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Aktive Bürgerschaft in Bewegung - Neue Prioritäten für kompetenzbasierte Bildung?

Die Idee der aktiven Bürgerschaft hat im Laufe der letzten Jahrzehnte überall in Europa an Einfluss gewonnen. Lange galt als fortschrittlich, was Bundespräsident Theodor-Heuss über den aktiven Bürger dachte: „In solchem Sinn ist die Durchsetzung und Gliederung der Nation durch die vielfältigen Selbstverwaltungen nicht nur ein System zur Erweckung des Gemeinsinns, der an das Nahe, Kleine sich bindet, um dadurch in das Große zu wirken, sondern sie ist auch das Werkzeug der Auslese, die von unten nach oben drängt und den sozialen Kreislauf mit immer neuen Kräften stärkt und erhält.“[Theodor Heuss: Staat und Volk; Betrachtungen über Wirtschaft, Politik und Kultur; Berlin 1926; S. 146]

Die Idee der aktiven Bürgerschaft hat im Laufe der letzten Jahrzehnte überall in Europa an Einfluss gewonnen. Lange galt als fortschrittlich, was Bundespräsident Theodor-Heuss über den aktiven Bürger dachte: „In solchem Sinn ist die Durchsetzung und Gliederung der Nation durch die vielfältigen Selbstverwaltungen nicht nur ein System zur Erweckung des Gemeinsinns, der an das Nahe, Kleine sich bindet, um dadurch in das Große zu wirken, sondern sie ist auch das Werkzeug der Auslese, die von unten nach oben drängt und den sozialen Kreislauf mit immer neuen Kräften stärkt und erhält.“[Theodor Heuss: Staat und Volk; Betrachtungen über Wirtschaft, Politik und Kultur; Berlin 1926; S. 146]

Die Bürgergesellschaft existiere in einem System der Entwicklung von „Gemeinsinn“. Sie liefere dem politischen System die notwendigen „neuen Kräfte“ und erhalte somit das demokratische Gemeinwesen als eine Art Rohstofflieferant für Institutionenvertrauen und Innovation. Am Ende stehe aber eine Art demokratische Oligarchie, die teils aus der Politik, teils aus den wichtigen Kräften dieses engagierten Bürgertums besteht. Letztentscheidungskompetenz hat aber nach Heuss jederzeit die Politik.

Fortschrittsmotor Partizipation

Nach Jahrzehnten, die den Staaten in West und Ost deutlich machten, dass Einmischung, Gegenöffentlichkeit, ja auch Protest, zu mehr Beteiligung führen, nach der Entdeckung des „mündigen Bürgers“ in den 1960er Jahren, beschreibt 2002 die Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags die Rolle und Funktion des Bürgers anders:

 „Bürgergesellschaft beschreibt ein Gemeinwesen, in dem die Bürgerinnen und Bürger auf der Basis gesicherter Grundrechte und im Rahmen einer politisch verfassten Demokratie durch das Engagement in selbstorganisierten Vereinigungen und durch die Nutzung von Beteiligungsmöglichkeiten die Geschicke des Gemeinwesens wesentlich prägen können.“ [Deutscher Bundestag Drucksache 14/8900; 14. Wahlperiode; 03. 06. 2002]

Kompetenzmodell

Civic Competencies stärken die Fähigkeit des Einzelnen, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen.

Wesentlich prägen – selbstorganisiert und über Beteiligungsmechanismen und Dialoge an den Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft und Staat – das ist im Wesentlichen die neue Programmatik. Bürger sind hier nicht mehr nur Unterstützer, sie sind Partner des Staats. An manchen Stellen ist der Staat in der Bringschuld – Transparenz, Schaffung von Beteiligungsmöglichkeiten. Oft nimmt er sich zurück. Das Wort „Staatsraison“ existiert praktisch nicht mehr, die Worte „Moderation“ und „Deliberation“ ersetzen sie zu großen Teilen, so scheint es heute allgemeiner Konsens in der politischen Mitte zu sein.

Systemrelevanz aktiver Bürgerinnen und Bürger

Auch auf europäischer Ebene ist die Wertschätzung für den aktiven Bürger gewachsen. In „die Zivilgesellschaft“ als die Sphäre der bürgerschaftlichen Selbstorganisation werden viele Hoffnungen gesetzt. Insgesamt zeigt die Politik mehr und mehr Eigeninteresse an funktionierenden Nichtregierungsorganisationen und an aktiven Bürgern. Man möchte Bürger an die staatlichen Strukturen heranführen, ganz wie früher, aber ganz im Gegensatz zu früher auch als Gegengewicht gegen ökonomischen Lobbyismus, als Experten der Rede und Gegenrede in der Risikogesellschaft, als Nukleus gesellschaftlicher Solidarität oder Träger von demokratischen Werten. Nicht nur aus Idealismus, auch um dem schwächer werdenden Wohlfahrtsstaat beim weiteren Funktionieren behilflich zu sein. Wie man das auch bewerten mag – insgesamt gibt es mehr Wertschätzung für bürgerschaftliches Engagement und mehr Bereitschaft die eigenverantwortliche Selbstorganisation von Bürgern zu unterstützen.

