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Die Vertrauenslücke schließen: Der Bedarf einer Strategie für aufsuchende Bildungsarbeit (engl. Assertive Outreach) zur Einbeziehung von erwachsenen Schulabbrechern

Paul Downes, Direktor des Educational Disadvantage Centre an der Dublin City University, zeigt die Lücken auf, die im Angebot für erwachsene Schulabbrecher bestehen und plädiert für aufsuchende Bildungsarbeit (Assertive Outreach).

This article is a translation from English.

​Autor: Paul Downes

Early School Leavers Assertive Outreach

 

Man muss sich die Frage stellen, wie ernstzunehmend die meisten Ansätze sind, die sich an Randgruppen innerhalb Europas – einschließlich erwachsenen Schulabbrechern – richten. Manchmal scheint es, die Maßnahmen würden auf der Idee beruhen, dass Flyer, Websites, Poster und andere Formen der Information genügen sollen, um „schwer erreichbare“ Gruppen einzubeziehen. Die Terminologie impliziert bereits, dass solche ausgegrenzten Gruppen, die nicht durch derartige auf Informationen beruhende Ansätze erreicht werden können, kein Interesse haben und daher „schwer erreichbar“ sind. Wir müssen jedoch den kommunikativen Ansatz an sich hinterfragen, statt den Individuen Vorwürfe zu machen, die sich durch solche „Informationen“ nicht motivieren lassen.

 

Wir brauchen mehr als nur Info-Kampagnen

Es besteht eine große Diskrepanz zwischen Informationen und sinnvollem Engagement. Wir benötigen Outreach-Strategien, um diese Diskrepanz zu überwinden und die erwachsenen Schulabbrecher zu erreichen. Viele Schulabbrecher empfinden ein starkes Misstrauen gegenüber einem Bildungssystem (und möglicherweise gegenüber einer Gesellschaft), das (bzw. die) sie im Stich gelassen hat. Ihre Erinnerungen an ihre Schulzeit sind möglicherweise schmerzhaft, aufgrund von Konflikten mit Lehrern, die dazu beigetragen haben, sie vom System zu entfremden, aufgrund eines erlebten Versagens oder von Mobbing an der Schule.

Ein Hauptziel der Outreach-Initiative muss es sein, das Vertrauen zu fördern – Vertrauen zwischen dem Schulabbrecher und dem System, Vertrauen in die Stärken und Fähigkeiten des Schulabbrechers, das Vertrauen darauf, dass für sie ein flexibleres, auf den Einzelnen eingehendes Bildungssystem existiert, wenn sie die Schulbildung wieder aufnehmen.

Einfach wieder zur Schule zu gehen ist, genau wie zuvor, kein verlockendes Angebot, das man denjenigen auf den Tagesplan setzen kann, die die Schulausbildung vorzeitig abgebrochen haben.

 

Die drei wichtigsten Fragen, die wir uns stellen müssen

Kommunikationsansätze, die auf Informationen basieren, konzentrieren sich auf die Frage Was. Aber wir müssen uns stattdessen auf die Fragen Wo, Wie und Wer konzentrieren:

  •  Die Frage Wo bezieht sich darauf, in welches Gebiet der Schulabbrecher fällt.
  •  Die Frage Wie bezieht sich darauf, auf welche Weise mit der Person kommuniziert wird.
  •  Die Frage Wer bezieht sich einerseits auf die spezifischen Bedürfnisse der zu erreichenden Person, aber andererseits auch darauf, welche Person mit dem Schulabbrecher kommuniziert.

