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100 Tage Digitalunterricht – Fragmente aus dem Blickwinkel einer Lernenden

04/08/2020
von EPALE Deutschland
Sprache: DE
Document available also in: ET

Lesedauer circa 5 Minuten - Lesen, liken, kommentieren!

Der Beitrag wurde im estnischen Original von Kadi Kass veröffentlicht.


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Es war der dritte Tag der Ausnahmesituation. Die erste Panik wich der Suche nach Möglichkeiten. Ich entschied, das Herumhocken zu Hause sinnvoll zu verbringen– zum Beispiel mit dem Erwerb neuer Kenntnisse und Kompetenzen. Heute sind die ersten 100 Tage des digitalen Sprachunterrichts vorüber. Zeit also für einen Rückblick.

Mein täglicher Sprachunterricht

Für den Sprachunterricht wählte ich das Sprachlernprogramm Speakly. Erstens fand ich es sympathisch, dass es sich dabei um ein estnisches Start-up-Unternehmen handelt und zweitens gefiel mir die in der Einführung beschriebene Herangehensweise an den Sprachunterricht. Drittens – aber keineswegs weniger bedeutsam – wird ein kostenloses Testpaket angeboten: Bevor man also Geld ausgibt, kann man testen, ob einem das Programm wirklich gefällt.

Jetzt, 3 Monate später, arbeite ich täglich mit dem kostenpflichtigen Lernprogramm an meinen Sprachkenntnissen. Inhaltlich kann ich Folgendes sagen: Zu Beginn wählte ich gierig 6 verschiedene Sprachen, die ich mittels Speakly lernen wollte. Inzwischen ist mir jedoch klargeworden, dass dies weder sinnvoll noch zeitlich machbar ist. Ich entschied, mich stattdessen auf zwei Sprachen – Englisch und Finnisch – zu konzentrieren, um sozusagen „in Form“ zu kommen. Es ist eine altbekannte Weisheit, dass man Fremdsprachen regelmäßig anwenden muss. Ich konnte das tatsächlich in die Praxis umsetzen, da ich mich mit Hilfe des Sprachlernprogramms täglich mit dem Sprachunterricht beschäftige.

Mir gefiel der Praxisbezug des Speakly-Systems sehr. Hier werden Wörter und Sätze danach vermittelt, wie relevant ihre Verwendung statistisch gesehen im echten Leben ist. Für diese innovative und wissensbasierte Herangehensweise wurden zunächst unterschiedliche Wörter und Redewendungen analysiert, um darauf basierend das Lernprogramm aufzubauen. So hat man etwa festgestellt, dass 300 der am meisten benutzten Wörter circa 41 % aller Situationen abbilden, in die man so hineingeraten kann. 1 200 der häufigsten Wörter bilden entsprechend etwa 72 % und 4 000 der am meisten benutzten Wörter etwa 90 % der Situationen ab, die im Alltag vorkommen. Ich bin mittlerweile beim Lernen der englischen und der finnischen Sprache bei 2 356 Wörtern angekommen. Ich habe also noch die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. Täglich komme ich um ein halbes bis ein Prozent voran.

Foto: Kadi Kass

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Was mich motiviert

Es begann ja alles damit, dass ich gezwungenermaßen zu Hause war und bereits motiviert war, die Möglichkeit zum Lernen zu nutzen, um mein Gehirn auf Trab zu halten. Darüber hinaus konnte ich durch Selbstreflexion auch feststellen, welche externen Aspekte für mich als Lernende förderlich waren. Diese Einblicke wären sicherlich auch für eine Lehrkraft in der Erwachsenenbildung interessant.

