chevron-down chevron-left chevron-right chevron-up home circle comment double-caret-left double-caret-right like like2 twitter epale-arrow-up text-bubble cloud stop caret-down caret-up caret-left caret-right file-text

EPALE - Електронна платформа за учене на възрастни в Европа

Блог

Das Projekt ELB-Brücken – wenn der Rahmen stimmt

22/09/2020
от Heike Kölln-Prisner
Език: DE

Lesedauer ca. 11 Minuten - Lesen, liken, kommentieren!


S-Bahn Station Elbbrücke in Hamburg


Bildnachweis: Pixabay/Andi Graf

Im Fokus von EPALE steht zurzeit die Frage, wie die Rahmenbedingungen zum Erlernen von Grundfertigkeiten aussehen müssen, um Lernen gelingen zu lassen. Zu den gesellschaftlich wichtigsten Grundfertigkeiten gehören Lesen und Schreiben, auch weil damit der Zugang zu anderen Bereichen des Lebens erschlossen wird. Unser Leben ist ausgerichtet darauf, dass Menschen diese beiden Grundfertigkeiten beherrschen. Was, wenn das nicht der Fall ist? Die Alpha-Dekade des BMBF finanziert eine Reihe von Projekten, die sich lebensweltorientiert mit Lernangeboten auseinandersetzen. Eines dieser Projekte ist ELB-Brücken, ein Projekt der Hamburger Volkshochschule. Es verfolgt das Ziel, erwachsenen Menschen mit Lernbedarfen im Lesen und Schreiben den Zugang zu bestehenden Förder- und Lernangeboten zu erleichtern. Interessant ist aber, dass hier eine oft vernachlässigte Zielgruppe angesprochen wird: Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Wichtig für das Erreichen der Menschen sind die sozialräumliche Ansprache und die intensive Vernetzung mit Multiplikator:innen vor Ort. Im Projekt werden daher unter anderem niedrigschwellige Angebote in Kooperation mit regelhaft im Sozialraum tätigen Institutionen entwickelt und erprobt. Innerhalb der verschiedenen niedrigschwelligen Angebote werden Menschen zum Weiterlernen motiviert und beraten.

Geringe Literalität und psychische Erkrankung

Als Ergebnis einer zum Beginn des Projekts vorgenommenen Bedarfsanalyse hat die Hamburger Volkshochschule im Projekt Kooperationskontakte zu Einrichtungen in Hamburg hergestellt, die sowohl sozialräumliche Begegnungsangebote für die Bewohner:innen der Stadtteile bieten als auch im Rahmen der ambulanten Sozialpsychiatrie (SGB XII) eine spezielle Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen sind. Das sind zum einen ein Stadtteil-Treffpunkt des Sozialkontors und zum anderen eine Begegnungsstätte der Ambulanten Psychiatrischen Hilfen des Deutschen Roten Kreuzes. Die Leitungen der Einrichtungen berichteten in Vorgesprächen, dass viele Klient:innen nicht so gut lesen oder schreiben können und sie aufgrund der psychischen Erkrankung an Kursen oder Weiterbildungen nicht regelmäßig teilnehmen können oder konnten. Es handelt sich bei psychisch Erkrankten also um eine besondere Teilzielgruppe für die Alphabetisierungs- und Grundbildungspraxis, die über bisherige Ansprachewege nicht gut erreicht wird. Dabei kann geringe Literalität sowohl Folge als auch Ursache für eine psychische Erkrankung sein: leider gibt es dazu wenig Erkenntnisse aus der Forschung zur Alphabetisierung.

Psychische Erkrankungen und Lernen

Psychische Erkrankungen haben beispielsweise Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten sowie ein geringes Selbstwertgefühl zur Folge. Dadurch wird es schwieriger, etwas Neues zu Lernen. Auch das regelmäßige gemeinsame Lernen mit anderen Erwachsenen, in einer Gruppe oder einem Kurs, kann mit einer psychischen Erkrankung eine besondere Herausforderung sein. Dies führt dazu, dass Lernangebote nicht angenommen oder schnell wieder abgebrochen werden. Wie müssen die Rahmenbedingungen des Lernens gestaltet sein, um hier eine Brücke zu bauen?
Zuerst einmal kann die VHS die Räume und Infrastruktur für niedrigschwellige Lernangebote und Veranstaltungen vor Ort nutzen, damit können die Menschen in einer ihnen vertrauten Umgebung lernen. Die Mitarbeitenden der Einrichtungen haben durch ihre Beratungs- und Betreuungsarbeit oftmals sehr vertrauensvolle Beziehungen zu den Besucher:innen und kennen gegebenenfalls auch ihre Lernbedarfe und Lerninteressen. Sie unterstützen das Projekt daher aktiv als Multiplikatorinnen mit der Zuführung (und teilweise mit der Begleitung) von Teilnehmenden zu den einzelnen Aktivitäten und beraten gleichzeitig die Angebotskonzeption der VHS. Eventuelle Scham oder Vorbehalte der Menschen vor einer Teilnahme an einem Lernangebot werden dadurch sehr gut aufgefangen. Bei der Einrichtung des DRK hat die VHS vorab die Mitarbeitenden und weitere Institutionsvertreter:innen aus dem Stadtteil zum Thema „Geringe Literalität im Zusammenhang mit psychischer Erkrankung erkennen, ansprechen und informieren“ sensibilisiert und geschult.