Bei einigen Ansätzen innerhalb Europas ist eine Berücksichtigung der Frage Wo festzustellen – durch den Bedarf nach einem Outreach-Ansatz der Gemeinden. Die Beratungen befinden sich in leicht zugänglichen und kulturell gewohnten Orten, um diejenigen erreichen zu können, die sich am Rande der Gesellschaft befinden. Bei solchen Outreach-Ansätzen der Gemeinden wird die Bedeutung des Ortes berücksichtigt, aber auch der Ort, zu dem sich die Person zugehörig fühlt. Die Zentren für lebenslanges Lernen der Gemeinden bieten solch ein Modell von Outreach-Ansätzen der Gemeinden, durch die diejenigen einbezogen werden sollen, auf die im Schulsystem nicht eingegangen wurde. (Wissenschaftliche Veröffentlichung des Autors in engl. Sprache)

Bei Outreach-Initiativen mit Schwerpunkt auf der Frage Wie steht ein Dialogprozess zwischen dem Schulabbrecher und dem Personal aus dem ‚System‘ im Vordergrund. Während bei auf Informationen basierenden Ansätze ein einseitiger, in eine Richtung ausgerichteter Informationsfluss vom System zum passiven Individuum genutzt wird, ist ein Dialogprozess wechselseitig. Dabei muss zwischenmenschlich, relational, kontextbezogen und pragmatisch vorgegangen werden. Dieser relationale Outreach-Ansatz erfordert einen Dialog mit den Individuen und Gruppenkohorten. Er muss die Geschichten und die Bedeutungswelt der Individuen einbeziehen, an die er sich richtet. Eine Diskussion setzt das Verständnis dafür voraus, inwiefern das erneute Befassen mit dem Schulsystem den Bedürfnissen des Einzelnen und seinen Lebensumständen entsprechen und sogar dazu beitragen kann, Hindernisse für eine Wiedereingliederung zu überwinden, auf die das Individuum und andere Personen mit gleichem Schicksal stoßen. Häufig gewinnt eine Botschaft über die Vorteile der Wiederaufnahme der Bildung an Glaubwürdigkeit, wenn sie auf lokaler Ebene von Freunden oder Gleichaltrigen aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen ausgesprochen wird. Dieser Umstand wird zunehmend auch hinsichtlich Problemen beim Zugang zu höherer Bildung berücksichtigt.

 

Konzentrieren wir uns auf die Frage ‚Wer‘, insbesondere bei Erwachsenen über 24

Ein wichtiges Element, das bei vielen Ansätzen übersehen wird, die sich mit ausgegrenzten Schulabbrechern befassen, ist die Frage Wer – wer ist die Person, die mit dem Schulabbrecher kommuniziert? Besteht eine kulturelle Affinität zwischen dieser Person und dem Schulabbrecher? Leben sie am selben Ort, sind sie von derselben ethnischen Herkunft, aus derselben Gesellschaftsschicht und/oder haben sie dieselbe Religion? Auf welcher Grundlage gewinnt diese Person das Vertrauen von Menschen, die immer wieder vom Bildungssystem im Stich gelassen wurden? Es gibt vereinzelte europäische Beispiele zur Sensibilität der Frage ‚Wer‘ bei Outreach-Initiativen. Beispielsweise wurden beim schwedischen Projekt Unga in, das inzwischen im Rahmen des UNGKOMP-Projekts (Sprache: englisch) fortgeführt wird, Outreach-Mediatoren beschäftigt, die denselben ethnischen Hintergrund besaßen wie die Personen, die für Beschäftigungs- und Bildungsinitiativen kontaktiert werden sollten. Roma-Vermittler in der Hauptstadtgemeinde Sofia (Bulgarien) stammen ebenfalls häufig aus der Roma-Gemeinschaft.

Ein weiterer Aspekt neben der Frage ‚Wer‘ beruht auf dem Hintergrund der EU2020-Strategie zur europaweiten Senkung der Schulabbrecherquote auf 10 %. Im Fokus dieser Strategie steht die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen. Das wirft die Frage auf, ob es eine strategische Lücke auf EU-Ebene hinsichtlich der Einbeziehung derjenigen, die älter als 24 Jahre sind und die Schule vorzeitig abgebrochen haben, gibt. Ein klarer Outreach-Ansatz, der sich mit deren Bedürfnissen befasst, könnte sich von denjenigen, die jünger als 25 sind, unterscheiden.

