Blog
Blog

Der (junge) Erwachsene. Um wen geht's eigentlich?

Welche Stelle belegen Jugendliche in der Erwachsenenbildung? Welche Chancen und Potentiale bleiben bisher ungenutzt?

Junge Erwachsene

 

Wann ist man erwachsen?

Bin ich jetzt erwachsen? Diese Frage hat sich vermutlich ein jeder mindestens einmal in seinem Leben gestellt. Um diese Frage auch nur ansatzweise angemessen beantworten zu können, sei es für andere oder für sich selbst, ist es zunächst erforderlich, einmal zu bestimmen, was es denn überhaupt heißt, erwachsen zu sein. Es gibt ernüchternd viele Ansätze und Definitionen, je nachdem, ob man sich der Fragestellung von einer biologischen, psychologischen, soziologischen, philosophischen oder juristischen Perspektive aus nähert. Mögliche Antworten, von denen keine als faktisch falsch bezeichnet werden kann, wären zum Beispiel, dass erwachsen ist, wer körperlich vollständig ausgewachsen und fortpflanzungsfähig ist oder dass erwachen ist, wer die erforderliche Reife besitzt, sein Leben selbstständig zu meistern und sein Handeln kritisch zu hinterfragen. Oder ist vielleicht doch derjenige erwachsen, der in der Lage ist, sich die Frage zu stellen, ob er denn erwachsen ist? Alternativ kann man natürlich auch pauschal sagen: erwachsen ist, wer das 18. Lebensjahr vollendet hat. Oder das 21. Lebensjahr. Oder das 27. Lebensjahr.

 

Warum ist man erwachsen?

Vielleicht sollte man einen Schritt zurückgehen und überlegen, inwiefern es wichtig ist, ja, ob es denn überhaupt wichtig sein kann, eine Frage aufzuwerfen, auf die es offensichtlich keine einheitlich-überzeugende Antwort geben kann. Überspitzt formuliert: warum sollte es irgendjemanden interessieren, ob eine beliebige Person berechtigt als erwachsen angesehen werden kann oder auch nicht? Im Alltag braucht mich nicht zu interessieren, wie andere Menschen von ihrer Umgebung wahrgenommen werden, ebenso wenig, wie andere Menschen sich selbst sehen. Es kann mir im Regelfall auch egal sein, ob andere mich für erwachsen halten oder nicht. Ausnahmen zu diesem Regelfall wäre zum Beispiel der Händler, der mir kein Auto verkaufen will, weil er nicht glaubt, dass ich erwachsen (=geschäftsfähig) bin oder der Richter, der mich für reif genug hält, nach Erwachsenenstrafrecht und nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt zu werden, selbst wenn ich das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet habe. Doch in diesen Fällen geht es nicht im eigentlichen Sinne darum, ob ich erwachsen bin oder nicht, sondern ob mir gewisse, von der Gesellschaft an den Erwachsenenstatus geknüpfte Rechte und Pflichten zugesprochen und auferlegt werden oder auch nicht. Erwachsensein ist an dieser Stelle ein Indikator, beinahe schon nur ein Mittel zum Zweck, gewisse Aspekte des menschlichen Zusammenlebens zu reglementieren und zu strukturieren.

Wenn man ehrlich ist, ist die Kopplung des Erwachsenseins an andere Faktoren pure Willkür: eine Woche vor meinem 18. Geburtstag darf ich kein Auto fahren, eine Woche nach meinem 18. Geburtstag (Führerschein vorausgesetzt) darf ich es. Dass ich in diesen wenigen Tagen tatsächlich genau die hierfür erforderliche Menge an Reife und Kompetenz erworben haben soll, wenn diese mir vorher tatsächlich gefehlt hat, darf doch stark bezweifelt werden. Noch anschaulicher wird es beim Vergleich verschiedener Länder und damit Kulturen: in einigen Ländern wird Menschen mit 16 Jahren ausreichend Verantwortungsbewusstsein zugesprochen, um eine mehrere Tonnen schwere Maschine bedienen zu dürfen und damit abstrakt das Leben anderer Menschen zu gefährden. In anderen Ländern dürfen Menschen mit 21 Jahren noch keinen Alkohol trinken, weil der Gesetzgeber glaubt, dass diese Menschen nicht reif genug sind, ihr eigenes körperliches Wohl zu verantworten, selbst wenn damit keine Gefährdung anderer einhergeht.

Diese Beispiele sollten nicht als Kritik am System verstanden werden, denn so sind sie nicht gemeint. Es sollen lediglich die Schwächen des Systems verdeutlicht werden, die bedingen, dass es keine allgemeingültige und in allen Lebensbereichen gleichermaßen überzeugende Definition dessen gibt oder geben kann, was einen Erwachsenen ausmacht, Schwächen aus Verlegenheit, denn jede Grenze wäre zwangsläufig ebenso willkürlich wie jede andere, und doch muss allein schon aus praktischen Gründen irgendeine Grenze gezogen werden. In diesem Sinne also kann es für andere Menschen von Interesse sein, ob eine bestimmte Person erwachsen/volljährig/mündig/reif ist, selbst wenn jede dieser Einschätzung zugrundeliegende Formel fehlerhaft oder zumindest nicht restlos überzeugend ist.

