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EPALE - E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

Blog

Erwachsenenbildung für die grüne Transformation

03/07/2020
von EPALE Österreich
Sprache: DE
Document available also in: EN FR
Autorin: Shinyoung Jeon
Wir leben in einer wirtschaftlich und ökologisch herausfordernden Zeit
Die COVID-19-Krise wirkt sich verheerend auf die Arbeitsmärkte aus. Nach einer Schätzung der OECD hat sich die Arbeitslosigkeit in den OECD-Ländern Mitte 2020 gegenüber 2019 mehr als verdoppelt und liegt nun mit rund 11% deutlich über dem Niveau der globalen Finanzkrise des Jahres 2009 (OECD 2020a). Auf der anderen Seite gingen Energienachfrage und CO2-Emissionen infolge der Maßnahmen, die zur Bekämpfung der COVID-19-Krise gesetzt wurden, im Vergleich zu 2019 um fast 8 Prozentzurück (IEA, 2020). Trotz der absehbaren Erholung der Länder von der COVID-19-Krise werden die Volkswirtschaften mit einigen langfristigen, grundlegenden Herausforderungen konfrontiert sein, deren größte wohl der Klimawandel ist. Während sich die Pandemie infolge des Zurückfahrens der wirtschaftlichen Aktivitäten positiv auf das Klima auswirkte, dürften die Emissionen in Ermangelung struktureller Reformen nach der Überwindung der Krise wieder ansteigen. Kurz gesagt müssen wir diese Krise als Chance begreifen, indem wir nicht nur die heutigen Herausforderungen angehen, sondern auch für die Zukunft planen. 

Eine Antwort auf die Krise: wirtschaftlich und ökologisch tragfähiges Wachstum
Nach der Finanzkrise von 2009, als viele Regierungen nach einem Ausweg suchten, erstellte die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) die Studie Skills for Green Jobs (Strietska-Ilina et al., 2011). Darin wird argumentiert, dass grüne Arbeitsplätze und Qualifikationen viel besser geeignet sind als konventionelle Branchen, die Wirtschaft zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen. Da grüne Arbeitsplätze qualifizierte Arbeitskräfte verlangen, müssen Erwachsene umschulen und ihre Qualifikationen verbessern, weshalb Berufs- und Erwachsenenbildungssysteme eine immer wichtigere Rolle spielen werden.

Investitionen in grüne Sektoren und die mit ihnen einhergehenden Qualifikations- und Bildungsinitiativen können daher sehr lohnend sein. So ist die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen weitaus arbeitsintensiver als bei fossilen Brennstoffen. Eine Ausgabenerhöhung von 1 Million US-Dollar im Sektor erneuerbare Energien schafft mehr als 7 Vollzeitarbeitsplätze, verglichen mit weniger als 3 Arbeitsplätzen im Sektor fossile Brennstoffe. Vergleichbare Ausgaben im Bereich der Energieeffizienz schaffen fast 8 Arbeitsplätze (Garrett-Peltier, 2017). Nach einer Schätzung des Jahres 2018 könnten durch Maßnahmen für grünes Wachstum im Energiesektor, die darauf zielen, die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius zu begrenzen, bis zum Ende des Jahrhunderts weltweit bis zu 24 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden (ILO, 2018).

Die Konjunkturpakete, die derzeit von Regierungen weltweit geschnürt werden, bieten eine große Chance, diesen Prozess in Gang zu bringen. Die Studie Skills for Green Jobs wurde in direkter Reaktion auf die Krise von 2009 erstellt. Zur damaligen Zeit widmeten die Regierungen erhebliche Teile ihrer Konjunkturpakete verschiedenen Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen (THG-Emissionen) einschließlich des Einsatzes erneuerbarer Energien. Bis Ende 2009 wurden etwa 16% aller fiskalischen Maßnahmen im Ausmaß von ca. 521 Milliarden US-Dollar für grüne Anreizmaßnahmen bereitgestellt (IILS, 2011). Angel Gurría, Generalsekretär der OECD, erklärte damals (OECD, 2009):

 „...Regierungen weltweit setzen die umfangreichsten finanzpolitischen Anreizmaßnahmen in der Geschichte um. Diese Konjunkturpakete sind die größte Chance aller Zeiten für eine ‚Ökologisierung‘ unserer Volkswirtschaften“.

