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Bildungsinformation barrierefrei aufbereiten: Stolpersteine und Widersprüche

Welche Hürden bei der Umsetzung barrierefreier digitaler Bildungsinformation auftreten können, zeigen Erfahrungen bei erwachsenenbildung.at.

Welche Hürden bei der Umsetzung barrierefreier digitaler Bildungsinformation auftreten können, zeigen Erfahrungen bei erwachsenenbildung.at (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

 

Mann steht vor einer Tür, in der Ziegel gestapelt sind

Seit 23. September 2020 ist digitale Barrierefreiheit für https://erwachsenenbildung.at nicht nur ethisch, sondern auch gesetzlich notwendig (siehe die EU-Richtlinie 2016/2102 und das Webzugänglichkeitsgesetz BGBl. I Nr. 59/2019 in Österreich). So machten wir uns als Online-Redaktion von erwachsenenbildung.at auf den Weg in Richtung Digitale Barrierefreiheit – beginnend mit der Rubrik Bildungsinfo. Unsere Erfahrung zeigt, dass es oftmals einfache und schnelle Handlungsmöglichkeiten gibt, um digitale Bildungsinformation barriereärmer aufzubereiten (siehe Beitrag "Bildungsinformation barrierefrei aufbereiten: ein paar Tipps" ). Ab und an führt der Weg hin zu mehr Barrierefreiheit aber auch in unwegsameres Gelände. Lesen Sie hier über Widersprüche, Hürden und offene Fragen, denen wir uns gestellt haben.

Sprache: Wie einfach darf es wirklich sein?

Je einfacher, desto besser, war der erste Gedanke beim Texten der Rubrik Bildungsinfo. Doch die Erkenntnis kam schnell: Selbst wenn es gelungen scheint, den Text sehr einfach aufzubereiten, wird er als schwer zu lesen eingestuft – das ergaben verschiedene Online-Tools, mit deren Hilfe man Texte auf ihre Lesbarkeit testen kann. Somit standen wir vor einem Problem: Denn den Text weiter zu vereinfachen, hieße auch, dass er an Informationstiefe einbüßen müsste. Die nächste Idee war es daher, ein Zusatzangebot in Leichter Sprache zu schaffen, auf das man bei Bedarf via Klick umschalten kann. Auch Expertinnen und Experten zur Barrierefreiheit rieten dazu an. Agenturen, die dazu beraten und die Übersetzung in Leichte Sprache anbieten, kamen inhaltlich zum selben Ergebnis wie wir: Ausgewählte Inhalte sollten in Leichte Sprache übersetzt werden, etwa zum Thema Basisbildung oder zum erwachsenengerechten Pflichtschulabschluss.

Expertinnen und Experten, die im Bereich Basisbildung und erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss arbeiten, rieten uns wiederum davon explizit ab. Denn mit der Auswahl von Inhalten treffe die Redaktion immer auch eine Zuschreibung, was die spezifische Zielgruppe kann und was eben nicht. Ein Zusatzangebot für ausgewählte Inhalte sei also diskriminierend. Besser wäre, alles übersetzen zu lassen, sodass die Nutzer/innen selbst wählen können, welche Inhalte sie in Leichter Sprache lesen möchten. Das wäre wiederum budgetär nicht möglich. Wir kamen daher zu der Lösung, einen Überblickstext zur Rubrik Bildungsinfo zu verfassen und diesen in Leichte Sprache übersetzen zu lassen.

Ob und wie dieses Angebot genutzt wird, ist heute noch schwer feststellbar. Frühestens nach einigen Monaten werden wir die Zugriffszahlen via Webstatistik auswerten können.

Barrierefreie Türen schaffen, wenn die Angebote dahinter Hürden haben?

Eine weitere Idee zur barrierefreien Aufbereitung der Rubrik Bildungsinfo war, ein Video in Gebärdensprache zu drehen. Damit könnten wir gehörlose Menschen und ihr Umfeld auf die Chancen von Weiterbildung, die Vielzahl an Angeboten in Österreich sowie die Möglichkeiten der Bildungsberatung und Kursförderung aufmerksam machen. Wohin aber sollen wir die Menschen verweisen? Die Palette an spezifischen Angeboten für Gehörlose in Österreich ist enden wollend. Es gibt genau einen Anbieter. Sollten wir sie zu den Einrichtungen der Initiative Bildungsberatung verweisen, wo man sie aber doch nicht beraten kann, ohne dass sie selbst einen Dolmetscher/eine Dolmetscherin auf ihre eigenen Kosten mitbringen? Und können sie tatsächlich an den vielen Weiterbildungsangeboten teilnehmen?

Anders gefragt: Wo ist es sinnvoll, für spezifische Zielgruppen Bildungsinformation aufzubereiten, wenn sie die Angebote dann doch nicht oder zumindest nicht ohne zusätzlichen Aufwand nutzen können? Die Fragen bleiben schwierig zu beantworten und müssen offen bleiben. Wir haben uns letztlich dazu entschieden, ein solches Video dennoch zu machen, um die Kernbotschaft der Rubrik Bildungsinfo an ALLE Menschen transportieren zu können: Weiterbildung ist eine Chance!


Leichte versus Einfache Sprache

„Leichte Sprache“ und „Einfache Sprache“ werden häufig synonym verwendet bzw. miteinander verwechselt. Im Sinne der Barrierefreiheit ist damit aber Unterschiedliches gemeint:

Leichte Sprache

„Leichte Sprache“ ist eine künstlich geschaffene Sprache, die sich an Menschen mit Lernschwierigkeiten richtet. Ihr Ziel ist es, diesen Menschen die Teilhabe an Gesellschaft und Politik zu ermöglichen. Hinter Leichter Sprache steht ein spezifisches Regelwerk. Texte in Leichter Sprache müssen von der Zielgruppe geprüft und von Einrichtungen zertifiziert werden. Sie sind etwa auf dem Sprachniveau A2 laut Europäischem Sprachenreferenzrahmen und zeichnen sich folgenderweise aus: Einfache Wörter und kurze Sätze, jeder Satz hat nur eine Aussage, das Verb steht vorne, schwierige Wörter werden erklärt, lange Wörter mit Bindestrich geteilt. Vermieden werden: Sprichwörter, Metaphern oder Ironie, die Möglichkeitsform, die Mitvergangenheit, Verneinungen sowie der Genitiv, Zahlenangaben und Abkürzungen. Gleiches wird immer mit dem gleichen Begriff benannt und das Layout ist auch spezifisch: Mit jedem Satz beginnt ein neuer Absatz und einfache Bilder ergänzen den Text.

Einfache Sprache

„Einfache Sprache“ ist eine natürliche Sprache, die sich an ALLE Menschen richtet. Es gibt dafür kein eindeutiges Regelwerk, aber viele Empfehlungen: Einfache Sprache sollte klar und deutlich sein mit möglichst einfachen Wörtern, kurzen Sätzen und Aktiv-Formulierungen. Verben kommen an den Satzanfang, Verbklammern werden aufgelöst, ein Nominalstil wird vermieden, wie auch Verneinungen. Gleiche Dinge werden auch in Einfacher Sprache mit denselben Begriffen benannt. Für Einfache Sprache braucht es keine Prüfgruppe und kein Zertifikat. Daher betreiben Medien wie z.B. der Österreichische Rundfunk Nachrichten meist in „Einfacher Sprache“, nicht in „Leichter Sprache“.

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