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„Das finde ich doch alles im Internet!“ Selbstanleitung und Medienkompetenz als Herausforderung für die Bildungs- und Berufsberatung (Teil 3)

04/04/2018
von Wolfgang Bliem
Sprache: DE

Teil 1 und Teil 2 des Artikels.

Digitale Verortung und Herausforderungen aus Sicht der Workshopteilnehmenden

Wie eine Interpretation der im Workshop erfolgten „digitalen Verortung“ der Teilnehmer/innen zeigt, stehen die Bildungs- und Berufsberater/innen dem digitalen Wandel mehrheitlich „positiv“ gegenüber (vgl. Abbildung 28).[1]

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Natürlich lässt die erfolgte Bewertung aufgrund der geringen Anzahl der Teilnehmer/innen keinerlei Verallgemeinerung zu.[2] Grundsätzlich scheinen die Berater/innen den neuen Entwicklungen durch die Digitalisierung aber eher positiv zu begegnen und die Möglichkeiten digitaler Anwendungen mehrheitlich auch aktiv zu nutzen.

Die Diskussion im Workshop stand in weiterer Folge unter den Leitfragen, welche Herausforderungen im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und neuen Medien sich in der Beratungspraxis derzeit schon stellen, welche mittelfristig zunehmen oder neu entstehen könnten, und welche Maßnahmen und Schritte zur Lösung dieser Herausforderungen konkret vorgeschlagen werden.

Ein Themenfeld, das dabei aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert wurde, ist das Thema Bewerbung im digitalen Zeitalter. Die Problematik veralteter Stellenausschreibungen auf Stellenportalen oder die Unsicherheit, ob E-Mail Bewerbungen auch tatsächlich ankommen (auch vor dem Hintergrund mangelnder Feedbackkultur bei Unternehmen), wurde dabei ebenso thematisiert, wie die Frage, was mit den Daten aus Onlinebewerbungen letztendlich passiert, und wie es gelingen kann, sich in standardisierten Onlineformularen individuell darzustellen.

In diesem Zusammenhang ermöglichen beispielsweise Bewerbungs-Apps auch Personen ohne Computerzugang aber mit Smartphone die Nutzung von Onlinebewerbungen. Auch der zunehmende Einsatz von Videobewerbungen wird durch immer bessere Smartphone-Funktionen erleichtert. Gleichzeitig ergeben sich daraus für die Beratung neue Tätigkeitsfelder in der Unterstützung von Kundinnen und Kunden, aber auch in der Bereitstellung technischer Infrastruktur. In der Anleitung zur Selbstanleitung wird dabei von den Beratungspersonen unter Umständen nicht nur Medienkompetenz, sondern auch ein erweitertes technisches Verständnis gefordert.

Einige Diskussionsbeiträge betrafen die Frage der Vermittlung von Medienkompetenz bei den Kundinnen und Kunden, die Herausforderung der Reduzierung von inhaltlicher Komplexität und Vielfalt oder die steigende Unsicherheit für Berater/innen, in welche Tätigkeitsbereiche/Berufe beraten werden kann, wenn die Entwicklungen aufgrund der Trends in der Arbeits- und Berufswelt zunehmend unsicher und unklar werden.

Erasmus+ Projekt QYCGuidance

Wie in diesem Beitrag skizziert fördert die Digitalisierung die Möglichkeiten zur Selbstanleitung in der Bildungs- und Berufsberatung mit unterschiedlichen Konsequenzen und Herausforderungen für die Gestaltung von Beratungsangeboten und die Anforderungen an die Berater/innen. Insbesondere stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß die Bildungs- und Berufsberater/innen mit den erforderlichen Medienkompetenzen vertraut sind.

Das im Rahmen des Workshops vorgestellte Erasmus+ Projekt QYCGuidance (Qualität in der Bildungs- und Berufsberatung für Jugendliche und aktuelle Medienkompetenz, www.qycguidance.org) widmete sich dieser Fragestellung und berücksichtigt den Zugang aus Sicht der Beratungspersonen ebenso wie aus Sicht der Beratungsorganisationen. Durch die Entwicklung von Lernergebnissen (LE), Qualitätsindikatoren (QI) und Tools zur Beurteilung und Selbstevaluierung der Medienkompetenz von Beratungspersonen soll Bewusstsein für die Bedeutung dieser Anforderungen an Beratungsprozesse und Berater/innen geschaffen werden und die Möglichkeit die vorhandenen Kompetenzen (selbst) zu evaluieren. Ziel des Projekts war es, die Entwicklung der Fertigkeiten und Kompetenzen der Berater/innen auf dem Gebiet der sogenannten Selbstanleitung und der Medienkompetenz zu fördern.