Doch mehr als ein Jahrzehnt später ist die Bedrohung durch den Klimawandel brisanter denn je, zumal kaum Fortschritte erzielt wurden und die Kohlenstoffemissionen weiter steigen. Grünes Wachstum ist notwendiger denn je, um sicherzustellen, dass wir den steigenden Emissionen auf eine Weise begegnen können, die sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch nachhaltig ist.

Berufsbildung und Erwachsenenbildung ist der Schlüssel zur grünen Transformation
In Anerkennung dieser Herausforderung beschloss die Europäische Union im Dezember 2019 die Bereitstellung von Finanzmitteln und die Einrichtung von Systemen, um alle EU-Länder in ihren Bemühungen um eine Dekarbonisierung zu unterstützen. Um das Ziel zu erreichen, die Europäische Union bis 2050 klimaneutral zu machen, wurde der Europäische Grüne Deal ins Leben gerufen (European Commission, 2019). In dem Deal wird insbesondere anerkannt, dass eine proaktive Umschulung und Höherqualifizierung notwendig sind, um die Nutzen der grünen Transformation auszuschöpfen. Dabei muss auch den Arbeitskräften geholfen werden, die notwendigen Kompetenzen zu erwerben, um den Wechsel von „Sektoren im Niedergang“ in „Wachstumssektoren“ zu bewerkstelligen. Grüne Branchen benötigen zunehmend hochqualifizierte Arbeitskräfte, was dem Trend auf dem Arbeitsmarkt entspricht. Diese Verlagerung der Qualifikationsanforderungen hin zu höheren technischen und beruflichen Kompetenzen führt zur zunehmenden Notwendigkeit von Höherqualifizierung und verbesserten Qualifikationen.

Trotz steigender Investitionen war einer der wichtigsten einschränkenden Faktoren für den Übergang zu grünem Wachstum in den letzten zehn Jahren ein Mangel an Kompetenzen und Qualifikationen. Es ist wichtig, dass die Regierungen in dieser Situation nicht ähnliche Fehler begehen wie nach der Finanzkrise von 2009. Es herrscht allgemeine Einigkeit darüber, dass die Regierungen es weitgehend verabsäumt haben, das Kohlenstoff-Einsparungspotenzial ihrer Ausgaben auszuschöpfen. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass es an einsatzbereiten Initiativen mangelte. 

Dasselbe gilt für Qualifikationen, da die damaligen Systeme der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie der Erwachsenenbildung nicht in der Lage waren, ausreichend schnell auf die rasch steigende Nachfrage nach grünen Arbeitsplätzen zu reagieren und Arbeitskräfte mit den entsprechenden Qualifikationen auszubilden. So gab es nur sehr wenige duale Lehrlingsausbildungsprogramme, die speziell auf die Entwicklung von Fähigkeiten im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien zugeschnitten waren.

Diesmal muss es anders sein. Den vielen entlassenen Arbeitnehmer/innen, die jetzt wieder in den Arbeitsmarkt drängen, bietet sich die Gelegenheit, auf grüne Tätigkeiten umzuschulen und sich weiterzubilden, um ein grünes Wachstum zu unterstützen. Die Umstellung auf eine grüne Wirtschaft verlangt Veränderungen in allen Sektoren und Berufszweigen. Hier wird die grundlegende Bedeutung der Berufsbildung und Erwachsenenbildung deutlich. Die politischen Entscheidungsträger/innen müssen die Wichtigkeit dieser Rolle anerkennen, wenn sie Finanzmittel für die wirtschaftliche Erholung bereitstellen. Ob es nun um neue Kompetenzen für neue Arbeitsplätze wie im Bereich der erneuerbaren Energien oder um eine Höherqualifizierung oder Umschulung in bestehenden Berufen, wie z. B. die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft und Abfallwirtschaft geht – Erwachsenenbildung und die Vermittlung von zukunftstauglichen Fähigkeiten sind für die Perspektiven unserer Industrien, unserer Arbeitnehmer/innen und unserer Volkswirtschaften von zentraler Bedeutung.