Bei der Einrichtung des Sozialkontors sind die Projektmitarbeiter:innen selbst sehr oft vor Ort, nehmen z.B. am „offenen Frühstückstreff“ teil und bieten aktiv im Verlauf oder im Anschluss kurze Informationsveranstaltungen zu lebensweltnahen Themen an, die die Besucher:innen interessieren oder direkt betreffen, z.B. gab es Veranstaltungen zu den Themen: „Häusliche Gewalt / Beziehungsgewalt“ oder „Wie komme ich mit dem Kinderwagen in einen vollen Bus? Was sind meine Rechte?“. Diese „Themenfrühstückstermine” wurden teilweise mit Unterstützung von Expert:innen aus anderen Institutionen durchgeführt. Sie bestanden aus einem interaktiven Informationsteil und der Verschriftlichung in Einfacher Sprache. Die Verschriftlichung erfolgte auf Deutsch und teilweise zusätzlich in einer weiteren Herkunftssprache, um wertschätzend mit Ressourcen umzugehen und einen Eindruck zu gewinnen, ob Lese- und Schreibproblematiken sich nur auf Deutsch als Zweitsprache beziehen oder ob die Teilnehmenden auch in der Herkunftssprache nicht ausreichend alphabetisiert sind. Die “Themenfrühstückstermine” wurden ergänzt um Informationen zu Hilfs- und Lernangeboten im Stadtteil.

Niedrigschwellige Angebote und ihre Rahmenbedingungen

In Abstimmung mit den Besucher:innen, Mitarbeitenden und Leitungen der Standorte haben die Projektmitarbeitenden sukzessive weitere sehr niedrigschwellige Lernangebote konzipiert und durchgeführt.
Ein offenes Lernangebot hat den Titel „Lesen-Schreiben-Verstehen“, ein Format, bei dem, möglichst auf Anregung der Teilnehmenden hin, bedarfsorientiert die Themen oder „Schreibhürden“ aus der Lebenswelt aufgenommen werden sollten. An konkreten Beispielen sollte in angenehmer Atmosphäre praxisnah lesen und schreiben geübt werden können – ohne Leistungsdruck. Das Ziel ist es, die Erwachsenen zu aktivieren, Lernblockaden zu brechen und kleine Lernerfolge zu ermöglichen, auf denen mittelfristig eine weitere Lernmotivation aufgebaut werden kann.

In den zwei Standorten wurde dieses gleichnamige Lernangebot im Hinblick auf die Lerninteressen der Teilnehmenden jedoch sehr unterschiedlich umgesetzt. Im Sozialkontor galt es, auch Deutsch sprechen zu üben. Das hat die Kursleitung so umgesetzt, dass sie mit den Teilnehmerinnen Vokabeln und Sätze für relevante Alltagssituationen (z.B. Gespräche beim Arzt oder in der Bank) geübt und auch ein Basiswissen über das richtige Verhalten in Notsituationen vermittelt hat. Hier wurde die positive Erfahrung gemacht, dass es besonders vertrauensbildend und motivierend für die Teilnehmer:innen war, dass die Kursleitung auch türkisch als Herkunftssprache gelernt hatte und sprechen konnte. Im DRK hingegen wollten die Teilnehmenden gern über das Lesen und Schreiben hinaus einfache Rechenaufgaben lösen, um die eigene Konzentrations- und Denkfähigkeit wieder zu trainieren. Zum Glück hat die Kursleitung die Termine sehr flexibel dahingehend vorbereitet. Denn es ist wichtig, dass bei niedrigschwelligen Lernangeboten auf diese konkreten und sehr individuellen Lerninteressen eingegangen wird, sonst ist es mit der Motivation schnell wieder vorbei. Das Grundbildungsverständnis darf bei niedrigschwelligen Lernangeboten nicht auf das fehlerfreie Lesen und Schreiben lernen reduziert werden, sondern muss einen realen Zusammenhang zum Alltag der Teilnehmenden herstellen und direkt an ihre Interessen, Vorkenntnisse und Kompetenzen anknüpfen. Da die Teilnehmenden psychisch erkrankt sind oder waren, mussten die Kursleitung insbesondere die vorhandenen Konzentrationsschwierigkeiten berücksichtigen, auf eine positiv-wertschätzende und sichere Lernatmosphäre achten und die Selbstwirksamkeit stärken.

