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EPALE

E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

 
 

Blog

Erwachsenenbildung für Migranten: Plädoyer für eine moderne Aufklärung

05/06/2018
von Rumen HALACHEV
Sprache: DE
Document available also in: EN FI SL ET HU ES FR IT PL RO

/de/file/migrant-education-epale-0Migrant education EPALE

Migrant education EPALE

 

Professor Katarina Popović lässt uns an ihren Überlegungen zu der Frage teilhaben, was Erwachsenenbildung bereits für die Unterstützung von Migranten leistet, die nach Europa kommen, und was sie noch tun kann.

 

In den letzten Jahren ist das Thema Migration praktisch über Nacht zu einer Top-Priorität im Bereich Erwachsenenbildung geworden. Innerhalb extrem kurzer Zeit wurde ein hochpolitisches Thema, das bisher allenfalls unter humanitären Aspekten betrachtet wurde, zu einem hochaktuellen Thema in der Erwachsenenbildung. Die Erwachsenenbildungsgemeinschaft hat allen Grund, stolz auf ihre Leistungen zu sein – ihre schnelle Reaktion, die Tatsache, dass sie „auf der richtigen Seite der Geschichte“ steht, dass sie Menschen in einer der schwierigsten Situationen hilft, die im Leben eines Menschen vorkommen können.

 

Was ist bisher getan worden?

Die Erwachsenenbildung hat die neue Zielgruppe mit offenen Armen aufgenommen und ihre Türen für Teilnehmer geöffnet mit zahlreichen Kursen und Lehrplänen sowie Organisationsformen, die auf diese Gruppe ausgerichtet wurden. Experten der Erwachsenenbildung wurden speziell für die Unterstützung von Migrantengruppen geschult, mit Unterrichtsformen, die speziell auf Flüchtlinge abgestimmt waren, auf ihre Art und Weise des Lernens, ihren Bildungshintergrund und ihre berufliche Erfahrung.

Die angebotenen Kurse bestanden in erster Linie aus:

  • Sprachkursen, einschließlich „etwas Kultur”, die bei der Integration der Flüchtlinge auch ihrem Einstieg in den Arbeitsmarkt helfen sollen;
  • neuen oder zusätzlichen Fähigkeiten, die für ihre neuen beruflichen Aufgaben und die Beschäftigung erforderlich sind;    
  • Initiativen und Programmen für die Anerkennung von Vorkenntnissen und vorher erworbenen Kompetenzen.

 

Was sind die Nachteile dieses Ansatzes?

Im Grunde ist nichts falsch an diesem Ansatz – diese Maßnahmen sind notwendig – aber…

 

… sie sind nicht ausreichend

Beschäftigungsorientierte Maßnahmen sind der erste Schritt, aber sie sollten flankiert werden von:

a) anderen Bildungsmaßnahmen – Bildung, die zur Stärkung und zur Emanzipation der Menschen beiträgt, und

b) umfassenderen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Maßnahmen.

Bildung allein kann nicht all die Probleme lösen, die Flüchtlinge mitbringen. So wirkungsvoll Erwachsenenbildung auch sein mag – sie kann nur erfolgreich sein, wenn sie als Teil einer ganzen Reihe von Maßnahmen gesehen wird.

 

… dieser Ansatz ist überholt

Dieser Ansatz ist Ausdruck eines überholten paternalistischen Verständnisses von Integration, die eher als Assimilation bezeichnet werden kann, d. h., einer Integration, in der die dominierende Kultur Migranten so formt wie eine Kuchenform den Kuchen. Bisher wird nur wenig getan, um die Entwicklung einer neuen kulturellen Identität von Migranten in einem dynamischen Austausch mit der Gastkultur zu unterstützen.