Dänemark zum Beispiel fördert die grüne Transformation, indem es Arbeitnehmer/innen im dänischen Schiffbausektor, die ihre Arbeit verloren haben, durch Berufsbildung für den Offshore-Windsektor qualifiziert. Der Schiffbausektor befand sich in Anbetracht aufstrebender globaler Konkurrenz in einer schwierigen Lage, doch seine Beschäftigten konnten schnell in den Offshore-Windsektor einsteigen. Das war möglich, weil die erforderlichen Qualifikationen ähnlich waren und alle relevanten Akteur/innen wie Arbeitgeber/innen, Gewerkschaften und Ausbildungsanbieter die Ausbildung koordiniert unterstützten.  (Strietska-Ilina et al., 2011).

Das Beispiel Dänemarks macht deutlich, dass berufliche Mobilität durch Umschulung und Höherqualifizierung einer der Faktoren dafür ist, dass Qualifikationen zum grünen Wachstum beitragen können. Die Arbeitnehmer/innen müssen in der Lage sein, problemlos von ressourcenintensiven Sektoren und Berufen, die vor einem strukturellen Niedergang stehen (insbesondere die Industrie der fossilen Brennstoffe), in sauberere Sektoren und Berufe zu wechseln, die eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen bieten, wie etwa die Industrie der erneuerbaren Energien.

Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass eine Politik der Verringerung der Treibhausgase nur geringe Auswirkungen auf das BIP-Wachstum hat, wenn eine reibungslose Anpassung des Arbeitsmarktes an Beschäftigungschancen und -verluste gelingt (OECD, 2017). Die Kosten steigen jedoch erheblich, wenn Arbeitnehmer/innen, die in schrumpfenden Sektoren tätig sind, ihre Beschäftigungsfähigkeit in anderen Sektoren unter anderem deshalb verlieren, weil die Arbeitsmärkte und das Ausbildungssystem zu wenig Flexibilität zeigen. Wenn es uns also gelingt, die Fähigkeiten und das Ausbildungssystem richtig einzusetzen, können auch die Gesamtkosten der Politik der THG-Reduktion gesenkt werden.

Letztendlich hängen eine kohlenstoffarme Wirtschaft und grünes Wachstum davon ab, ob es gelingt, von umweltverschmutzenden und kohlenstoffintensiven Industrien abzurücken. Ein solcher Übergang erfordert kompetente Arbeitskräfte. Das bedeutet, dass die Berufsbildung und die Erwachsenenbildung für viele Sektoren die Grundlage für grünes Wachstum bilden.

Was muss getan werden?
Wenn es um die Qualifikation und Ausbildung von Erwachsenen geht, stehen einer reibungslosen grünen Transformation mehrere Herausforderungen im Wege. Erstens weisen viele Erwachsene sektorenübergreifend eine niedrige Grundqualifikation auf – dies ist eine große Herausforderung für Höherqualifizierung, Umschulung und berufliche Mobilität. Laut der OECD Survey of Adult Skills verfügt in den OECD-Ländern, die an der Umfrage teilgenommen haben, im Durchschnitt ein Viertel aller Erwachsenen über nur schwache Lese-, Schreib- oder Rechenkenntnisse  (OECD, 2016; OECD, 2013). Zweitens spielt die Erwachsenenbildung in einigen Ländern, insbesondere unter Geringqualifizierten, nach wie vor eine geringe Rolle, und die Teilnahme an Erwachsenenbildungsmaßnahmen unterliegt einer Reihe von Hindernissen. (OECD, 2019). Zu diesen zählen vor allem zeitliche Barrieren. In Italien, Österreich und der Türkei zum Beispiel waren zeitliche Beschränkungen dafür ausschlaggebend, dass ca. 70% der niedrigqualifizierten und der hochqualifizierten Arbeitnehmer/innen (19 bis 65 Jahre), die an Lernaktivitäten teilnehmen wollten, dazu nicht in der Lage waren. Sie waren beruflich zu sehr eingespannt, hatten aufgrund von Kinderbetreuungs- oder familiären Pflichten keine Zeit für die Bildungsmaßnahme, oder der Lehrgang wurde zu einer ungünstigen Zeit oder an einem ungünstigen Ort angeboten. Insbesondere zeigte der niedrige Prozentsatz der gering qualifizierten Erwachsenen, die in den 12 Monaten vor der Erhebung an offenem Unterricht oder an Fernunterricht teilnahmen, dass nur sehr wenige dieser Arbeitnehmer/innen die einschlägigen Angebote nutzen. Das bedeutet, dass die Lernenden selbst dann, wenn für sie keine Notwendigkeit bestand zu reisen oder an strukturiertem Präsenzunterricht teilzunehmen, immer noch mit Barrieren konfrontiert waren. Drittens gibt es einen Mangel an Lehrkräften und Ausbildungsverantwortlichen in der Berufsbildung und zu wenige Möglichkeiten für sie, ihre Fähigkeiten auf dem neuesten Stand zu halten. (Jeon, Torres, Musset, & Kaske, 2021 forthcoming). 

