzers Zuzanna Dziuba
    Uważam, że to jedna z lepszych metod resocjalizacyjnych, która zostaje powoli wprowadzana w Polski system penitencjarny. Jak wyżej, arteterapia nie jest jedynie ograniczeniem się do tańców, śpiewów i czczego rozluźnienia. Arteterapia penitencjarna to przede wszystkim otworzenie się na wrażliwość. To pokazanie osadzonym możliwości, jakie w sobie mają, których zwykle nie są świadomi. To pokazanie więźniom lepszej perspektywy na przyszłość i na dziś.
    Sądzę (i mam nadzieję), że za kilkadziesiąt lat Polski system penitencjarny weźmie przykład z więziennictwa na Skandynawii - co być może zmniejszy odsetek recydywy w Polsce, a osadzonym pomoże przetrwać nadany wyrok.