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Zoltán Várkonyi: Entwicklung von Grundkompetenzen bei Erwachsenen

18/12/2019
von Györgyi Bajka
Sprache: DE
Document available also in: EN

Lesedauer circa 9 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!

Originalsprache: Ungarisch


Grundlegende Lese-, Schreib- und Rechenkenntnisse sowie Alltagskompetenzen sind praktische Fähigkeiten, die für unsere Teilhabe an der lokalen Gemeinschaft, unsere Integration in das Sozialleben und unsere Arbeit unerlässlich sind. Darüber hinaus öffnen sie uns die Türen für den Erwerb neuer Fach- und Berufskompetenzen. Grundkompetenzen werden in den verschiedenen Konzepten natürlich unterschiedlich definiert, umfassen aber immer Lese-, Schreib- und Rechenkenntnisse, mündliche Kommunikationsfähigkeiten und digitale Kompetenzen, aber auch soziale Kompetenzen, die am Arbeitsplatz heute immer mehr erwartet werden.

Grundkompetenzen sind in der modernen Gesellschaft also unabdingbar und werden von allen gebraucht. Allerdings verfügen laut der internationalen Studie der OECD zu den Grundkompetenzen von Erwachsenen (PIACC) rund siebzig Millionen Europäer*innen in der Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen nicht über ausreichende Grundkompetenzen. Hinsichtlich der fünf Kompetenzstufen der Studie besitzt in Europa jede*r Fünfte Lese- oder Schreibkenntnisse und jede*r Vierte alltagsmathematische Kompetenz auf Stufe I oder darunter. (Ungarn hat an der ersten und zweiten PIAAC-Erhebungsrunde 2010–12 bzw. 2013–15 nicht teilgenommen, weshalb die erste Erhebung für Ungarn 2018 stattfindet.)

In internationalen Studien wurde bestätigt, dass Menschen mit geringen Grundkompetenzen mit größerer Wahrscheinlichkeit ihren Arbeitsplatz verlieren und über längere Zeit arbeitslos sind, weshalb sie ein höheres Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko aufweisen und häufiger krank werden oder früh sterben.

Laut einer internationalen Erhebung in mehreren Ländern hatten 65–85 % der inhaftierten Minderjährigen in Jugendhaftanstalten Probleme beim Lesen und Schreiben. Geringe Grundkompetenzen sind eines der Haupthindernisse für die Teilnahme am lebenslangen Lernen. Daher haben die betroffenen Erwachsenen wenig Chancen und Möglichkeiten, mit den Änderungen in unserer heutigen Welt, den Erwartungen der Gesellschaft sowie des Arbeitsmarkts Schritt zu halten und neue Kompetenzen oder Qualifikationen zu erwerben, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und somit ihre Beschäftigungsfähigkeit erhöhen könnten.

Der Mangel an Grundkompetenzen bedeutet erhebliche Zusatzkosten für die Gesellschaft, da Arbeitslosigkeit und schlechte Gesundheit mit erhöhten Sozial-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitsausgaben und Strafverfolgungskosten einhergehen. Fehlende Grundkompetenzen bei Beschäftigten können für die jeweiligen Unternehmen erhebliche Zusatzkosten mit sich bringen, da ihre Wettbewerbsfähigkeit möglicherweise geringer ausfällt als die der Konkurrenz, Qualitätsprobleme entstehen können und auch die Ablehnung steigen kann, was die allgemeine Konkurrenzfähigkeit sinken lässt. Menschen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten verbringen generell wenig Zeit mit ihren Kindern mit Lesen oder Lernen, weshalb die nachfolgenden Generationen aller Wahrscheinlichkeit nach solche Benachteiligungen „erben“ und weitertragen.

Internationale Erfahrungen haben gezeigt, dass Investitionen in die Entwicklung von Grundkompetenzen zahlreiche positive Auswirkungen haben können: Wer seine Grundkompetenzen verbessert, hat weniger Probleme im sozialen Umfeld, kann Erlebtes besser verarbeiten und interpretieren und dadurch seine Unabhängigkeit, sein Selbstvertrauen, seine wirtschaftliche Unabhängigkeit steigern und auch seine physische und psychische Verfassung stärken. Auch die elterliche Fürsorge nimmt zu. Mit der Entwicklung von Grundkompetenzen steigen zudem die Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten und ihre Produktivität am Arbeitsplatz sowie die Chancen auf Erhalt ihres Arbeitsplatzes und Lohnsteigerungen.

Wenn wirklich so ein direkter Zusammenhang zwischen dem Erwerb von Grundkompetenzen und der Verbesserung von Lebensqualität und Beschäftigungsfähigkeit besteht – was hält uns dann noch davon ab, die Anzahl der Teilnehmer*innen an Programmen zur Entwicklung von Grundkompetenzen zu erhöhen?

Mit dieser Frage sind etliche nationale Besonderheiten verbunden, die eine große Herausforderung für die Bildungscurricula und Ausbildungseinrichtungen darstellen.