Was kann angesichts dieser Herausforderungen getan werden? Erstens müssen die Berufs- und Erwachsenenbildungssysteme flexiblere Lernmöglichkeiten bieten. Dies beinhaltet Teilzeit-, Wochenend- oder Onlinekurse sowie innerbetriebliche Schulungen. Die Anerkennung früherer Lernerfahrungen kann ebenfalls dazu beitragen, Wege zur beruflichen Mobilität zu ebnen. Zweitens sollten Regierungen und Bildungseinrichtungen proaktiv verschiedene Formen von Ausbildung und Berufsberatung für Erwachsene anbieten, um mehr Erwachsene dazu zu motivieren, Kompetenzen für grüne Arbeitsplätze und damit für den Übergang zu einer grüneren Wirtschaft zu erwerben. Drittens sollten die Berufs- und Erwachsenenbildungssysteme von sich aus Initiativen setzen, anstatt zu spät auf die Nachfrage zu reagieren. So könnte die künftige „grünere“ Arbeitsmarktnachfrage befriedigt werden. Vor allem aber müssen die Systeme der Berufs- und Erwachsenenbildung mehr Zeit und Ressourcen in qualitativ hochwertigen und innovativen Unterricht investieren. (OECD, 2020b]).

Natürlich hängt vieles von den Investitionen ab. Die finanzielle Unterstützung der Berufsbildungssysteme und der Qualifikation der Lernenden für zukunftsfähigere Sektoren und Berufe kann zur wirtschaftlichen Erholung, zur grünen Transformation und auch zur Behebung des bestehenden Fachkräftemangels beitragen. Es herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass die Aus- und Weiterbildung eine Voraussetzung dafür ist, um auf fast jede Herausforderung – insbesondere auf den Klimawandel und grünes Wachstum – adäquat zu reagieren.

Autorin:
 
© Shinyoung Jeon

Shinyoung Jeon* ist Politische Analystin für den Bereich berufliche Aus- und Weiterbildung sowie Erwachsenenbildung im OECD Centre for Skills.

Sie arbeitet seit 2013 bei der OECD und leitet derzeit zwei Projekte: Teachers and Leaders in Vocational Education and Training (VET) und Raising the Basic Skills of Workers in England. Sie verfügt über umfassende Erfahrung in den Bereichen Bildung und Skills mit Fokus auf gefährdete Gruppen wie Migrant/innen, Jugendliche, Frauen und Geringqualifizierte. Sie ist Autorin von VET in a time of crisis: Building foundations for resilient vocational education and training systems (2020), Unlocking the Potential of Migrants through VET: Cross-country Analysis (2019) und Co-Autorin der Übersicht Vocational Education and Training in Sweden (2019). Sie ist auch die Hauptautorin von OECD Skills Strategy Diagnostic Report: Korea (2015) und Mitverfasserin von Perspectives on Global Development 2017: International Migration in a Shifting World (2016) sowie How Immigrants Contribute to Developing Countries' Economies (2018).  Vor ihrer Tätigkeit bei der OECD arbeitete Shinyoung Jeon bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf und Jakarta und war Mitverfasserin der Publikation Skills for Green Jobs (2011). Sie hat einen Master und einen Doktortitel in Entwicklungsökonomie vom Graduate Institute of International and Development Studies, Genf, und ist Absolventin der Fakultät für Bildung an der Seoul National University, Südkorea.

*Die hier zum Ausdruck gebrachten Meinungen und Argumente sind die der Autorin und spiegeln nicht unbedingt die offiziellen Ansichten der OECD oder der Regierungen ihrer Mitgliedsländer wider.

Dieser Artikel basiert auf einer Key Note Speech der EPALE Konferenz "Der Beitrag der Erwachsenenbildung zur Förderung von Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit" von 17. bis 18. Juni 2020. Der Key Note Beitrag ist auch als Video verfügbar.

Quellenangaben: 

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