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Der Brexit – ein Weckruf für die Erwachsenenbildung

28/06/2016
von Susanne Lattke
Sprache: DE
Document available also in: EN FR NL

Der Brexit kommt – jedenfalls hat sich die Mehrheit der Briten im Referendum nun tatsächlich für den „Ausstieg“ ausgesprochen. Schockwellen durchlaufen zurzeit Europa, der Brexit beherrscht die Schlagzeilen; Politiker und Wirtschaftsakteure melden sich warnend und mahnend zu Wort. Und die Erwachsenenbildung? Dort scheint der Brexit nicht das Thema des Tages zu sein. Presseerklärungen, Positionspapiere oder auch nur einfache Kommentare seitens einschlägiger Akteure sind jedenfalls bislang Mangelware. Ist die europäische Erwachsenenbildungs-Community in eine Schockstarre verfallen? Oder hat sie wichtigere Sorgen? Was bedeutet der Brexit für die Erwachsenenbildung? Bedeutet er überhaupt etwas? Vielleicht weniger als man denkt? Ein Beitrag von Susanne Lattke.

Lassen wir einmal die Möglichkeit außer Acht, dass es überhaupt nicht zum „richtigen“ Brexit kommt (angesichts der sich nun formierenden Gegenbewegungen wäre freilich auch dieses Szenario einen Wetteinsatz wert): Was wären die Auswirkungen eines tatsächlichen Ausstiegs des Vereinigten Königreichs?

Die EU-weit geltende Dienstleistungsfreiheit und Freizügigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wären aufgehoben. Bei kommerziellen Weiterbildungsanbietern, die grenzüberschreitend tätig sind oder werden wollen, könnte dies zu Einschränkungen, finanziellen Einbußen oder höheren Preisen führen. Das Risiko ist real, doch andererseits darf man vermuten, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten aus eigenem ökonomischem Interesse zügig bilaterale Abkommen zur Begrenzung dieser Folgen aushandeln.

Grundtvig-Projekte ohne britische Partner?

Wie sieht es mit dem internationalen Austausch aus? Seit fast 20 Jahren fördert die EU in ihren Mitgliedstaaten Kooperationsprojekte in der Erwachsenenbildung. Werden die beliebten Grundtvig-Projekte künftig ohne britische Partner auskommen müssen? Auch hier ist zu erwarten, dass die EU entsprechende Vereinbarungen mit dem Vereinigten Königreich treffen wird, so wie in der Vergangenheit beispielsweise bereits mit der Schweiz. Englische, schottische, walisische oder nordirische Partner werden auch weiterhin dabei sein, so sie es denn wollen. Befürchten muss man freilich, dass die neuen Vereinbarungen weder dazu beitragen werden, den administrativen Aufwand einer Projektbeteiligung zu reduzieren noch deren finanzielle Attraktivität zu erhöhen.

Es könnte also schwerer werden, die Briten mit ins Projektboot zu holen, und das wäre wahrlich schade. Gut, um sich englische „native-speaker“-Kompetenz für die Redaktion des Projektendberichts zu sichern, kann man zur Not noch auf irische und maltesische Partner ausweichen. Aber auf die fachliche Expertise der britischen Kollegen – immerhin zählt die Erwachsenenbildung auf der Insel zu den am weitesten entwickelten und professionalisierten Systemen in Europa – und auch auf die von ihnen eingebrachten kulturellen Facetten möchte man nur ungern verzichten.

Toleranz und Offenheit im Blick der Erwachsenenbildung

Ein Grund, vor den Auswirkungen eines Brexit auf die Erwachsenenbildung in Panik zu verfallen, besteht insgesamt zwar nicht. Wohl aber sollte das Brexit-Votum für die Erwachsenenbildung, die sich ihrem Selbstverständnis nach Toleranz und Offenheit verpflichtet fühlt, einen Weckruf bedeuten.

Die Entwicklungen, die letztlich zu diesem Votum geführt haben – wachsende nationalistisch-protektionistische Strömungen mit zunehmend fremdenfeindlicher Färbung – sind nicht erst seit dem 23. Juni bekannt. Das britische Referendum hat aber mit bisher nicht dagewesener Deutlichkeit vor Augen geführt, welche tief- und weitreichenden Folgen mitten in Europa damit verbunden sein können.

Zur Brexit-Entscheidung haben wesentlich Frustwähler beigetragen, die nur zu gern ganz offensichtlich falschen Behauptungen und Versprechungen von Politikern Glauben schenkten und sich, befeuert durch entsprechende Propaganda, in eine feindselig-emotionale Stimmung von zuweilen beängstigendem Ausmaß hineinsteigerten. Von einer Kultur politischer Auseinandersetzung, Respekt vor anderen Meinungen oder einer verantwortlich ausgeübten „aktiven Staatsbürgerschaft“ war oft wenig zu spüren.

Empowerment für europäische Bürgerinnen und Bürger

Die Ursachen für diese Entwicklungen sind komplex, und sicher sind sie nicht nur auf ein unzureichendes Bildungsniveau oder unzulängliches Wissen bei den betroffenen Personen zurückzuführen. Dennoch: Politisch-gesellschaftliche Bildung und Aufklärung scheinen erforderlicher denn je. Nicht nur, um fundierteres und „richtigeres“ Wissen zu vermitteln, sondern auch um der wachsenden Zahl potenziell frustrierter Bürgerinnen und Bürgern eigene Handlungsperspektiven aufzuzeigen. Um sie – gut britisch gesagt – zu „empowern“. Und das wäre nicht nur im Vereinigten Königreich vonnöten.

