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Die Betroffenen im Mittelpunkt: „Erwachsenenbildung“ über Prävention von Kindesmissbrauch

25/02/2020
от Michael Sommer
Език: DE

Lesedauer circa vier Minuten - Lesen, liken und kommentieren!


2010, vor zehn Jahren, begann mit der Veröffentlichung über Missbrauchsfälle im Kloster Ettal die Diskussion um sexuellen Missbrauch und körperliche Gewalt in der katholischen Kirche in Deutschland und weltweit. Die Zeitschrift „Erwachsenenbildung“ der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland KEB hat dazu jetzt ein Themenheft veröffentlicht.

  

EB 1/2020

Seither hat sich zu diesem Thema viel in der Kirche und allen anderen Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, getan. Neben Fragen der (wissenschaftlichen) Aufarbeitung, Strafverfolgung, Strukturveränderungen oder Opferhilfen wurde auch die Prävention und mit ihr die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften, Freiwilligen, Eltern und allen, die mit Kindern und Jugendlichen beruflich, in der Freizeit oder privat arbeiten, in den Vordergrund gerückt.

Prof. Fegert: Mut der Betroffenen entscheidend

In dem Heft kommt mit Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Abteilung Kinder- und Jugend-psychiatrie/Psychotherapie der Universität Ulm, die wohl die wichtigste wissenschaftliche Stimme zu diesem Thema zu Wort. Er hat mit seiner Mitarbeiterin Dr. Ulrike Hoffmann einen Online-Kurs für die Fortbildung im Bereich der Missbrauchs-Prävention entwickelt. Sie stellen in ihrem Beitrag vor allem den Mut und das Engagement der Betroffenen selber heraus, die an die Öffentlichkeit gegangen sind und dargestellt haben, welche individuellen Folgen sexualisierte Gewalt für die Opfer hat. „Diese Menschen haben einen sehr wichtigen Beitrag für die Sensibilisierung für die Thematik sexuellen Missbrauch geleistet, denn um ein Thema erfolgreich zu vermitteln, um einen persönlichen Bezug herzustellen, ist es hilfreich, Bilder dafür zu finden bzw. auch Menschen, die für das Thema stehen.“ Der Onlinekurs, der derzeit erfolgreich abgeschlossen ist und neu aufgelegt werden soll, hat entsprechend die Folgen des Missbrauchs für die Opfer in den Mittelpunkt gestellt. Wichtigstes Element dabei waren Fallbeispiele und die Selbstreflexion der Lerner.

Opfer werden zu gefragten Akteuren

Als ein Betroffener schildert Winfried Ponsens die Geschichte der Betroffeneninitiative des Collegium Josephinum Bonn. Er beschreibt den langen Weg, in dem Collegium wie in der Öffentlichkeit als Opfer gesehen und anerkannt zu werden. Die Gründung eines Vereins und der Schritt an die Öffentlichkeit sei rückblickend ein guter und richtiger Weg gewesen. Sie sind heute nicht die Vergessenen, „Verlierer“, sondern – ganz im Sinne von Prof. Fegert, „Sprecher derer, die zu Opfern wurden, gleichzeitig aber auch gefragte Akteure im Kampf gegen sexuelle Gewalt auf der zivilgesellschaftlichen und politischen Bühne.“

Leitungskräfte bei der Prävention entscheidend

Das Heft dokumentiert wie weit und wichtig Prävention und Sensibilisierung als Handlungsfeld für die Erwachsenenbildung ist. Wesentlich sind konkrete Schulungen und Trainings im Rahmen von institutionellen Schutzkonzepten, zum Teil im Zusammenhang einer formalen, beruflichen Fortbildung, sowie als non-formale Erwachsenenbildung in vielfältigen Workshops, Seminaren und Vorträgen organisiert. Für Fachkräfte und Ehrenamtliche ist eine regelmäßige Teilnahme oft verpflichtend und Zugangsvoraussetzung für einen Einsatz. Die katholische Kirche mit ihren Bistümern hat in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Konzepte und Curricula entwickelt, meist organisiert von den Präventionsbeauftragen im (Erz-)Bistum. Manuela Röttgen, Sprecherin der Bundeskonferenz der diözesanen Präventionsbeauftragten betont in ihrem Beitrag, dass es dabei allerdings wesentlich auf die Haltung besonders der Leitungskräfte ankommt: „Der zentrale Faktor für das Gelingen guter Präventionsarbeit ist, so zeigt die fast zehnjährige Erfahrung bei der Entwicklung und Umsetzung, die Haltung der Leitungsebene!“