Positive Rahmenbedingungen und Resilienz

Gerade während der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die emotionale Belastung für viele sehr hoch war und ist: Einsamkeit, mangelnde Anregungen, Sorgen um die eigene Gesundheit oder die von Angehörigen und Angst vor dem Verlust der Arbeit sind neben vielen anderen Problemen starke Stressfaktoren. Personen mit hoher Resilienz können solche Situationen besser bestehen. Resilienz wird dabei verstanden als psychische Widerstandsfähigkeit, die hilft, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.   

Das Konzept der Resilienz wurde, vor allem nach Beobachtungen z.B. von Frauen in Konzentrationslagern und ihren unterschiedlichen Verarbeitungsweisen mit der Angst, „geboren“ und stetig weiterentwickelt. Nach  Reivich und Shatté (The Resilience Factor, 2003) gehören sieben Säulen zur Entwicklung von Resilienz:

  • Optimismus: der Glaube, dass Krisen überwunden werden können;
  • Akzeptanz: erst wenn man Tatsachen akzeptiert, kann man Schritte zur Bewältigung ins Auge fassen;
  • Lösungsorientierung: der Fokus liegt darauf, Lösungen zu finden;
  • Die Opferrolle verlassen: verlangt das Besinnen auf eigene Stärken;
  • Verantwortung übernehmen ist der nächste Schritt, dazu gehört es, sich selbst nicht als Sündenbock zu fühlen;
  • Netzwerkorientierung: erste Schritte aus der schwierigen Lage können auch durch die Pflege eines Netzwerks im sozialen Umfeld leichter fallen; und
  • Zukunftsplanung: vorausschauend und realistisch seine eigene Zukunft planen und sich nicht zum Spielball von Zufällen machen zu lassen.

Wichtig ist: Resilienz lässt sich lernen, und zwar nicht nur als Kind! Viele Bildungseinrichtungen bieten gerade für Erwachsene Kurse zur Resilienz an. Auch im Bereich der Beruflichen Weiterbildung hat der Begriff und das dahinterliegende Konzept längst Einzug gehalten.

Die Rahmenbedingungen des Lernens im oben beschriebenen Projekt ELB-Brücken scheinen die Entwicklung von Resilienz zumindest zu begünstigen, wenn auch die Zielgruppe hier sicher besondere Schwierigkeiten aufweist. Aber: Selbstbestimmtes Lernen in vertrauter Umgebung, Suche nach Wegen und Lösungen für eigene Lernbedarfe und -bedürfnisse, die dann auch umgesetzt werden, Ansätze zur Handlungsfähigkeit: dies alles sind Elemente, die das (Wieder-) Erlernen von Resilienz begünstigen können. Damit werden Menschen krisenfester und können sich auch in schwierigen Situationen, seien sie nun individuell oder kollektiv, besser behaupten.  

Den Zusammenhang zwischen Lernen und individuell empfundener Stärkung hat auch das EU-Projekt BeLL: Benefits of Lifelong Learning“ herausgearbeitet. Dabei wurden 2014 unter Leitung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) durch Interviews von Teilnehmenden die individuell empfundenen Benefits erforscht, aber eben auch die Rahmenbedingungen, unter denen diese Benefits entstehen konnten:

Insgesamt fühlen sich die Befragten in dieser Studie den Anforderungen und Herausforderungen des Lebens besser gewachsen, sie waren mit ihrem beruflichen Leben zufriedener und wurden weniger krank. Besonders hervorzuheben ist auch das Ergebnis, dass für Menschen mit niedrigerem (Aus-)Bildungsniveau all diese Effekte noch deutlicher zum Tragen kamen. Die Bedingungen wurden ebenfalls beschrieben: freiwillige Teilnahme, die Verfolgung individueller Bildungsinteressen und die Verwirklichung persönlicher Lernprojekte spielten für alle Teilnehmer:innen eine wesentliche Rolle. Die Ergebnisse der Forschung zu den „Wider Benefits of Lifelong Learning“ (BeLL-Studie) zeigen auch heute noch, dass die Teilnahme an allgemeiner Erwachsenenbildung zu einem Zuwachs an Selbstwirksamkeit -  also der Überzeugung, auch in schwierigen Situationen selbständig handeln zu können -  sowie zu einer zunehmend positiven Haltung gegenüber dem lebenslangen Lernen führt.