 

Warum ist man in der Erwachsenenbildung erwachsen?

Aber warum ist die Frage, wann ein Mensch erwachsen ist, für die Erwachsenenbildung relevant? Nun, platt formuliert, weil die Erwachsenenbildung die Erwachsenen im Namen hat. Oder, etwas ausführlicher: weil Erwachsene die Zielgruppe der Erwachsenenbildung sind und es insofern erforderlich ist, diese Zielgruppe zu definieren, um sie bestimmbar zu machen. Erwachsenenbildung richtet sich an Menschen, die – zumindest theoretisch – über ein gewisses Maß an Allgemeinbildung, an Reife und Verantwortungsbewusstsein verfügen sollten. Dass insofern beispielsweise keine pädagogischen Konzepte aus dem Kindergarten anzuwenden sind, um Erwachsenenbildungsunterricht ansprechend und effektiv zu gestalten, dürfte selbsterklärend sein. Je präziser ein Zielpublikum umrissen werden kann, umso passgenauer und effektiver kann der Unterricht zugeschnitten werden. Junge Erwachsene haben andere Bedürfnisse als Senioren, auch wenn beide Gruppen als Zielpublikum der Erwachsenenbildung identifizierbar sind. Gerade die Gruppe der jungen Erwachsenen verdient in diesem Kontext vielleicht eine besondere Aufmerksamkeit.

 

Zwischen den Lebensabschnitten – junge Erwachsene

Jungen Erwachsenen kommt eine Schlüsselrolle in der Gesellschaft zu. Junge Erwachsene stehen am Anfang ihres Erwerblebens, habe ihre schulische Ausbildung gerade hinter sich, stellen sich sicherlich selbst die eingangs formulierte Frage „Bin ich denn jetzt erwachsen?“ und suchen ihren Platz in der Gesellschaft. Im Sinne einer quantitativen Betrachtung sind sie, wenn man es denn so formulieren darf, „wichtiger“ für den Arbeitsmarkt als ältere Arbeitnehmer, weil sie ihm länger zur Verfügung stehen werden. Im Zuge des demographischen Wandels werden mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als dass Menschen ins Erwerbsleben eintreten werden, insoweit werden Berufseinsteiger, typischerweise also junge Erwachsene, mehr Arbeit übernehmen müssen als dies früher der Fall war. Damit einher geht ein potentiell höherer Druck auf junge Erwachsene, zu einem Zeitpunkt, an dem sie, wie oben erwähnt, ohnehin erstmals versuchen, sich in der Berufswelt zu orientieren und positionieren. Eine sich immer schneller wandelnde, digitalisierende Welt, in der heute nicht absehbar ist, welche Berufsbilder es in fünf oder zehn Jahren noch oder nicht mehr geben wird, mag das Gefühl der Unsicherheit und Verlorenheit noch verstärken.

Aus Sicht der Erwachsenenbildung besteht die Gefahr, gerade diesen Lebensabschnitt zwischen „Kind“ und „Erwachsener“ ein wenig zu übersehen: wer gerade aus der schulischen, berufsschulischen oder universitären Ausbildung kommt, hat gerade eine anderthalb bis zweieinhalb Jahrzehnte andauernde Ausbildung hinter sich, der Bedarf an sich unmittelbar anschließender Erwachsenenbildung ist vielleicht nicht unmittelbar ersichtlich – weder aus Sicht des jungen Erwachsenen, der vielleicht keine Lust hat, sich direkt in Abendkurse zu setzen, wo er doch gerade erst den verstaubten Hörsälen und Bibliotheken entkommen ist, noch aus Sicht des Erwachsenenbildners, der vielleicht pauschalisierend ein anderes – älteres - Bild seines durchschnittlichen Zielpublikums vor Augen hat, dem es vielleicht auch leichter fällt, ein älteres Publikum anzusprechen und zu motivieren. Umso wichtiger jedoch erscheint es, auch und gerade junge Erwachsene anzusprechen und ihnen Hilfestellung zu bieten.