Empowerment von Kindern

Der konkrete Lernbedarf ist groß: Die Prämissen der UN-Kinderschutzkonvention versteht die Rolle des Kindes nicht allein in seiner passiven „Schutzbedürftigkeit“, sondern der Schutz ergibt sich aus einer Förderung von Beteiligungsmöglichkeiten, Bildung und Stärkung von Kindern. In Familien und Institutionen jeder Art bedeutet das: Partizipation, Einbeziehung bei Entscheidungsfindung, Empowerment von Kindern und letztlich auch von Mitarbeitenden.

Viele Männer trauen sich nicht mehr

Für diesen Ansatz setzen sich vor allem Fortbildungsinstitutionen wie der Verein „EigenSinn“ aus Bielefeld ein. Deren Leiterin Melanie Bergrath beklagt in einem Interview in der Ausgabe die schlechte Finanzierung der einzelnen Kurse und ihrer ganzen Arbeit. Sie verweist auch auf andere wichtige Aspekte der praktischen Bildungsarbeit: „Viele Männer trauen sich gar nicht mehr, normal mit Kindern umzugehen, weil sie denken, sofort unter Verdacht zu stehen. Sie fragen sich, ob sie überhaupt noch in diesem Feld tätig sein können. Wir versuchen, ihnen zu vermitteln, dass es kein Missbrauch aus Versehen gibt. Solche Taten sind immer geplant. Man kann mit Regeln, etwa keine Grenzen zu überschreiten, Vertrauen schaffen, um ein unverkrampftes Miteinander zu erreichen.“ Ein Spannungsfeld sei auch der Umgang mit Menschen mit Behinderung. „Wo liegen die Grenzen zwischen Selbstbestimmung und Schutz vor sexualisierter Gewalt? Gerade im intimen Bereich ist das eine große Herausforderung. Natürlich ist das Thema nicht angstfrei und oft mit Scham verbunden.“

Beeindruckende Fotos von Missbrauchs-Inszenierungen

Besonders beeindruckend in dem Heft sind die Fotos. Sie stammen von Katrin Jakobsen. In der Reihe »Alles wird gut«, die im Jahr 2008 als Ausstellung konzipiert und vielerorts gezeigt wurde, nähert sich die Künstlerin in fiktiven Szenen, die sie puppenhausartig inszeniert und anschließend fotografiert hat, dem Thema sexualisierte Gewalt. Den Anstoß, sich damit zu beschäftigen, bekam sie bei einer Reise durch Kambodscha und Thailand, wo sie immer wieder beobachten musste, wie Kinder von Sextouristen missbraucht wurden. Sie modellierte die etwa handgroßen Figuren selber und stattete die Szenerien aus.

   

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Über den Autor: Dr. Michael Sommer ist Diplom-Journalist und war fünf Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter für Journalistik und Pädagogik. Seit 1993 ist er für die Akademie Klausenhof und die Katholische Erwachsenenbildung Deutschland (KEB) als Journalist, Pressereferent, verantw. Redakteur der Zeitschrift „Erwachsenenbildung“, in der medienpädagogischen Bildungsarbeit und in europäischen Projekten tätig. Er ist des Weiteren EPALE Botschafter.


Die Zeitschrift erscheint bei Vandenhoeck & Ruprecht und kostet online pro Ausgabe als pdf 15 Euro. Bezug: https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/zeitschriften-und-kapitel/55369/erwachsenenbildung-2020-jg-66-heft-1?c=757

Herausgeber: Katholische Erwachsenenbildung Deutschland e.V. https://keb-deutschland.de/2020/02/13/betroffene-im-mittelpunkt-praevention-ist-thema-der-eb/


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