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Trends und Perspektiven der Weiterbildung im Nationalen Bildungsbericht 2020

22/06/2020
- Jonathan Kohl
Sprog: DE
Document available also in: EN RO PL FR

Lesedauer circa 5 Minuten  - Lesen, liken, kommentieren!

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Cover Bildungsbericht 2020

Auf einer Pressekonferenz wurde heute (23.06.) in Berlin die aktuelle Ausgabe des Nationalen Bildungsberichts „Bildung in Deutschland 2020“ vorgestellt. Alle zwei Jahre informiert der Bericht mit Hilfe amtlicher Statistiken und sozialwissenschaftlicher Studien über Entwicklungen in sämtlichen Bildungsbereichen – von der frühkindlichen Bildung bis hin zur Weiterbildung/Erwachsenenbildung. Bildung im Lebensverlauf wird anhand von zentralen Befunden und Kennzahlen auf der Input-, Prozess- und Output-Ebene indikatorengestützt dargestellt. Das diesjährige Schwerpunktkapitel „Bildung in einer digitalisierten Welt“ zeigt Rahmenbedingungen, Entwicklungen und Entwicklungsbedarfe auf. Der Diskussion um Handlungsbedarfe und -optionen in diesem Bereich, die durch die COVID-19-Pandemie einen weiteren Schub bekommen hat, wird so eine datengestützte Grundlage geboten.

Unter den Autorinnen und Autoren sowie Mitarbeitenden des Nationalen Bildungsberichts war 2020 das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) erstmals vertreten und insbesondere für das Kapitel „Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter“ verantwortlich. Die umfangreiche Neukonzeption des Kapitels ist darauf ausgerichtet, der Vielfalt des quartären Bildungsbereichs Rechnung zu tragen.

Ich lehre oder leite in der Weiterbildung – Was bietet mir der Nationale Bildungsbericht?

Die Zielgruppe des Berichts ist breit: Bildungspolitik, -administration und Öffentlichkeit. Auf 24 Seiten sucht der Bericht durch die systematische Darstellung repräsentativer Befunde und Kennzahlen zur Weiterbildung allen Zielgruppen gerecht zu werden. Dabei kann es Lehrenden oder Leitungspersonal in ihren spezifischen Handlungsfeldern schwerfallen, sich konkret wiederzufinden. Die meist hoch aggregierten Informationen können dennoch in der Praxis genutzt werden, etwa um eine umfassende Übersicht über den Weiterbildungsbereich zu bekommen und die eigene Tätigkeit, Zielgruppen und Teilnehmende, Einrichtungs- und Angebotsprofile sowie Entwicklungsstrategien vor diesem Hintergrund zu verorten. Zudem gibt der Bericht Hinweise darauf, wo Wissenschaft und Politik zentrale Herausforderungen für den Bildungsbereich sehen. Das kann Orientierung für die Entwicklung von Programmen und Angeboten geben sowie mittel- und langfristig auch die Akquise und Drittmitteleinwerbung unterstützen.

Nachfolgend einige zentrale Ergebnisse für den quartären Bildungsbereich aus dem Bildungsbericht 2020, der hier vollständig und kostenlos abrufbar ist:

Steigende Teilnahmequoten – steigende Bedeutung beruflicher Weiterbildung

Während sich keine großen Veränderungen in den Teilnahmequoten an formalen Bildungs- und informellen Lernaktivitäten Erwachsener zeigen, steigt die Teilnahme an non-formalen Bildungsaktivitäten auf den bisher höchsten berichteten Wert von 52 % aller 18- bis 69-Jährigen. Der Anstieg geht insbesondere auf das nach wie vor deutlich stärkste Segment der Weiterbildung, die betriebliche Weiterbildung, zurück. Entsprechend werden die meisten Weiterbildungsaktivitäten von betrieblichen Anbietern durchgeführt. Die meisten Weiterbildungsstunden leisten kommerzielle Anbieter, die neben staatlichen und gemeinschaftlichen Anbietern vor allem die Segmente der individuellen berufsbezogenen Weiterbildung und der nichtberufsbezogenen Weiterbildung bedienen.