Geringe Grundkompetenzen sind nach wie vor nicht gut sichtbar: Sie sind weder den Betroffenen noch ihrem Umfeld wirklich bewusst. Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass ihre Lese-, Schreib- oder Rechenkenntnisse für ihren Arbeitsplatz und ihren Alltag ausreichen. Studien haben bestätigt, dass Menschen mit geringen Lesefähigkeiten ihre Fähigkeiten meistens wesentlich besser einschätzen als sie tatsächlich sind. Am Arbeitsplatz zeigen sich mangelnde Fähigkeiten nicht direkt. Sie kommen vielmehr in Form von Konflikten, nicht fristgerechter Erledigung von Aufgaben, erhöhter Ablehnung von Tätigkeiten oder Qualitätsproblemen zum Tragen, die alle durch die ungenaue Interpretation von Anweisungen, fehlende Durchführung oder Überprüfung der einschlägigen Berechnungen oder falsches Zeitmanagement bedingt sein können. In den meisten Fällen denken die Vorgesetzten ebenfalls, dass die Ursache des Problems in der persönlichen Einstellung und nicht den betreffenden Qualifikationslücken liegt. Der echte Grund für die Probleme bleibt so lange unentdeckt, bis sich im Leben der Betroffenen etwas Grundlegendes ändert: eine Versetzung an einen anderen Arbeitsplatz im Unternehmen, ein erzwungener Arbeitsplatzwechsel, der Verlust eines nahen Angehörigen, die Geburt eines Kindes usw.; etwas, was neue Gegebenheiten schafft und Herausforderungen mit sich bringt, für die es notwendig wäre, bestimmte Grundkompetenzen zu nutzen oder sie durch Anpassung an die neue Situation zu erwerben.

Wer bei sich selbst Mängel entdeckt, offenbart sie nur ungern gegenüber anderen und traut sich in Bezug auf das Lernen häufig nichts zu. Man hält sich zum Beispiel für zu alt, um etwas zu lernen und die eigene Situation zu ändern. Viele Menschen mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen entwickeln eigene Überlebensstrategien und vermeiden Situationen im realen Leben, in denen sich ihre Defizite zeigen würden, mithilfe ihrer Partner/Ehepartner oder sogar Arbeitskolleg*innen. Da digitale Technologien heutzutage immer stärker in den Arbeitsplatz eingebunden werden, gibt es immer weniger Arbeitsplätze, an denen man ohne die Weiterentwicklung von digitalen Kompetenzen und einschlägige Lese-, Schreib- und Kommunikationsfähigkeiten auf entsprechendem Niveau überleben kann.

Was politische Entscheidungsträger und Arbeitgeber angeht, stellt die Interpretation von Grundkompetenzen eine weitere Problemquelle dar. Viele Menschen denken immer noch, dass heutzutage jeder schreiben und lesen lernt und in der Schule „alphabetisiert“ wird, sodass Probleme mit Analphabetismus heute „nicht existieren“. In der Tat lernt fast jeder formal schreiben und lesen, aber nicht auf dem Niveau, das für die Gesellschaft oder den Arbeitsplatz vonnöten wäre, sodass es funktionale Analphabeten gibt. Grundkompetenzen können sehr umfangreich beschrieben werden, von einfacheren bis hin zu komplexeren Fähigkeiten. Hier ist es entscheidend, ob sie ausreichen um unseren Alltag zu bewerkstelligen oder nicht – um die Erwartungen zu erfüllen, die die Gesellschaft und der Arbeitsplatz an uns stellen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, muss berücksichtigt werden, dass die Erwartungen der Gesellschaft und der Wirtschaft sich kontinuierlich weiterentwickeln – man denke hier nur an die vielen Erwartungen, die sich dadurch ergeben, dass wir digitale Kompetenzen in allen Lebensbereichen benötigen.

Oft vergessen wir auch, dass wir unsere Fähigkeiten nach und nach verlieren, wenn wir sie nicht oder nur eingeschränkt nutzen. So, wie Fremdsprachenkenntnisse allmählich verschwinden, wenn sie nicht genutzt werden, können auch Lese-, Schreib- oder Rechenkenntnisse deutlich zurückgehen. Vor diesem Problem stehen Beschäftigte, die 20 oder 30 Jahre an einem Arbeitsplatz verbringen, an dem sie ihre Grundkompetenzen nur in geringem Maße nutzen, und dies nicht in anderen Lebensbereichen ausgleichen; sie wären also gezwungen, sich weiter fortzubilden und neue Berufskompetenzen zu erwerben, wenn sie hier aufholen möchten. Obwohl auch bei denjenigen, die über einen niedrigeren Bildungsstand verfügen, die Anzahl der Menschen mit mangelhaften Lese-, Schreib- und Rechenkenntnissen wesentlich höher ist, kann dieses Problem auch bei Menschen auftreten, die über einen Schul- oder Hochschulabschluss verfügen.

