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Sprachen lernen im Online-Kurs. Zeitgemäßes Lernen und andere Vorteile - Teil 1

Ein Erfahrungsbericht wie sich das Sprachen lernen in der Erwachsenenbildung online entwickelt und welche Vorteile das zeitgemäße Lernen schafft.

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Zuerst einmal: Ich bin keine Sprachdidaktikerin. Das vorausgeschickt, bin ich aber nicht völlig unbeschlagen, denn ich war 5 Jahre lang für den Bereich Deutsch als Fremdsprache an der Hamburger Volkshochschule als Abteilungsleiterin zuständig. Mich hat interessiert, wie denn nun ganz praktisch, und auf welcher (anderen?) didaktischen Grundlage, der Fremdsprachenunterricht online funktionieren kann. Dazu habe ich mit drei Kursleitungen intensiveren Kontakt gehabt, die unterschiedliche Sprachen unterrichten. Sie (und z.T. auch ihre Teilnehmer/-innen) berichten von den Vorteilen und was sie sich wünschen. Ich habe auch eine Reihe Teilnehmer/-innen zu ihren Erfahrungen befragt und dabei Überraschendes erfahren.

Ältere Frau lernt am Tablet eine neue Sprache.

Der Sprachenbereich von Erwachsenenbildungseinrichtungen ist schon seit längerem in Konkurrenz mit Online- Angeboten, entweder durch Online-Kurse von großen internationalen Anbietern wie Coursera, Udemy und anderen, Sprachapps (Babbel, Duolingo, Busuu) oder Sprachlern-Podcasts o.ä. Mit den Einschränkungen der Pandemie blieb aber den Anbietern, die bisher vor allem auf Präsenz gesetzt haben, keine Wahl: jetzt waren und sind Online-Angebote gefragt und gleichzeitig die einzige Chance.  Neben den technischen Herausforderungen, die auf der Seite der Lehrenden und Lernenden gleichermassen überwunden werden mussten (und noch müssen), entstand aber auch die Frage, ob alles so bleibt wie bisher, nur eben online. Können die gleichen didaktischen Prinzipien zugrunde gelegt werde, oder was muss anders sein? Gibt es noch weitere Vorteile des Online-Lernens, die nun besser genutzt werden können?

Ich werde nichts zu der Frage von besten technischen Lösungen sagen, davon verstehe ich wenig (aber ich weiß, wie wichtig das ist!). Mich interessiert viel mehr, welche Vorteile, vor allem (aber nicht nur) didaktische, eigentlich entstehen und was daraus in Zukunft, in einer Nach-Corona-Zeit, werden kann.

Tatort Englisch-Kurs

Dienstag, 24.11.2020, Tatort: mein Küchentisch. Der Online-Kurs von Frank McGirr läuft und ich darf teilnehmen. Es geht um englische Konversation auf einem mittleren Niveau. Wir reden über Bücher, welche man kennt, welche man gern mal lesen würde.Vor dem Termin musste ich eine Menge Hausaufgaben erledigen, z.B. einen Text lesen und dazu Fragen beantworten, die Bedeutung von Begriffen erfassen, einem TED-Talk folgen und auch dazu Fragen zum Verständnis beantworten. Die Unterlagen habe ich wenige Tage vorher zugesendet bekommen. Nun geht es am Kursabend um Austausch, von Wissen, Einschätzungen, Vorlieben, es wird gegenseitig korrigiert und ergänzt. Alle 5 Minuten habe ich ein oder zwei neue Gesprächspartner/-innen in den Breakout-Räumen, das klappt reibungslos. Die Teilnehmer/-innen kommen aus 3 Ländern, alle wollen ihr Englisch verbessern, es wird viel gesprochen (mehr als ich es aus einem Sprachkurs gewohnt bin) und das Lernen selbst wird reflektiert. Der Anspruch ist hoch, auch der Anspruch an Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Aber auch der Spaß kommt nicht zu kurz: es wird viel gelacht, auch persönliche Infos werden ausgetauscht. Erste Kontakte entstehen. Damiano aus Perugia unterhält sich mit Wolfgang aus Bremen, ich spreche mehrmals mit Glykka aus Thessaloniki. So geht Europa, denke ich noch, aber da bin ich schon wieder in der nächsten Kleingruppe.

Didaktische Grundgedanken für Sprachlernen

Grundsätzlich gilt, dass Sprachunterricht alle vier Fertigkeiten abdecken muss, also das Sprechen, das Hörverstehen, das Schreiben und das Leseverstehen. Das ist banal, bedeutsamer dabei ist schon, dass dies möglichst kontextgebunden und sinnvoll miteinander kombiniert stattfinden sollte. Wenn der Kontext dazu noch einer ist, der die Lebensrealität der Teilnehmenden berührt, dann ist das nachhaltiger und interessanter. Eine Streitfrage ist auch immer, wieviel Grammatik denn sein muss. Das hängt natürlich immer vom Fokus des Kurses ab: ist es ein abschlussbezogener Kurs, bei dem die Prüfung auch grammatikalische Fragen abdeckt, ist es ein Konversationskurs, und wenn ja, für welchen Zweck: Small Talk im Beruf, Freizeit, Vorbereitung auf den Urlaub.

Einig sind sich Sprachdidaktiker/-innen, dass viel Sprechen wichtig ist, und das ist keineswegs banal: es gibt durchaus Lernsettings, in denen vor allem das Hörverstehen trainiert wird, z.B. wird in japanischen Schulen oft Englisch so unterrichtet, weil der Fokus auf das Verstehen gelegt wird. Tatsächlich wird aber immer auch betont, wie sich durch das Hörverstehen die Grammatik verbessert und selbstverständlich auch die Aussprache. Dieser «subliminale» Ansatz, Aneignung von Grammatik und Aussprache beim Tun, wird von Stephen Krashen, einem amerikanischen Linguisten, als vorteilhaft beschrieben.