Die Teilnahmechancen sind für Erwachsene weiterhin ungleich verteilt. Beschäftigte kleiner Unternehmen, weiterbildungsferner Branchen (z. B. Gastronomie und Beherbergung), in Teilzeit und mit einfachem Tätigkeitsprofil bekommen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Weiterbildung durch ihren Arbeitgeber ermöglicht. Insgesamt förderten 2018 54 % aller Unternehmen Weiterbildung in Form von Arbeitsfreistellung und/oder Kostenübernahme. Besonders aktiv sind die Branchen Erziehung und Unterricht (87 %), Gesundheits- und Sozialwesen (81 %) sowie die öffentliche Verwaltung (85 %). Im Rahmen der Nationalen Weiterbildungsstrategie (NWS) des BMAS und BMBF wurde 2019 ein umfangreiches Maßnahmenpaket beschlossen, welches u. a. insbesondere die Weiterbildungsaktivität mittelständiger Unternehmen fördern soll. Die Strategie kam keinen Augenblick zu früh, denn durch die Corona-Pandemie und damit zusammenhängende wirtschaftliche Folgen ist zu erwarten, dass es kleineren Betrieben künftig noch schwerer fallen wird, weiterbildungsaktiv zu werden. Inwieweit die Maßnahmen greifen, gilt es jetzt zu beobachten.

Regionale Disparitäten verdienen besondere Aufmerksamkeit trotz und wegen der Digitalisierung und Corona-Pandemie

Trotz zunehmender Digitalisierung aller Lebensbereiche und somit auch der Weiterbildung dominieren Präsenzformate die Weiterbildung und das Lernen im Erwachsenenalter. Digitale Medien ergänzen diese Formate zwar zunehmend, ersetzen diese jedoch in der Regel nur selten. Die regionale Erreichbarkeit von Anbietern der Weiterbildung bleibt deswegen eine zentrale Voraussetzung für das Lernen Erwachsener. Da kommerzielle und betriebliche Anbieter sich aus reiner Marktlogik heraus eher auf bevölkerungs- und wirtschaftsstarke Regionen konzentrieren, können staatliche und gemeinschaftliche Anbieter hier Ungleichheiten kompensieren. Beide Anbietertypen haben zwar über ganz Deutschland verteilt Einrichtungen, dennoch zeigen sich starke regionale Unterschiede. Die östlichen Bundesländer verfügen allgemein über eher weniger Einrichtungen. Auch die Weiterbildungsteilnahme ist in Ostdeutschland geringer. Im Zuge der Corona-Pandemie tritt der zuvor als Ausnahme deklarierte Fall ein, in dem Präsenzformate durch Onlineformate ersetzt werden. Wer auf dem Land mit schlechter Internetverbindung oder auch in der Stadt mit geringer Datenübertragungsrate sowie geringem Datenvolumen lebt, ist kategorisch vom digitalen Angebot ausgeschlossen. Auch wer über geringe digitale Kompetenzen oder geringe Aspiration für den Umgang mit digitalen Medien verfügt, wird nicht an digitaler Weiterbildung teilnehmen.

Weiterbildung im Rampenlicht: Qualitätsmanagement, Zufriedenheit der Teilnehmenden und viele positive Wirkungen

Teilnehmende non-formaler Bildungsaktivitäten bewerten ihre Erfahrungen und das, was sie gelernt haben, insgesamt sehr positiv – mit kleinen Unterschieden. Besonders zufrieden sind Teilnehmende nichtberufsbezogener Weiterbildung, obgleich sie dem Gelernten keine besonders hohe direkte und zukünftige Anwendbarkeit zurechnen. Die insgesamt positiven Einschätzungen können als Qualitätsmerkmale des Lehr-Lern-Prozesses in der Weiterbildung gesehen werden. Seitens der Anbieter wird viel dafür getan, die Qualität sicherzustellen, auch wenn die Bemühungen teils extern motiviert scheinen. Die Implementierung von Qualitätsmanagementsystemen (QMS) ist zu einem großen Teil durch gesetzliche Auflagen vorgegeben und bereits in 80 % aller Einrichtungen vollzogen.