2022 ist von der Europäischen Kommission zum Europäischen Jahr der Jugend ernannt worden. In der entsprechenden gesetzlichen Grundlage heißt es unter anderem: „Das Europäische Jahr sollte die erfolgreiche Umsetzung des ersten Grundsatzes der europäischen Säule sozialer Rechte, dem zufolge jede Person das Recht auf allgemeine und berufliche Bildung und lebenslanges Lernen von hoher Qualität und in inklusiver Form hat, fördern.“ Dabei ist es wichtig, nicht in Schubladen zu denken:

Jugend hört nicht da auf, wo Erwachsensein oder Volljährigkeit anfängt. Junge Erwachsene befinden sich am Scheideweg zwischen zwei Lebensabschnitten, und sie haben das Potential, die Möglichkeit, die Gelegenheit und die Chance, in beiden Abschnitten gewinnbringend eingebunden zu werden, für Jüngere, indem sie Erfahrungen mit ihnen teilen und ihnen als Vorbild dienen und für (ältere) Erwachsene, indem sie neue Impulse, neue Perspektiven und Ansätze mitbringen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass genau diese Altersspanne Gefahr läuft, von beiden Lagern, wenn man sie so bezeichnen will, vergessen zu werden bzw. der jeweils anderen Kategorie zugerechnet zu werden.

Es liegt an den jungen Erwachsenen selbst, ebenso sehr aber auch an jeder beteiligten Einrichtung, Organisation, an jeder Stimme und an jeder Stelle, dafür Sorge zu tragen, dass auch junge Erwachsene gesehen und gehört werden, dass sie unterstützt werden und unterstützen dürfen. Junge Erwachsene sind auch jung. Junge Erwachsene sind auch erwachsen. Und es ist genau an dieser Stelle, an der Jugend und Erwachsenenbildung zueinander finden können. Es geht nicht um das, was uns trennt, es geht um das, was uns verbindet.

 


Werdegang

Ich arbeite seit November 2018 in der Nationalen Agentur für die europäischen Förderprogramme Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps (angesiedelt im Jugendbüro der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens). Zunächst zeichnete ich dort verantwortlich für die Bewertung und Bearbeitung der Anträge und Projekte in den Bereichen Schulbildung, Berufsbildung und Hochschulbildung. Seit Januar 2021 koordiniere ich darüber hinaus das Youth Wiki in der Deutschsprachigen Gemeinschaft, die Online-Enzyklopädie über die verschiedenen Jugendpolitiken in Europa. Im Januar 2022 gab ich die Bildungsbereiche ab und übernahm stattdessen den Jugendbereich (sowohl Erasmus+ als auch das Europäischen Solidaritätskorps). Vor meiner Zeit im Jugendbüro studierte ich Rechtswissenschaften an der Universität Trier mit einem Fokus auf internationalen Rechtssystemen. Außerberuflich bin ich gewerkschaftlich aktiv, weitere Interessen bilden Sprachen, Literatur, Kultur und Gesellschaft.


Weitere Veröffentlichungen

 

Login (4)
Schlagwörter

Sie möchten eine andere Sprache?

Dieses Dokument ist auch in anderen Sprachen erhältlich. Bitte wählen Sie unten eine aus.
Switch Language

Want to write a blog post ?

Don't hesitate to do so! Click the link below and start posting a new article!

Neueste Diskussionen

EPALE 2021 Schwerpunktthemen. Fangen wir an!

Das vor uns liegende Jahr wird wahrscheinlich wieder sehr intensiv, und daher laden wir Sie ein, es mit Ihren Beiträgen und Ihrer Expertise zu bereichern. Beginnen Sie doch einfach, indem Sie an unserer Online-Diskussion teilnehmen. The Online-Diskussion findet am Dienstag, dem 09. März 2021 zwischen 10.00 und 16.00 Uhr statt. The schriftliche Diskussion wird mit einem vorgeschalteten Livestream eröffnet, der die Themenschwerpunkte für 2021 vorstellt. Die Hosts sind Gina Ebner und Aleksandra Kozyra von EAEA im Namen der EPALE Redaktion. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Vermittlung von Grundkompetenzen

Grundkompetenzen sind transversal. Sie sind nicht nur relevant für die Bildungspolitik,  sondern auch für Beschäftigungs-, Gesundheits-, Sozial- und Umweltpolitiken. Der Aufbau schlüssiger Politikmaßnahmen, die Menschen mit Grundbildungsbedürfnissen unterstützen, ist notwenig, um die Gesellschaft resilienter und inklusiver zu gestalten. Nehmen Sie an der Online-Diskussion teil, die am 16. und 17. September jeweils zwischen 10.00 und 16.00 Uhr auf dieser Seite stattfindet. Die Diskussion wird von den EPALE Thematischen Koordinatoren für Grundkompetenzen, EBSN, moderiert. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Die Zukunft der Erwachsenenbildung

Am Mittwoch, dem 8. Juli 2020, lädt EPALE von 10.00 - 16.00 Uhr zu einer Online Diskussion zur Zukunft der Erwachsenenbildung ein. Wir wollen über die Zukunft des Bildungssektors Erwachsenenbildung sowie die neuen Chancen und Herausforderungen diskutieren. Gina Ebner, EPALE-Expertin und Generalsekretärin der EAEA, moderiert die Diskussion.

Zusätzlich

Nächste Veranstaltungen