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Erwachsenenbildungsprogramme in zwei Flüchtlingslagern – Chancen und Herausforderungen

15/12/2016
von Cristina Danna
Sprache: DE
Document available also in: EN HU ES FR IT PL ET LT

Cristina Danna vom Europäischen Verband für Erwachsenenbildung (EAEA) hat EPALE über ihre Erfahrungen mit Erwachsenenbildungsprogrammen in zwei Flüchtlingslagern berichtet. Cristina hat 12 Monate im Flüchtlingslager Maratane in Mosambik (2014) gearbeitet und 2016 auch das Lager im französischen Calais besucht.

Auch wenn die Bedingungen in Calais und Maratane nicht vergleichbar sind, so haben diese beiden Länder in zwei verschiedenen Kontinenten doch ähnliche Probleme: Sowohl Mosambik als auch Frankreich haben Tausende von Flüchtlingen aufgenommen. Während große und kleine internationale Organisationen sich in erster Linie auf die Arbeit vor Ort in den Ausgangsländern konzentrieren, stehen die beiden Aufnahmeländer vor der Frage: Was sollen wir tun? Und eine Frage, die ich persönlich gerne stellen würde, ist: Welche Rolle spielt Bildung in Flüchtlingslagern, und wie passt sie in das größere Bild?

Bevor wir uns mit den Bedingungen in den beiden Lagern befassen, möchte ich einige Begriffe klären: Migranten sind Menschen, die freiwillig ihr Heimatland verlassen haben, um anderswo Arbeit und bessere Lebensbedingungen zu suchen. Flüchtlinge dagegen sind Menschen, die ihr Heimatland wegen Krieg, Invasionen oder Naturkatastrophen verlassen (Genfer Flüchtlingskonvention von 1951). Diese Unterscheidung sollten wir nicht außer Acht lassen, wenn ich Ihnen über die beiden Lager berichte.

 

Das Flüchtlingslager Calais in Frankreich

Das Flüchtlingslager wird normalerweise als „Dschungel von Calais” bezeichnet. Interessanterweise kommt das Wort „Dschungel“ aus dem Pashtunischen. Dort bedeutet dzhangal „Wald“ – das ist der Begriff, den Pashtu-sprachige Flüchtlinge für das Flüchtlingslager Calais in den Jahren seit 2000 verwenden.

Aus informellen Daten vom September 2016 geht hervor, dass die Zahl der Flüchtlinge sich in den letzten sechs Monaten verdreifacht hat und auf 10.000 angestiegen war, bevor das Lager abgerissen wurde. 

 

Quelle: Franceinfo veröffentlicht am 02.09.2016

 

Verschiedene Freiwilligenverbände, die sich vor Ort engagierten, haben informelle Lernaktivitäten für Kinder und Erwachsene organisiert. Flüchtlinge, die in dem Lager lebten, konnten an Französisch- oder Englisch-Sprachkursen teilnehmen. Eine wichtige Initiative war auch das „Kids Café” für rund 700 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Es gab auch Restaurants, kleine Geschäfte, eine katholische Kirche, mehrere Moscheen, einen Fußballplatz und eine Bibliothek.

 

Das Lager Maratane in Mosambik

 

 

Das Lager befindet sich 25 km entfernt von der Stadt Nampula (im Norden des Landes), und im Juni 2014, als ich dort arbeitete, waren in diesem Lager 8 000 Flüchtlinge untergebracht. Ursprünglich befand sich das Lager im Süden des Landes. Dort gab es jedoch lediglich ein paar Zelte. Heute ist das Flüchtlingslager ein Dorf mit festen Häusern, einem Markt und mit einer Busverbindung in die nächste Stadt.

Unterstützt wird das Lager vom National Institute of Assistance to Refugees, dem Welternährungsprogramm, der UNHCR, von den Scalabrini-Ordensschwestern und -Missionaren und Sozialdiensten. Diese Organisationen konzentrieren sich in erster Linie auf unmittelbare humanitäre Hilfe (Unterbringung, Ernährung, Wasserversorgung, Gesundheitsdienste). Aber auch Bildung spielt dort eine Rolle.

Es gibt einen Kindergarten und zwei Grundschulen, aber wenn die Schüler eine weiterführende Schule besuchen wollen, müssen sie selber sehen, wie sie dorthin kommen.

Programme für Erwachsene können formal oder nicht formal sein. Der Staat Mosambik organisiert kostenlose praktische Kurse, etwa Koch- und Nähkurse, Schreiner- und Keramikkurse. Es gibt auch zwei nicht formale Programme: Gesundheitsausbildung (Malaria, Cholera, HIV, Hygiene) und Landwirtschaft (z. B. wie das Land bestellt werden soll), aber auch Sprachkurse für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden waren. Beide finden im Nutritional Centre statt, das von den Scalabrini-Missionaren geleitet wird.