Aber es bleibt: die Angst vor dem Sprechen.

Was ist nun das Besondere des Englisch-Kurses, den ich begleiten durfte ? Hier wird sehr viel gesprochen, aber eben nicht vor der Gesamtgruppe, sondern in Grüppchen von 2-3 Personen, und immer gut vorbereitet, also «geleitetes Sprechen». Die relevanten Vokabeln wurden durch die Hausarbeit eingeführt, ebenfalls wichtige Redewendungen. Das macht das Sprechen einfacher. Dazu kommt: das Sprechen geschieht im Kontext von interessanten Themen, die aus der Lebenswelt der Teilnehmenden stammen: Bücher, Filme, Politik, Lebenssituationen wie Altern, Beruf etc. Das macht das Sprechen interessant, und ich erfahre etwas über die Anderen. Der Bezug vom Thema des Tages zur eigenen Person wird immer hergestellt: von Büchern allgemein zu den Büchern, die ich gerne noch einmal lesen möchte, vom Reisen allgemein zu meinem Lieblingsziel usw. Und: in einer Zweiergruppe kann ich nicht NICHT sprechen. Dies gilt auch in Präsenz, allerdings sind dort die Ablenkungen sehr viel mehr zu spüren, ebenfalls die Präsenz der Lehrperson. Das hemmt manchmal.

Computer Auswahl Language Learning

Digitale Bildung = zeitgemäße Bildung?

Die Sprachkurse, die ich näher betrachtet habe, sind online abgehalten worden und tragen damit zu der wachsenden Zahl der Angebote im Bereich der digitalen Bildung bei. Ist das schon allein ein Gütesiegel? Kürzlich stieß ich auf ein Zitat von Dejan Mihajlović (u.a. Mitautor des sehr empfehlenswerten Buches „Routenplaner Digitale Bildung“) :

Nicht digitale Tools und Endgeräte. Eine zuverlässige Methode, um herauszufinden, wie viel zeitgemäße Bildung Lehrende wirklich anstreben: Diskutiert mit ihnen über ihr Bildungs- und Lernverständnis. Fragt nach ihren Lernsettings und -prozessen und der Rolle von Lernenden darin.

Warum soll aber „zeitgemäße Bildung“ Richtschnur für etwas sein, z.B. für Qualität? Was ist zeitgemäße Bildung überhaupt?  Und in welchem Zusammenhang steht sie mit Digitalität in der Bildung?

Diese Diskussion ist sehr umfänglich und erhält immer wieder neue Impulse, die besonders durch die derzeitige Situation befeuert wurden. Auf EPALE hat Nele Hirsch (@ebildungslabor) einen Beitrag geschrieben, der sich mit diesem Anspruch beschäftigt. Aber hier noch ein weiteres Zitat von Dejan Mihajlović, schon aus 2017:

Zeitgemäße Bildung orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an allen Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem digitalen Wandel resultieren.

Zeitgemäße Bildung bezieht sich also explizit auf den digitalen Wandel, aber reflektiert diesen nicht allein durch das Einsetzen von Technik, einer zunehmenden Flut von Tools und Apps, sondern als einen Prozess, der das gesamte Feld des Lernens (und Lehrens) betrifft und einen tiefgreifenden Wandel mit sich bringt. Aber Wandel in welche Richtung? Die Diskussion liefert kein einheitliches Konzept, im Fokus stehen aber Kompetenzen, die für das Zeitalter der Digitalität wichtig sind. Dies sind vor allem die 4 K: Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und kritisches Denken. Dieses Modell war gerade erst Gegenstand einer Veranstaltung von EPALE (in Zusammenarbeit mit wb-web) zum Deutschen Weiterbildungstag am 24.3.2021.

Was heisst das für das Sprachenlernen?

Ich lerne Italienisch - online

Meine eigenen Erfahrungen mit Online-Lernen für Sprachen (ich lerne seit 2 Jahren Italienisch, und konnte nur ca. 4 Monate einen Kurs besuchen, dann schlug Corona zu) passen dazu: ich habe mit Podcasts (sehr gute und interessante liefert z.B. vaporettoitaliano), mit der Sprachapp Duolingo (die war eher langweilig) und Busuu (schon besser und vielseitiger) gelernt und kann einen Online-B1 Test mit Mühe bestehen. Aber: ich kann nicht gut frei sprechen. Das wird praktisch nicht trainiert. Ich kann meine Aussprache korrigieren lassen, und bei Busuu kann ich sogar an einer Lern-Community partizipieren und meine Lernerfolge (schriftlich oder gesprochen) von anderen aus der Community korrigieren lassen (wie ich auch selbst andere korrigiere), aber das spontane Sprechen fördert das alles nicht. Dafür habe ich noch nicht wirklich eine Lösung gefunden. Mir fehlt aber auch der Sozialkontakt: das Sprechen ist kein Selbstzweck, es soll mich befähigen, mit anderen in Kontakt zu treten, und wo geht das besser als in einem Kurs? Ich habe kein „Gegenüber“, das ich kennenlernen möchte, keine Resonanz. Und die Belohnungs-Sternchen der Lernapp sind auch nicht wirklich motivierend.

Soweit meine Eindrücke aus einer Lernsituation, die eben nicht ein Kurs ist.

Lesen Sie bald auch den zweiten Teil von "Sprachen lernen im Online-Kurs. Zeitgemäßes Lernen und andere Vorteile", und finden Sie heraus über welche Erfahrungen, Vorteile und Wünsche die interviewten Kursleitenden berichten.
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