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Angebote der Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen - Anerkennungsberatung und bisherige Erfahrungen

Milica Tomić-Schwingenschlögl berichtet von der Arbeit, welche die AST „Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen“ seit 8 Jahren in Österreich betreiben. Gewonnene Erkenntnisse und Fakten und Zahlen zu dem Erfolg ihrer Arbeit können Sie hier nachlesen.

Logo AST - Anlaufstelle.
Die „Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen“ (AST) bieten seit 2013 Anerkennungs- und Bewertungsberatung für Menschen mit mitgebrachten Abschlüssen. Generelles Ziel des Projektes ist die Beschleunigung einer möglichst qualifikationsadäquaten Integration der Menschen in den Arbeitsmarkt. Betroffene werden durch kostenlose, zum Teil mehrsprachige Information und Beratung im gesamten Anerkennungs- oder Bewertungsverfahren begleitet.

Im Laufe der vergangenen acht Jahre haben etwa 25 Berater/innen österreichweit fast 80.000 Beratungsgespräche durchgeführt. Die vom Fördergeber (Bundesministerium für Arbeit, Familie und Jugend) vorgegebenen jährlichen Zielzahlen wurden somit stets übertroffen.

16,7 % aller in Österreich lebenden Personen besitzen eine ausländische Staatsbürgerschaft, mehr als 23% haben einen Migrationshintergrund. Es ist bekannt, dass sich die Arbeitsmarktchancen von Personen, die einen ausländischen Bildungsabschluss haben, von jenen mit einem inländischen Abschluss unterscheiden. Sehr häufig kommt es zur „Dequalifizierung“ ersterer auf dem Arbeitsmarkt. Mit Anerkennungsberatung wirken wir diesen Mechanismen entgegen.

Laut Statistik üben Personen mit ausländischen Bildungsabschlüssen dreimal häufiger Tätigkeiten aus, die eine niedrigere Qualifikation voraussetzen, als es ihrer tatsächlichen Qualifkation entsprechen würde (zB. Lehrerin, die als Regalbetreuerin arbeitet; Arzt, der als Taxilenker tätig ist, etc.). Die Gründe für eine dequalifizierte Beschäftigung können vielfältig sein: finanzielle Gründe, wenig adäquate Arbeitsstellen, fehlende (Fach)sprachkenntnisse, komplexe formale Anerkennung, mangelnde Informationen über Unterstützungsangebote, oder eine fehlende Bereitschaft der Arbeitgeber/innen sich mit der ausländischen Qualifikation auseinander zu setzen, um nur einige zu nennen.

Nicht selten wird in Österreich die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen als einfach bzw. transparent dargestellt. Jedoch wird hierzulande die formale Anerkennung durch eine Vielzahl der Landes- und Bundesgesetze geregelt. Nachdem die Zuständigkeiten je nach Niveau (Berufsausbildung, Schule, Studium) und Herkunft der Qualifikation (EWR oder Drittstaat) unterschiedlich sind, ist die Liste der für die formale Anerkennung zuständigen Behörden entsprechend lang und für Laien oft nicht überschaubar.

Eine große Hoffnung der letzten Jahre war ohne Zweifel die Verabschiedung des Anerkennungs- und Bewertungsgesetztes (AuBG). Mit Inkrafttreten im Juli 2016 wurden zwar keine einzelnen Materiengesetze geändert, aber das Recht auf Beratung wurde damit garantiert. Weiters wurde in diesem Gesetz der Grundsatz verankert, alle formalen Qualifikationen einer Bewertung zugänglich zu machen. Diese Bewertungen sollen in weiterer Folge als Grundlage für die Betreuung durch das Arbeitsmarktservice (AMS), sowie als Orientierung und Information für die Arbeitgeber/innen dienen.

Die Aufgaben der ASTen

Die Beratung und Begleitung der Anlaufstellen soll zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen und -situation der Erwerbsbevölkerung mit Migrationshintergrund beitragen.

Das Angebot der AST-Anerkennungsberatung reicht von umfassender Information über Anerkennung bzw. Bewertung bis zur Klärung ob eine formale Anerkennung möglich und notwendig ist. Auch Kosten für die beeidete Übersetzung einschlägiger Dokumente werden übernommen. Bei Bedarf werden KlientInnen im gesamten Anerkennungs- bzw. Bewertungsverfahren begleitet und unterstützt. Weiters werden gemeinsam mit Kundinnen und Kunden Alternativen erarbeitet und  - dort wo es sinnvoll ist  - werden sie an weiterführende Angebote und Kooperationsprojekte weitergeleitet. Gegebenenfalls werden Klient/innen beim Einlegen von Rechtsmitteln im Anerkennungsverfahren unterstützt (Verfassen von Beschwerden u.Ä.)