 

Susanne Lattke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programm „Lehren, Lernen, Beraten“ am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind die Europäische Bildungspolitik, internationale Erwachsenenbildung, die Professionalisierung von Erwachsenenbildnern und das Lebenslange Lernen.

 

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1 - 3 von 3 anzeigen
  • Bild des Benutzers Christina NORWIG

    I completely agree with Susanne Lattke: The referendum results (52% of the British voters voted for the Brexit after a campaign influenced by populists) can only be a call for more citizenship education. The fact that a proportionally larger part of the leave-voters were elderly people highlights the importance of adult education – with an emphasis on European adult education. Mobility, such as professional or learning experiences abroad, can help to understand the abstract concept of Europe on a personal level. For many former participants (at least the ones I know), “Erasmus” is not only a funding scheme, but an enriching experience, marked by personal encounters with other Europeans. Thus, many media reports suggest that the younger “remain”-voters have been mobile in Europe and that they therefore cherish the benefits of the EU. This is why it is crucial to promote learning in and from Europe for people of all age groups, for instance through European intergenerational projects, which lead to encounters and foster civic competences.

    Would we have seen different referendum results if a greater part of the older generation had acquired more mobility experiences and more European consciousness? On the other hand, many older people know from their own live experiences that peace, prosperity and open borders cannot be taken for granted. I would be interested to know if there is any data (or results from European projects) on the positive attitude of different age groups in different member states towards the EU and how these attitudes are influenced by collective and individual memories. Feel free to leave a comment!

  • Bild des Benutzers Christian BERNHARD-SKALA

    Vielen Dank für die angestoßene Diskussion! Ja gerade wir, die wir viel in Europäische Projekten arbeiten und damit für die EU, sind geschockt, weil wir auch viel Identifikation mit der europäischen Idee erfahren.

    Ich möchte allerdings daran erinnern, dass es nicht die Aufgabe von Erwachsenenbildung sein kann, Menschen zu überreden in der EU zu bleiben. Dies ist festgelegt im Beutelsbacher Konsens unter dem Stichwort Überwältigungsverbot und wird am Beispiel Brexit nochmals deutlich mit der zweiten Regel des Beutelsbacher Konsenses: "Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen". Und ein Beispiel für Kontroversität waren die Debatten in UK allemal!

    Interessant finde ich, dass die Menschen, die "Leave" wählten, sich anscheinend vor allem der Migration erwehren wollten und dass dies anscheinend alle anderen Argumente, in der EU zu bleiben, überstrahlte und hier greift wieder Frau Lattkes Argument der Offenheit und Toleranz.

    Vor allem greift aber am Beispiel Brexit eine wichtige Aufgabe von Erwachsenenbildung, nämlich Argumente und politischen Behauptungen einer wertschätzenden wie kritischen Prüfung zu unterziehen - und zwar die der Gegenseite genauso wie die eigenen - und daraus mehr über die Beschaffenheit der Realität zu erfahren und nicht nur die eigene Meinung (mal wieder) zu bestätigen.

    Europäische Erwachsenenbildung wie von Christina Norwig oben gefordert, bekommt dann eine inhaltliche Bestimmung, die sich am friedlichen, demokratischen Zusammenleben von Bürgern in Respekt des Urteils des Gegenübers messen lassen muss.  Daher macht mir der verbissene und mit harten Bandagen kämpfende, politische Streitprozess, der zum Votum geführt hat aus Erwachsenenenbildungssicht mehr Sorgen als das Ergebnis. Aus meiner Sicht sollte Erwachsenenbildung hier anzusetzen.

  • Bild des Benutzers Christina NORWIG

    Ich stimme Frau Lattke zu: Das Votum von 52% der Britinnen und Briten für den Brexit nach einer zum Teil populistisch geführten Kampagne kann nur ein Aufruf zu mehr politisch-gesellschaftlicher Bildung sein! Die Tatsache, dass unter den Leave-Wählern proportional mehr ältere Menschen waren, zeigt doch, wie wichtig Erwachsenenbildung ist – mit Betonung auf europäischer Erwachsenenbildung.  Es liegt nahe, dass Mobilitätserfahrungen, wie Lern- oder Arbeitsaufenthalte im Ausland, Europa erlebbar machen. „Erasmus“ ist für viele ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer (in meinem persönlichen Umfeld) nicht nur ein Förderprogramm, sondern eine bereichernde Erfahrung, die besonders von der Begegnung mit anderen Europäerinnen und Europäern geprägt ist. Nicht umsonst wird in den Medien angenommen, dass die eher jüngeren Stay-Wähler europäisch mobil gewesen sind und daher die Vorzüge der EU zu schätzen wissen. Daher ist es so wichtig, das Lernen in und mit Europa für Menschen aller Altersklassen möglich zu machen, zum Beispiel durch europäische, intergenerationelle Projekte, die sowohl die Begegnung als auch politisch-gesellschaftliche Kompetenzen fördern.

    Wäre das Referendum anders ausgegangen, wenn ein größerer Teil der älteren Generation über Mobilitätserfahrung und mehr Europabewusstsein verfügt hätte? Immerhin wissen viele ältere Menschen aus eigener Erinnerung, dass Frieden, Wohlstand und offene Grenzen nicht selbstverständlich sind. Mich würde interessieren, ob es Zahlen (oder Erfahrungswerte aus Projekten) zur Zustimmung zur EU für verschiedene Altersgruppen und EU-Mitgliedsstaaten gibt und welche Rolle die persönliche und kollektiv-historische Erinnerung dabei spielt. Kommentare sind herzlich willkommen!