Dort wo es politisch und/oder regierungsseitig zunehmendes Misstrauen oder Kritik an Bürgerengagement gibt, spürt man, dass man die Zeit nicht einfach zurückdrehen kann. Wer sich einmal emanzipiert hat, lässt sich nicht so einfach den Mund verbieten, links wie rechts, in der Mitte und an den Extremen im politischen Spektrum. Hinzu kommt, dass die großen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte - Internet und Globalisierung - hier sowohl inklusiv als auch fragmentierend zu wirken scheinen, mit weitreichenden Konsequenzen für die Beteiligung aktiver Bürger.

Civic Education 2.0

Insbesondere der politischen Bildung bzw. der Civic Education kommt hierbei eine wichtige Rolle zu. Weil die Bürgergesellschaft sich offenkundig in einem Transformationsprozess befindet, an dessen Ende sie ihrer gestiegenen systemischen Relevanz entsprechend demokratisch und handlungsfähig sein sollte, kann Active Citizenship Education sie auf individueller, Gruppen und Institutionsebene unterstützen, dass dieser Wandel bewusst, demokratisch und inklusiv gestaltet werde. Bildungsangebote können...

  • Wertschätzend und an den individuellen Kompetenzen arbeitend, die Eigeninitiative unterstützen und die eigene Vision zu entdecken und zu beschreiben.
  • Für Klarheit und mehr Wirkung sorgen, indem sie Einzelnen und Gruppen die Sicht auf systemische Zusammenhänge ermöglichen, um ihr Handeln und ihre Wirkung im großen Ganzen der Gesellschaft zu beschreiben.
  • Fairness und Transparenz fördern, indem sie demokratische Prinzipien und Beteiligung in der konkreten Engagementpraxis thematisieren. Gerade auch, indem die demokratische Haltung (attitude) des Einzelnen in den Fokus der Bildung rückt.
  • Robuste Zivilität (T. Garton Ash) als Bedingung demokratischer Öffentlichkeit entwickeln helfen. Auch unter herausfordernden Bedingungen müssen Bürger couragiert in der Lage sein, friedlich über konfliktäre Angelegenheiten zu reden und zu entscheiden und politische Feindschaft ohne Rückgriff auf das staatliche Gewaltmonopol in pazifierte Gegnerschaft transformieren können.
  • Den Dialog über System- und soziale Grenzen hinweg anregen, helfen, neue Koalitionen zu schmieden und überbrückendes soziales Kapital zu generieren.
  • Helfen, sich Kommunikationstechnologie anzueignen und Informationen kritisch zu verarbeiten.

Competendo-Plattform

Die COMPETENDO-Plattform entwickelt Konzepte und Tools für kompetenzbasiertes Lernen im Bereich Active Citizenship Education http://competendo.net

Den Wandel demokratisch gestalten: Civic Competencies

Eine bildungstheoretische Antwort auf diesen systemischen Wandel ist die Idee der Förderung von Kompetenzen, die die allgemeine Handlungsfähigkeit als aktiver Bürger unterstützen (key competencies). Ein Beispiel für das Mainstreaming dieser Idee ist das auf EU-Ebene 2006 verabschiedete Modell der acht Key Competencies for Lifelong Learning. Auch die Vorstellung des „lebenslangen Lernens“ um in der Wissensgesellschaft zu bestehen, ist ein in den 60er Jahren in Ost und West in Angriff genommenes Meta-Projekt. Die Idee ist, das systemische Denken der Bürger zu fördern und sie für den Nachvollzug und das Mitgestalten komplexer Abläufe und Prozesse zu qualifizieren – in Betrieb, Schule aber auch im Staat. Diese schon gereiften Konzepte der Bildungsmodernisierung scheinen relevanter denn je zu sein. Ihre nur halbherzig implementierten Teile müssen sich nun unter den neuen Bedingungen beweisen. Ist in diesem Sinne nicht Civic Competence die Kernkompetenz eines demokratischen Gemeinwesens?

 

Nils-Eyk Zimmermann ist Referent für Publikationen bei MitOst. Die Organisation bringt engagierte Menschen in ganz Europa zusammen und verbindet sie zu einem Netzwerk für Bürgerschaft (Citizenship),

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