Hohe Zufriedenheit mit der Bildungsaktivität besteht auch, wenn die direkte Anwendbarkeit des Gelernten weniger positiv beurteilt wird. Damit rücken weitere Erträge von Weiterbildung in den Fokus, die eine positive individuelle und gesellschaftliche Wirkung entfalten können. Darunter fallen etwa höheres zivilgesellschaftliches Engagement und erhöhte Beschäftigungschancen und -sicherheit. Gesteigerte Beschäftigungschancen haben auch Teilnehmende im Rahmen der nach den Sozialgesetzbüchern II und III öffentlich geförderten Weiterbildung, wobei hier starke Unterschiede zwischen einzelnen Berufsgruppen bestehen, die sich durch die Folgen der Corona-Pandemie verschärfen dürften. Negative Entwicklungen sind insbesondere in den Berufsgruppen zu erwarten, die durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ihren Tätigkeiten nicht nachgehen konnten und bei denen bereits zuvor Weiterbildung weniger häufig zu Beschäftigung führte (z. B. Verwaltungs-, Kamera-, Tontechnik, Schauspiel, Tanz und Bewegungskunst sowie Lehrtätige an außerschulischen Bildungseinrichtungen).

Weiterbildung ebnet den Weg zur Integration für Migrantinnen, Migranten und Geflüchtete

Zentrales Instrument zur Förderung der Integration seitens der Bundesregierung sind Integrationskurse, die sowohl die deutsche Sprache, als auch Geschichte, Recht, Kultur und grundlegende Werte vermitteln sollen. Die Zielerreichung wird über zwei Tests kontrolliert. Ein Sprachtest soll mit B1-Sprachniveau abgeschlossen werden und der Test „Leben in Deutschland“ soll bestanden werden. Seit 2016 schließen jedoch zunehmend weniger Integrationskursteilnehmende mit B1-Niveau ab. Der Anteil bestandener Orientierungskurse sinkt ebenso. Der Grund für die rückläufigen Abschlussquoten liegt mitunter in schwierigen Lernvoraussetzungen, die die Teilnehmenden mitbringen, aber auch in dem Unterstützungsbedarf seitens des pädagogischen Personals, welches vor große Herausforderungen hinsichtlich der kulturellen Unterschiede gestellt ist. Nicht nur Integrationskurse spielen für Migrantinnen und Migranten bei der Ankunft in Deutschland in Bezug auf Bildung eine große Rolle. Das wird deutlich in dem wachsenden Anteil von Teilnehmenden mit Migrationshintergrund an formalen Bildungsaktivitäten, mit denen sie Abschlüsse nachholen oder im Ausland erworbene Qualifikationen nachträglich anerkennen lassen können.

Nach dem Bildungsbericht ist vor dem Bildungsbericht

Im Fokus des diesjährigen Berichts stand für das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung die Neukonzeption des Kapitels zur Weiterbildung. Diese konzeptionellen Arbeiten werden in der nächsten Ausgabe in 2022 weitergeführt werden. Eine leitende Frage wird dabei sein, wie die Bedarfe an die Bildungsberichterstattung seitens Politik und Praxis stärker und systematisch eingebunden werden können. Wichtigste Voraussetzung dafür ist der Dialog. Den beginnen wir gerne schon hier mit Ihnen! Haben Sie Fragen, Anmerkungen oder Anregungen zum Nationalen Bildungsbericht, dem Weiterbildungskapitel und seinen Ergebnissen? Dann schreiben Sie gerne einen Kommentar oder kontaktieren Sie uns.  

Kontakt: kohl@die-bonn.de


Über die Autorinnen und Autoren

Jonathan Kohl und Ina Rüber sind wissenschaftliche Mitarbeitende in der Abteilung System und Politik am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V.

Dr. Sarah Widany leitet die Abteilung.

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  • Radek Czahajdas billede
    I think such summaries are of great use for the Erasmus programme beneficiaries to define the scope of their activity. Thank you for sharing it here, I have added it to my collection of research on Adult Learning. I'm particularly happy that education proved to work in inclusion! That's a promising topic! 
  • Christine Bertrams billede
    Dear Radek,

    It's great that you are finding the report useful for your work. As you say, as a resource for Erasmus+ Projects when preparing their projects, These reports are invaluable. We hope to share (and that outher people will share) similar reports from their countries.

    Good luck with your work.
    Christine