QYCGuidance wurde 2014 vom bulgarischen Projektkoordinator Student Computer Art Society (SCAS) initiiert und im August 2016 abgeschlossen. Neben dem Koordinator und dem ibw als österreichischem Partner waren weitere 4 Partnerorganisationen aus Bulgarien, Litauen und der Türkei am Projekt beteiligt.

Fazit

So wie bisher schon, wird sich die Bildungs- und Berufsberatung auch in Zukunft kontinuierlich weiterentwickeln. In den nächsten Jahren wird diese Entwicklung vor dem Hintergrund weiterer Digitalisierung voraussichtlich auch von der Erschließung neuer Zugangswege zu und Kommunikationsformen mit Kundinnen und Kunden und von einer weiteren Professionalisierung der Berater/innen geprägt werden. Der Bedarf an ausgeprägter Medienkompetenz und gesteigertem technischen Grundverständnis wird dabei erhöhte Anforderungen stellen, kann aber nur auf einem sehr guten Fundament beraterischer Kompetenz und berufskundlichen Wissens funktionieren. 

In der Interpretation des Autors wird zunehmende Selbstanleitung nicht zur Konsequenz haben, dass weniger Ratsuchende eine Bildungs- und Berufsberatung in Anspruch nehmen, sondern im Gegenteil. Die Zahl der Beratungskundinnen und -kunden steigt, weil die Angebote der Bildungs- und Berufsberatung insgesamt über den Weg der Selbstanleitung bekannter und sichtbarer werden. Gleichzeitig steigen auch die Ansprüche und Anforderungen der Ratsuchenden, weil sie zumindest zum Teil besser vorbereitet in den Beratungsprozess starten.

Zur Publikation Guidance 4.0 - Neue Tools und Skills in der Beratung.


Quellen und (Online) Quellen zum Weiterlesen

Statistik Austria (2015 und 2017): Europäische Erhebung über den IKT-Einsatz in Haushalten.

https://www.statistik.at/web_de/statistiken/energie_umwelt_innovation_mobilitaet/informationsgesellschaft/ikt-einsatz_in_haushalten/index.html   

Erasmus+ Projekt QYCGuidance (2016 abgeschlossen): Qualität in der Bildungs- und Berufsberatung für Jugendliche und aktuelle Medienkompetenz. www.qycguidance.org 


Autor

Wolfgang Bliem ist seit 2004 am ibw – Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft in den Bereichen Berufsinformation und Qualifikationsforschung tätig. Er ist seit 2015 Lehrbeauftragter und hält Vorträge am bifeb (Bundesinstitut für Erwachsenenbildung) u.a. im Lehrgang für Bildungs- und Berufsberatung. Er übt diverse Lehr- und Vortragstätigkeiten für Pädagogische Hochschulen und an der Donau-Universität Krems im Masterlehrgang Bildungs- und Berufsberatung aus. Er hat Wirtschaftspädagogik an der WU Wien studiert und war 6 Jahre Revisionsassistent bei der Unitas-Solidaris Wirtschaftstreuhand GmbH.

E-Mail:            bliem@ibw.at

Website:          www.ibw.at, www.bic.at

 

[1]     Die Workshopteilnehmer/innen waren aufgefordert sich in einem Koordinatensystem per Klebepunkt einzuordnen, wobei die x-Achse die eigene Nutzungsintensität digitaler Anwendungen am Schlagwort „Internet“ abbildet und die y-Achse die Einstufung zwischen Skeptiker/in und Enthusiast/in ermöglicht.
Die Idee dieser „digitalen Verortung“ hat der Autor vom 5. Berliner B-Tag (Weiterbildung für Berliner Bildungs- und Berufsberaterinnen und Berater 2017) der K.O.S. GmbH übernommen.

[2]     Auch lässt sich eine Verzerrung der Stichprobe nicht ausschließen. Durch die Auswahl des Workshops und die Bereitschaft sich zu verorten könnte ein erhöhtes, positives Interesse am Thema unterstellt werden; immerhin hat sich aber auch rund ein Drittel der Workshopteilnehmer/innen nicht verortet.

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