 

… diese Art der Integration ist eine Einbahnstraße

Von Migranten wird erwartet, dass sie sich an die Gastgesellschaft anpassen, dass sie versuchen, die vordefinierten Ziele so effizient wie möglich zu erreichen, während die aufnehmende Gesellschaft passiv bleibt. Wir brauchen jedoch auch Bildungsmaßnahmen für die Gastbevölkerung, da es dort häufig Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Feindschaft gibt, die Migranten in die Isolation treiben.

 

Prävention anstelle von Behandlung  

Selbst wenn all dies mit Erfolg durchgeführt wird, kann die Erwachsenenbildung immer noch mit ihrer wichtigsten Aufgabe scheitern. Hilfe für Menschen in Not – ja; Aufnahme und Unterstützung von Minderheiten – ja; arbeiten für die Würde von Menschen und Unterstützung der Integration – ja; aber was fehlt?

Bildung kann eine Menge tun, um Menschen und Gesellschaften zu helfen, ihre Probleme zu lösen. Ihre Hauptaufgabe sollte aber sein, diesen Problemen vorzubeugen – Menschen über die Ursachen der Probleme aufklären, die Hintergründe und Zusammenhänge verstehen, über die Maßnahmen nachdenken und die Folgen vorwegnehmen.

Es ist keine Überraschung, dass die Erwachsenenbildung sich für Flüchtlinge engagiert. Aber sie tut kaum etwas, um dem Problem vorzubeugen. Und mit vorbeugen meine ich nicht, die Flüchtlinge daran zu hindern, nach Europa zu kommen, sondern etwas gegen die Umstände zu tun, die schuld daran sind, wenn Menschen ihr Zuhause verlassen.

 

Kann Erwachsenenbildung mehr tun?

Kann Erwachsenenbildung das alles? Analytisch, reflektierend, tiefgründig sein, europäische Bürger dabei unterstützen, die globale Welt zu verstehen und als aktivere Bürger aufzutreten? Natürlich kann sie das, auch wenn es keine leichte Aufgabe ist. Aber das macht es nicht weniger wichtig. Es gibt mehrere Bereiche, in denen Erwachsenenbildung eine entscheidende Rolle spielen kann, eine Rolle, die hilft, langfristige Lösungen zu entwickeln und nicht nur „Palliativmaßnahmen“:

 

Die Bürger über die Lage auf dem Globus aufklären

Die Bürger sollten über die Lebensumstände in den Heimatländern der Flüchtlinge aufgeklärt werden, über die Gründe für die Kriege, Konflikte und Armut und über die Verflechtung zwischen der europäischen und der globalen Politik. Das ist politische Bildung in ihrer wertvollsten Form: Bildung, die hilft, Bürger zu Weltbürgern zu machen. Das bedeutet, dass die Aufgabe von Erwachsenenbildung nicht nur darin bestehen sollte, Informationen und Kenntnisse zu vermitteln, sondern uns davor bewahren sollte, in eine Haltung abzugleiten, die Papst Franziskus als „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ bezeichnet hat.

 

Bürger über die Rolle aufklären, die ihr eigenes Land und die führenden Politiker in der Welt spielen sollten

Erwachsenenbildung sollte europäische Bürger für die Rolle sensibilisieren, die ihr eigenes Land und ihre führenden Politiker in der Weltpolitik spielen. Diese Bürger sollten ihre Regierungen aktiv kontrollieren und die Politik überwachen, die in ihrem Namen gemacht wird. Wenn ein Land Waffen kauft oder verkauft, werden diese Waffen auch irgendwo auf der Welt eingesetzt. Erwachsenenbildung sollte die Menschen ermutigen, Fragen zu stellen – wo, warum und was werden die Konsequenzen sein. Andernfalls werden die vorhandenen Programme für die Integration von Flüchtlingen nicht viel helfen – außer den wenigen glücklichen, die unter die „Einwandererquote“ fallen. Wie der Journalist Wolfgang Bauer in einem Artikel schrieb: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Kriege im Nahen Osten Europa sein Konzept der Menschlichkeit entreißen.“

 