Rahmenbedingungen anpassen! Projektlogo Elbbrücken

Dies zeigte sich auch im Projekt ELBBrücken. So äußerten einige Teilnehmer:innen ein Interesse daran, den Umgang mit dem Computer zu üben. Es wurde daraufhin zusätzlich ein entsprechendes Lernangebot im Sozialkontor eingerichtet, bei dem die Teilnehmenden auf ihrem Level üben können, z. B. die Maus bedienen, im Internet etwas suchen und finden oder E-Mails schreiben. Nach Erlangen der medialen Grundkompetenzen wurde dann ein Übergang zur Arbeit mit dem DVV-Lernportal angestrebt. Dieses Angebot musste leider wegen der Coronasituation ganz plötzlich unterbrochen werden. Da nicht alle Teilnehmenden zuhause eigene Geräte haben, konnten sie während dieser Phase nicht weiter üben. Das Angebot wurde aber um den Umgang mit dem eigenen Handy erweitert und damit konnten seit der Wieder-Öffnung des Sozialkontors auch Apps und Programme fürs Lernen am Handy vorgestellt werden.

Um den Kontakt zu den Teilnehmenden unter Pandemiebedingungen zu halten, haben sich die Projektmitarbeitenden ein analoges und mit Abstandsregeln kompatibles Angebot einfallen lassen: es wurde ein Spaziertreff als Angebot neu eingerichtet, bei dem man im Team draußen spazieren gehen und unterwegs fotografieren und kleine Aufgaben zum Wahrnehmen, Lesen oder Schreiben lösen kann. Das Angebot ist sehr niedrigschwellig und wird in beiden Einrichtungen gut angenommen. Auch hier bekommen die Teilnehmenden die größtmögliche Gestaltungsfreiheit, was zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Im DRK haben sich einige Teilnehmende nun zu echten Fotografie-Profis entwickelt. Im Sozialkontor ist den Teilnehmenden oftmals die Bewegung und das Gespräch wichtiger als das Fotografieren.
 

Weitere Informationen

Das lebensweltorientierte Projekt ELB-Brücken wird im Rahmen der nationalen Dekade zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (Förderkennzeichen: W1442LW). Das Projekt ist eine Kooperation von der Hamburger Volkshochschule und dem sozialen Träger Beschäftigung und Bildung e.V..


Weitere Informationen zum Projekt:
Homepage: https://elbbruecken.bb-ev.de/
Kontakt: elbbruecken@vhs-hamburg.de

.


Über die Autorinnen:


Profilbild Heike Kölln-Prisner

Heike Kölln-Prisner war 25 Jahre in der Hamburger Volkshochschule tätig, in unterschiedlichen Positionen auch mit Verantwortung für EU-Projekte. Seit 2019 ist sie freiberuflich tätig, u.a. als EPALE -Botschafterin.

 

.

Portrait Frau Stanisch

Birgit Stanisch ist als Diplom-Betriebswirtin mit den Schwerpunkten Marketing und Personal seit 2000 in verschiedenen Funktionen in der Hamburger Volkshochschule tätig. Aktuell arbeitet sie als Projektkoordinatorin im Projekt ELB-Brücken, sie ist außerdem pädagogische Mitarbeiterin für Lese-, Schreib- und Rechenkurse im Bereich Leben mit Behinderung.

.
 

Porträt Frau Dr. Nienkemper

Dr. Barbara Nienkemper arbeitet an der Hamburger Volkshochschule als Projektleitung in dem Projekt „ELB-Brücken - Zugänge entwickeln für Brückenangebote, die Ressourcen für Alphabetisierung im Sozialraum erschließen “. Zuvor forschte sie am Arbeitsbereich „Lebenslanges Lernen“ der Universität Hamburg in verschiedenen Projekten und in ihrer Dissertation zur Alphabetisierung und Lesekompetenz von Erwachsenen.

 


Lesen Sie außerdem: 

COVID-19: Psychische Gesundheit und Wohlbefinden aller Lernenden

Über das Gerücht der Gleichheit der Menschen: Zugang zur Bildung

EPALE Fokus: Rahmenbedingungen zum Erlernen von Grundfertigkeiten

Share on Facebook Share on Twitter Epale SoundCloud Share on LinkedIn Share on email