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Der Dritte Ort als Methode für das Verhandeln von Identität(en)

Der Dritte Ort, ist ein Ort, der in seiner Gestaltung auf tatsächliche und potentielle Nutzer:innen einladend wirkt.

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Autorin: Nicole Deufel | VHS Aalen


Der „Dritte Ort“ wird in Deutschland häufig als materielle Infrastruktur verstanden. Damit beschreibt der Dritte Ort einen Ort, der in seiner Gestaltung auf tatsächliche und potentielle Nutzer:innen einladend wirkt und die notwendige Ausrüstung bereitstellt, die diese zum selbstständigen Arbeiten benötigen.

In unserem Projekt „X-European. Negotiating Identities in the Third Space”, kurz X-ENITS, verstehen wir den Dritten Ort jedoch als Methode. Dabei erkennen wir selbstverständlich an, dass es einen physischen (oder auch virtuellen) Ort gibt, in dem Menschen sich treffen. Dessen materielle Ausgestaltung hat natürlich eine Auswirkung darauf, wie wohl sich Menschen dort fühlen und wie nützlich diese Umgebung für ihre Bedürfnisse ist. Die Partner in unserem Projekt sind sich jedoch einig, dass eine nutzerfreundliche Beschaffenheit eines Ortes nicht ausreicht, um diesen wirklich zum „Dritten Ort“ zu machen.

Der Ausgangspunkt dieser Haltung ist das Buch „The Location of Culture“ des indischen Theoretikers Homi K. Bhabha. Bhabhas Forschungsschwerpunkt ist der Postkolonialismus. In diesem Kontext spricht er von einem „Zwischenraum“, oder „inbetween space“, in dem die Bedeutung von Kultur übersetzt und verhandelt wird, um etwas Gemeinsames und Neues zu schaffen. In postkolonialen Zusammenhängen bedingt dies auch ein notwendiges „Staging“ und „Projecting“ der Vergangenheit, also einen Prozess, in dem die Nachwirkungen der Vergangenheit in menschlichen Gesellschaften der Gegenwart, und hier insbesondere in ihren Machthierarchien, bewusst betrachtet werden.

Dieser Dritte Ort setzt damit aktive Handlungen voraus. Er hat auch eine klare Zielsetzung, nämlich das Empowerment aller Beteiligten, um gemeinsam und gleichberechtigt Veränderungen zu bewegen und Neues zu schaffen. In unserem Projekt ist dieses gemeinsame Neue eine verbindende (europäische) Identität bzw. Identitäten.

Die Partner in X-ENITS – ein irisches Theater, zwei Weiterbildungseinrichtungen aus Finnland und Deutschland, sowie eine türkische Universität, die das Projekt wissenschaftlich begleitet und evaluiert – haben für den Dritten Ort als Methode folgende Merkmale formuliert:

Der Dritte Ort spricht vielfältige Menschen an und steht ihnen allen gleich offen. In ihm geht es um Dinge, die den Menschen emotional wichtig sind. Er minimiert Ungleichheiten und bricht Machtstrukturen auf. Der Dritte Ort ist somit ko-kreativ und nicht nur partizipativ, d.h. alle Beteiligten können ihn mitgestalten und verändern. Dabei geht es nicht darum, Differenzen auszuschalten, sondern diese vielmehr in eine konstruktive Neugestaltung einfließen zu lassen. Der Dritte Ort ist also ein organischer Prozess, der von einer Organisation oder Person zwar gestartet und unterstützt werden kann (und vielleicht auch werden muss), von dieser aber nicht reguliert werden darf.

Obgleich die Projektpartner in den bisherigen Gesprächen festgestellt haben, dass ihre politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die Zielsetzungen der jeweiligen Einrichtung eine Auswirkung auf die Anwendung der Methode des Dritten Ortes im Einzelfall haben, sind wir uns dennoch einig, dass diese Methode in andere Kontexte übertragbar sein muss, um als solche im Kultur- und Weiterbildungssektor Bestand zu haben. Wir erkennen an, dass die oben beschriebenen Merkmale zwar nicht überall in gleichem Maße zum Tragen kommen können. Dennoch kann ein Ort aus unserer Sicht erst dann als Dritter Ort bezeichnet werden, wenn diese Merkmale erkennbar sind.

Bildnachweis: VHS Aalen

Stimmabgabe Pierre Kedagni am 26.09.2022 bei der Symbolischen Bundestagswahl, Bildnachweis: VHS Aalen

Im Rahmen des Projektes konnten unter Federführung der vhs Aalen bereits mehrere Aktionen vor Ort stattfinden, die als Fallstudien für die Methode des Dritten Ortes dienen. Als Beispiel sei hier die Symbolische Bundestagswahl genannt, die am Wahlsonntag im September 2021 durchgeführt wurde. Die Anregung dazu kam aus dem Beirat der vhs Aalen. Die vhs Aalen übernahm dann die zentrale Rolle in der weiteren Organisation, jedoch geschah dies in Zusammenarbeit mit einer Projektgruppe, die sich aus Vertreter:innen des kommunalen Integrationsausschusses formte. Diese Projektgruppe war gemeinsam verantwortlich für alle Entscheidungen bezüglich der Durchführung der Symbolischen Bundestagswahl. Einzelne organisatorische Aufgaben wie etwa die Einholung von Genehmigungen seitens des Ordnungsamtes wurden von der vhs Aalen übernommen, ebenso die Koordination des Wahltages. Hier wurden durch die Netzwerke der Projektgruppe jedoch weitere Helfer:innen aus der Stadtgesellschaft rekrutiert, die am Tag selbst als Wahlhelfer:innen die Aktion unterstützten.

Das Wahlzelt stand direkt in der Fußgängerzone und war damit allen Menschen zugänglich.  Angelehnt an den Vorgaben für die offizielle Wahl durften an der Symbolischen Bundestagswahl nur in Aalen wohnhafte Menschen ohne deutschen Pass und im Alter von über 18 Jahren teilnehmen. Weiterhin gab es eine Umfrage für Menschen mit deutschem Pass, ob das (kommunale) Wahlrecht ausgeweitet werden solle.

Die Zielsetzung der Symbolischen Bundestagswahl war zum einen, auf den Ausschluss einer in Aalen nicht unerheblichen Zahl von Mitbürger:innen von der Bundestagswahl aufmerksam zu machen und einen Austausch über dieses Thema anzuregen. Gleichzeitig sollten die Stimmen der nicht-stimmberechtigten Aalener:innen sichtbar gemacht werden. Die Wahlergebnisse wurden deshalb im Anschluss in den lokalen Zeitungen veröffentlicht, während die abgegebenen Stimmzettel an die gewählten Bundestagsabgeordneten übergeben wurden. Insgesamt nahmen fast 100 Menschen an der symbolischen Wahl teil; weitere 175 stimmten in der Umfrage zur Ausweitung des Wahlrechts mit. Die Rückmeldungen und die Gespräche, die mit den Wahlhelfer:innen bzw. den Teilnehmenden untereinander stattfanden, haben gezeigt, dass das Thema auch emotional für viele wichtig war und ein Austausch darüber stattfand.

Insgesamt ergab die Evaluation der Symbolischen Bundestagswahl durch die X-ENITS-Projektpartner, dass hier ein Dritter Ort geschaffen worden ist. Die Tatsache, dass die vhs Aalen ein theoretisches Machtmonopol hatte, insofern als sie einzelne Entscheidungen der Projektgruppe blockieren hätte können, wurde durch ihre Funktion als Möglichmacherin wettgemacht.


 

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