Diejenigen, die älter als 25 Jahre sind und die Schule abgebrochen haben, bilden bei Weitem keine homogene Gruppe. Es gibt zwar eine deutliche und konsequente Anerkennung der Bedeutung der nicht formalen Bildung in den EU-Richtlinien über lebenslanges Lernen und Erwachsenenbildung. Was dagegen weniger klar ist, ist wie ein strategisches Ziel auf EU-Ebene darin bestehen kann, sich mit den unterschiedlichen Bedürfnissen derjenigen zu befassen, die älter als 25 Jahre sind und die Schule abgebrochen haben, ohne ein grundlegendes Bildungsniveau für die aktive Teilnahme an der Gesellschaft erworben zu haben. Bildungsleistungen müssen sich eventuell ebenfalls stärker auf die geistige Gesundheit und Unterstützung gegen Drogenmissbrauch für Erwachsene, deren Ausgrenzung droht, konzentrieren; dadurch werden sich die Zentren für lebenslanges Lernen der Outreach-Initiativen von Gemeinden, die sich mit erwachsenen Schulabbrechern befassen, verstärkt mit multidisziplinären gesundheitsbezogenen Diensten im Rahmen eines ganzheitlichen Modells unter einem Dach zusammenschließen müssen.

Ein Modell zur Behandlung der wichtigsten Fragen

Um auf die Fragen Wo, Wie und Wer einzugehen, ist ein Modell für aufsuchende Bildungsarbeit erforderlich, das sich mit erwachsenen Schulabbrechern in ganz Europa befasst, das relational ist, persönlich und sich auf die Bedürfnisse der einzelnen Klienten konzentriert. Solch ein Ansatz zur aufsuchenden Bildungsarbeit greift nicht nur die oben dargestellten Fragen Wo, Wie und Wer auf, sondern verfolgt einen individuellen, proaktiven Outreach-Ansatz, der sich mit den Personen befasst, die sich am Rande der Gesellschaft befinden. Er setzt grundlegend da an, wo sich die Person befindet, mit Schwerpunkt auf den Bedürfnissen dieser Person.

Beispiele für Kernfragen, die in das strategische Modell der aufsuchenden Bildungsarbeit einer Organisation aufgenommen werden müssen, sind unter anderem folgende:

  • Werden die Öffnungszeiten der Outreach-Initiative speziell an die Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst? Ja/Nein

 

  • Verfolgt Ihre Organisation ausdrücklich ein Inklusionsprinzip bei seiner Outreach-Strategie, d. h. wird das Angebot dem Klienten entsprechend angepasst und ermutigt es die Klienten, sich zu engagieren? Ja/Nein

 

  • Ergreift das Outreach-Personal Ihrer Organisation Maßnahmen, um zu beurteilen, warum ein Klient nicht in der Lage sein könnte, an dem Outreach-Angebot teilzunehmen, und um das Angebot anzupassen, damit diese Schwierigkeiten bewältigt werden? Ja/Nein

 

  • Existiert ein Protokoll zur Beurteilung, warum ein Klient nicht in der Lage sein könnte, an dem Outreach-Angebot teilzunehmen? Ja/Nein

 

  • Existiert ein Verfahren zur Anpassung des Angebots, wenn ein Klient nicht in der Lage sein könnte, am Outreach-Angebot teilzunehmen? Ja/Nein 

 

Es besteht kein Mangel an Informationslücken, sondern eher Lücken in den Strategien und Kommunikationswegen. Wir dürfen nicht annehmen, dass die Organisationen bereit oder sich bewusst sind, dass ihre Outreach-Strategien ausgeweitet werden müssen. Outreach-Ansätze dürfen nicht auf Rhetorik oder Parolen reduziert werden. Sie müssen eindeutig die Angemessenheit der Fragen Wo, Wie und Wer im Rahmen einer proaktiven, entschlossenen Outreach-Strategie ansprechen.


Paul Downes ist Direktor des Educational Disadvantage Centre, leitender Dozent für Pädagogik (Psychologie), St. Patrick‘s College, Dublin City University, Mitglied des Koordinierungsausschusses des Netzwerks der Europäischen Kommission von Experten, die sich mit den sozialen Aspekten allgemeiner und beruflicher Bildung beschäftigen (NESET II) (2015)

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