Am wichtigsten ist sicher die Flexibilität. Mir gefällt es, dass ich mich mit dem Sprachunterricht beschäftigen kann, wann und wo es mir am besten passt: Am Rechner oder am Telefon, beim Spaziergang, beim Warten auf den Bus oder im Bett vor dem Einschlafen. Ebenso wichtig ist das eigene Tempo und die Selbstständigkeit beim Lernen. Mit den Lernfortschritten stieg meine Selbstsicherheit, zu der bestimmt auch die Möglichkeiten des Programms zur Zielsetzung beitrugen- So kann man zum Beispiel angeben, wie viele Wörter man am Tag lernen möchte. Das ist einem selbst überlassen, niemand macht einem Vorschriften – Freiheit und Möglichkeit zugleich. Wer das gesetzte Ziel erreicht, bekommt auch Anerkennung: Man erhält einen virtuellen Pokal und ein verbales Schulterklopfen. Man könnte meinen, dass ein solch oberflächlicher Motivationsfaktor wie Lob – vor allem in dem Bewusstsein, dass es automatisch kommt – nichts Besonderes sein dürfte, aber es wirkt! Es mag kindisch klingen, aber auch erwachsene Lernende brauchen oder freuen sich zumindest über Anerkennung. Möglicherweise ist dies der einzige Augenblick am Tag, an dem man ein nettes Wort hört bzw. sieht – und man hast es sich auch noch selbst verdient!

Dasselbe Prinzip fördert außerdem die Kontinuität. Es wird einem angezeigt, wie viele Tage hintereinander man sein Tagesziel erreicht hat und wenn man das zum Beispiel schon 98 Tage hintereinander geschafft hat, kommt es einem am Abend nicht in den Sinn, schlafen zu gehen, bevor der tägliche „Sprachhappen“ eingenommen wurde. Zum Glück kann dafür auch eine entsprechende Erinnerung eingestellt werden. Eine Lernmotivation sondergleichen – zumindest bei mir funktioniert sie!

Abwechslung ist beim Lernen immer wichtig, damit kein Überdruss entsteht, und Sprachen enthalten von sich aus eine Menge Variation. Daher ist es sehr wichtig, dass man in einem Sprachlernprogramm sowohl schreiben, hören als auch sprechen kann, schwierige Sätze aufschreiben kann, die man wiederholen will, und Erklärungen zur Grammatik nutzen kann. Ein unterhaltsamer Aspekt des Programms ist die Option, sich musikalische Empfehlungen geben zu lassen. Ich habe diese Funktion bisher zwar noch nicht benutzt, aber es ist gut zu wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.

Wiederholung ist das A und O beim Sprachunterricht und Spracherwerb. Daher ist es bei Speakly sehr sinnvoll, dass einem Sätze, bei denen man Fehler gemacht hat, erneut vorgelegt werden.

Manchmal weiß man die Lösung eigentlich schon, benötigt aber als Gedächtnisstütze einen kleinen Anstoß oder Hinweis. Da ist man froh über eine kleine Starthilfe, indem zum Beispiel der erste Buchstabe des Wortes angezeigt wird, damit einem ein Licht aufgeht.


Foto: Kadi Kass

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Was mich demotiviert

Technische Geräte funktionieren leider nicht immer zuverlässig – immer wieder kommt es vor, dass etwas ins Stocken gerät. In diesen Momenten weiß man nicht, ob es sich um einen Fehler des Telefons oder der App handelt. So oder so unterbricht aber ein technisches Problem den Lernprozess auf ärgerliche Weise.

Wenn man die richtige Lösung weiß, aber dennoch ein Fehler angezeigt wird, weil zum Beispiel der Finger auf eine falsche Taste rutscht oder man zu früh auf die Enter-Taste drückt, dann wird einem auf dem Bildschirm die richtig geschriebene Wendung rot angezeigt, und obwohl man die Rechtschreibung kannte, wird die Eingabe als Fehler verbucht…

Das größte Problem beim selbständigen Sprachunterricht ist in der Regel die richtige Aussprache. Speakly verfügt über mündliche Übungen, in denen man die Möglichkeit hat, seine Aussprache korrigieren zu lassen. Dies ist allerdings nur in der Handyversion möglich.