Darüber hinaus organisiert das AST-Netzwerk unter anderem Vernetzungstreffen der Berufsgruppen, Gruppenberatung bzw. Informationsveranstaltungen, Fachveranstaltungen zu einschlägigen Themen (Migration, Integration, Arbeitsmarkt, Bildung), Aufarbeitung bestimmter Materien und stellt seine Expertise einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Mehr Information dazu finden Sie hier

Die Anerkennung ist weiblich

Die ASTen haben im Jahr 2019 österreichweit etwa 8.200 Personen beraten. 2020 fiel die Anzahl an Beratungen aufgrund der Corona-Krise nicht ganz so hoch aus, die Zielzahlen wurden jedoch erreicht. Der Großteil (etwa 2/3) der Ratsuchenden kam aus Drittstaaten, etwa 20% waren Asyl- und Subsidiärschutzberechtigte. Der Frauenanteil in der Anerkennungsberatung (2/3) ist seit Anbeginn wesentlich höher. Dies ist sicherlich auch mit dem hohen Anteil an Frauen in typisch reglementierten Berufen (Medizin, Pflege, Pädagogik), für deren Ausübung in Österreich formale Anerkennung notwendig ist, zu begründen.

Über einen postsekundären Abschluss verfügten etwa 60% der AST-Klient/innen; weitere 30% bringen eine Ausbildung auf Matura-Niveau mit. Rund 70% der Ratsuchenden sind aus der Alterskohorte 20-39 Jahre und somit im Haupterwerbsalter. Mehr als 30% nutzten das Übersetzungsangebot und für etwa ein Viertel wurde eine Bewertung erwirkt. Eine durch L&R durchgeführte Evaluierung der ASTen zeigte, dass 90% der befragten Klient/innen „sehr“, bzw. „eher zufrieden“ mit der Beratung sowie mit den Kompetenzen der Berater/innen waren; 55% der Befragten waren der Ansicht, dass die Anerkennung/Bewertung einen arbeitsmarktpolitischen Nutzen hatte.

Ausblick und Empfehlungen für die Zukunft

Das achte Jahr des Bestehens der österreichischen Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen (AST) war auch von der Coronakrise gekennzeichnet. Die Unterbrechung der persönlichen Beratung war eine Folge des ersten Lockdowns. Die persönliche Beratung wurde wieder aufgenommen, sobald die COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung es erlaubte. Während des Lockdowns waren Berater/innen stets bemüht, die Beratung online bzw. telefonisch aufrecht zu halten, damit angefangene Anerkennungs- und Bewertungsprozesse fortgesetzt wurden. Trotz aller Einschränkungen konnten die ASTen auch in den letzten Monaten unter Einhaltung aller notwendiger Maßnahmen einige innovative Formate realisieren.

© Alissa Eckert, MSMI, Dan Higgins, MAMS (CDC Webseite).
Die Auswirkungen der Coronakrise sind nach wie vor am Arbeitsmarkt spürbar: einerseits steigt die Zahl der Arbeitslosen, andererseits sind immer mehr Menschen in Kurzarbeit. Migrant/innen werden durch die Pandemie in einem höheren Ausmaß benachteiligt, zumal Branchen (Handel, Tourismus, Dienstleistung), wo überdurchschnittlich viele Migrant/innen beschäftigt sind, stärker von der Krise betroffen sind.

 

Basierend auf der jahrelangen Erfahrung können wir folgende Empfehlungen abgeben:

  • Weiterentwicklung der Anerkennungsregelungen in Österreich, insbesondere Anpassung der Verfahren zwischen EWR und nicht-EWR Qualifikationen
  • Ausbau und Weiterentwicklung von arbeitsmarkt-politischen Maßnahmen, die auf mitgebrachten Qualifikationen aufbauen („Check In Plus“)
  • Deutscherwerb in Kombination mit Fachpraktika und Hospitationen
  • Schaffung einer Prozesskette, auch als Instrument zur Sicherung der Fachkräfte (Einwanderung -> Anerkennung -> Arbeitsaufnahme)
  • Information und Unterstützung für Arbeitgeber/innen

Über die Autorin:

Milica Tomić-Schwingenschlögl hat in Serbien Pädagogik (Bildungswissenschaften) studiert. Sie arbeitet im Beratungszentrum für Migranten und Migrantinnen in Wien. Seit der Gründung der österreichweiten Anlaufstellen für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen (AST) ist Milica Tomic Teil des Koordinationsteams.

Dieser Blog Beitrag basiert auf einem Workshop, der von der Autorin auf Euroguidance Fachtagung „Guidance Matters“ am 11. November 2020 online gehalten wurde.

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