 

 

Erwachsenenbildungsprogramme – Herausforderungen vor Ort

Diese Erwachsenenbildungsprogramme haben mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen. Die Personen, die diese Programme durchführen, berichten, dass es zunehmend schwieriger wird, die Menschen für eine Teilnahme zu motivieren. Einige Flüchtlinge weigern sich, an Portugiesisch-Sprachkursen teilzunehmen. Sie befürchten, dass dadurch ihre Chancen auf Aufnahme in den USA, Australien oder Kanada sinken, und das sind die Länder, die von vielen als das Wunschland angesehen werden. Sie haben Angst, dass wenn sie fließend Portugiesisch sprechen oder einen Job in Mosambik erhalten, dies als Beweis gewertet werden könnte, dass sie bereits gut in die lokale Gemeinschaft integriert sind und keine neue Heimat brauchen.

Das größte Problem sind jedoch die nicht formalen Programme für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Sie nehmen nur sehr unregelmäßig an den Kursen teil und werden häufig von ihren Familien daran gehindert, am Unterricht teilzunehmen. Außerdem erhalten die Programme keine öffentliche Unterstützung und werden in der Regel nur von Freiwilligenorganisationen getragen. Das ist meiner Meinung das Hauptproblem und die Ursache einer Reihe weiterer Probleme.

Um wirksam und nachhaltig zu sein, müssen Erwachsenenbildungsprogramme in Flüchtlingslagern von einer breiten Sensibilisierungskampagne begleitet werden, die sich auch an die Familien der potenziellen Teilnehmer richtet. Außerdem sollten Möglichkeiten für die Kinderbetreuung zur Verfügung stehen. Keine dieser Leistungen ist jedoch möglich ohne eine stärkere öffentliche Unterstützung und Förderung speziell für Erwachsenenbildung. Organisationen der Zivilgesellschaft engagieren sich häufig für Lernaktivitäten in Flüchtlingslagern – aber ohne Unterstützung des Staates kann ihr Engagement immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein, nie eine langfristige Lösung.

 

 

Trotz der Unterschiede gibt es meiner Meinung nach ein paar Aspekte, die beide Flüchtlingslager gemeinsam haben. Als erstes haben Flüchtlinge, die in den beiden Lagern leben, nicht die Absicht, in den Aufnahmeländern zu bleiben. Sie wollen in ein anderes Land gehen. Daher ist es auch so schwierig, ein umfassendes Integrationsprogramm durchzuführen. Zweitens haben alle Flüchtlinge, die ich getroffen habe, ein unglaubliches Durchhaltevermögen an den Tag gelegt. Nachdem sie Tausende von Kilometern unter häufig unmenschlichen Bedingungen zurückgelegt hatten, wollen sie sich ein neues Leben aufbauen und eine aktive Rolle übernehmen. Ich habe in Mosambik Flüchtlinge erlebt, die freiwillig im Kindergarten unterrichtet haben. Die Flüchtlinge, die ich in Calais getroffen habe, zeigten eine ähnliche Bereitschaft, aktiv zu werden.

 

Rollentausch

Während unseres Besuchs in Calais beschlossen wir, einmal die Rollen zu tauschen. Normalerweises sind Flüchtlinge gewohnt, die Empfänger von Hilfe oder Unterstützung zu sein. Wir taten so, als ob wir die Rollen tauschen würden. Nachdem wir in ihre Zelte eingeladen worden waren, wurde uns eine Tasse Kaffee oder Tee serviert. Der Rollentausch machte es einfacher, ein offenes Gespräch zu führen.  

„Unsere Erfahrungen mit anderen teilen, die Öffentlichkeit stärker für das sensibilisieren, was Sie hier sehen und für unsere Existenz” – das sagte mir ein Kurde, der in dem Flüchtlingslager Calais lebte. Den Flüchtlingen die Möglichkeit zu geben, über ihre Lebensbedingungen zu sprechen, aber auch eine aktive Rolle in ihrem neuen Leben zu übernehmen – beides ist notwendig, um Veränderungen zu bewirken. Zufälligerweise ist der Slogan des Council of Youth Development ASBL (eine belgische Organisation, für die ich derzeit arbeite): „Vouloir savoir et oser dire” – „Wissen wollen und den Mut haben, es zu sagen”.

 

Cristina Danna ist Advocacy Assistant beim Europäischen Verband für Erwachsenenbildung. Sie hat einen Abschluss in Soziologie der Universidad Mayor de San Simón in Bolivien und arbeitet derzeit an einem MA in Konfliktmanagement beim Peacekeeping Programme des Ausbildungs- und Forschungsinstitut der Vereinten Nationen (the United Nations Institute for Training and Research. 2014 hat sie ein Jahr lang freiwillig im Flüchtlingslager Maratane in Mosambik gearbeitet. Sie hat einen internationalen Background. Von Hause aus Italienerin ist sie nach Südamerika und Neuseeland gegangen und sieht sich in erster Linie als Weltbürgerin.

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