Das automatisierte System sieht nur eine einzige richtige Antwort vor und berücksichtigt häufig keine Synonyme, obwohl diese ja auch richtig sind. Aber in solch einem Fall braucht man nicht lange traurig zu sein, und kann sich stattdessen freuen, dass man klüger als die Maschine ist! :)

 

Gemeinsam allein

Als selbstständige Lernende bin ich dankbar für digitale Lernformen. Sie ersetzen aber nicht den menschlichen Kontakt, der meines Erachtens beim Lernen einfach unumgänglich ist. Ich habe das Problem zunächst gelöst, indem ich auch für meine Mutter zum Muttertag ein Speakly-Programm besorgt hab, sodass wir nun Erfahrungen und Eindrücke austauschen können. Ich habe mir sozusagen eine Mitschülerin geschaffen. Wie ich eben erfahren habe, gibt es bei Speakly auch die Gelegenheit, einen Kurs zu kaufen, in dem man von einem Tutor unterstützt wird, was einem sicher zusätzliche Motivation und ein noch persönlicheres Feedback bietet. Bis ich diese Option aber selbst ausprobiert habe, kann ich das nicht weiter kommentieren. Den traditionellen Sprachunterricht im Klassenraum will ich keinesfalls in Frage stellen, sondern lediglich meine Erfahrungen mit dieser bequemen und angenehmen zusätzliche Lernmöglichkeit mit denjenigen teilen, die derzeit keinen Zugang zu anderen Möglichkeiten des Lernens haben oder einfach etwas Neues ausprobieren möchten.


Über die Autorin:

Kadi Kass ist eine freiwillige Ausbilderin in der Naiskodukaitse (Frauenheimatschutzorganisation in Estland]) im Bereich Organisationslehre und Sicherheit, Jugendbetreuerin der Mädchenorganisation des Frauenheimatschutzes in Tartu sowie EPALE-Botschafterin seit 2020.


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1 - 4 von 4 anzeigen
  • Bild des Benutzers Heike Kölln-Prisner
    Dear Kadi, I have very similar experience, with Duolingo. Of course I miss the easy conversation with fellow learners, but then I missed a lot during Corona and still do. But Duolingo had some special problems: they repeat a lot, but always in the same manner, without giving you the chance to "transfer" your skills. 10 x "the gorilla eats the banana" is not getting any more funny after a while. And: the relevant vocabulary is not selectable: you have to go through the moves with all the others, no matter what you need to learn. That can be boring. I would not do it again, it is too much a waste of time. 
    After a while, I switched to podcasts (e.g. @lucretiaoddone of @vaporettoitaliano) and that was much more fun, interesting topics, easy to difficult content, grammar, vocabulary that is up to date and relevant. But: no speaking. But there are tandem platforms where you can find a soulmate to learn together with, like etalki or the one from the Hamburger Volkshochschule, that helps a lot.
    Keep up the spirit!
    Heike 
  • Bild des Benutzers Kadi Kass
    Dear Heike,

    Thank you for sharing your eperience as well. I have not tried Duolingo myself, but I agree the problems you described can be annoying. However, I think You can write feedback to the provider as well, they might take it under consideration and improve the app it in the future.
    Finding a solumate for language learning via italki sounds great. 
    However the real person sitting next to you is of course the best option for interaction in foreign language. I hope that the Corona vaxine will be developped soon and we do not have to be afraid of actual meetings and there will be possible to continue trainings in the classroom again.

    Take care!
    Kadi

  • Bild des Benutzers Dörte Stahl
    Many thanks for the great contribution!
    I also recognize the problem of missing fellow learners. I know some providers of digital education who try to solve this problem. Here are some examples:
    These are only examples but maybe solutions for the problem of learning alone.I hope that many education providers will develop more good ideas.
  • Bild des Benutzers Kadi Kass
    Dear Dörte,

    Thank You very much for commenting my blogpost and adding great suggestions!
    Forum on e-courses or MOOCs is really one good option fore collaborative learning. 
    That is also great when teachers are also active in social media. That is not often the case, in my experience FB groups for changing ideas or for co-operation are often organized not by the teachers but by learners themselves. Educators may not have time or energy to communicate with students meanwhile if it is not set at the beginning as an object of the course. 
    But regardless who will organize or choose the platvorm for further communication, it is really good if one can change thoughts, chat and learn together with fellow-students.

    I wish You have more interesting courses coming!
    Kadi