In Ungarn haben verschiedene Organisationen wertvolle Erkenntnisse zur Entwicklung von Grundkompetenzen gesammelt. Es wäre wichtig, all diese Erkenntnisse zusammenzutragen und alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse der PIAAC-Studie 2018 wird ein wichtiger Meilenstein für den Umgang mit dieser Frage in Ungarn sein und eine umfassende Informationsgrundlage für die Analyse der Lage und ein grundlegenderes Verständnis der Probleme liefern. Die Ergebnisse werden bei der Entwicklung neuer, fokussierterer Strategien helfen und die Ausweitung von Lernangeboten sowie die Entwicklung innovativer Ansätze und Methoden unterstützen. Handlungsbedarf besteht allerdings noch vor der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse im Jahr 2019 oder 2020.

Das European Basic Skills Network (EBSN) wurde 2011 gegründet. Sein vorrangiges Ziel besteht in der Förderung des Dialogs und des Austauschs von Erfahrungen und Erkenntnissen der zuständigen Regierungsstellen und -institutionen auf nationaler und regionaler Ebene sowie der einschlägigen maßgeblichen Organisationen und Wissenszentren im Bereich Bildung, Forschung und Entwicklung. Das Netzwerk möchte zur Sichtbarkeit, Verbreitung von Innovationen und vielversprechenden Verfahrensweisen im Bereich der Entwicklung von Grundkompetenzen und zur Konzeption von effizienten Strategien auf europäischer, nationaler oder lokaler Ebene beitragen. Ihm gehören über siebzig Organisationen aus zweiundzwanzig europäischen Ländern und fünf Drittländern an.

Die Arbeitsgruppen des EBSN haben für die Entwicklung nationaler und lokaler Strategien und Programme zur Entwicklung von Grundkompetenzen folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Es sind Sensibilisierungsmaßnahmen, Informationskampagnen und Aktivitäten erforderlich, die sowohl den betroffenen Einzelpersonen als auch deren Umfeld bei der Ermittlung der Probleme helfen und zu entsprechendem Handeln anregen.
  • Es müssen Strategien gefunden werden, die es ermöglichen, die Betroffenen zu erreichen und ihnen Möglichkeiten zum Lernen und Entwickeln von Grundkompetenzen zu verschaffen. Beim Erreichen der Zielgruppen und Ermitteln der Personen mit Entwicklungsbedarf spielen die lokale Zusammenarbeit und lokale Partnerschaften eine entscheidende Rolle.
  • Unser Erfolg stellt sich nicht durch Methoden ein, die bereits vor vielen Jahren in den Schulen zum Scheitern geführt haben. Vielmehr muss auf Lernformen aufgebaut werden, die den unterschiedlichen Lernweisen von Erwachsenen gerecht werden, und es müssen geeignete Lernumgebungen geschaffen werden. Bei der Konzeption der Lernprogramme, Lehrpläne und Hilfsmaterialien sollte auch berücksichtigt werden, dass Menschen mit geringen Grundkompetenzen auch unter Lernschwierigkeiten leiden und geringe Lernkompetenzen besitzen.
  • Das Potenzial der Digitalisierung und des digitalen Lernens, die soziale Akzeptanz der Notwendigkeit digitaler Kompetenzen und das Motivationspotenzial digitaler Technologien sollten genutzt werden.
  • Der Erwerb von Grundkompetenzen stellt keinen Selbstzweck dar. Er sollte vielmehr direkte Vorteile und greifbare Fortschritte für erwachsene Lernende mit sich bringen und das Lernen sollte für den Alltag der Betroffenen relevant sein.
  • Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ministerien und einschlägigen Branchen, eine Koordinierung der Maßnahmen der Erwachsenenbildung und des Sozialwesens zusätzlich zu den Maßnahmen auf nationaler Ebene und gemeinsame Maßnahmen der lokalen Akteur*innen können die Kohäsion und Kohärenz der Maßnahmen und Initiativen sicherstellen.
  • Es muss gewährleistet sein, dass alle einschlägigen Fachleute entsprechend vorbereitet sind, was die speziellen Kompetenzen angeht, die die Pädagog*innen nicht nur im Bereich der Erwachsenenbildung, sondern auch der Entwicklung von Grundkompetenzen erwerben müssen. Je geringer die Grundkompetenzen sind, desto weniger möchten Lernende eigenständig lernen, und desto größer sind die geistigen, sozialen und materiellen Hindernisse, die es zu überbrücken gilt. Daher stehen die Pädagog*innen im Bereich der Entwicklung von Grundkompetenzen vor komplexeren Herausforderungen, die deren Vorbereitung und fachliche Unterstützung zum Schlüssel für unsere erfolgreiche Entwicklung machen.

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  • Bild des Benutzers Angela D'Arcy
    This is a very interesting and relevant blog for those of us who work in adult education.  The author is right to say that we cannot use the methods which have failed in the past and I look forward to reading more on this subject.