Kritisches Denken anregen

Humanismus ist nicht genug; Erwachsenenbildung sollte alle Mittel der formalen und informellen Bildung nutzen, um die kritische Rezeption von Nachrichten, weitverbreiteter Fremdenfeindlichkeit, von feindseligen Interpretationen und Missbrauch der Flüchtlingskrise für populistische Zwecke zu verbessern. Eine Möglichkeit dazu wäre, das Phänomen Migration in der Geschichte der Menschheit und ihre Rolle bei der Entstehung moderner Zivilisationen zu analysieren, indem man deutlich macht, dass Migration positive Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung und den kulturellen Reichtum der Aufnahmeländer hat. Und was noch wichtiger ist: Erwachsenenbildung sollte dazu beitragen, das Wissen über die wahren Ursachen der Probleme zu vertiefen und das kritische Nachdenken zu fördern, damit Anschuldigungen wie „Flüchtlinge nehmen den Einheimischen die Arbeitsplätze weg”, „sie ruinieren den Staatshaushalt“ oder „sie zerstören unsere Kultur“ nicht mehr vorkommen ...

 

Plädoyer für eine moderne Aufklärung

Wer ist verantwortlich für das Scheitern, welches sind die Ursachen der Probleme und was können wir tun – das sind die Fragen, die sich eine neue, moderne Aufklärung stellen sollte. Die „Flüchtlingskrise“ erinnert uns daran, dass wir diese Aufgaben vernachlässigt haben ...

 

Katarina Popović ist Professorin und Lektorin an der Universität Belgrad, Generalsekretärin des Internationalen Rats für Erwachsenenbildung, Präsidentin der serbischen Erwachsenenbildungs-Gesellschaft, Mitglied der International Adult and Continuing Education Hall of Fame und Chefredakteurin der Zeitschrift „Andragogical Studies“.

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1 - 3 von 3 anzeigen
  • Bild des Benutzers Filomena Montella
    Condivido pienamente e ho sperimentato quanto sia importante in classe la conoscenza della storia e della cultura di popoli diversi. Nella mia quarta di un istituto alberghiero (corso serale) sono presenti un giovane indiano e un giovane nigerino. Insegnando storia e letteratura italiana ho cercato di trovare collegamenti fra Italia India e Niger, invitando i miei alunni a raccontare la loro esperienza e la loro storia. L'integrazione è stata ricchezza e condivisione. L'inclusione è attiva fra i banchi di scuola  
  • Bild des Benutzers George Koulaouzides
    Dr. Popovic is once again to the point. Migrants are experiencing what Peter Jarvis has very well described as "disjuncture". Disjuncture is a situation when our biographical repertoire is no longer sufficient to cope automatically with our perception of a real situation. In this case, the learning process that may assist the adult learner to develop new meaning-making skills is that of critical reflection. The process of assimilation is not going to assist the further development of the migrant communities in their host environment. Yes, it will help them survive, but is this the real learning outcome that we expect from our interventions? Take for example language learning. One trend (the most popular) is to teach basic communication skills through artificially designed texts and then let the migrants adjust to the cultural demands of the host country. This is a complete ineffective strategy... The other proposal is not to teach only language but to teach the host language through the use of authentic input in order to start a critical refelction process. To assist migrants to understand the frame of reference that is generated by the culture of the host country, to assist them in finding points of convergence and divergence, to support a process of stochastic skepticism. And at the same time the population of the host country should also have the opprotunity to learn about the culture of the migrants. It has to be a two way process... Normal 0 false false false EL X-NONE X-NONE
  • Bild des Benutzers Brian Caul
    This is an inspiring blog that all adult educators should read, reflect on, and read again. In particular there is a salutary dissection of integration models that verge on paternalistic assimilation by “passive” hosts. The western white stencil dictates expectations about adaptation regardless of its own prejudices. While acknowledging all the great work going on in adult migrant education, how can we avoid such pitfalls? I look forward to the debate.